18. Sinfonie (Mozart)

Die Sinfonie F-Dur KV 130 komponierte Wolfgang Amadeus Mozart im Mai 1772. Nach der Alten Mozart-Ausgabe trägt die Sinfonie die Nummer 18.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Nach der Sinfonie KV 124 vom Februar 1772 entstanden von Mai bis August sechs weitere Sinfonien (KV 130 im Mai 1772[1]): KV 128-130 und KV 132-134. Es war das erste Mal, dass bei Mozart eine derartige Konzentration der Sinfonieproduktion auftrat. Auffällig ist, dass die sechs Werke in verschiedenen Tonarten stehen. Möglicherweise steht dies damit in Zusammenhang, dass Mozart bei seinem neuen Dienstherrn, Graf Colloredo, mit einer repräsentativen Sinfoniesammlung Eindruck machen wollte. Bei gedruckten Sinfoniesammlungen war es damals üblich, dass die meist sechs Sinfonien in verschiedenen Tonarten standen[2]. Eine mögliche Gruppierung[2] kann so aussehen:

  • KV 128, KV 129: sind als einzige dreisätzig;
  • KV 130, KV 132: Besetzung mit vier Hörnern und ungewöhnliche Trios;
  • KV 133, KV 134: Im 1. Satz beginnt die Reprise mit dem zweiten Thema.

Andererseits könnte man auch KV 130 und KV 134 zu einer Gruppe zählen, da hier Flöten statt Oboen eingesetzt werden.

Einstein (1953)[3] wertet KV 129, KV 130, KV 132 und KV 133 als „Final-Sinfonien“ in dem Sinne, dass das Finale nun nicht mehr als leichtgewichtiges Kehraus auftritt, sondern zunehmend an Gewicht gegenüber dem Kopfsatz gewinnt.

Von mehreren Autoren wird KV 130 eine besondere Bedeutung zugewiesen:

  • Einstein (1937)[4] schreibt: „Nach Besetzung, Ausdehnung und Gehalt eines der epochemachenden Werke in Mozarts Schaffen, seine erste große Sinfonie.“
  • Paumgartner (1957)[5] lobt: „Mit der F-Dur Symphonie hat Mozart binnen unglaublich kurzer Zeit einen neuen Typus in seinem symphonischen Œuvre geschaffen. Er ist damit um einen entscheidenden Schritt auf dem Wege durch die verschiedenen Einflusssphären zu sich selbst vorwärtsgekommen (…).“ Im Vergleich zu den Zeitgenossen hebe sich Mozarts Werk zunehmend ab: „(…) besser im Wurf, in der Fortspinnung der Themen, feinsinniger im Gefühl für die subtile Kunst der Innenvariation an Stelle bequemer Redikte, hinreißend im Aufleuchten einer geistvollen Rückführung, einer gemütvollen kantablen Wendung, im schlanken, untadeligen Wuchs der Ganzeit einer Symphonie, in der Vielfalt geheimer Beziehungen zwischen den Grundeinfällen, in der Präzision eines schier unfaßlichen Sinnes für den Klang (…). Unsere F-dur – Symphonie ist solch ein Beispiel früher persönlicher Bestätigung ihres jungen Meisters. Man müsste dafür hundert Stellen im Werk anführen, angefangen bei der fernwirkenden Kraft des Quartensprunges[6] im Hauptgedanken über die Coda des ersten Satzes hinweg, ins Andantio, ins Finale hinein, bis zur Vielfalt der Ideen in diesem sprühenden Satz.“
  • Abert (1955)[7] meint, „dass Mozart hier erstmals den Versuch macht, vier Sätze zu einer strafferen, ideellen Einheit zusammenzuschließen und damit dem schwierigsten Problem der Sinfonik überhaupt näher zu treten. In K.-V 130 ist es die strenge thematische und kontrapunktische Arbeit und die geistvolle solistische Behandlung[8], die die Sätze verbindet.“

Zur Musik

Besetzung: zwei Flöten, vier Hörner (zwei in C alto, zwei in F; im 2. Satz zwei in B), zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. In zeitgenössischen Orchestern war es zudem üblich, auch ohne gesonderte Notierung Fagott und Cembalo (sofern im Orchester vorhanden) zur Verstärkung der Bass-Stimme bzw. als Generalbass-Instrument einzusetzen.[9] Auffällig ist, dass keine Oboe verwendet wird.
Aufführungszeit: ca. 19-23 Minuten (je nach Einhaltung der vorgeschriebenen Wiederholungen).

Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Schema in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und von daher nur mit Einschränkungen auf die Sinfonie KV 130 übertragen werden kann. – Die hier vorgenommene Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

1. Satz: Allegro

F-Dur, 4/4-Takt, 132 Takte
Ungewöhnlicherweise beginnt der Satz mit einem eher zurückhaltenden Auftritt des ersten Themas im Piano, dass nach einer Quarte abwärts durch „rhythmisch pointierte Repetitionen“[1] der 1. Violine gekennzeichnet ist, begleitet von einer abfallenden Figur der 2. Violine und ab Takt 3 einer Viertelbewegung der Viola. Dieser fünftaktige Vordersatz wird nun einmal vom gesamten Orchester im Forte wiederholt, ehe sich der Nachsatz im Piano anschließt, der ebenfalls – verkürzt – wiederholt wird. Es folgt von Takt 18-29 eine Überleitung mit Läufen, Tremolo und Synkopen, die in Takt 29 G-Dur erreicht, welches zur Dominante C-Dur des folgenden zweiten Themas führt. Dieses (Takt 30-41) ist im Piano gehalten und besteht aus einer abgesetzten Figur der 1. Violine mit Trillern, zunächst nur dünn begleitet von 2. Violine und Horn. Mit etwas umfangreicherer Besetzung wird der Vordersatz einmal wiederholt, ehe sich ab Takt 38 der Nachsatz mit einem zweitaktigen Motiv anschließt. Den Abschnitt von Takt 42 bis zum Ende der Exposition in Takt 62 kann man als Schlussgruppe im weiteren Sinne ansehen. Wie auch die Überleitung zum zweiten Thema, enthält sie Läufe, Tremolo und erstaunlicherweise einen weiteren Auftritt des ersten Themas in leicht veränderter Form (Takt 49-54). Von Takt 59-61 tritt ein Unisono-Motiv mit Quarte abwärts auf, dies wäre ggf. als Schlussgruppe im engeren Sinne anzusprechen.

In der recht kurzen Durchführung (Takt 63-83) tauchen Elemente des ersten Themas in versetztem Einsatz und verschiedenen Harmonien auf; teilweise entsteht eine leicht polyphone Wirkung. Ab Takt 71 ff. wechselt die Klangfarbe nach Moll. Die Reprise ab Takt 84 ist ähnlich der Exposition strukturiert. Je nach Standpunkt kann man Takt 129-132 mit einer Verlängerung des Quartmotivs als Coda ansehen. Die Exposition wird einmal wiederholt, Durchführung und Reprise jedoch nicht.

2. Satz: Andantino grazioso

B-Dur, 3/8-Takt, 120 Takte, Violinen bis Takt 112 mit Dämpfern
Wie auch im Allegro, wird das erste Thema zunächst recht zurückhaltend von den Streichern im Piano vorgetragen. Es besteht aus jeweils drei Takten Vordersatz und Nachsatz, die Streicher ergänzen sich z. T. gegenstimmenartig. Ab Takt 11 wird das Thema wiederholt, nun vom ganzen Orchester und im Forte. Eine kurze Schlussformel des ersten Themas (Takt 17-20) leitet unmittelbar zum zweiten Thema in der Dominante F-Dur über, wobei es sich hier eher um ein zweitaktiges Motiv aus einem gebrochenen Akkord handelt (Takt 20-24). Bis zum Ende der Exposition in Takt 39 werden in einem Schlussabschnitt noch zwei weitere Motive vorgestellt: eines mit einem Triller (Takt 25 ff.), das andere aus einer abgesetzten Bewegung, die zwischen den Flöten / der Viola sowie den Violinen aufgeteilt ist.

Die Durchführung (Takt 40-55) greift eine Variante vom ersten Thema auf, schwenkt ab Takt 44 kurz nach Moll und ist mit insgesamt 15 Takten relativ kurz gehalten.

Die in Takt 56 beginnende Reprise ist ähnlich der Exposition aufgebaut. Ab Takt 88 kommt jedoch eine Erweiterung, die sich folgendermaßen gliedern lässt:

  • neues Motiv 1 mit den Hörner in B, Takt 88-92;
  • neues Motiv 2: Flöten mit abwärtsgehender Sechzehntel-Pendelfigur, Takt 93-96;
  • neues Motiv 3: Hörner mit vorhaltartiger Figur, wird einmal verkürzt wiederholt, Takt 97-100;
  • dritter Auftritt des ersten Themas in der Tonika, Takt 104-109;
  • drei Takte Schlussformel; Durchführung und Reprise werden einmal wiederholt (wird aber in Einspielungen oft nicht eingehalten);
  • nach der Wiederholung: ein mit „Coda“ überschriebener Abschnitt Takt 113-120 mit dem Vordersatz vom ersten Thema im unisono und forte; dann Schlussakkorde.

Die Hörner bieten exotische Farbtupfer bzw. Melodieabschnitte. Landon (1991)[10] meint, dass der Klang „aus dem Nebel ist helle Sonnenlicht“ hervorbricht, wenn die Dämpfer für die Coda entfernt werden. Zudem verweist Landon darauf, dass Mozart als 2. Satz zunächst „ein etwas komplizierteres Andante“ begonnen, dann jedoch zugunsten des Andantinos verworfen habe.

3. Satz: Minuetto

F-Dur, 3/4-Takt, mit Trio 38 Takte
Im kurzen, frischen Menuett tragen die Violinen eine tänzerische Melodie über einer „eilig-nuschelnden“ Achtelbewegung (ständige Wiederholung von Sekunden) der Viola vor. Nach vier Takten setzt das gesamte Orchester im Forte mit einem Nachsatz ein. Auch der zweite Teil des Menuetts ist durch eine Achtelbewegung mit Sekunden charakterisiert.

Eine Besonderheit stellt das Trio in C-Dur dar: es weist keine klare Melodie auf, sondern besteht eher aus einer kadenzartigen Abfolge von Harmonien. Der zweite Teil bringt zunächst eine Fanfare in G-Dur, ehe sich die Kadenzen fortsetzen. Insgesamt hat das Trio eine leicht „mittelalterliche“ Klangfarbe. Diese „Neigung zum Exzentrischen“[7] findet sich auch im Trio von der Sinfonie KV 132.

4. Satz: Allegro molto

F-Dur, 4/4-Takt, 196 Takte
Der Satz beginnt signalartig mit einer Quarte abwärts (weitgehend im Unisono), gefolgt von drei Takten „Nachspiel“. Nach einer Wiederholung des thematischen Gedankens (erstes Thema) folgt bis Takt 21 ein Überleitungsabschnitt, in dem Tremolo dominiert. Das zweite Thema in C-Dur (Takt 22-30) ist mehr motivartig strukturiert: Es besteht aus einer durch Pausen getrennten Aufwärtsbewegung der Violinen im Piano, „beantwortet“ von je einem Takt Tremolo im Forte. Wie auch im 1. und 2. Satz, ist der Abschnitt vom zweiten Thema bis zum Ende der Exposition erweitert, hier in besonderem Maße.[11] Es treten mehrere neue Motive auf, die aus Läufen, Tremolo, Synkopen und Wiederholungen (z. B. echohafte Wiederholung von Forte und Pianissimo: Takt 59/60) bestehen. Hervorzuheben ist ein chromatisch gehaltener Abschnitt (Takt 42-50) für Streicher, der ggf. als drittes Thema interpretiert werden kann. Nachdem das musikalische Geschehen ab Takt 66 an Tempo zulegt, wird die Bewegung in Takt 72 abrupt unterbrochen. Es setzt ein kontrastierendes, langsames Motiv mit Viertelbewegung ein. Mit Akkordmelodik im Forte endet die Exposition.

Die Durchführung greift Motive von Takt 51 sowie des zweiten Themas auf, ab Takt 99 tritt das Motiv von Takt 51 im Bass (Cello und Kontrabass) sowie der Viola versetzt auf, begleitet von einem abwärts geführten Tremoloteppich der Violinen. Gemessen an der Exposition wirkt die Durchführung mit 23 Takten recht kurz. Die Reprise ist ähnlich der Exposition strukturiert, in ihren Harmonien aber leicht verändert. Die Exposition wird einmal wiederholt, Durchführung und Reprise jedoch nicht.

Einzelnachweise

  1. a b Volker Scherliess: Die Sinfonien. In: Silke Leopold (Hrsg.): Mozart-Handbuch. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2005, ISBN 3-7618-2021-6, S. 282-283
  2. a b Wolfgang Gersthofer: Sinfonien KV 16-134. In: Joachim Brügge, Claudia Maria Knispel (Hrsg.): Das Mozart-Handbuch, Band 1: Mozarts Orchesterwerke und Konzerte. Laaber-Verlag, Laaber 2007, ISBN 3-8900-7461-8, S. 15-27.
  3. Alfred Einstein: Mozart – Sein Charakter, sein Werk. Pan-Verlag, Zürich / Stuttgart 1953.
  4. Alfred Einstein: Chronologisch-thematisches Verzeichnis sämtlicher Tonwerke Wolfgang Amade Mozarts. Nebst Angabe der verlorengegangenen, angefangenen, übertragenen zweifelhaften und unterschobenen Kompositionen von Dr. Ludwig Ritter von Köchel. Dritte Auflage, bearbeitet von Alfred Einstein. Breitkopf & Härtel-Verlag, Leipzig 1937, 984 S.
  5. Bernhard Paumgartner: Mozart. Atlantis-Verlag, Zürich und Freiburg i. Br. 1957, S. 161-162
  6. mit einer Quarte beginnen der 1. und 4. Satz; ein Quartmotiv ist zudem prägend für den Beginn der 1. Sätze der Sinfonien KV 128 und KV 200
  7. a b Hermann Abert: W. A. Mozart. Neubearbeitete und erweiterte Ausgabe von Otto Jahns Mozart. Erster Teil 1756-1782. 7. erweiterte Auflage, VEB Breitkopf & Härtel, Leipzig 1955, S. 287
  8. Abert bezieht sich hier auf die ungewöhnliche Besetzung mit vier Hörnern und zwei Flöten
  9. Neal Zaslaw: Mozart’s Symphonies. Context, Performance Practice, Reception. Claredon Press, Oxford 1989, 617 S.
  10. Howard Chandler Robbins Landon: KV 130 in F-dur. Textbeitrag zu: Mozart Symphonies Nos 17, 18, 19, 22, 32. Übersetzung: Byword. The Amsterdam Baroque Orchestra, Ton Koopman; Erato Disques S. A. 1991.
  11. Scherliess (2005) meint, dass dieser „groß angelegte Sonatensatz“ von seinem Umfang, dem inneren Gewicht und dem kompositionstechnischen Anspruch den Begriff der „Finalsinfonie“ rechtfertigt, d. h. der Schwerpunkt liegt nicht mehr auf dem 1. Satz, sondern auf dem Finale.

Weblinks, Noten

18. Sinfonie (Mozart): Partitur und kritischer Bericht in der Neuen Mozart-Ausgabe

  • Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonia in Fa, K. 130 P. R. 788, Ricordi-Verlag, Mailand 1955 (Taschenpartitur).

Siehe auch


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