Aleatorik

Die Aleatorik (von lat. Alea, der Würfel) bezeichnet in Musik, Kunst und Literatur das Hervorbringen künstlerischer Strukturen mittels improvisatorischer oder kombinatorischer Zufallsoperationen.

Beschreibung

Der Begriff aleatorisch ist nicht gleichzusetzen mit beliebig oder willkürlich. Aleatorik beschreibt vielmehr eine bestimmte, nicht absichtsvoll gestaltete Erscheinungsform eines künstlerischen Werkes.

Der Begriff Aleatorik wird zum ersten Mal 1954 von Werner Meyer-Eppler verwendet. Er entlehnt diesen Begriff der Théorie des fonctions aléatoires von André Blanc-Lapierre und Robert Fortet. Meyer-Eppler definiert im Rahmen der Akustik dabei solche Vorgänge als aleatorisch, deren Verlauf im groben festliegt, im einzelnen aber vom Zufall abhängt (Werner Meyer-Eppler, Statistische und psychologische Klangprobleme, in: die reihe 1: elektronische Musik. Informationen über serielle Musik. Wien 1955, S. 22.)

Aleatorisch sind so etwa Modulationen in traditionellen Musikinstrumenten, die – konstruktionsbedingt und verstärkt durch die verwendeten Materialien – leichte, unreine Schwankungen im Klangbild aufweisen, die der Hörer als warm empfindet.

Meyer-Eppler bezeichnet somit nicht den unkontrollierten Zufall als aleatorisch. Aleatorisch sind lediglich kleine, merkliche Schwankungen innerhalb eines festgelegten Rahmens.

Aleatorische Musik bekommt in der Musik des 20. Jahrhunderts gegen Ende der 50er Jahre eine große Bedeutung und steht im Zusammenhang mit der Fluxus-Bewegung. Ein hervorragender Exponent aleatorischer Werke ist John Cage. Musikgeschichtlich ist der Einsatz von Zufallsoperationen in der Komposition jedoch kein Verdienst der Neuen Musik; bereits im Mittelalter warfen christliche Mönche vier unterschiedlich gebogene Eisenstäbe nach dem Zufallsprinzip, um eine “schöne Melodie“ zu erhalten. Auch ein Mozart zugeschriebenes Musikalischen Würfelspiel bediente sich des Zufalls und ließ den Zuhörer Walzertakte mit zwei Würfeln beliebig zusammenwürfeln.

Literatur

  • Arnold Schering: Das Symbol in der Musik. Köhler & Amelang, Leipzig 1941.
  • Holger Schulze: Das aleatorische Spiel. Erkundung und Anwendung der nichtintentionalen Werkgenese im 20. Jahrhundert. Fink, München 2000, ISBN 3-7705-3472-7 (Zugleich: Erlangen, Nürnberg, Univ., Diss., 1998).
  • Hanno Fierdag: Die Aleatorik in der Kunst und das Urheberrecht. Unter besonderer Berücksichtigung der Computer generated works. BWV – Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-8305-0890-5 (Schriftenreihe zum Recht des geistigen Eigentums 20), (Zugleich: Dresden, Techn. Univ., Diss., 2004).

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