Gender Mainstreaming

Der Begriff Gender Mainstreaming („Etablieren der Perspektiven sozialer Geschlechter“, „geschlechtersensible Folgenabschätzung“, „Integration der Gleichstellungsperspektive“, „durchgängige Gleichstellungsorientierung“) bzw. Gleichstellungspolitik bezeichnet den Versuch, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. Der Begriff wurde erstmals 1985 auf der 3. UN-Weltfrauenkonferenz in Nairobi diskutiert und 10 Jahre später auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking propagiert.[1] Bekannt wurde Gender Mainstreaming insbesondere dadurch, dass der Amsterdamer Vertrag 1997/1999 das Konzept zum offiziellen Ziel der Gleichstellungspolitik der Europäischen Union machte.

Gender Mainstreaming unterscheidet sich von expliziter Frauenpolitik dadurch, dass „beide“[2] Geschlechter gleichermaßen in die Konzeptgestaltung einbezogen werden sollen. Das Ziel wird in Deutschland von weiten Teilen des politischen Spektrums anerkannt und von der Bundesregierung unterstützt.

Inhaltsverzeichnis

Worterklärung und Übersetzung

Gender (engl. „soziales Geschlecht“): Der englische Ausdruck besitzt im Deutschen kein direktes Äquivalent. Nach einer Definition des deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden damit die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechterrollen von Frauen und Männern bezeichnet: „Diese sind – anders als das biologische Geschlecht – erlernt und damit auch veränderbar.“[3] Das Wort ist für das grammatische Geschlecht im Englischen seit langem gebräuchlich; in der Bedeutung der sozialen Geschlechtsrolle hat es zuerst der amerikanische Psychiater John Money 1955 benutzt.

Mainstreaming (engl. mainstream „Hauptströmung“: „zum Hauptstrom machen“, „in den Hauptstrom bringen“) bedeutet, dass eine bestimmte inhaltliche Vorgabe, die bisher nicht das Handeln bestimmt hat, nun zum zentralen Bestandteil bei allen Entscheidungen und Prozessen gemacht wird. [3]

So lässt sich aus gender mainstreaming die deutsche Übersetzung „Integration der Gleichstellungsperspektive“ oder „durchgängige Gleichstellungsorientierung“ herleiten. Bei den Behörden der Europäischen Union werden für die Übersetzungen folgende Formulierungen verwendet: „geschlechtersensible Folgenabschätzung“, „gleichstellungsorientierte Politik“ oder „Gleichstellungspolitik“.

Aufgaben

Davon ausgehend, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt, ist Gender Mainstreaming laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der Bundesrepublik Deutschland (2004) ein Auftrag an die Spitze einer Verwaltung, einer Organisation, eines Unternehmens und an alle Beschäftigten, die unterschiedlichen Interessen und Lebenssituationen von Frauen und Männern in der Struktur, in der Gestaltung von Prozessen und Arbeitsabläufen, in den Ergebnissen und Produkten, in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit und in der Steuerung (Controlling) von vornherein zu berücksichtigen, um das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern effektiv verwirklichen zu können. [3]

So besteht die Aufgabe des Gender Mainstreaming darin, den Blick weg von „den Frauen“ – also sogenannten „frauenspezifischen“ Problemen oder Politikfeldern – auf „die Geschlechter“ allgemein zu richten, damit eine geschlechtersensible Perspektive in alle sozio-politischen und wirtschaftlichen Bereiche integriert werden und somit eine Gleichstellung der Geschlechter von allen in allen Bereichen gefordert werden kann. (Holz/Neusüß 2006)

Rechtliche Grundlagen

Sowohl im internationalen Recht als auch im nationalen Verfassungsrecht und in Bundesgesetzen in Deutschland ist aktive Gleichstellungspolitik verankert, die im Sinne des Gender Mainstreaming interpretiert wird.

Verpflichtungen zur Umsetzung einer aktiven, effektiven Gleichstellungspolitik im Sinne des Gender Mainstreaming ergeben sich zum Teil sowohl aus internationalem Recht als auch aus Deutschlands nationalem Verfassungsrecht.

Die Umsetzung des konzeptionell eher schwachen Instruments des Gender Mainstreaming bleibt aber trotz seiner Festschreibung in der EU-Politik weiterhin nationale Aufgabe, so dass die Implementierung von Gender Mainstreaming international erhebliche Unterschiede aufzeigt. Die normativen gleichstellungspolitischen Standards und juristischen Regelungen gegen die Geschlechterdiskriminierung und für die Gleichstellung der Geschlechter ist in der gesamten EU in vielen Bereichen zwar weitreichend und verbindlich, aber die Umsetzung liegt oftmals weit hinter den rechtlichen Standards und ist stark vom politischen Willen der Regierungen sowie der politischen Kultur der einzelnen Länder abhängig. (Holz/Neusüß 2006).

„Aufgabe der Gemeinschaft ist es, durch die Errichtung eines Gemeinsamen Marktes und einer Wirtschafts- und Währungsunion sowie durch die Durchführung der in den Artikeln 3 und 4 genannten gemeinsamen Politiken und Maßnahmen in der ganzen Gemeinschaft […] die Gleichstellung von Männern und Frauen […] zu fördern.“ (Artikel 2 des Amsterdamer Vertrags, in Kraft getreten am 1. Mai 1999) Dies bedeutet in der Praxis eine erhöhte Integration von Frauen in den europäischen Arbeitsmarkt.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ (Art. 3 Absatz 2 Satz 1, Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland), der Staat wird nun ausdrücklich in die Pflicht genommen, „die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern“ zu fördern und „auf die Beseitigung bestehender Nachteile“ hinzuwirken (Art. 3 Abs. 2 S. 2 GG, Änderung von 1994).

„Hierbei geht es darum, die Bemühungen um das Vorantreiben der Chancengleichheit nicht auf die Durchführung von Sondermaßnahmen für Frauen zu beschränken, sondern zur Verwirklichung der Gleichberechtigung ausdrücklich sämtliche allgemeinen politischen Konzepte und Maßnahmen einzuspannen, indem nämlich die etwaigen Auswirkungen auf die Situation der Frauen bzw. der Männer bereits in der Konzeptionsphase aktiv und erkennbar integriert werden („gender perspective“). Dies setzt voraus, dass diese politischen Konzepte und Maßnahmen systematisch hinterfragt und die etwaigen Auswirkungen bei der Festlegung und Umsetzung berücksichtigt werden.“ (Auszug aus der Kommissionsmitteilung zur „Einbindung der Chancengleichheit in sämtliche politische Konzepte und Maßnahmen der Gemeinschaft“ (KOM(96)67 endg.))

Methoden

In Stiegler (2000) werden einige Verfahren vorgestellt, wie Gender Mainstreaming realisiert werden kann.

  • Aufstellung geschlechtsspezifischer Statistiken
  • Kosten-Nutzen-Analysen nach Geschlecht und Geschlechterrollen
  • Erarbeitung von Gender-Analysen
  • Checklisten
  • Die 3-R-Methode. Unter den drei Kategorien Repräsentation, Ressourcen und Realität wird jede politische Maßnahme geprüft.
  • Das Gleichstellungs-Controlling als betriebswirtschaftliches Instrument des Gender Mainstreaming

Beispiele des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Die folgenden Beispiele sind von der Website des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der Bundesrepublik Deutschland (2004).

Gesundheit

Typische „Männerprobleme“ wie Trunk- und Nikotinsucht sowie Herzinfarkt seien auch „männerspezifisch“ erforscht, so dass Frauen mit gleicher Problematik weniger Hilfsmöglichkeiten hätten. Das Gleiche gelte für „Frauenprobleme“ wie Mager- oder Tablettensucht und deren Forschungslage bezüglich Männern.

Mobilität

Zitat von der Website: Frauen verfügen für den alltäglichen Gebrauch wesentlich seltener über ein Auto als Männer. Gleichzeitig haben sie aufgrund der immer noch vorherrschenden geschlechtsspezifischen Rollenverteilung die Hauptverantwortung für die Koordinierung aller familiären Aktivitäten. Daraus ergeben sich geschlechtsspezifisch unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen z. B. an das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs.

Siehe auch: Verkehrsbedürfnis, Räumliche Mobilität, Familien- und berufsbedingte Mobilität

Berufswahl und Folgen

Zitat von der Website: Mädchen und Frauen begreifen ihre Berufstätigkeit oft als „Zuverdienst“ und sind eher bereit, ihren Beruf zugunsten der Familienarbeit einzuschränken, zu unterbrechen oder sogar ganz aufzugeben – mit entsprechenden Folgen für ihre Altersversorgung bzw. ihre Einkommensmöglichkeiten, wenn die Partnerschaft scheitern sollte. Gleichzeitig erhalten sie hierdurch die „Alleinkompetenz“ für Haushalt, Beziehungspflege und Kindererziehung, ohne dass dies aber ihr gesellschaftliches Ansehen steigern würde.

Für junge Männer stellt sich dagegen oft erst gar nicht die Frage, ob sie ihre Berufstätigkeit zugunsten der Familie einschränken, sie fühlen sich wie selbstverständlich für das Familieneinkommen zuständig. Ihr Bedürfnis nach gemeinsamer Zeit mit der Familie kommt fast zwangsläufig zu kurz, wenn sie ihr Leben überwiegend nach den beruflichen Anforderungen ausrichten. Teilzeitarbeit wird von der Gesellschaft eher Frauen zugeschrieben, für Männer wird sie weniger akzeptiert. All dies führt zu unterschiedlichen Lebens- und Erfahrungswelten bei Männern und Frauen, die Auswirkungen auf fast alle gesellschaftlichen Bereiche haben.

Siehe auch: Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Weitere Beispiele

Stadtplanung

In Wien wird Gender Mainstreaming in der Stadt- und Wohnraumplanung umgesetzt. Insbesondere wird dabei auch „frauengerechtes Wohnen“ nach Kriterien der Sicherheit (etwa Sicht- und Rufkontakt zu Kinderspielzonen und in den Hauseingangsbereichen) und der Alltagstauglichkeit (etwa Vorhandensein kombinierter Kinderwagen- und Fahrradabstellräume) bemessen.[4]

Abgrenzung zur Frauenpolitik/Frauenförderung

Mit Gender Mainstreaming wird eine Strategie bezeichnet, um unterschiedliche Ausgangslagen und möglicherweise unterschiedliche Wirkungen von Maßnahmen auf Männer und Frauen systematisch zu berücksichtigen. Werden bei diesem Vorgehen Benachteiligungen festgestellt, sind „Frauenpolitik“ bzw. „Männerpolitik“ die einzusetzenden Instrumente, um der jeweiligen Benachteiligung entgegenzuwirken (siehe Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen & Jugend, 2004).

Gender Mainstreaming soll daher Frauenpolitik und Männerpolitik keinesfalls ersetzen. Vielmehr können geschlechtsspezifische Angebote aufgrund von Analysen im Rahmen von Gender Mainstreaming als notwendig erachtet werden. Trotzdem wurden unter Verweis auf Gender Mainstreaming frauenspezifische Angebote (z. B. in der Jugendarbeit) oder Frauenförderstellen eingespart. Da dies dem Ziel von Gender Mainstreaming, der Gleichstellung der Geschlechter, zuwiderlaufe, sprechen Kritiker von einem Missbrauch der Strategie. Dieser Missbrauch diskreditiere Gender Mainstreaming insbesondere in den Kreisen, die ebenfalls gleichstellungspolitische Interessen verfolgen.

Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Die konsequente Umsetzung des Gender Mainstreaming-Gedankens wird in Europa noch einige Jahrzehnte in Anspruch nehmen, da die Integration des Gleichstellungsziels in ganz normale Arbeitsroutinen anspruchsvoll ist: Es bedarf der institutionellen Verankerung von Gender Mainstreaming, um die Umsetzung zu organisieren, es bedarf der Genderkompetenz sowohl der Leitung als auch der Mitarbeitenden in einer Organisation, und es bedarf geschlechtsdifferenzierter Daten. Der Blick auf die Berücksichtigung beider Geschlechter bei allen Maßnahmen und Programmen muss zunächst geübt werden und auch bei den Fällen, bei denen unter Umständen gender-spezifische Ausgangsbedingungen nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind, zum Ausgangspunkt der Entscheidungen gemacht werden.

Ohne einführende Schulung und ohne geschlechtsdifferenzierte Daten bergen Gender Mainstreaming Instrumente die Gefahr, dass die Anwender Geschlechterverhältnisse nicht gründlich hinterfragen und analysieren sondern stattdessen Stereotype und traditionelle Rollenerwartungen festgeschrieben werden. Statt der Gleichstellungsziele „Freiheit von Diskriminierung“, „gleiche Teilhabe“ und „echte Wahlfreiheit“[5] werden dann geschlechtliche Zuschreibungen festgeschrieben.

Mit Blick auf die realpolitische Ebene wird des weiteren bemängelt, dass es sich bei der Verankerung von Gender Mainstreaming in Gesetzes- oder Verfassungstexten meist lediglich um „soft laws“ handelt, die im Gegensatz zu zielgerichteten Frauen- / Gleichstellungspolitiken konzeptionell unklar bleiben und meist keine einklagbaren Leitlinien sind. So lassen sich trotz der Festschreibung von Gender Mainstreaming als Leitlinie der EU-Politik in allen Ländern Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis, zwischen den Rechtsnormen und der Realität erkennen. So stellt die Frage der Umsetzung der europäischen Gleichstellungsstandards für die wenig vernetzten europäischen Frauenorganisationen und frauen- und geschlechterpolitischen Akteuren in Wissenschaft, Wirtschaft, Parteien und Zivilgesellschaft eine große Herausforderung angesichts der Schwammigkeit des Konzeptes und der länderspezifischen Unterschiede dar. (Holz/Neusüß 2006)

Kritik

Viele Anhänger des Feminismus beurteilen Gender Mainstreaming als angepassten und wirkungslosen Reformismus. Andere Feministen sehen darüber hinaus die Gefahr der Verwässerung erreichter Ziele und weisen auf das Missbrauchspotenzial hin. So spricht Barbara Stiegler (2000) von einem „Missbrauch“, wenn mit Verweis auf das Gender Mainstreaming Frauenbeauftragte abgeschafft oder Frauenfördermittel gekürzt werden. Auch die Sorge um die Zementierung von binären Geschlechtervorstellungen (beispielsweise John Grays Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus) wird vielfach geäußert.

Auf der anderen Seite des Spektrums sehen Kritiker des Feminismus in Gender Mainstreaming „eine Art totalitärer Kommunismus in Sachen Sex und Geschlechterbeziehung“ [6], von Frauenbevorzugung und Männerbenachteiligung. Die grundlegende Annahme – Geschlechterrollen seien ausschließlich sozial determiniert – ist ebenfalls weithin bestritten worden, beispielsweise mit Hinweis auf den tragischen Fall David Reimer, der als Baby kastriert wurde und bis zur Pubertät als Mädchen aufwuchs. Kritisiert wird auch die Art und Weise, in der die Befürworterinnen der Gender-Perspektive ihre Ansicht auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking und auf den verschiedenen Vorbereitungskonferenzen durchgesetzt haben; insbesondere die Vertreterinnen von Staaten und Nichtregierungsorganisationen der Entwicklungsländer sahen in der Pekinger „Aktionsplattform“ einen direkten Angriff auf die Werte, Kulturen, Traditionen und religiösen Überzeugungen der großen Mehrheit.[7] Auch der Mainzer Kriminologe Michael Bock bezeichnet Gender Mainstreaming als ideologisch gut vorbereitete „totalitäre Steigerung von Frauenpolitik“. Bruno Köhler kritisierte, dass Gender Mainstreaming keine Geschlechterpolitik „von Frauen und Männern für Frauen und Männer“ darstelle sondern „als reines Frauenfördermittel funktionalisiert“ werde. Er führt an, dass es in deren Rahmen Institutionen, Veranstaltungen und Maßnahmen für Frauen aber nicht für Männer gäbe und Diskriminierung von Männern unberücksichtigt bleibe.[8]

Ein weiterer Kritikpunkt, in Deutschland vor allem von Migranten geäußert, ist, dass dem Gender Mainstreaming ein eurozentrisches Weltbild zugrunde läge, welches traditionelle Wertvorstellungen von Einwanderern teilweise bewusst ignoriere, wodurch eine Verstärkung von Vorurteilen und Rassismus begünstigt wird.

Die Neue Rechte sieht in der Kritik an Gender Mainstreaming ein neues Agitationsfeld[9], einzelne evangelikale Gruppen sehen hinter Gender Mainstreaming eine Strategie der Lesben- und Schwulenbewegung.[10][11]

Kritik an der praktischen Umsetzung

Die aktuelle praktische Umsetzung von Gender Mainstreaming wird noch stärker kritisiert als das Gender Mainstreaming selbst. Häufige Kritikpunkte sind, dass erstens bei der Auswahl der „Gender Mainstreaming“-Themen überwiegend frauenspezifische Themen fokussiert werden[12] und zweitens Männerbeauftragte zur Gestaltung von „Gender Mainstreaming“-Prozessen selten eingeladen werden. [8]

Als prägnantes Beispiel hierfür wird häufig die Website gender-mainstreaming.net des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [13] benannt. Männerspezifische Benachteiligungen, zum Beispiel beim Lebensalter [12], in der Schulausbildung [12][14] oder im Familienrecht[8], werden dort nach Ansicht der Kritiker in unzureichender Weise dargestellt.

Presseberichte im Magazin Der Spiegel [15] und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung[16] setzen Gender Mainstreaming mit „Umerziehungsmaßnahmen“ gleich und kritisieren dabei, dass es hier um „Zerstörung von Identitäten“ ginge. Als Beleg dient ein Text über ein pädagogisches Projekt des Berliner Träges Dissens e.V., in dem eine pädagogische Intervention vom Verfasser in diesem Sinne analysiert wird. Dissens e.V. weist die von René Pfister geübte Kritik zurück und konstatiert, der von ihm angeführte Text sei sinnentstellend zitiert worden.[17]

Beispielsweise heißt es in einem Spiegel-Artikel, der Versuch der Vermeidung geschlechterstereotyper Zuschreibungen im Schulunterricht führe dazu, dass sich Jungen mit mehr Interesse für traditionellerweise eher Jungen zugeordnete Themen oft langweilten und in der Folge schlechtere Leistungen erbrächten, da nun in den Lehrmitteln traditionellerweise eher Mädchen zugeordnete Themen bevorzugt würden.[18]

Auf der Interpretation des Spiegels wiederum baut Gerhard Amendt auf, der im Anschluss daran eine Kampagne gegen identitätskritische Jungenarbeit startete, mit der Begründung, „Identitätszerstörung“ sei weder ein wissenschaftlich begründetes noch anerkanntes Verfahren in der Sozialpädagogik, der Pädagogik, der Weiterbildung, Beratung oder Psychotherapie. Denn Identitätszerstörung oder nur deren -verwirrung führen zu „pathologischen Zuständen, die als leidvolle Desorientierung erlebt werden.“[19]

Laut Julia Roßhart hingegen ist die o.a. Mediendiskussion als Strategie zur Delegitimierung von feministischer und de/konstruktivistischer Kritik an Geschlechterverhältnissen anzusehen. Gender Mainstreaming stehe hier nur stellvertretend für diese Gesellschaftskritik, welche in den genannten Artikeln versucht werde, als irrelevant darzustellen.[20]

Die Kosten für die Einführung eines großen Bürokratieapparates stehen bei der praktischen Umsetzung von Gender Mainstreaming ebenfalls in der Kritik.[21][22]

Literatur

  • Michael Cremers: Neue Wege für Jungs? Ein geschlechtsbezogener Blick auf die Situation von Jungen im Übergang Schule-Beruf. Hrsg. BMFSFJ, Berlin und Dissens e. V., Bielefeld 2007. Print oder[5] → Projektmaterialien (etwas scrollen)
  • Susanne Baer, Dietrich Englert (Hrsg.): Gender Mainstreaming in der Personalentwicklung. Diskriminierungsfreie Leistungsbewertung im öffentlichen Dienst. Kleine, Bielefeld 2006, 210 S., ISBN 978-3-89370-413-2. (Gender kompetent; Band 1)
  • Silke Bothfeld, Sigrid Gronbach, Barbara Riedmüller (Hrsg.): Gender Mainstreaming – eine Innovation in der Gleichstellungspolitik. Zwischenberichte aus der politischen Praxis. Campus Verlag, 2002. ISBN 3-593-37038-7.
  • Peter Frankenfeld, Astrid Mechel: Gender Policies in European Regional Programmes. Metropolis Verlag, o.O. 2004, ISBN 3-89518-480-2.
  • Regina Frey, Mara Kuhl: Wohin mit Gender Mainstreaming? Zum Für und Wider einer geschlechterpolitischen Strategie. 2003 Download als PDF
  • LIFE e. V./FrauenUmweltNetz: Gender Mainstreaming in Deutschland: Auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Umweltpolitik. Download als PDF (in englisch auch als Druckversion zu bestellen, bei genanet, s. links).
  • Manfred Kloweit-Herrmann: Gender Mainstreaming „Alle anders – alle gleich“, Frauen und Männer im Berufsfeld Polizei. Tectum Verlag, Marburg 2005. ISBN 3-8288-8805-4
  • Dietmar Krafft, Claudia Wiepcke: Gender Mainstreaming durch ökonomische Bildung. In: Weitz, Bernd (Hrsg.): Standards in der ökonomischen Bildung, Bergisch Gladbach 2005, S. 313-332, ISBN 3-924985-41-3.
  • Michael Meuser, Claudia Neusüß: Gender Mainstreaming. Konzepte – Handlungsfelder – Instrumente. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004. ISBN 3-89331-508-X.
  • Catherine Müller, Gudrun Sander: Gleichstellungs-Controlling. Das Handbuch für die Arbeitswelt. Mit CD-ROM. vdf-Hochschulverlag, Zürich 2005, ISBN 3-7281-2917-8.
  • Claudia Neusüß, Anna Holz: Die EU-Gleichstellungsstandards: Reformmotor für nationale Frauen- und Geschlechterpolitik in der erweiterten Europäischen Union? Download als PDF
  • Karen Oberst: Von der Geschlechterungleichheit zur Geschlechterdemokratie. Prozessbeobachtung in der Phase der Konstituierung der neuen Organisation „Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft e. V.“ – ver.di – unter besonderer Berücksichtigung des Gender-Mainstreaming-Ansatzes. BoD, Norderstedt 2003, ISBN 3-8330-0431-2.
  • Matthias Schimka: Gender-Mainstreaming in der Europäischen Union. Wien 2004 Download als PDF
  • Meike Spitzner: Gender Mainstreaming in der Stadtentwicklung – Ziele und Zielorientierungen anhand der Erkenntnisse und Problemanalysen zum Zusammenhang von Raum- und Geschlechterverhältnissen. Teil I der Expertise von Christine Färber, Meike Spitzner, Jochen Geppert, Susanne Römer: Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Städtebaupolitik des Bundes. Im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Berlin 2003 Download als PDF
  • Barbara Stiegler: Wie Gender in den Mainstream kommt: Konzepte, Argumente und Praxisbeispiele zur EU-Strategie des Gender Mainstreaming. Bonn 2000. ISBN 3-86077-881-1 (Electronic ed.: FES Library)
  • Claudia Wiepcke: Computergestützte Lernkonzepte und deren Evaluation in der Weiterbildung. Blended Learning zur Förderung von Gender Mainstreaming. Kovac, Hamburg 2006, ISBN 3-8300-2426-6.
Kritik
  • Gabriele Kuby: Die Gender Revolution: Relativismus in Aktion. fe-medienverlag GmbH, Kisslegg 2006. ISBN 3-939684-04-X.
  • Gabriele Kuby: Verstaatlichung der Erziehung: Auf dem Weg zum neuen Gender-Menschen. fe-medienverlag GmbH, Kisslegg 2007. ISBN 978-3-939684-09-1.
  • Volker Zastrow: Gender - politische Geschlechtsumwandlung. Manuskriptum, Waltrop/Leipzig 2006, ISBN 3-937801-13-8.

Siehe auch

Weblinks

Kritik

Einzelnachweise

  1. Michael Meuser, Claudia Neusüß: Gender Mainstreaming – eine Einführung. In: dies. (Hrsg.): Gender Mainstreaming. Konzepte – Handlungsfelder – Instrumente. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2004. 9-22
  2. „beide“ Geschlechter? Beispielsweise Intersexualität und Transgender sind (noch?) kein Thema des Gender Mainstreaming. Siehe auch Heteronormativität.
  3. a b c Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen & Jugend: Definitionen von „Gender Mainstreaming“, „Gender“ und „Mainstreaming“. Von 2004 bis August 2007 eine Unterseite mit GM-Definition bei http://www.gender-mainstreaming.net (Website des deutschen BMFSFJ)
  4. Wohnen in “Frauen-Werk-Stadt II”. In: Webservice der Stadt Wien. 22. Februar 2001. Abgerufen am 5. März 2008.
  5. Arbeitshilfe Rechtsetzung der Bundesministerien
  6. Bettina Röhl: „Die Gender Mainstreaming-Strategie“. In: Cicero, April 2005
  7. Dale O'Leary: „The Gender Agenda – Redefining Equality“. Vital Issues Press, Lafayette 1997. Deutsche Zusammenfassung: Teil I, Teil II
  8. a b c MANNdat: Ist Gender Mainstreaming wirklich eine Geschlechterpolitik für Frauen UND Männer? von Dr. Bruno Köhler; Januar 2006
  9. [1] Projekt der Jungen Freiheit zu Gender Mainstreaming
  10. Konstantin Mascher: Geschlechtlos in die Zukunft
  11. [2] „die „biologische Wirklichkeit“, gegen die die Gender-Perspektive vergeblich anrennt“
  12. a b c MANNdat Studie: Jungen und Männer in Deutschland 2007: Daten zu Jungen und Männern im Ländervergleich(PDF) ; 1. März 2007
  13. wie Anm. 1
  14. Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: Bildungs(Miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen/männlichen Jugendlichen
  15. René Pfister: Der neue Mensch. In: Der Spiegel 1/2007
  16. Volker Zastrow: Politische Geschlechtsumwandlung. FAZ, 20. Juni 2006
  17. Stellungnahme von Dissens e.V. zum Spiegelartikel [3]
  18. 1. Teil: Triumph der Schmetterlinge und insbesondere 2. Teil: Das Prinzip „Gender Mainstreaming“ – (Artikel von Ralf Neukirch in Spiegel Online 25. August 2008, und Heft 35/2008)
  19. Stellungnahme von Prof. Dr. Gerhard Amendt zum pädagogischen Konzept der Identitätszerstörung bei Dissens e. V. Berlin: Ein weiterer Skandal in der Sozialpädagogik?
  20. Roßhart, Julia: Bedrohungsszenario "Gender". Gesellschaftliches Geschlechterwissen und Antifeminismus in der Medienberichterstattung zum Gender Mainstreaming. Potsdam 2007. [4]
  21. MANNdat: Gender Mainstreaming – was das kostet!
  22. Stern: Bürokraten: Ich Mann, du Frau von Kerstin Schneider, Dezember 2005

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