Alexander Moissi
Alexander Moissi als Prinz Kalaf in Carlo Gozzis Turandot (1911)

Alexander Moissi (italienisch Alessandro Moisi, albanisch Aleksandër Moisiu; * 2. April 1879 in Triest; † 23. März 1935 in Wien) war ein österreichischer Schauspieler albanisch-italienischer Herkunft, der zwischen 1910 und 1930 der berühmteste Schauspieler im deutschsprachigen Raum und aufgrund seiner vielen Tourneen auch ein Weltstar war.

Moissi war der Protagonist des modernen, zerrissenen, morbiden Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine berühmtesten Rollen waren der Oswald in Henrik Ibsens Gespenster, Fedja in Der lebende Leichnam von Leo Tolstoi und Jedermann in Max Reinhardts Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals gleichnamigem Stück 1920 am Salzburger Domplatz.

Inhaltsverzeichnis

Biographie

Alexander Moissi wurde am 2. April 1879 (nach anderen Quellen am 2. April 1880) als fünftes Kind des wohlhabenden albanischen Kaufmannes und Reeders Konstantin Moisiu mit Amalia di Rada als Alessandro Moissi in Triest, Italien (damals Österreich-Ungarn) geboren. Er wuchs beim Vater in der albanischen Hafenstadt Durrës (Durazzo) und bei der Mutter in Triest auf, besuchte ein Internat in Graz und übersiedelte 1898 als 19-Jähriger mit geringen Deutschkenntnissen nach Wien, wo er ein Gesangsstudium begann. Nach einem Jahr wurde ihm der freie Studienplatz entzogen, und Moissi bewarb sich am Burgtheater um eine Schauspielausbildung, wurde jedoch abgelehnt und musste sich aufgrund seines stark italienischen Akzents mit stummen Rollen in der Komparserie begnügen.

Dort wurde Moissi von Joseph Kainz in einer Aufführung von Molières Tartuffe entdeckt. Der berühmte Kainz spielte die Titelrolle, Moissi einen stummen Diener. In der gemeinsamen Szene beim ersten Auftritt des Tartuffe sah Kainz dem jungen Moissi ins Gesicht – und vergaß für einige Augenblicke seinen Text. Am nächsten Tag setzte sich Kainz beim Direktor des Theaters, Paul Schlenther, mit den Worten für Moissi ein, er habe den „Schauspieler der Zukunft“ gesehen. Schlenther vermittelte das merkwürdige Talent nach Prag ans Neue Deutsche Theater, wo Moissi von 1901 bis 1903 blieb.

1903 wechselte Moissi nach Berlin, wo ihn Max Reinhardt entdeckte und ihn trotz erster verheerender Kritiken in sein Ensemble am Deutschen Theater engagierte. Es brauchte eine Weile, bis Moissi sich durchsetzen konnte. Noch bei Shakespeares Der Kaufmann von Venedig mit Rudolf Schildkraut, Reinhardts zweite große Shakespeare-Inszenierung nach dem Sommernachtstraum 1905 (wo Moissi den Oberon gespielt hatte) wurde Moissi als Solanio von der Kritik unbarmherzig angegriffen. „Aber Reinhardts Glaube an Moissis Fähigkeiten war nicht zu erschüttern. Immer wieder stellte er ihn in wichtigen Rollen auf die Bühne, ließ sich durch den italienischen Akzent nicht abschrecken und kämpfte für ihn, bis er ihn durchgesetzt hatte.“ (Gusti Adler)

Moissi wurde bei Max Reinhardt in Berlin zum Star und zog mit seinem italianisierten Sprachduktus, in dem er eher sang als sprach, alle in seinen Bann. Der Dichter Franz Werfel nannte ihn einen Zauberer, für Stefan Zweig war seine Stimme Musik, Gerhart Hauptmann und Klabund bewunderten ihn, und Franz Kafka schrieb ins Tagebuch:

Runde Wangen und doch ein kantiges Gesicht. Weiches Haar, mit weichen Handbewegungen immer wieder gestrichen. Trotzdem so viele Melodien zu hören waren, die Stimme gelenkt schien wie ein leichtes Boot im Wasser, war die Melodie der Verse eigentlich nicht zu hören. Manche Worte wurden von der Stimme aufgelöst, sie waren so zart angefasst worden, dass sie aufsprangen und nichts mehr mit der menschlichen Stimme zu tun hatten …“ (Prag, am 28. Februar 1912)

Moissi führte bald das Leben eines regelrechten Super-Stars, er beherrschte die Schlagzeilen der Zeitungen und Illustrierten wie sonst nur Enrico Caruso oder Rudolph Valentino, war Frauenschwarm und Abenteurer und führte ein rastloses und ruinöses Leben. Er wurde zum berühmtesten und zugleich bestbezahlten Bühnenschauspieler seiner Zeit.

1914 ging Moissi als Freiwilliger auf deutscher Seite in den Ersten Weltkrieg und geriet in Gefangenschaft. 1918 schloss er sich zeitweise den aufständischen Spartakisten an.

In der Zwischenkriegszeit wurde Moissi immer mehr zum Starschauspieler, der sich zunehmend auf Tournee befand. In Berlin trat er nur noch als Gast auf. Sein Schauspielstil galt hier als antiquiert und konnte nicht mehr mit Entwicklungen wie Expressionismus oder dem politischen Theater Brechts und Piscators mithalten. Als Exot wurde Moissi in Deutschland geliebt und gehasst und in den Metropolen Europas und Amerikas gefeiert. 1933 verließ Moissi Deutschland.

Grab Moissis auf dem Friedhof von Morcote

Moissi starb am 22. März 1935 in Wien an den Folgen einer Lungenentzündung, nach einer Italien-Tournee, zwischen Dreharbeiten und Proben für ein von Pirandello für ihn geschriebenes und von seinem Freund Stefan Zweig übersetztes Stück. Auf dem Totenbett erreichte Alexander Moissi ein Telegramm aus Rom, in dem ihm die italienische Staatsbürgerschaft angeboten wurde. Auch die Albaner – damals regierte König Zog in Tirana – stellten ihm einen Pass in Aussicht, mit der zweifelhaften Ehre, dass Moissi Hofschauspieler bei Zog würde. Die Frage der nationalen Zugehörigkeit wurde nicht mehr entschieden. Moissi starb darüber.[1] Andere Autoren erwähnen hingegen, dass ihm 1934 doch noch die albanische Staatsbürgerschaft verliehen worden sei.[2] Moissi ist auf dem Friedhof von Morcote (Schweiz) begraben.

Seine erste Ehefrau Maria Moissi war Wienerin, sie begründete die „Schauspielschule Maria Moissi Berlin“, an der auch ihr Mann unterrichtete. Sie hatten eine Tochter, Bettina, die ebenso Filmschauspielerin wurde und 1959 den Kunsthändler und -sammler Heinz Berggruen heiratete. In zweiter Ehe war Moissi seit 1919 mit der Schauspielerin Johanna Terwin verheiratet. Alexander Moissi ist der Urgroßvater des deutschen Schauspielers Gedeon Burkhard.

Repertoire

Alexander Moissi gilt als einer der Heroen der Schauspielkunst zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Er war Orest und Ödipus, Danton und Torquato Tasso, Hamlet und Romeo, Faust und Jedermann. Die grüblerischen, zerrissenen Charaktere, dem Tod zugeneigt, lagen ihm besonders. Der Tod war sein Markenzeichen. Denn keiner starb auf der Bühne so oft und so vollendet schön wie Moissi, er führte das Sterben „als individuelle Kunst“ vor.[3]

Seine erste Glanzrolle war 1906 der unheilbar an Syphilis erkrankte Oswald in Henrik Ibsens Gespenster, in jener legendären Aufführung, mit der Max Reinhardt seine zweite Spielstätte, die Kammerspiele des Deutschen Theaters eröffnete. Edvard Munch entwarf die Bühnenbilder, die Besetzung war: Agnes Sorma (Frau Alving), Alexander Moissi (Oswald), Friedrich Kayssler (Manders), Lucie Höflich (Regine) und Max Reinhardt (Engstrand). Moissi spielte den Oswald mehr als zwei Jahrzehnte lang, oft in Gastauftritten, so 1927 an den Münchner Kammerspielen (mit Therese Giehse als Mutter Alving) und 1929 sogar am Broadway.

Eine andere Lebensrolle Moissis war der Selbstmörder Fedja in Der lebende Leichnam von Leo Tolstois: Das Stück hatte 1913 in Berlin Premiere; bis zu seinem Tod 1935 spielte Moissi diese Rolle mehr als 1500 mal. Die Rolle war auch sein letzter Auftritt vor seinem Tod.

Moissis Repertoire umfasste das ganze Spektrum der europäischen Theaterliteratur von der antiken griechischen Tragödie bis zur Moderne. Moissi spielte unter Reinhardt zahlreiche Shakespeare-Rollen, darunter den Narren in König Lear, Jacques in Wie es euch gefällt, Prinz Heinz in Heinrich IV. (mit Paul Wegener), Romeo in Romeo und Julia, aber auch den Prinzen in Lessings Emilia Galotti, Ricault in Lessings Minna von Barnhelm, Goethes Faust und den Clavigo (1923 im Redoutensaal der Wiener Hofburg).

Er spielte aber auch Uraufführungen von Gerhart Hauptmann (Der weiße Heiland), Frank Wedekind (Frühlings Erwachen, 1906), den Frederiksen in Knut Hamsuns Vom Teufel geholt (1914) und Hugo von Hofmannsthal.

1911 wurde Moissi für seine Interpretation des König Ödipus auf Tournee nach Sankt Petersburg gefeiert. An diesen Erfolg schlossen sich zahlreiche weitere Gastspielreisen durch ganz Europa und Nordamerika an. Tourneen führten ihn nach New York, Moskau, Paris, London, Buenos Aires, Rio de Janeiro und durch Europa – mit weltweit über 1500 Vorstellungen.

1920 verkörperte er als erster bei den Salzburger Festspielen die Titelrolle im Jedermann, für die er mit seinem „Lebenswandel, seiner Vorliebe für schnelle Autos, Villen und einem reichen Liebesleben“ geradezu prädestiniert war. In Salzburg wurde vom Eisernen Besen, dem Organ des Antisemitenbundes, eine regelrechte Hetze gegen den von Reinhardt favorisierten Schauspieler entfacht.

Am Wiener Volkstheater spielte er 1926 Pirandellos Heinrich IV. Dort spielte er 1929 auch in der Schnitzler-Uraufführung Im Spiel der Sommerlüfte mit Luise Ullrich und den Hamlet im Frack in einer zeitgenössische Shakespeare-Deutung. Moissi bot 1929 im Volkstheater auch seinen legendäre Jedermann, den er bei den Salzburger Festspielen unter Max Reinhardt gespielt hatte. Am Theaters in der Josefstadt spielte er 1928 den Orest in Richard Beer-Hofmanns Inszenierung von Goethes Iphigenie auf Tauris mit Helene Thimig.

Filme

Elf Stumm- und zwei Tonfilme hat Moissi gedreht, erhalten geblieben ist nur der letzte. Eine Kostbarkeit wird im Österreichischen Filmarchiv in Wien aufbewahrt: Moissi als Fedja, ein Ausschnitt aus einer Wochenschau, 55 Sekunden lang.

Zitate

Felix Holländer: Erinnern wir uns, daß Reinhardts Glanzzeit ohne Alexander Moissi nicht denkbar ist.[4]

Richard Beer-Hofmann: Diesem großen Schauspieler ist – wie keinem zuvor – Macht verliehen, mit einer auf Sinne gestellten Kunst, Übersinnliches zu geben.[5]

Ossip Dymow: In meiner Erinnerung bleibt Moissi immer als eine wunderbare Verkörperung von Jugend, Kraft und männlichem Zauber, unvergleichlich in seiner grausamen Sorglosigkeit.[6]

Gedenken

In Berlin erinnert die Moissistraße in Treptow-Köpenick, Ortsteil Adlershof (zwischen Radicke- und Otto-Franke-Straße) an Moissi, an Moissis Wohnhaus (Kantstraße 75 in Charlottenburg) soll eine Gedenktafel angebracht werden.

In Wien-Kaisermühlen gibt es eine Gasse, die den Namen des in Wien verstorbenen Schauspielers trägt. Ein Denkmal für Moissi befindet sich in Wien-Donaustadt.

Moissi wird in Albanien als der bedeutendste Schauspieler des Landes verehrt. Die Schauspielschule in Tirana und das Theater von Durrës tragen Moissis Namen. In Durrës existiert eine Aleksander-Moisiu-Stiftung, die sich der Pflege seines Erbes widmet und ein Aleksander-Moisiu-Museum. Sein 60. Todestag wurde 1995 mit einem Jahr der Schauspielkunst begangen. 2006 wurde eine neu begründete Hochschule in Durrës nach Moissi benannt.[7]

Literatur

  • Hans Böhm (Hrsg.): Moissi. Der Mensch und der Künstler in Worten und Bildern (= Die Kunst der Bühne 1, ZDB-ID 2223906-6). Eigenbrödler-Verlag, Berlin 1927.
  • Emil Faktor: Alexander Moissi (= Der Schauspieler 5). Reiss, Berlin 1920.
  • Vangjel Moisi: Alexander Moissi. Verlag 8 Nëntori, Tirana 1980 (deutschsprachige Biographie).
  • Irmgard Rohracher: Leben und Wirken des Schauspielers Alexander Moissi. Mit besonderer Berücksichtigung seiner Tätigkeit in Österreich. Wien 1951 (Wien, phil. Diss. 21. Dez. 1951).
  • Rüdiger Schaper: Moissi. Triest, Berlin, New York. Eine Schauspielerlegende. Argon, Berlin 2000, ISBN 3-87024-513-1.

Weblinks

 Commons: Alexander Moissi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Rüdiger Schaper: Der albanische Freund. Schauspieler, Popstar, Nationalheld: Alexander Moissi im Land der Skipetaren. In: Tagesspiegel. 21. Dezember 2002
  2. Jörg von Uthmann: Ein schönerer Leichnam war nie – Alexander Moissi, der vergessene Liebling des deutschen Theaters. In: Werner Daum (Hrsg.): Albanien – Zwischen Kreuz und Halbmond. Staatliches Museum für Völkerkunde/Pinguin-Verlag, München 1998, ISBN 3-7016-2461-5
  3. Rüdiger Schaper: Moissi. Triest, Berlin, New York. Eine Schauspielerlegende. Argon, Berlin 2000, ISBN 3-87024-513-1
  4. Hans Böhm (Hrsg.): Moissi. Der Mensch und der Künstler in Worten und Bildern. Berlin 1927, S.20
  5. Hans Böhm (Hrsg.): Moissi. Der Mensch und der Künstler in Worten und Bildern. Berlin 1927, S. 48
  6. Hans Böhm (Hrsg.): Moissi. Der Mensch und der Künstler in Worten und Bildern. Berlin 1927, S. 27
  7. Homepage der Universität "Aleksandër Moisiu"

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