Alexander Falzmann

Alexander (auch: Aleksander) Falzmann, (* 24. August 1887 in Łódź; † 4. Mai 1942 auf dem Weg zur Gaskammer des KZ Dachau) war ein polnischer evangelischer Geistlicher und langjähriger Pfarrer von Zgierz.

Leben

Alexander Falzmann war Sohn des vermögenden Łódźer Industriellen Alois Falzmann und seiner Gemahlin Emilia Groene. Er besuchte das Łódźer Humanistische Gymnasium. Wegen des Schulstreiks im Jahre 1905 wurde die Schule von russischen Behörden geschlossen und Falzmann begab sich nach Kiew, wo er bei seiner Schwester wohnte und 1907 das Abitur ablegte. Seit 1908 studierte er an der Fakultät der Evangelischen Theologie der Universität Dorpat und praktizierte gleichzeitig in den evangelischen Gemeinden rund um Dorpat.

Am 1. September 1912 legte er seine letzten theologischen Prüfungen ab und wurde am ersten Adventsonntag dieses Jahres in der Łódźer Evangelischen Kirche zum Heiligen Johannes vom General-Superintendenten Juliusz Bursche zum Pastor ordiniert. Falzmann blieb in der Stadt Łódź, wo er eine Stelle als Vikar bekam und 1913 Lucja Seiler heiratete, aus der Ehe ging der Sohn Karol hervor.

Im Jahre 1914 wurde Falzmann zum Pfarrer der nordostpolnischen Gemeinden Pułtusk und Mława gewählt. Schon nach einem Jahr (1915) wurde er zusammen mit seinen Gemeindegliedern von den russischen Behörden ins Innere Russlands, nach Charkow deportiert und kehrte erst 1918 in seine Heimat und zu seiner Pfarrei in Pultusk zurück. Hier erlebte er beträchtliche Schwierigkeiten, denn die Gemeindemitglieder waren deutschsprachig und nationalistisch eingestellt, während Falzmann die Ausgleichpolitik Juliusz Bursches unterstützte.

Im Jahre 1920 trat der bisherige Pfarrer der Stadt Zgierz, Karol Serini, zurück, um Professor der Evangelischen Theologie an der Universität Warschau zu werden, und Falzmann wurde in demselben Jahre zum Pfarrer gewählt. Auch hier stieß er bald auf ernsthafte Probleme, denn auch hier war mit etwa 1500 von insgesamt 2300 Lutheranern der Stadt die Mehrheit der Gemeindeglieder deutschsprachig und wollte keinen polenfreundlichen Pastor haben, obwohl Falzmann beide Sprachen perfekt beherrschte und die Polen nur einen Gottesdienst im Monat hatten, wohingegen monatlich drei Gottesdienste auf deutsch zu halten waren und Falzmann den Religions- und Konfirmandenunterricht für deutsche Kinder in deren Muttersprache durchführte.

Während der Kirchenverfassungs-Synode der Jahre 1922 bis 1923, als Falzmann die Funktion eines der vier Sekretäre hatte, verschärfte sich der Nationalitätenkonflikt noch mehr, es kam aber noch nicht zum Zerfall der Kirche in zwei Nationalkirchen. Falzmanns Ruf als Polenfreund wurde indessen unter den Deutschen befestigt.

In den späteren 1920er Jahren entwickelte Falzmann eine rege soziale Tätigkeit der Gemeinde: Zgierz wurde zum Zentrum der Evangelien-Studien für ganz Polen. Die Gemeinde unterhielt mit Altersheim, Waisenhaus und Krippe drei diakonische Einrichtungen. Zudem gab es einen Chor mit einem besoldeten Kantor.

1937 waren acht polnische und sieben deutsche Synodaldelegierte aus der Reihe des Geistlichen zu wählen. Falzmann wurde einer von ihnen. 1938 erfolgte die Ernennung Falzmanns zum Konsistorialrat. Zu seinem 50. Geburtstag und dem 25. Jubiläum der Arbeit als Seelsorger erschienen zahlreiche Vertreter der Gemeinde und der Stadt, auch Deutsche fehlten nicht.

Alles zerbrach am 3. September 1939: Während eines Luftangriffs der deutschen Luftwaffe auf Zgierz wurden die evangelische Kirche und das Pfarrhaus zerstört. Nach der Einnahme der Stadt durch deutsche Truppen wurde Falzmann zusammen mit einer Gruppe von Geiseln in der katholischen Katharinenkirche gefangengehalten, dann entlassen, am 28. September erneut verhaftet und ins Łódźer Gestapo-Gefängnis eingesperrt. Sein Sohn war zu dieser Zeit schon im Oflag (Lager für kriegsgefangene Offiziere). Im Jahre 1940 wurde Alexander Falzmann ins KZ Dachau verbracht, danach ins KZ Oranienburg, dann wieder nach Dachau, das zum Sammellager für Geistliche aller Konfessionen wurde. Falzmann wurde hier zur Strafkompanie versetzt und musste sich jede Woche einem politischen Verhör unterziehen.

Ende April 1942 wurde Alexander Falzmann von der Politischen Polizei wieder scharf verhört, gefoltert und dann halbtot auf die Straße hinausgeworfen. Katholische Priester in der danebenliegenden Baracke nahmen sich seiner an. Am 4. Mai war er noch zu krank, um zu arbeiten. Er wurde von der SS auf den Wagen, der die zu tötenden Häftlinge zur Gaskammer transportierte, geworfen. Wohl wissend, was ihn erwartete, starb er während der Fahrt an Herzversagen. Die Urne mit seiner Asche wurde der Familie nicht ausgehändigt.

Literatur

  • Joanna Korsan: Ks. Aleksander Falzmann. In: Zwiastun. Zeitschrift der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, 2002

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