Albertschlösschen
Albertschlösschen

Das Albertschlösschen liegt im Stadtteil Serkowitz des sächsischen Radebeul, in der Gohliser Straße 1. Der 1875 von den Gebrüdern Ziller entworfene „Neubau eines feinen Restaurants verbunden mit Conditorei“ wurde 1876/1877 durch die Baufirma F. W. Eisold errichtet, benannt ist es wohl nach dem seinerzeitigen sächsischen König Albert.[1]

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Das landhausartige, heute denkmalgeschützte[2] Albertschlösschen ist ein stattliches, zweigeschossiges Gebäude, bestehend aus Hauptbau und Seitenflügel, beide mit flachen Satteldächern mit Sparrenwerk. Der Putzbau trägt Sandsteingliederungen und hat verbretterte Giebel. Daran ist ein zweigeschossiges Nebengebäude mit einem Walmdach angebaut.

In der Ecke zwischen Hauptgebäude und Flügel steht zur Straße hin ein hoher Turm, dessen oberstes Geschoss durch Gesimse und Pilaster sowie gekuppelte Rundbogenfenster „belvedereartig“ hervorgehoben wird. Die Wetterfahne auf dem Dach gibt das Jahr 1876 an.

Geschichte

1875 beantragte die Serkowitzer Baufirma F. W. Eisold den Bau eines neuen Restaurants für den Gastwirt Friedrich Meisel, das sie sich durch die Gebrüder Ziller entwerfen ließen. Die Genehmigung zur Ingebrauchnahme erfolgte im November 1877. Der Tanzsaal im Norden wurde 1888 durch die Gebrüder Ziller[3] erweitert, ein Konzertgarten gehörte auch dazu. Später folgten der Bau einer heizbaren Asphalt-Kegelbahn sowie der Anbau eines Nebensaals sowie von gedeckten Wandelgängen, die alle nicht erhalten sind. Über lange Jahre galt das Albertschlösschen als „größtes und schönstes Etablissement der Lößnitz“.[1]

Von 1885 bis 1900 tagte dort der Serkowitzer Gemeinderat. Von 1891 bis 1902 befand sich im Obergeschoss das Serkowitzer Gemeindeamt. Im Jahr 1897 wurde die anliegende Straße zur Ehren des 1886 gestorbenen Serkowitzer Baumeisters Friedrich Wilhelm Eisold, Erbauer auch des Albertschlösschens, Eisoldstraße benannt.

Ende 1918 wurden die Stallungen sowie der Nebensaal zu Notwohnungen ausgebaut. Auch die Fremdenzimmer wurden zu Wohnungen umgenutzt, die Gaststätte wurde jedoch weiter betrieben.

1922 wurde der Restaurantbetrieb eingestellt, das Haus geschlossen und versteigert. Der Erwerber, die Chemische Fabrik v. Heyden, beantragte im Oktober 1922 die Aufstellung von Packereimaschinen im Erdgeschoss und damit die Umwidmung des Gebäudes. Diese Form der gewerblichen Nutzung wurde unter der Auflage genehmigt, dass keine äußerliche Umgestaltung stattfände, die diese Nutzung erkennen ließe, und dass keine Neubauten errichtet würden oder der Garten zu Lagerzwecken verwendet. Die Chemische Fabrik v. Heyden nutzte das Anwesen bis April 1943 als Geschäftssitz ihrer Tochtergesellschaft Chemische Fabrik „Pyrgos“ GmbH.

Geschäftsführer der „Pyrgos“ GmbH war ab 1922 der kaufmännische Prokurist der Chemischen Fabrik v. Heyden, Dr. phil. Richard Feibelmann (1883–1948). Der erfolgreiche Wissenschaftler arbeitete seit 1911 für v. Heyden und hielt etliche für die Firma wichtige internationale Patente.

1932 versuchte die Dresdner Brauerei Felsenkeller vergeblich, den Restaurantbetrieb im Albertschlösschen wiederaufzunehmen, da es trotz städtischer Unterstützung zu einer Konzessionssperre kam. 1934 wurden weitere Wohnungen im Hauptgebäude ausgebaut.

Im August 1934 zog der Geschäftsführer Feibelmann mit seiner Frau Clara geb. Haas von der Wasastraße 49 in die Criegernstraße 59. Am Abend des 19. Juli 1935 fand eine „offensichtlich inszenierte Protestkundgebung“[4] vor dem Wohnhaus des jüdischstämmigen Feibelmann statt, die sich erst nach Aufstellung eines Schildes mit der Aufschrift „Dieser Jude hat das Gastrecht verletzt, er ist daher in Radebeul unerwünscht.“ auflöste. Die in Dresden erscheinende amtliche Gauzeitung der NSDAP schrieb darüber am nächsten Tag unter der Überschrift „Feibelmann bekommt eine Lektion“, dass er im Werk gegen die „Grundgedanken der Bewegung … sein Gift“ verspritzt hätte.[4] Im Herbst 1935 emigrierte Feibelmann in die USA, Anfang 1936 folgte seine Frau. Auch seine Tochter emigrierte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Albertschlösschen, wie die Muttergesellschaft v. Heyden auch, enteignet. Von 1950 bis 1985 wurde das Erdgeschoss als Arztpraxis genutzt.

Von 1994 bis 1996 fand eine umfassende Sanierung des Gebäudes statt.

Radebeuler Stadtarchiv

Seit 1991 befindet sich das Radebeuler Stadtarchiv im Albertschlösschen.

Im Jahr 1958 wurde in Radebeul der erste hauptamtliche Archivar, der in den Ruhestand getretene Stadtverordnete der SPD, Berufsschulleiter und Kulturdezernent Paul Brüll (1892–1983), eingestellt, um die bis in das 17. Jahrhundert zurückreichenden Aktenbestände zu sichten und erstmals durch ein Findbuch systematisch zu erschließen. Ab September 1960 waren diese Bestände im Keller des Hauses Heimattreue in der Lößnitzgrundstraße 16 untergebracht.

Nach Brülls Ausscheiden 1975 dauerte es bis 1981, bis sich Liselotte Schließer (1918–2004) hauptamtlich um die Bestände kümmerte. Ihre Aufgabe bestand zunächst in der Rettung vor weiterem Verfall. Auf Grund der schlechten Bedingungen am Aufbewahrungsort war ein Umzug überfällig. Dieser geschah 1990/1991, als das Archiv in das Albertschlösschen umgelagert werden konnte. Dort ist es seit Schließers Ausscheiden unter der Obhut der studierten Archivarin Annette Karnatz. Nach der Sanierung des Albertschlösschens in den Jahren 1994 bis 1996 und der Verbesserung der technischen Ausstattung konnte das Stadtarchiv im März 1996 seine Pforten für die Öffentlichkeit wieder öffnen.

Die weitere Erschließung erfolgt seitdem mit der Archivsoftware AUGIAS-Archiv.

Waren zu Anfang hauptsächlich Anfragen zur Klärung offener Vermögensfragen zu beantworten, so sind heute viele regional- und familiengeschichtliche Zusammenhänge zu eruieren.

Der Sammlungsumfang geht vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das älteste Dokument ist jedoch eine Urkunde aus dem Jahre 1470. Neben einer Präsensbibliothek und einer regionalgeschichtlichen Sammlung zu den Lößnitzortschaften findet sich auch eine fast lückenlose Sammlung der lokalen Tagespresse. Es handelt sich dabei um die Kötzschenbrodaer Zeitung von 1865 bis 1941, das Radebeuler Tageblatt von 1896 bis 1943 sowie die Regionalausgabe der Sächsischen Zeitung von 1945 bis heute.

Literatur

  • Frank Andert (Redaktion); Große Kreisstadt Radebeul. Stadtarchiv Radebeul (Hrsg.): Stadtlexikon Radebeul. Historisches Handbuch für die Lößnitz. 2. Auflage. Stadtarchiv, Radebeul 2006, ISBN 3-938460-05-9. 
  • Thilo Hänsel; Markus Hänsel: Auf den Spuren der Gebrüder Ziller in Radebeul. Architekturbetrachtungen. Notschriften Verlag, Radebeul 2008. ISBN 978-3-940200-22-8
  • Volker Helas (Bearb.); Landesamt für Denkmalpflege Sachsen und Stadt Radebeul (Hrsg.): Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Sachsen: Stadt Radebeul. SAX-Verlag, Beucha 2007, ISBN 978-3-86729-004-3. 
  • Ingrid Lewek; Wolfgang Tarnowski: Juden in Radebeul 1933–1945. Erweiterte und überarbeitete Ausgabe. Große Kreisstadt Radebeul/ Stadtarchiv, Radebeul 2008. ISBN 978-3-938460-09-2

Einzelnachweise

  1. a b Frank Andert (Redaktion): Stadtlexikon Radebeul. Historisches Handbuch für die Lößnitz. 2., leicht geänderte Auflage. Stadtverwaltung, Radebeul 2006, S. 2
  2. Verzeichnis der Kulturdenkmale der Stadt Radebeul. Große Kreisstadt Radebeul, 17. April 2008, S. 10, abgerufen am 4. Februar 2009 (PDF).
  3. Schriftliche Information des Stadtarchivs Radebeul zu den Bauten der Gebrüder Ziller an Benutzer:Jbergner vom 15. Juli 2011.
  4. a b Ingrid Lewek; Wolfgang Tarnowski: Juden in Radebeul 1933–1945. Erweiterte und überarbeitete Ausgabe. Große Kreisstadt Radebeul/ Stadtarchiv, Radebeul 2008. S. 24 ff.
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