Alexander Rodtschenko
Alexander Rodtschenko und seine Frau Warwara Stepanowa

Alexander Michailowitsch Rodtschenko (russisch Александр Михайлович Родченко, wiss. Transliteration Aleksandr Michajlovič Rodčenko; * 5. Dezember 1891 in Sankt Petersburg; † 3. Dezember 1956 in Moskau) war ein russischer Maler, Grafiker, Fotograf und Architekt.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Kasaner Kunstschule

Rodtschenko studierte zunächst an der Kunsthochschule von Kasan. Im Zeitraum von 1910 bis 1912 gab Rodtschenko der Malerei den Vorzug. Seine Gemälde aus dieser Zeit sind reich an warmen Tönen, an Rot, Gelb und Ocker. Auch finden sich Experimente mit den Kontrastfarben Blau-Rot, Grün-Rot. Nach 1912 wuchs sein Interesse für Schwarz. Seine Kunst war in dieser Periode stark vom Jugendstil und Zeichnungen Aubrey Beardsleys beeinflusst (Damenfigur, 1913). Neben dem Studium gab er Zeichenunterricht und malte Dekorationen für Klubs. An der Kasaner Kunstschule lernte er seine spätere Frau Warwara Fjodorowna Stepanowa kennen. 1914 besuchte Rodtschenko die öffentlichen Lesungen der futuristischen Dichter Majakowski, Burljuk, Kamenski.

Umzug nach Moskau - Frühe Karriere

1914 beendete er die Kasaner Kunstschule und zog nach Moskau, wo er zwei Jahre lang an der Stroganow-Schule Bildhauerei und Architektur studierte. Nach der Teilnahme an der von Tatlin organisierten Ausstellung „Magazin“ begann Rodtschenko 1916, seine Werke auf Moskauer Ausstellungen zu zeigen und konnte bereits zu den Künstlern der russischen Avantgarde gezählt werden. Von 1918 bis 1922 arbeitet er in der Abteilung für Bildende Künste (ISO) des Narkompros (Kommissariat für Volksbildung) als Leiter des Museumbüros und als Mitglied des Kunstkollegiums. Ab 1914 wandte er sich der Gegenstandslosen Malerei zu. 1915 fertigte er eine Serie von abstrakten Zeichnungen an, die als Zirkel-Lineal-Serie bezeichnet werden. Im Gegensatz zur abstrakten Malerei von Wassily Kandinsky bedürfen diese Bilder keiner zusätzlichen Theorien und Assoziationen, sondern sind reiner Formalismus.

Von September 1919 bis Oktober 1920 lebte Rodtschenko mit seiner Frau Wera Stepanowa im Haus von Wassili Kandinsky in der Dolgy-Gasse 8. Von 1918 bis 1920 nahmen sie gemeinsam an der 5., 10. und 19. Staatlichen Gemäldeausstellung und 1921 an der Ausstellung „5 x 5 = 25“ teil.

Lineismus und Raumkonstruktionen

1919 begann Rodtschenko die Arbeit an einem großen Zyklus linearer Kompositionen,die er „Lineismus“ nannte. Der Künstler zeigte, dass die Linie in der Malerei und Graphik als eigenständige Form fungieren kann. Der Lineismus bildete die Grundlage für Rodtschenkos räumliche Konstruktionen, die er in den Jahren 1920/21 schuf. Die Raumkonstruktionen sind im allgemeinen aus Linien und Flächenfiguren gebildet, die statisch oder dynamisch in verschiedenen Winkeln an einer Achse angebracht sind. Am Anfang arbeitet der Künstler mit geschlossenen geometrischen Strukturen, die aus geraden Elementen von der Form eines Kreises, Dreiecks oder Rechtecks bestehen, und einfache räumliche Probleme lösen. Später fügt er Flächenelemente von geschweifter Kontur und offenen Formen hinzu, die die Räumlichkeit vortrefflich zur Geltung bringen und die Licht-Schatten-Effekte verstärken. Die späteren Raumkonstruktionen stellen die Lösung komplizierterer Raumverhältnisse dar. Als Material verwendete er Holz.

Ende der reinen Kunst - Produktivismus

Von 1920 bis 1923 waren Rodtschenko und Stepanowa Mitglieder des Instituts für Künstlerische Kultur (INChUK). Rodtschenko war Leiter des Büros des „Museums für Kultur“ sowie Mitglied des Präsidiums des INChUK, wo er von 1920 bis 1921 der Gruppe für objektive Analyse angehörte. In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts arbeitete er als Maler und Graphiker und schuf vor allem Auftragsarbeiten. 1921 malte Rodtschenko sein letztes Bild, ein Triptychon in Rot, Gelb und Blau, das das Ende der Malerei signalisieren sollte. Danach gab er die Versuche und Experimente auf dem Gebiet der reinen Kunst auf und wendete sich der produktivistischen Kunst zu. Die Ideologie des Produktivismus lehnte die traditionelle Funktion der Kunst ab, die in Museen ausgestellt wird oder als Dekoration dient. Er beschäftigte sich mit Arbeiten im Bereich von Graphik, Gestaltung und Kunsthandwerk. Nach der Aussage Rodtschenkos sollte die Kunst das Museum verlassen und in Form von Gegenständen zum Element der gesellschaftlichen Seins werden. Ab diesem Moment nimmt die Kunst Rodtschenkos einen sozialen Charakter an. Von 1920 bis 1930 war Rodtschenko Professor an den Wchutemas und Wchutein, ab 1922 Dekan an der Fakultät für Metallverarbeitung.

In den Jahren 1921/22 versuchte er sich gleichzeitig auf dem Gebiet des Theaters, des Films und der Polygraphie, nahm an den Wettbewerben für Abzeichen, Schutzmarken und Gebrauchsgegenstände teil und arbeitete er an Projekten für Berufsbekleidung und Skizzen für ein Teeservice. Außerdem arbeitete er für Alexei Gans Zeitschrift „Kino-fot“. Ab 1923 arbeitete Rodtschenko im Bereich der Typographie bei den Verlagen „Molodaja gwardia“, „Gosisdat“, „Krug“, „Transpetschat“, den Zeitschriften „LEF“, „Nowy LEF“ u.a.. Handelsreklame und Polygraphie waren das erste Gebiet, auf dem Rodtschenko nicht nur gelegentlich, sondern ab 1923 ständig tätig war. Sein neuer Interessenkreis führte zu einer engen schöpferischen Zusammenarbeit mit dem Dichter Majakowski. Er schuf Illustrationen für dessen Poem „Pro eto“. Zusammen verfertigten sie in knapp zwei Jahren etwa 50 Plakate, fast 100 Firmenschilder, Pack- und Bonbonpapiervorlagen, Leuchtreklamen sowie Bildreklamen für Zeitungen und Zeitschriften. Sie arbeiteten für das Warenhaus GUM, Mosselprom, Gosisdat, Resinotorg und für die Gewerkschaften. Der Inhalt von Majakowskis und Rodtschenkos Reklametätigkeit wuchs weit über die Werbung für Produkte der staatlichen Unternehmen hinaus. Der Dichter und der Künstler agitierten auch für die Entwicklung der Technik, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und andere gesellschaftliche Belange. Rodtschenkos Stil der Reklamegraphik war einfach und klar und harmonierte mit den lakonischen, wortspielerischen Zweizeilern von Majakowski. Die Werbetexte und Bilder waren maximal funktionsgerecht, frei von jeder überflüssigen Information. Rodtschenko arbeitete mit großen, einfach geformten, leicht lesbaren Buchstaben und benutzte oft große Ausrufe- und Fragezeichen. Die Anwendung des Pfeils in der Komposition, der Symmetrie der Anordnung der Buchstaben und anderer graphischer Elemente erleichterte die Entschlüsselung des Plakats für den Betrachter.

Collage

Rodtschenko war der erste Künstler in der USSR, der anfing mit der Technik der Collage zu arbeiteten. Der Künstler bevorzugte abstrakte Collagen, bei denen er aus nichtfigürlichen Elementen oder durch Kombination von Zeitungs- bzw. Lichtbildfragmenten und nichtfigürlichen Elementen abstrakte Kombinationen bildete. Von der Collage ging Rodtschenko zur Fotomontage über.

Fotografie

Vom Dadaismus beeinflusst, gelangte er über die Fotomontage zur Fotografie, wobei er bald zu einem wichtigen Vertreter der russischen Konstruktivisten wurde. Er wurde besonders durch seine ungewöhnlichen Perspektiven bekannt, aber auch durch die starke abstrakt-grafische Wirkung seiner Aufnahmen. Unter dem Einfluss der geänderten politischen Vorgaben in den dreißiger Jahren wandte er sich der Reportage- und Sportfotografie zu, bevor er 1942 die Fotografie ganz aufgab und wieder als Maler arbeitete.

Berühmte Aufnahmen sind z.B. Die Treppe, Mädchen mit Leica oder Portrait der Mutter. Seine Standardkameras waren die Leica und die FED des sowjetischen Herstellers FED (Charkow; heutige Ukraine).

Werke (Auswahl)

  • 1924 gestaltete Rodtschenko die zehn Titelseiten der Heftroman-Serie Mess Mend oder die Yankees in Leningrad von Marietta Schaginjan

Literatur

  • Tupitsyn, Margarita: Alexander Rodschenko - Das neue Moskau. HC 24,5 x 31,5 cm, 120 S., 81 Abb. Schirmer/Mosel (Katalog der Wanderausstellung des Sprengel-Museums Hannover mit Fotografien aus der Sammlung L. und G. Tarunz)
  • Lavrentiev, Alexander: Alexander Rodchenko: Photography 1924-1954. Köln 1995
  • Noever, Peter: Alexander M. Rodtschenko, Warwara F. Stepanowa, die Zukunft ist unser einziges Ziel .... München 1991
  • Karginov, German: Rodschenko. Budapest 1979
  • Ródtxenko. La construcció del futur. Barcelona 2008 (Katalog der Ausstellung der Caixa Catalunya Barcelona)

Weblinks


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