Grote Mandrenke

Grote Mandrenke

Die Zweite Marcellusflut oder Grote Mandränke (Große Manntränke) bezeichnet eine verheerende Sturmflut, die am 15. Januar 1362 begann, am 16. Januar – dem Tag „Marcelli Pontificis“, d.h. Marcellus I., nach welchem sie auch den Namen Marcellusflut erhielt – ihren Höhepunkt erreichte und erst am 17. Januar wieder abfiel. Die Chroniken sprechen für die gesamte Nordseeküste von 100.000 Toten, eine Zahl, die wahrscheinlich übertrieben ist.

Inhaltsverzeichnis

Die Vorbedingungen

Deiche

Im frühen Mittelalter hatten die Menschen begonnen, sich mit Deichen vor dem Wasser zu schützen. Meist waren es zwar nur niedrige Deiche, um die Äcker während der Vegetationsphase zu schützen, jeder Deichbau hat jedoch zur Folge, dass die eingedeichten Gebiete durch natürliche oder künstliche Entwässerung durch Siele absacken, was nicht mehr durch Sedimentablagerung bei regelmäßigen Überflutungen ausgeglichen wird. Gleichzeitig nimmt in den abgedämmten Prielen der Tidenhub zu.

Landnutzung

Der Torfabbau zum Gewinn von Brennmaterial und Salz ließ das Land weiter absinken, oft unter Höhe des Meeresspiegels, so dass nach einem Deichbruch das eingebrochene Wasser nicht mehr abfließen konnte.

Auch bietet gepflügter Boden dem Wasser eine größere Angriffsfläche als durchgehender Pflanzenbewuchs. Überflutungen führen zu Erosion. Zudem erfordert Ackerbau Entwässerung, was wieder die Senkung des Bodens fördert.

Frühere Sturmfluten

Zwar fiel der Wasserspiegel der Nordsee zwischen 1000 und 1400, trotzdem wurde die Nordseeküste im 13. und 14. Jahrhundert von jeweils rund 25 schweren Sturmfluten mit großen Landverlusten heimgesucht. Dabei verursachten vor allem nachfolgende Fluten selbst bei geringerer Höhe schwere Schäden, wenn sie durch die vertieften Priele auf noch nicht wiederhergestellte Deiche trafen.

Die sogenannte Krise des 14. Jahrhunderts

Eine Klimaveränderung, der Beginn der sogenannten Kleinen Eiszeit, hatte in den Jahrzehnten vor der Flut für schlechtere Ernten in den Küstengebieten gesorgt, so dass die Bewohner weniger vermögend waren als noch zu Anfang des 14. Jahrhunderts. Der Schwarze Tod, die große europäische Pandemie (meist als Pestepidemie bekannt), der sich auch an den Nordseeküsten ausbreitete, dezimierte die Bevölkerungszahl. Die geschwächte Bevölkerung war nicht mehr in der Lage, die Deiche zu unterhalten.

Die Flut

Der Chronist Anton Heimreich berichtete über die nordfriesische Küste, dass die stürmische Westsee vier Ellen (etwa 2,4 Meter) über die höchsten Deiche gegangen sei, dass die Flut 21 Deichbrüche verursachte, der Ort Rungholt zusammen mit sieben anderen Kirchspielen in der Edomsharde (Uthlande) unterging und 7.600 Menschen umkamen. In einer Kopie des Schleswiger Stadtbuchs findet sich für die Flut der Eintrag:

Anno MCCCLXII, am XVI. Tage des Januars, da war eine große Wasserflut im Frieslande, darin auf dem Strande 30 Kirchen und Kirchspiele ertranken. [1]

Die Fluten durchstießen die Marschen zum Teil bis zum Geestrand. Die alte Küstenlinie wurde vollkommen zerstört, die Priele, vorher nur flache, bei Ebbe trockenfallende Tiefs zwischen den nahe beieinander liegenden Marschinseln, vertieften sich zu Wattströmen, die mit jeder folgenden Flut das Wasser tiefer in das Land vordringen ließen. In Nordfriesland entstanden die ersten Halligen.

Wie viel Land insgesamt verloren ging, lässt sich nicht genau rekonstruieren, da aus dieser Zeit keine exakten Karten existieren. Die Namen der untergegangenen Kirchen und Orte in Nordfriesland lassen sich aus dem Waldemar-Erdbuch und Kirchenregistern erschließen. Ganz so weit nach Westen, wie es die Rekonstruktion von Johannes Mejer um 1650 darstellt, reichte das Land jedoch vermutlich nicht.[2]

Da die Bewohner in den Jahren nach der Flut nicht in der Lage waren, die Deiche wieder aufzubauen, ging in den Fluten der folgenden Jahrzehnte weiteres Land verloren, so dass in Nordfriesland insgesamt 44 Kirchen und Kirchspiele betroffen waren. Der Norderhever entstand als großer Priel im Watt, der nach der Burchardiflut die Reste Strands endgültig entzweiriss.

In Ostfriesland wurden die Leybucht und die Harlebucht durch die Flut vergrößert. Am Jadebusen bildete sich das Schwarze Brack zwischen Ellens, Sande und Neustadtgödens, Butjadingen und Stadland wurden zu Inseln. Bei Emden brach auf der gegenüberliegenden Seite der Emsdeich, was zum ersten Dollarteinbruch und zum Untergang des Dorfes Janssum führte. Bei der Harlebucht gingen das Kirchdorf Otzum und weitere Dörfer verloren. Vermutlich ist auch die Insel Juist durch die Marcellusflut von 1362 von Borkum getrennt worden.

Die Folgen

In der Flut waren große Flächen Kulturland verlorengegangen.

Nach dieser Flut begann die Landgewinnung in Nordfriesland, d. h. die Menschen versuchten, dem Meer das verlorene Land durch organisierten Deichbau wieder abzuringen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man nur niedrige Sommerdeiche gebaut, die das bebaute Land lediglich vor den meist niedrigeren Sturmfluten im Sommer schützten. Vor den Gewalten des Meeres schützte man sich in erster Linie durch die Errichtung von Warften. Nach der verheerenden Flut lagerten sich auf den höher und geschützter gelegenen Flächen des untergegangenen Landes neue Sedimente ab und ließen neue Schichten fruchtbaren Marschbodens entstehen. Dieser „Anwachs“ wurde eingedeicht und zu neuen Kögen gewonnen.

Die Wirkung der Flut blieb als so verheerend in Erinnerung, dass die Burchardiflut, die große Teile der übrig gebliebenen Insel Alt-Nordstrand zerstörte, auch als Zweite Grote Mandränke bezeichnet wurde. Die Geschichte Rungholts wurde oft mythisch überhöht, heute am bekanntesten wohl durch Detlev von Liliencrons Gedicht Trutz, Blanke Hans. Erst als 1938 Reste des historischen Rungholts gefunden wurden, erkannte die Geschichtswissenschaft die ehemalige reale Existenz des Ortes an.

Funde

Am Stollhammer Deich im Landkreis Wesermarsch, nahe der Nordostecke des Jadebusens wurden die Reste einer Dorfwurt aus dem 11. oder 12. Jahrhundert entdeckt, die wahrscheinlich Opfer der zweiten Marcellusflut wurde. Die Funde, die unter einer 1,3 m dicken Kleischicht gemacht wurden, bestehen aus Backstein- und Basaltbruchstücken (Mühlstein), Holz, Keramik, Leder, Metall- und Knochenobjekten, Schlacken und Stoff.

Siehe auch

Literatur

  • Marcus Petersen, Hans Rohde: Sturmflut. Die großen Fluten an den Küsten Schleswig-Holsteins und in der Elbe, Neumünster 1977
  • Landesamt Niedersachsen: Archäologie in Deutschland. 4/99, Seite 39–40

Einzelnachweise

  1. Albert Panten: Die Nordfriesen im Mittelalter. In: Nordfriisk Instituut (Hrsg.): Geschichte Nordfrieslands. Heide Boyens & Co 1995. ISBN 3-8042-0759-6 S. 72
  2. Vgl. die Darstellungen in Jürgen Newig: Die Küstengestalt Nordfrieslands im Mittelalter nach historischen Quellen [1] (PDF; 1,23 MB)

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