Gratifikationskrise

Unter dem Modell der Gratifikationskrise versteht man ein von Johannes Siegrist postuliertes Modell der Krankheitsentstehung.

Inhaltsverzeichnis

Erklärung des Modells

Nach dem Modell der Gratifikationskrise erkrankt eine Person dann, wenn sie sich stark verausgabt und dafür nicht in angemessener Weise entschädigt wird. Wenn der eigene Einsatz (etwa in Form von Engagement, Wissen, Zeit, Identifikation, Leistung und Persönlichkeit) nicht durch entsprechende Belohnung (etwa in Form von ausbildungsadäquater Beschäftigung, Lohngerechtigkeit, Arbeitsplatzsicherheit, Weiterbildungs-, Karriere- und Einflussmöglichkeiten) kompensiert wird, so entstehe dadurch das als „Gratifikationskrise“ bezeichnete Krankheitspotential.

Das Modell wird vor allem auf die Arbeitswelt angewendet. Hier sind insbesondere Arbeitnehmer in Berufen, die nur einer geringen Qualifikation bedürfen, betroffen. Diese verausgaben sich stark, erhalten jedoch nur geringe gesellschaftliche Belohnungen wie Geld oder Prestige. Die Prävention von Gratifikationskrisen ist daher auch ein Aspekt des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Als Gründe, warum berufliche Gratifikationskrisen über längere Zeiträume von den Betroffenen hingenommen werden, nennt Siegrist: eine Abhängigkeit auf Grund fehlender Alternativperspektiven auf dem Arbeitsmarkt, eine strategische Entscheidung mit dem Ziel der Verbesserung künftiger Karrierechancen oder eine übersteigerte Verausgabungsneigung als ein motivationsbezogenes Muster exzessiver Leistungsbereitschaft.[1]

Man kann das Modell der Gratifikationskrise auch auf nichtberufliche Situationen beziehen. So sind alleinerziehende Mütter oft betroffen. Dieser Personenkreis wird trotz seiner Verausgabung von der Gesellschaft nur wenig mit Geld oder Prestige belohnt. Tatsächlich gehören alleinerziehende Mütter zur Personengruppe, die am häufigsten an psychischen Krankheiten erkrankt.[2]

Gratifikationskrise und psychische Belastung

Gratifikationskrisen sind eine starke psychologische Belastung. Dies führt zur Entstehung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen.[3]

Gratifikationskrise und Gesundheitsverhalten

Personen in der Gratifikationskrise verhalten sich weniger gesundheitsbewusst als andere Personen. Die Gratifikationskrise fördert das Stresstrinken und das Rauchen.[4] Es ist nachweisbar, dass Personen aus der Unterschicht weit häufiger rauchen, als Personen aus anderen Schichten.[5] Dies wird von Helmert und anderen auf die Gratifikationskrise zurückgeführt.[4]

Schichtspezifische Gesundheit

Es gibt eine Reihe von Krankheiten, die in der Unterschicht häufiger auftreten als in der Mittelschicht oder Oberschicht. Dazu zählen:

Dies wird von Mielck und anderen unter anderem auf Gratifikationskrisen zurückgeführt.[8]

Natürlich ist Sozialschichtangehörigkeit bei diesen Krankheiten nur ein Faktor unter vielen.

Einzelnachweise

  1. Johannes Siegrist: Die Motivation zu gesundem Verhalten im Betrieb. 8. November 2007, abgerufen am 30. Juni 2008 (PDF). S. 9.
  2. Mielck, A. (Hrsg.): Krankheit und soziale Ungleichheit. Opladen: Leske + Budrich; Helmert et al.: Müssen Arme früher sterben? Weinheim und München: Juventa
  3. Mielck, A. (Hrsg.): Krankheit und soziale Ungleichheit. Opladen: Leske + Budrich; Helmert et al.: Müssen Arme früher sterben? Weinheim und München: Juventa
  4. a b Helmert et al.: Müssen Arme früher sterben? Weinheim und München: Juventa
  5. http://www.tabakkontrolle.de/pdf/Factsheet_Rauchen_und_soziale_Ungleichheit.pdf
  6. Kursbuch Gesundheit, Kapitel: Chronische Bronchitis
  7. Übergewicht und Armut: schlechte finanzielle Situation erhöht Risiko für Adipositas
  8. Mielck, A. (Hrsg.): Krankheit und soziale Ungleichheit. Opladen: Leske + Budrich; Winkler, J. und Stolzenberg, H.: (1999): Der Sozialschichtindex im Bundesgesundheitssurvey. Gesundheitswesen 61. Sonderheft 2

Siehe auch

Weblinks


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