Georg von Hertling
Georg von Hertling
Georg von Hertling, gemalt von Paul Beckert (1856-1922)

Georg Freiherr (seit 1914: Graf) von Hertling (* 31. August 1843 in Darmstadt; † 4. Januar 1919 in Ruhpolding, Oberbayern) war ein deutscher Politiker (Zentrumspartei) und Philosoph.

Vom 1. November 1917 bis zum 30. September 1918 war er Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs. Obwohl er selbst gegen eine Parlamentarisierung des Reiches war, war sein Kabinett doch in Abstimmung mit den Mehrheitsparteien aus dem Interfraktionellen Ausschuss zustande gekommen.

Inhaltsverzeichnis

Leben vor der Politik

Georg Friedrich Freiherr von Hertling, ein aus einer katholischen, rheinpfälzischen Familie stammender Sohn eines hessischen Hofgerichtsrates, studierte Philosophie in München, Münster und Berlin, wo er 1864 promovierte.

Nach seiner Habilitation 1867 in Bonn wurde der bekennende Katholik wegen des Kulturkampfes dort erst 1880 auf eine außerordentliche Professur berufen, eine Erfahrung, die dazu beitrug, dass sich Hertling führend an der Gründung der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland beteiligte, deren Präsident er bis zu seinem Tode 1919 blieb. Hertling erhielt 1882 einen Ruf auf eine ordentliche Professur nach München.

Hertling war einer der Vordenker der Bewegung der katholischen Studentenverbindungen. Er trat 1862 der K.D.St.V. Aenania, später dem K.St.V. Arminia bei. Seine Rede auf dem Katholikentag 1863 in Frankfurt, auf der er die Begriffe Religion, Wissenschaft und Freundschaft als Leitsätze eines katholischen Verbindungsstudenten vorstellte, gilt als Auslöser für die Gründung des Würzburger Bundes, aus dem später die Verbände Cartellverband und Kartellverband hervorgingen.

Aus Hertlings Ehe mit Anna von Biegeleben (1845–1919) gingen ein Sohn und fünf Töchter (davon eine früh verstorben) hervor.

Hertling war Großneffe von Bettina von Arnim und Clemens Brentano. Die Schauspielerin Gila von Weitershausen ist seine Urenkelin.

Abgeordneter und Ministerpräsident

Georg von Hertling als Reichstagsabgeordneter, 1911

Neben der akademischen war bei Hertling auch eine politische Tätigkeit getreten, er gehörte von 1875 bis 1890 und von 1896 bis 1912 als Vertreter des Zentrums dem Reichstag an. Dort widmete er sich erst sozialpolitischen, später vor allem außen- und finanzpolitischen Fragen. Von 1909 bis 1912 war er, der sich für die Aussöhnung des deutschen Katholizismus mit dem preußisch-protestantisch geprägten Nationalstaat einsetzte, Vorsitzender der Zentrumsfraktion.

Am 9. Februar 1912 berief der Prinzregent Luitpold Hertling zum Vorsitzenden des bayerischen Staatsministeriums, also zum Ministerpräsidenten. Die Beauftragung eines Vertreters der Mehrheitsfraktion im Landtag mit dem Amt des Regierungschefs deutete auf eine beginnende Parlamentarisierung Bayerns hin.

Während des Ersten Weltkriegs unterstützte Hertling die Positionen des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg und lehnte nach dessen Sturz 1917 die Übernahme der Reichskanzlerschaft zunächst ab. Erst nach dem Scheitern von Bethmanns Nachfolger Georg Michaelis übernahm der körperlich bereits hinfällige Hertling[1] doch noch die Ämter des Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten.

Reichskanzler

Die Regierung Hertling (seit 1. November 1917) stellte einen weiteren Schritt zur Parlamentarisierung des Reiches dar, da der neue Kanzler sein Regierungsprogramm vorab mit den Mehrheitsparteien des Reichstages abstimmen musste. Mit dem Linksliberalen Friedrich von Payer als Vizekanzler und dem Nationalliberalen Robert Friedberg als stellvertretendem preußischen Ministerpräsidenten wurden zwei altgediente Parlamentarier als Verbindungsmänner zu den Parteien in die Kabinette aufgenommen.

Hertling gehörte dem rechten Flügel der Zentrumsfraktion an, der im Gegensatz zum linken die Parlamentarisierung entschieden ablehnte. Er sah in ihr auch die Gefahr, dass sie den Föderalismus aushöhlen und die Sozialdemokraten stärken würde. Seine Reichskanzlerschaft bedeutete, dass sich diejenige Richtung in Zentrum und linksliberaler Fortschrittlicher Volkspartei durchsetzte, die Rücksicht auf die Sonderrechte der deutschen Bundesstaaten nehmen wollte.[2] Das Zentrum erhielt Zeit, sich an ein „proto-parlamentarisches Regiment“ und die Zusammenarbeit mit SPD und Linksliberalen zu gewöhnen.[3] Im Kabinett Hertling war der Linksliberale Friedrich von Payer der Vertrauensmann seiner eigenen Partei sowie der Sozialdemokraten, die außerhalb blieben, um die Regierungsbildung nicht zu erschweren.[4]

In Hertlings Amtszeit kam es zu einigen wichtigen Schritten in Richtung Parlamentarisierung und Demokratisierung, zum Beispiel eine anvisierte Wahlreform mit Elementen eines Verhältniswahlrechts. Insgesamt aber war die SPD mit ihm unzufrieden, weil der Einfluss der Obersten Heeresleitung (OHL) (der militärischen Spitze) unverändert groß war und die Reformen nur langsam vorangingen.[5] Ende September 1918 hatte Hertling das Vertrauen der SPD endgültig verloren; sie wollte nur unter einem Politikwechsel in die Regierung eintreten. Auch die Regierungen von Bayern und Baden meinten, dass Hertling nicht der geeignete Mann für eine konsequente Friedenspolitik war. Die Fortschrittliche Volkspartei dachte nicht anders, wollte aber die Koalition nicht gefährden.[6]

Am 26. September 1918 informierten Abteilungsleiter im Generalstab den Außenminister Paul von Hintze über die aussichtslose militärische Lage − vorbei an OHL-Generalquartiermeister Erich Ludendorff, aber auch Reichskanzler Hertling. Hintze erarbeitete ein Konzept zur Revolution von oben. Als auch die OHL am 28. eine breitere Basis für die Regierung wollte, musste Hertling verstehen, dass sie seinen Rücktritt wollte. Besiegelt wurde das Ende seiner Kanzlerschaft am 29. September in Spa im Großen Hauptquartier. Am 30. erging ein Erlass des Kaisers zur Parlamentarisierung.[7] Nachfolger Hertlings wurde am 3. Oktober Prinz Max von Baden, der Wunschkandidat seines Vizekanzlers Payer.

Literatur

  • Markus Arnold: Für Wahrheit, Freiheit und Recht. Georg von Hertling - Sein Beitrag zur Entstehung und bleibenden Gestalt der Katholischen Soziallehre, (Contributiones Bonnenses, Reihe II, Band 2), Bernstein-Verlag, Gebr. Remmel, Bonn 2009, ISBN 978-3-9809762-1-3.
  • Winfried Becker: Georg von Hertling 1843-1919. Jugend und Selbstfindung zwischen Romantik und Kulturkampf. Schöningh 1981, ISBN 3-506-79931-2.
  • Georg von Hertling: Erinnerungen aus meinen Leben. (1919–1920) Digitalisat: Band I, Band II
  • Klaus-Gunther WesselingGeorg von Hertling. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 20, Nordhausen 2002, ISBN 3-88309-091-3, Sp. 737–757.
  • Katharina Weigand: Georg von Hertling In: Katharina Weigand (Hrsg.): Große Gestalten der bayerischen Geschichte. Herbert Utz Verlag, München 2011, ISBN 978-3-8316-0949-9

Weblinks

 Commons: Georg von Hertling – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Georg von Hertling – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise

  1. „Hertling – von Hause aus Philosophieprofessor – war schon immer ein etwas blutleerer Politiker gewesen, ein Mann, dessen Stärke im Verhandeln, nicht im Handeln lag. Jetzt war er ein Greis von 74 Jahren, der bei Abendsitzungen manchmal einschlief und wegen einsetzender Blindheit beim Aktenlesen die Unterstützung eines Vorlesers benötigte.“ – Klaus Epstein: Der Interfraktionelle Ausschuss und das Problem der Parlamentarisierung 1917–1918. In: Historische Zeitschrift (HZ). Band 191, 1960, S. 562–584, hier S. 582.
  2. Manfred Rauh: Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Droste Verlag, Düsseldorf 1977, S. 383/384.
  3. Manfred Rauh: Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Droste Verlag, Düsseldorf 1977, S. 386.
  4. Manfred Rauh: Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Droste Verlag, Düsseldorf 1977, S. 401, S. 405.
  5. Manfred Rauh: Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Droste Verlag, Düsseldorf 1977, S. 423.
  6. Manfred Rauh: Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Droste Verlag, Düsseldorf 1977, S. 425/426.
  7. Manfred Rauh: Die Parlamentarisierung des Deutschen Reiches. Droste Verlag, Düsseldorf 1977, S. 430–432.

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