Alexandra (Werk Lykophrons)

Die Alexandra ist ein dramatischer Monolog eines sonst unbekannten Autors namens Lykophron, möglicherweise von Chalkis auf der Insel Euböa wie sein gleichnamiger Vorgänger (Vorfahr?) aus dem frühen 3. Jahrhundert v. Chr., mit dem er häufig verwechselt wird. Das Werk entstand zwischen 196 und 190 v. Chr. und besteht im Hauptteil aus einer Weissagung der trojanischen Seherin Kassandra, die hier Alexandra genannt wird. In einer besonders „dunklen“, schwer verständlichen Sprache verkündet sie den Untergang Trojas, die Schicksale der darin verwickelten Helden und weitere Ereignisse bis hin zur Zeit der Abfassung.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt und Charakter des Werks

Kassandra, die „Alexandra“ bei Lykophron, hier nach einem Gemälde von Evelyn De Morgan

Das 1474 Zeilen umfassende Werk ist in Senaren („Sechsern“) oder jambischen Trimetern verfasst, dem Versmaß der Szenen der griechischen Tragödie. Paris ist nach Sparta aufgebrochen, um dort Menelaos’ Frau Helena zu rauben, was zum Ausbruch des trojanischen Krieges führen sollte. Kassandra ist in der Obhut eines von ihrem Vater Priamos bestellten Wächters zurückgeblieben. Der Text ist der Bericht dieses Wächters an Priamos über die von Kassandra ausgesprochenen Verwünschungen.

Nachdem sie an die erste Zerstörung Trojas durch Herakles erinnert hat, stellt Kassandra den Ausbruch und Verlauf des trojanischen Krieges dar, dann in einem großen Mittelteil die tragischen Ereignisse bei der Heimkehr der griechischen Helden. Hier steht wiederum der Bericht über die Irrfahrten des Odysseus im Mittelpunkt, seine Heimkehr zur ausschweifend lebenden Penelope und seine schließliche Ermordung. Den Schicksalen der Griechen wird die erfolgreiche Ansiedlung des Aeneas in Italien gegenüber gestellt und der Ausblick auf die Größe Roms.

Im Schlussteil weitet sich das Panorama zur Darstellung des „ewigen Kampfes“ zwischen Europa und Asien, der schon in sagenhafter Zeit hin- und herwogt, zu den Perserkriegen und zu Alexander dem Großen führt, bis „in der sechsten Generation“ nach diesem ein Verwandter Kassandras die Makedonen besiegen und einen Frieden schließen wird, der den uralten Frevel der gegenseitigen Kriege behebt. Die Rede der Kassandra endet resigniert, da sie die vielen Katastrophen nicht aufhalten kann, der Wächter schließt mit einem Segensspruch für die Troer.

Die bereits im Lexikoneintrag der Suda vermerkte Dunkelheit des Gedichts (to skoteinon poiema)[1] beruht zum einen auf seinem gesuchten, von Archaismen, Dialektformen und Neologismen überbordenden Wortschatz: Von den 3000 Wörtern des Gedichts erscheinen immerhin 518 nur hier, weitere 117 hier zum ersten Mal. So klar der Aufbau im Ganzen ist, so steckt das Gedicht im Einzelnen doch voller Abschweifungen, die oft noch ineinander geschachtelt sind. Nach der Ermordung des Odysseus und der seines Sohnes Telemach wird so auch die von Herakles, dem Sohn Alexanders des Großen erzählt bzw. prophezeit.

Die größte Schwierigkeit besteht aber darin, dass die Hauptfiguren und die wichtigen Schauplätze grundsätzlich nicht mit Namen genannt, sondern vielfältig umschrieben werden: Personen mit Hinweisen auf ihre Taten und mit Tiervergleichen, wobei derselbe Tiername (Löwe, Drache, Wolf ...) immer wieder andere Personen meint; und geographische Orte, indem sie mit entlegenen, kaum bekannten Winkeln in ihnen identifiziert werden. Hier haben sich die Gelehrten seit der Antike um Aufklärung bemüht, manche Rätsel sind aber nicht mehr lösbar.

Das Werk besticht durch seine außerordentliche Gelehrsamkeit, die es in der Spätantike zu einer gern benutzten Quelle für seltene Namen und Ausdrücke machte, hat aber wenig genuin literarischen Reiz. Konrat Ziegler wirft Lykophron vor, dass er kein Register der psychrotes (des literarischen Schwulsts, den Aristoteles seinem Namensvetter aus dem 4. Jahrhundert vorwarf) unbespielt gelassen habe, Barthold Georg Niebuhr nennt das Werk fast ungenießbar.

Die Verfasserfrage

Die Suda nennt als Autor den Tragödiendichter Lykophron aus Chalkis aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Bereits in den ältesten Scholien, die vermutlich auf Theon zurückgehen, einen Grammatiker der augusteischen Zeit, der die Alexandra herausgab, wird jedoch vermerkt, dass es sich um einen anderen Lykophron handeln muss, denn am Ende des Werks werden spätere Ereignisse berichtet. Johannes Tzetzes übernimmt in seinem Kommentar die Angabe der Suda.

1788 versuchte der Herausgeber Heinrich Gottfried Reichard die frühe Datierung des Werks zu retten, indem er die letzten Prophezeiungen auf die Niederlage des Pyrrhus gegen die Römer 275 v. Chr. bezog, die damit in die Lebenszeit Lykophrons aus Chalkis gefallen wäre. In der Folge wurde vorgeschlagen, die auf Rom bezüglichen Prophezeiungen als spätere Hinzufügungen anzusehen. Barthold Georg Niebuhr plädierte dagegen für die Einheitlichkeit des Werks und für die spätere Datierung. Der bedeutende Altphilologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff verteidigte sein Leben lang die Zuschreibung zu Lykophron aus Chalkis, zunächst, indem er auch die letzten Prophezeiungen mit Ereignissen im Leben Alexanders des Großen in Verbindung brachte, und als sich das nicht halten ließ, indem er vertrat, dass der Schluss des Werks zu seiner Zeit immerhin eine tatsächliche Prophezeiung sein konnte.

Letzterem widersprechen erst später erforschte Details, die die Verarbeitung von Ereignissen des zweiten makedonisch-römischen Kriegs außer Zweifel stellen. Dieser endete nach dem Sieg der Römer in der Schlacht von Kynoskephalai 197 v. Chr. mit einem Friedensschluss zwischen Titus Quinctius Flamininus und Philipp V. von Makedonien, bei dem der philhellenisch eingestellte römische Feldherr den Makedonen und Griechen sehr günstige Bedingungen zugestand.

In der teilweise bis heute geführten Diskussion wurden vor allem der Bezug der letzten Prophezeiungen auf Pyrrhus und die Einschubsthese immer wieder vertreten, letztere z. B. von Peter Marshall Fraser in seinem großen Werk Ptolemaic Alexandria von 1972[2]. Gegen die Einschubsthese spricht die stilistische Einheitlichkeit des Werks und sein logischer Zusammenhang, der auf die Versöhnung von Griechen und Römern hinausläuft.

Ein konkretes Argument für die Zuschreibung zum älteren Lykophron aus Chalkis war stets, dass der Grammatiker Aristophanes von Byzanz diesem vorwirft, einen Dialektausdruck aus Euböa benutzt zu haben, der sich auch in der Alexandra findet: Nichts verhindert jedoch, dass dieser Ausdruck von Lykophron aus Chalkis eben auch in einem anderen Werk verwendet wurde.

In der Alexandra fehlt nicht zuletzt jeder Hinweis auf die ägyptischen Verhältnisse, wie er bei dem in Alexandria wirkenden älteren Lykophron nahegelegen hätte, selbst wenn dieser das Werk nach einer Rückkehr nach Chalkis verfasst hätte.

Die wesentlichen Argumente wurden 1927 von Konrat Ziegler in seinem Realencyclopädie-Artikel zusammengetragen und belegt. Wie S. Josefovic 1974 feststellte, wurden in der Zeit bis dahin keine neuen Argumente gegen sein Ergebnis vorgebracht, und auch Fraser schloss sich ihm in einer späteren Veröffentlichung an.[3]

Es wird angenommen, dass auch der Verfasser des Werks aus Chalkis stammte und denselben Namen trug wie der alexandrinische Autor, was dann zur Verwechslung führte.

Ausgabe

  • Lykophron: Alexandra, Griechisch und Deutsch mit erklärenden Anmerkungen von Carl von Holzinger, Leipzig 1885

Literatur

Weblinks

Anmerkungen

  1. Suda, Lambda 827.
  2. Ptolemaic Alexandria, 3 Bde., Oxford: Clarendon 1972, Bd. 2, S. 1065-1067
  3. Report of the Department of Antiquities Cyprus, 1979, S. 328-343, nach dem Hinweis in Bardo Gaudy u. a. (Hg.): Musa tragica. Die griechische Tragödie von Thespis bis Ezechiel, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, S. 297.

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