Alexandra Kollontai

Alexandra Michailowna Kollontai (russisch Александра Михайловна Коллонтай, wiss. Transliteration Alexandra Michajlovna Kollontaj; * 19. Märzjul./ 31. März 1872greg. in Sankt Petersburg; † 9. März 1952 in Moskau) war eine russische Revolutionärin, Diplomatin und Schriftstellerin.

Alexandra Kollontai

Inhaltsverzeichnis

Leben

Die Tochter eines russischen Generals und einer finnischen Mutter erhielt ihre Schulbildung – dem Stand ihres Vaters entsprechend – durch Hauslehrer. Das Abitur legte sie am zaristischen Gymnasium in St. Petersburg ab. 1898, im Alter von 26 Jahren, immatrikulierte sie sich an der Universität Zürich für die Fächer Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Bereits als Gymnasiastin hatte sie sich der sozialistischen Bewegung angeschlossen, für die sie auch in Zürich arbeitete. In ihren Schriften thematisierte sie vor allem die Situation der Frau und forderte von Anfang an die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Da sie in ihren Schriften vehement gegen die Regierung agitierte, wurde sie mehrfach verhaftet und angeklagt. 1908 verließ Kollontai Russland und ging ins Exil nach Paris, später dann in die USA. In diesen Jahren stand sie Lenin sehr kritisch gegenüber, da dieser annahm, dass eine Revolution im Familienleben in der Zeit unmittelbar während und nach der proletarischen Revolution nur eine untergeordnete Rolle spielen können würde.

Den Ausbruch des ersten Weltkriegs erlebte Kollontai in Deutschland. Da aber die Sicherheit ihres Aufenthaltes nicht mehr zu garantieren war, reist sie nach Schweden aus. Bald aber musste sie ihrer marxistischen Schriften wegen auch Schweden verlassen und ging nach Norwegen.

Im Februar 1917 ging Kollontai zurück nach Russland und schloss sich Lenin an. Sie setzte sich für die Räte ein, agitierte gegen die provisorische Regierung und gehörte noch im selben Jahr dem Exekutivkomitee des Petersburger Sowjet an. Im Juli 1917 wurde sie von Alexander Kerenskij, dem Ministerpräsidenten der provisorischen Regierung, des Landesverrats bezichtigt und daraufhin verhaftet. Nach dem Sieg der Bolschewiki war sie bis März 1918 im Kommissariat für Volkswohlfahrt tätig, gehörte als erste Frau dem revolutionären sowjetischen Kabinett an und war damit gleichzeitig die erste Ministerin der Welt. 1920 übernahm sie den Vorsitz der Frauenabteilung beim ZK der KPdSU.

Sie, die alleinerziehende Mutter und Volkskommissarin für soziale Fürsorge, setzte in der jungen Sowjetunion durch, dass das Eherecht gelockert und der Mutterschutz verbessert wurde. Sie erkämpfte das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und schlug Volksküchen und kollektive Kindererziehung vor.

Sie propagierte sogenannte Kommunehäuser, freie Liebe und Sexualität. Diese Ideale versuchte sie in einer Zeit zu verwirklichen, als es noch darum ging, die Revolution gegen die Weißen Garden und die Interventionsarmeen zu sichern, und stieß daher bei Lenin auf Kritik.[1]

Kollontai war zeitlebens überzeugte Feministin und Sozialistin. Bereits 1905 hatte sie sich für autonome Frauenabteilungen innerhalb der Kommunistischen Partei eingesetzt. Sie grenzte sich aber scharf von der bürgerlichen feministischen Bewegung ab, da sie die These vertrat, dass nur im Sozialismus eine Gleichberechtigung von Frau und Mann erfolgen könne.

"Nicht die sexuellen Beziehungen bestimmen das moralische Ansehen der Frau, sondern ihr Wert im Arbeitsleben, bei der gesellschaftlich-nützlichen Arbeit."
Die junge Alexandra Kollontai

Mit ihrer Kritik an der Bürokratie geriet sie auf dem X. Parteitag im März 1921 in den Ruch der parteifeindlichen Opposition, was wohl auch dazu führte, dass sie – freiwillig oder "weggelobt" – Funktionen im Ausland übernahm.

1923 wurde sie Gesandte der Sowjetunion in Norwegen und somit die erste akkreditierte Diplomatin weltweit. Hier war es ihr Verdienst, dass Norwegen nicht nur die Sowjetunion anerkannte, sondern auch 1925 einen sehr wichtigen Wirtschaftsvertrag abschloss. Im November 1926 wechselte sie nach Mexiko und ein Jahr darauf nach Oslo. Von November 1930 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete Kollontai in Stockholm, wo sie 1944 zum Waffenstillstand mit Finnland beitrug und diesem Land so den Ausstieg aus dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte.

Als 1935 die Sowjetunion in den Völkerbund aufgenommen wurde, gehörte Kollontai auch der russischen Delegation in Genf an. Eine große Rolle spielte Kollontai bei den schon erwähnten russisch-finnischen Friedensverhandlungen: Dafür verlieh ihr Stalin am 20. September 1942 den Botschaftertitel.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zog sich Kollontai von allen Ämtern zurück und verabschiedete sich nach Moskau in den Ruhestand, blieb dort aber bis zu ihrem Tod am 9. März 1952 eine wichtige Beraterin des sowjetischen Außenministeriums. Ihr Grab befindet sich auf dem Moskauer Friedhof des Neujungfrauen-Klosters.

Werke

Kollontay 1918 (für die Genossin und Freundin Louise Bryant)
  • Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin. Guhl-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-88220-015-4
  • Ich habe viele Leben gelebt… Autobiographische Aufzeichnungen. Dietz-Verlag, Berlin/DDR 1987, ISBN 3-7609-0523-4 (gegenüber der russ. Ausgaben leicht gekürzt, mit 50 Abb.)
  • Mein Leben in der Diplomatie. Aufzeichnungen aus den Jahren 1922 bis 1945. Dietz-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-320-02043-9
  • Die neue Moral und die Arbeiterklasse. Verlag Frauenpolitik, Münster 1977, ISBN 3-88175-025-8
  • Die Situation der Frau in der gesellschaftlichen Entwicklung. 14 Vorlesungen. Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1977, ISBN 3-8015-0140-X
  • Wassilissa Malygina. Erzählungen über "Wege der Liebe" im frühen Sowjet-Russland. Frauen zwischen Ehe und Revolution. Verlag Roter Stern, Frankfurt/M. 1974, ISBN 3-87877-067-7 (Repr. d. Ausg. Berlin 1925)
  • Wege der Liebe. Drei Erzählungen. Der Morgenbuch-Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-371-00357-4 (Repr. d. Ausg. Berlin 1925)
  • Der weite Weg. Erzählungen, Aufsätze, Kommentare. Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1979, ISBN 3-8015-0160-4

Literatur

  • Barbara Evans Clements: Bolshevik feminist. The life of Aleksandra Kollontai. Indiana Univ. Pr., Bloomington 1979, ISBN 0-253-31209-4
  • Beatrice Farnsworth: Aleksandra Kollontai. Socialism, feminism and the Bolshevik revolution. Stanford Univ. Pr., Stanford, CA 1980, ISBN 0-8047-1073-2
  • Cathy Porter: Alexandra Kollontai. A biography. Virago Press, London 1980, ISBN 0-86068-013-4
  • Gabriele Raether: Alexandra Kollontai zur Einführung. Junius-Verlag, Hamburg 1986, ISBN 3-88506-822-2
  • Sinowi Schejnis: Alexandra Kollontai. Das Leben einer ungewöhnlichen Frau. Verlag Neues Leben, Berlin 1984, ISBN 3-88012-696-8

Einzelnachweise

  1. Lenin nannte ihre Sexualmoral abwertend „Glas-Wasser-Theorie“.

Weblinks



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