Albrecht Gerstle

Albrecht Gerstle (* 30. Januar 1842 Steppach; † 13. Februar 1921 in Memmingen) war ein jüdischer Bankier und Vorstand der Jüdischen Gemeinde im oberschwäbischen Memmingen, in Bayern.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Albrecht Gerstle war der Sohn der Eheleute Samuel und Therese geb. Ullmann aus Steppach im schwäbischen Landkreis Augsburg. 1871 errichteten Heinrich Mayer und Albrecht Gerstle im ehemaligen Furtbach’schen Haus am Rossmarkt 1 ein Bank- und Wechselgeschäft. 1880 wurde Heinrich Gerstle, der ältere Bruder von Albrecht Gerstle Prokurist der Firma. 1888 starb Heinrich Mayer. Das Brüderpaar Heinrich und Albrecht führten das Geschäft unter dem Namen Bankhaus Mayer & Gerstle weiter. 1905 wurden das Bankhaus Mayer & Gerstle und die Memminger Gewerbebank zu einer Filiale der Bayerischen Handelsbank verschmolzen. Albrecht Gerstles Sohn Karl und Josef Kniele, der bisherige Vorstand der Gewerbebank, bildeten das Direktorium der Filiale in Memmingen. 1907 zog die Bank in die Maximilianstraße Nr. 4 um. Im Geschoss oberhalb der Bank bezogen Albrecht und Karl Gerstle großzügige Wohnräume.

Bankier und Vorstand

Nach dem Tod von Jakob Guggenheimer wurde Albrecht Gerstle am 22. Dezember 1877 zum Ersten Vorstand der Jüdischen Gemeinde Memmingen gewählt. Dieses Amt behielt er mit einer Unterbrechung (1884–1889) bis zum Ersten Weltkrieg. Hauptschwerpunkt der Arbeit der Vorstandschaft war die Synagogenfrage. 1879 mietete die Gemeinde Erdgeschossräume im Nordflügel des Fuggerbaus. Da diese bald zu klein geworden waren, wurde 1908 die Synagoge am Schweizer Berg errichtet. Das Gebäude setzte bis zu seiner Sprengung durch die Memminger Kreisleitung der NSDAP, zusammen mit Bismarckschule, Finanzamt und den immer zahlreicher werdenden Villen der Altstadt einen markanten städtebaulichen Akzent.

Am 2. April 1891 zog Albrecht Gerstle als erster Jude in der Memminger Geschichte in das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten ein. Zweimal 1896 und 1905 wurde er in die damals dreißigköpfige kommunale Volksvertretung gewählt. 1901 war er Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses und Mitglied der Gaswerkcommission. 1899 und 1905 kandidierte er für den Magistrat der Stadtverwaltung konnte jedoch nur wenige Stimmen auf sich vereinigen. Diese Niederlage konnte er schwer verkraften und zog sich nach und nach aus allen Ämtern zurück.

Er starb am 13. Februar 1921 im Alter von 79 Jahren. In seinem Testament vermachte er der von Heinrich Mayer errichteten und nach ihm benannten Wohltätigkeitsstiftung 1300 Mark in Deutschen Reichsanleihen. 5 Prozent des jährlichen Kapitalertrages kamen der Jüdischen Gemeinde, der Memminger Diakonissen-Anstalt zur Pflege von Kranken und den Armen der Stadt zugute. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine Straße in Memmingen nach Albrecht Gerstle benannt.

Schicksal der Kinder

Die Eheleute Gerstle hatten sechs Kinder. Ein Sohn starb im Alter von sieben Jahren und zwei Kinder überlebten das erste Lebensjahr nicht. Sohn Karl (geboren 1871) trat in die Fußstapfen seines Vaters und war Vorstand der Gemeinde und Prokurist der Handelsbank ab 1920 Bayerische Vereinsbank. 1933 mit der Machtergreifung der Nazis endete seine Karriere abrupt. 1938 verstarb er im jüdischen Krankenhaus in Leipzig. Tochter Josefine (geboren 1872) heiratete den Ichenhausener Arzt Mendel. Sie hatten zwei Kinder Else und Willy. Sie starb 1937 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Eugen (geboren 1875) ging als Arzt nach Ludwigshafen. Er und seine aus Kaiserslautern stammende Frau wurden 1940 in das Konzentrationslager Gurs (Frankreich) verschleppt. Sie entkamen der Ermordung.

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