Gesellschaftskritiker

Gesellschaftskritik zielt auf die Analyse als problematisch angesehener gesellschaftlicher Strukturen und auf praktische Verbesserung durch Reformen oder gar durch revolutionäre Umwälzungen.

Gesellschaftskritik ist so verschieden, wie die Ausgangspunkte und die Kriterien dieser Kritik, d.h. sie ist oft verbunden mit weltanschaulichen (ideologischen) Standpunkten.

Inhaltsverzeichnis

Aufklärung und Revolution

Die Ursprünge der modernen Gesellschaftskritik reichen wenigstens bis in die Zeit der Aufklärung zurück, die im Kern Religionskritik war. Radikale Aufklärer wie der atheistische Abbé Jean Meslier gaben sich jedoch nicht mit Religionskritik allein zufrieden. Im Zentrum seiner Gesellschaftskritik stand das Elend der Bauern.

Akademische Gesellschaftskritik

Im „Positivismusstreit“ zwischen Kritischem Rationalismus (Popper, Albert u.a.) und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule spiegelt sich die grundsätzliche Frage, ob Wissenschaft nur die Aufgabe hat, empirisch das wahrzunehmen, was ist, und es zu optimieren, oder ob sie auch grundsätzliche Kritik an der Gesellschaft üben, und Werturteile fällen soll, und auf welchen Grundlagen dies denn geschehen solle.

Gesellschaftskritische Werke sind klassischer Weise sozialphilosophische, sozioökonomische, soziologische oder sozialpsychologische Werke, doch zählen auch Arbeiten anderer sozialwissenschaftlicher Richtungen wie etwa der Sozialmedizin dazu. Daneben sind auch Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler mit kritischen Werken hervor getreten, wie z.B. die Biologin Rachel Carson, deren Buch Silent Spring in den USA zum Katalysator der Umweltschutzbewegung wurde.

Die Sozialethik versteht sich explizit oder zumindest implizit auch als Gesellschaftskritik, insofern sie danach fragt, wie bestimmte soziale Strukturen zu humanisieren sind (Strukturreform), was nur dann wirksam und dauerhaft gelingen könne, wenn auch die Gesinnung der dafür verantwortlichen Menschen sich ändere (Gesinnungsreform). Diesem Ziel dient vor allem eine entsprechende Erziehung und Bildung, die darum sowohl als gesellschaftskritischer als auch als gesellschaftsstabilisierender Faktor angesehen werden kann.

Gesellschaftskritik in Literatur und Musik

Zur Gesellschaftskritik in der Literatur zählen antikapitalistische revolutionäre Romane wie Jack Londons The Iron Heel (1908) und dystopische Romane wie Aldous Huxleys Schöne Neue Welt (engl. Titel Brave New World) von 1932, George Orwells 1984 (Nineteen Eighty-Four) von 1949 oder Ray Bradburys Fahrenheit 451 von 1953 und Kinderbücher wie Michael Endes Momo. Großangelegte Auseinandersetzungen mit dem sowjetischen Totalitarismus erschienen von Alexander Issajewitsch Solschenizyn (Archipel Gulag) und Wassili Semjonowitsch Grossman (Leben und Schicksal).

Im Bereich des Theaters gibt es im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition gesellschaftskritischer Stücke (Jakob Michael Reinhold Lenz; Der Hofmeister; Georg Büchner, Woyzeck). International markiert die Aufführung von Die Stützen der Gesellschaft von Henrik Ibsen 1877 aus heutiger Sicht die Geburt einer neuen dramaturgischen Gattung, des naturalistischen Gesellschaftsdramas, welches als Ausgangspunkt des modernen Dramas gilt. Im Zwanzigsten Jahrhundert überschreitet das Politische Theater den engen Rahmen des bürgerlichen Theaterbetriebs.

Eine weitere Tradition der Gesellschaftskritik besteht aus Sozialreportagen, die auf teilnehmender Beobachtung des Autors beruhen. Sie reicht wenigstens von Orwells Erledigt in Paris und London (1933) bis hin zu Günter Wallraffs Reportagen und zu verdeckten Erkundungen linker Autorinnen im rechtsextremen Milieu (Anne Tristan).

Auch in musikalischer Form kann Gesellschaftskritik ausgedrückt werden; dies geschieht traditionell in Protestliedern. Neuere Formen der Gesellschaftskritik in der Musik finden sich im Punk und in der Hip-Hop-Musik, im Reggae (Babylon) oder im Spoken Word.

Darüber hinaus kann Musik aber auch ohne entsprechenden Texte gesellschaftskritisch sein. Als Beispiel kann man die 5. Sinfonie von Dimitri Schostakowisch genannt werden, in der die Feierlichkeiten von Parteigremien und ihrem zeitlich exakt vorausgeplanten Unterhaltungsprogramm karikiert werden.

Gesellschaftskritik in Fotografie und Film

Seit den Anfängen der Fotografie haben immer wieder Fotografinnen und Fotografen, insbesondere in der Dokumentarfotografie, auf gesellschaftskritische Weise die soziale Realität dargestellt. Zu den Klassikern zählen die Dokumentation der Armut in den USA durch Lewis Hine sowie der Entfremdung durch Robert Frank (Les américains, 1957)[1]. Geradezu ikonischen Status erlangte das Bild einer erschöpften Frau von Dorothea Lange.

Im Film kann sich die Gesellschaftskritik direkt mit der Aufforderung zur Veränderung verbinden (wie z.B. in Kuhle Wampe) oder der Akzent liegt mehr auf der Dokumentation der Lebens- und Arbeitsbedingungen wie es häufig in Dokumentarfilmen der Fall ist (z.B. in Louis Malles Film über die Fabrikarbeit bei Citroën (HUMAIN TROP HUMAIN, Frankreich 1974)).

Literatur

Klassische Werke

Wichtige zeitgenössische Werke

Primärliteratur

  • Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt, in: ders., Sprache und Geschichte. Philosophische Essays, Stuttgart 1992, S. 104-131. ISBN 3-15-008775-9
  • Ehrhard Bahr (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen. Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland. ISBN 3-15-009714-2
  • Jack London: The Iron Heel, 1908 - zahlreiche Ausgaben, dt. Die eiserne Ferse, Ullstein Taschenbuch, ISBN 3548204546
  • Anne Tristan: Von innen : als Mitglied d. Front National in d. Hochburg Le Pens, Köln : Kiepenheuer u. Witsch, 1988, ISBN 3-462-01909-0

Einführungen[2]

  • Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie: Eine Einführung, Stuttgart: Schmetterling Verlag, 5. Auflage 2007, ISBN 3896575937
  • Werner Hofmann: Ideengeschichte der sozialen Bewegung, 6. erweiterte Auflage, Berlin, New York: de Gruyter, 1979
  • Gisela Hermes, Eckhard Rohrmann: Nichts über uns - ohne uns!: Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung, Neu-Ulm. AG Spak, 2006, ISBN 3-930830-71-X
  • María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan : Postkoloniale Theorie: Eine kritische Einführung, Bielefeld: Transcript, 2005, ISBN 3899423372
  • Andrea Trumann: Feministische Theorie: Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus, Stuttgart: Schmetterling Verlag, 2002, ISBN 3896575805

Nachschlagewerke

  • Axel Honneth (Hg.): Schlüsseltexte der Kritischen Theorie, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, ISBN 3531141082
  • Patricia D.Netzley, Social Protest Literature. An Encylopedia of Works, Characters, Authors and Themes: Santa Barbara, Denver, Oxford: ABC-Clio, 1999

Sonstige Sekundärliteratur

  • Stephan Moebius/Gerhard Schäfer (Hg.): Soziologie als Gesellschaftskritik. Wider den Verlust einer aktuellen Tradition, Hamburg: VSA-Verlag, 2006
  • Lothar Peter, "Neue soziale Bewegungen, soziale Frage und Krise der Arbeit: Sozialkritik in der französischen Soziologie heute", Teil I in: Sozial.Geschichte Jhrg.21 (2006), Heft 1, S. 9-32 - Teil II in: Sozial.Geschichte Jhrg.21 (2006), Heft 2, S. 34-51
  • Joseph Heath, Andrew Potter: Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur., Rogner & Bernhard, 2005 (Kritik an Gesellschafts- und Konsumkritik)

Filme

  • 1931 Mädchen in Uniform - Regie: Leontine Sagan - kritische Schilderung des Lebens in einem autoritären Mädcheninternat
  • 1932 Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? - Regie: Slatan Dudow
  • 1933 Borinage - Regie: Joris Ivens und Henri Storck, Militanter Film über das Elend der belgischen Bergarbeiter
  • 1948 Strange Victory - Regie: Leo Hurwitz

"He creates the image of an America that is complacent in its victory, prosperity and racism; the narrator warns: 'Nigger, kike, wop, take my advice and accept the facts – the world is already arranged for you'." Richard M. Barsam

  • 1953 Salt of the Earth - Salz der Erde, Regie: Herbert J. Biberman

Legendärer dokumentarischer Spielfilm über einen Streik in New Mexico. Nicht nur kämpfen die Arbeiter gegen die Firma sondern auch 'ihre' Frauen gegen ihre Machohaltung um voll aktiv an dem Streik teilnehmen zu 'dürfen'

  • 1964 The Cool World - Regie: Shirley Clarke — die grausame Realität des street life in den U.S.A.
  • 1968 La Hora de los hornos: Acto para la liberación: notas, testimonios y debate sobre las recientes luchas de liberación del pueblo argentino - Die Stunde der Feuer - Regie: Fernando Solanas - Klassiker des lateinamerikanischen politischen Kinos
  • 1968 Teorema - Regie: Pier Paolo Pasolini - Die Macht des Begehrens sprengt eine reiche Industriellenfamille
  • 1969 Yawar mallku - Blut des Condors - Regie: Jorge Sanjinés - kritische Auseinandersetzung mit dem einfluss der USA in Bolivien
  • 1969 Salesman - Regie und Schnitt: Albert and David Maysles und Charlotte Zwerin - Vier Handelsvertreter versuchen die Bibel zu verkaufen - einer der wichtigsten Filme des Direct Cinema
  • 1970 Le chagrin et la pitié - Das Haus nebenan - Chronik einer französischen Stadt im Kriege - Regie: Marcel Ophüls - Politisch bahnbrechender Film über die Kollaboration in Frankreich während der deutschen Besatzung
  • 1970 Warum läuft Herr R. Amok? - Regie: Rainer Werner Fassbinder - Der erniedrigende Wahnsinn des 'normalen' Lebens
  • 1971 Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt - Regie: Rosa von Praunheim - Dieser Film wurde zum Ausgangspunkt der zweiten Schulenbewegung
  • 1971 The Woman's Film - Regie: Louise Alaimo, Judy Smith
  • 1971 L’aggettivo donna, Annabella Misuglio, Italien, Dokumentarfilm - In den frühen siebziger Jahren wurden viele feministische Dokumentarfilme gedreht. L’aggettivo donna analysiert die doppelte Ausbeutung der Arbeiterinnen, die Isolation der Hausfrauen und die Abrichtung der in die Schulen einsperrten, von den anderen getrennten Kindern.
  • 1971 Wanda; Regie: Barbara Loden - intimes Porträt einer entfremdeten Frau
  • 1973 La Société du spectacle - Die Gesellschaft des Spektakels - Regie: Guy Debord
  • 1974 Angst essen Seele auf - Eindringlicher Spielfilm über Liebe und Sexualität angesichts von Rassismus, Sexismus und Altersdiskriminierung, Regie: Rainer Werner Fassbinder
  • 1975 Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles - Alltag einer Hausfrau – ein feministischer Klassiker -Regie: Chantal Akerman
  • 1976 Harlan County, U.S.A. - Regie: Barbara Kopple
  • 1978 Baara (Arbeit) - Regie: Souleymane Cissé
  • 1984 Before Stonewall - Regie: John Scagliotti and Greta Schiller
  • 2001 Intimacy - Regie: Patrice Chéreau - Intensiver Spielfilm über Einsamkeit, sexuelle Entfremdung und eine unmögliche Liebe
  • 2003 Gujarat: A Laboratory of Hindu Rastra, Fascism- Regie: Suma Josson - über den hinduistischen Fundamentalismus
  • 2004 Black Panthers (in Israel) speak out, Israel, Regie : Eli Hamo, Sami Halom Chetrit
  • 2004 Ratziti Lihiyot Gibor – On the Objection Front, Dokumentarfilm über die Refuseniks-Bewegung in Israel d.h. Soldaten, die sich weigern in den besetzten Gebieten zu dienen, Regie: Shiri Tsur
  • 2004 Memoria del saqueo - Geschichte einer Plünderung , Regie: Fernando E. Solanas – Eine leidenschaftliche und parteiische Geschichte des Neoliberalismus in Argentinien
  • 2004 Darwins Alptraum, Regie: Hubert Sauper
  • 2006 Atos dos Homens / Acts of Men, Regie: Kiko Goifman, Brazil/Germany, 75 min.

Ursprünglich als Geschichte der Todesschwadronen in Brasilien geplant, konzentriert sich der Film des Anthropologen Kiko Goifman auf ein Massaker, das Polizisten 2005 begingen. Goifman interviewt auch Killer, die sich selbst als Ordnungshüter verstehen.

Quellen

    1. Neuausgabe: Robert Frank, Die Amerikaner, Göttingen: Steidl, 2008
  • In die ältere Gesellschaftskritk (vor 1968) führt Hofmann ein; für die neuere Kritik gibt es, entsprechend der Zersplitterung der Kritik, kein ähnlich breit angelegtes Werk, daher sind mehrere Titel für die verschiedenen Richtungen angegeben.

siehe auch

Weblinks

deutsch

englisch

französisch


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