1984 (Roman)

1984 ist ein Roman von George Orwell (eigentlich Eric Arthur Blair), geschrieben von 1946 bis 1948,[1] und erschienen im Juni 1949, in dem die Dystopie eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates im Jahre 1984 dargestellt wird. Protagonist der Handlung ist Winston Smith, ein einfaches Mitglied der Partei, das sich den widrigen Umständen zum Trotz seine Privatsphäre sichern will. Dadurch gerät er in Konflikt mit dem System, das ihn einer Gehirnwäsche unterzieht.

Orwell begann mit der Verfassung des Buches während seines Aufenthaltes auf der Insel Jura vor der Küste Schottlands,[2] im Jahr 1946 und stellte es Ende 1948 fertig[1], etwas mehr als ein Jahr vor seinem Tod (1950). Der Titel enthält den Zahlendreher des Jahres 1948 zu 1984 als Anspielung auf eine damals sehr fern erscheinende Zukunft. Die Erstausgabe kam in London am 8. Juni 1949 im Buchhandel in den Verkauf.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Teil 1

Der Roman beginnt mit einem Bild des Alltags in einem dystopischen Überwachungsstaat.

Winston Smith arbeitet im „Ministerium für Wahrheit“ (Propagandaministerium) in London. Sein Leben ist geprägt von Versorgungsproblemen, ständiger Überwachung, Angst und Mangel an persönlichen Beziehungen. Seine Arbeit besteht zum größten Teil darin, im Sinne der Partei Geschichtsklitterung zu betreiben, das heißt unbequeme Fakten und Daten zu manipulieren oder zu löschen und so die historische Wahrheit für die Öffentlichkeit und Nachwelt zu verfälschen. So wie er leben alle ihm bekannten Mitglieder der Äußeren Partei in Ozeanien, einem der drei 'Superstaaten'; die beiden anderen sind Eurasien und Ostasien. Deren Existenz ist allerdings nicht belegt, sondern, so vermutet Winston, möglicherweise von der Partei nur vorgetäuscht, um einen andauernden Kriegszustand zu rechtfertigen. Winston fragt sich, ob die häufig in Ozeanien einschlagenden Raketen nicht sogar von der Partei selbst abgefeuert werden.

Innerlich kann sich Winston schon lange nicht mehr mit der Parteidoktrin identifizieren. Er muss seine Meinung geheimhalten, da in Ozeanien nicht nur alle Handlungen gegen die herrschende Partei als Verbrechen gelten, sondern schon der Wunsch zum Widerstand ein sogenanntes Gedankenverbrechen (engl. thoughtcrime) ist. Es fällt Winston besonders schwer, sich angesichts der ständigen Video-Überwachung durch Teleschirme (engl. telescreens, in älteren deutschen Versionen als Televisoren übersetzt), Polizeistreifen, Nachbarn und Arbeitskollegen zu verstellen. Die Mitglieder der äußeren Partei werden so streng überwacht, dass bereits das nervöse Zucken eines Fingers oder ein falscher Blick zur Verhaftung und zum Tod führen kann. Winston beginnt schließlich, seine Gedanken und Meinungen heimlich in einem Tagebuch festzuhalten.

Als ihm eines Tages bei der Arbeit eine bei der Jugendliga gegen Sexualität engagierte junge Frau namens Julia durch Blickkontakte auffällt, vermutet er, dass sie ein Mitglied der Gedankenpolizei (der Geheimpolizei des Systems) ist.

Winstons großes Interesse für die Vergangenheit treibt ihn immer wieder in die Elendsviertel der Proles (Proletarier). Der Inhaber eines Kramladens, Mr. Charrington, zeigt ihm eine Glaskugel, die eine Koralle umschließt. Winston ist sofort von der Kugel, einem Stück Vergangenheit, fasziniert und kauft sie. Auch sein Tagebuch kaufte er in diesem Laden. Mr. Charrington führt Winston später in ein möbliertes Zimmer, welches keinen überwachenden Teleschirm zu besitzen scheint. Von dem Zimmer ist er so angetan, dass er es am liebsten mieten möchte; doch auch das ist bereits ein gefährlicher Gedanke, den er wieder verwirft, als er sich dessen bewusst wird.

Teil 2

Dieser Teil handelt von Winstons Weg in den inneren Widerstand und endet mit seiner Verhaftung durch die Gedankenpolizei.

Auf dem Weg von Charringtons Kramladen nach Hause begegnet er wieder der jungen Frau. Für ihn besteht jetzt kein Zweifel mehr, dass sie ein Mitglied der Gedankenpolizei ist. Ein paar Tage später begegnet er ihr im Wahrheitsministerium ein drittes Mal. Gerade als sie an ihm vorbeigehen will, stürzt sie. Als Winston ihr wieder auf die Beine hilft, steckt sie ihm heimlich einen kleinen Zettel zu. Weil Winston sich in der Nähe eines Teleschirms befindet, wartet er, bis er seinen Arbeitsplatz wieder erreicht hat, bevor er es riskiert, den Zettel zu lesen: „Ich liebe dich“ lautet ihre Botschaft an ihn.

In den nächsten Tagen versucht er mehrfach vergeblich, Kontakt mit der jungen Frau aufzunehmen. Eines Tages aber sitzt sie allein an einem Tisch in der Kantine und Winston setzt sich dazu. Zuerst wagt er nicht, sie anzusprechen, denn überall überwachen sie die Teleschirme. Daher können sie nur wenige Worte miteinander wechseln. Er erfährt, dass sie eine heimliche persönliche Rebellion gegen die Partei führt. Nachdem sich die beiden einige Male in aller Heimlichkeit und unter großen Mühen auf dem Lande getroffen haben, stimmt Julia zu, das Zimmer über Mr. Charringtons Laden zu mieten, um ihre Zweisamkeit ausleben zu können. Dort sehen und lieben sie sich von nun an öfter. Auch das ist ein Schwerverbrechen, weil Sexualität nur der Fortpflanzung dienen darf und schrittweise durch künstliche Befruchtung ersetzt werden soll.
Winston erzählt Julia von O'Brien, einem Mitglied der inneren Partei, das er ebenfalls für einen Regimegegner hält, da dessen Verhalten ebenfalls leicht von der Norm abweiche. Mit Julia besucht er O'Brien in dessen Wohnung. Zwar hängt auch bei ihm ein Teleschirm, der aber wenigstens für kurze Zeit abgeschaltet werden kann. Auf diese Weise können die drei eine halbe Stunde lang scheinbar unbeobachtet miteinander sprechen. O'Brien gibt sich als Mitglied der Untergrundbewegung Die Bruderschaft aus. Auf Vermittlung O'Briens erhält Winston ein Exemplar des berüchtigten Buches Die Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus, geschrieben vom Staatsverräter Emmanuel Goldstein. Vor seiner Verhaftung kommt Winston dazu, das erste und das dritte Kapitel des Buches zu lesen. Im Grunde findet er dort nur eine deutliche Beschreibung von Dingen, die ihm ohnehin schon klar waren, und stellt fest: „Das Wie verstehe ich, aber nicht das Warum“. Später erfährt er, dass O'Brien Mitverfasser des Buches ist.
Am selben Tag noch besprechen Winston und Julia ihre gemeinsame Zukunft. Während Julia von einem glücklichen Leben zusammen mit Winston im Untergrund träumt, möchte Winston um jeden Preis die Partei bekämpfen. Dabei ist ihm klar, dass man sie dann bald aufspüren, foltern und liquidieren wird. Tatsächlich wird ihr Zimmer im gleichen Augenblick umstellt und aufgebrochen. Nun stehen sie das erste Mal wissentlich einem Mitglied der Gedankenpolizei gegenüber: Mr. Charrington, dem Besitzer des Ladens, der sie die ganze Zeit über durch einen hinter einem Wandbild verborgenen Teleschirm beobachten lassen hat.

Teil 3

Dieser Teil beschreibt die Gefangenschaft Winstons, seine Folter und Umerziehung sowie das Geschehen nach seiner Freilassung.

Nach seiner Verhaftung wacht Winston in einem fensterlosen, ständig hell beleuchteten Raum auf. Er vermutet, dass man ihn ins „Ministerium für Liebe“ gebracht hat. Alle Wände sind weiß gekachelt, an jeder befindet sich ein Teleschirm. Rund um den Raum zieht sich an der Wand entlang eine Bank, gerade breit genug zum Sitzen und einzig durch eine Toilette gegenüber der Tür unterbrochen. Ständig kommen neue Gefangene in Winstons Zelle und werden wieder abgeholt. Auch Winston wird von Zeit zu Zeit verlegt. Er erfährt von einem mysteriösen Zimmer 101, vor dem alle Angst haben. Winston verliert durch das ständige Licht und den fehlenden Tagesrhythmus bald das Zeitgefühl. Er bekommt kaum zu essen und magert zusehends ab.

Zu Beginn durchläuft Winston einige routinemäßige Verhöre. Der zuständige Offizier ist O'Brien, der bis dahin vorgegeben hatte, Mitglied der Bruderschaft zu sein, in Wahrheit aber zur Parteispitze gehört. Zunächst muss Winston die üblichen Geständnisse (u.a. Spionage, Sabotage, Unterschlagung und Mord) unter ständiger Folter ablegen. Bald wird daraus eine Gehirnwäsche. Stück für Stück zerlegt O'Brien das Weltbild des intellektuell unterlegenen Winston. Wenn er uneinsichtig ist, sich dumm stellt oder lügt, fügt ihm O'Brien Schmerzen durch eine Art Streckbank zu. Bisweilen lässt O'Brien Winston auch Medikamente gegen den Schmerz geben. Um Winston zu demonstrieren, dass die willkürliche Steuerung des Erinnerungsvermögens bei genügender Anstrengung möglich ist, lässt er ihm einen Elektroschock durch den Kopf verabreichen, der Winstons Langzeitgedächtnis vorübergehend beeinflusst.

O'Brien erklärt Winston die einzelnen Schritte der Umerziehung: lernen, verstehen und akzeptieren. Um Winstons Widerstand gegen das System zu brechen, will O'Brien seinen Willen manipulieren. Dazu zwingt O'Brien ihn, seinen von den Folterungen zerschundenen und ausgemergelten Körper im Spiegel zu betrachten. Da sich Winston als Streiter für die Menschheit begreift, versucht man ihm so klar zu machen, dass Gegenwehr zwecklos ist, da die Menschheit der Partei Ozeaniens (sowie Ostasiens und Eurasiens) ebenso ausgeliefert sei wie er selbst. Angewidert von sich selbst, empfindet Winston seinen Anblick als kläglich und würdelos („verstehen“) und nimmt die nährende Hand der Partei dankbar an („akzeptieren“).

Winston erhält von nun an wieder genug zu essen und wird gesund gepflegt. Man fertigt ihm sogar ein neues Gebiss an. Während er sich körperlich erholt, trainiert er sich im Zwiedenken (in neueren deutschen Ausgaben: Doppeldenk) und Verbrechenstopp (in neueren Ausgaben mit Delstop übersetzt) und übt, seinen eigenen Geist zu überlisten. Winstons Umerziehung scheint dem Ende zuzugehen. Doch als er eines Nachts im Traum laut nach Julia ruft, erkennt O'Brien, dass Winston nach wie vor den „großen Bruder“ (im englischen Original „Big Brother“, Synonym für die gesamte Überwachung) verabscheut und seine Liebe zu Julia ungebrochen ist. Er wird in das berüchtigte Zimmer 101 gebracht.

In Zimmer 101 erwartet jeden Menschen seine persönliche Hölle. Da O'Brien von Winstons panischer Angst vor Ratten weiß, lässt er zwei ausgehungerte Exemplare in einer Art Käfig direkt vor Winstons Gesicht befestigen und droht damit, die Käfigtür zu öffnen. Um diese Gefahr abzuwenden, opfert Winston das letzte Gut, das ihm von seinem ursprünglichen Selbst noch geblieben ist: seine Liebe zu Julia. Er verrät sie, indem er O'Brien anfleht, diese Folter nicht ihm, sondern Julia anzutun. Damit ist sein innerer Widerstand endgültig gebrochen.

Nach der Entlassung verbringt Winston viel Zeit beim Schachspiel in einem heruntergekommenen Café. Er trifft Julia noch ein letztes Mal. Auch sie zeigt Spuren der Folter, eine Narbe verunstaltet ihr Gesicht, und ihr ehedem athletischer Körper ist unförmig geworden. Sie eröffnet Winston, ihn verraten zu haben, und gesteht ihm, dass die Partei es verstanden habe, ihre Gefühle für ihn zu zerstören.
Später ertappt sich Winston dabei, wie er, von der Propaganda angestachelt, gemeinsam mit der Masse beim Betrachten der Kriegsberichte mitfiebert. Er erkennt, dass er von seiner lebenslangen Auflehnung gegen die Gemeinschaft geheilt ist. Das Buch endet mit seiner Todesvision: Während die Gedankenpolizei seine Exekution vorbereitet, bekennt Winston unter Tränen, dankbar und demütig seine Liebe zum Großen Bruder, der ihm half, den Sieg gegen sich selbst zu erringen. Seine Seele war weiß wie Schnee, die Gehirnwäsche erfolgreich.

Figuren

Winston Smith

Winston Smith, die Hauptfigur des Romans, ist ein 39 Jahre alter, ausgemergelter, gebrechlicher, grüblerischer und in sein Schicksal ergebener Mann. Er hat das Vertrauen und die Liebe zum Großen Bruder, dem totalitär herrschenden Führer von Ozeanien, verloren und beginnt an der Wahrheit der von der Partei ausgegeben Parolen zu zweifeln. Um den tatsächlichen Verlauf der Dinge festhalten zu können (gegenüber der pausenlosen Geschichtsfälschung der Partei, die er aus seiner Arbeit im „Ministerium für Wahrheit” kennt), beginnt er, Tagebuch zu schreiben. Er wünscht sich den Umsturz der Regierung und den Niedergang des Großen Bruders und sucht daher nach Gleichgesinnten, die er in Julia und O'Brien zu finden glaubt. Winston ist in seinem Widerstand bemüht, zu verstehen, wie die Partei eine solch absolute Macht ausüben kann. Seine Überlegungen kreisen häufig um die Möglichkeit, Sprache zur Gedankenkontrolle zu benutzen (siehe unter „Neusprech”). Orwell setzte den Namen des Protagonisten aus dem Vornamen von Winston Churchill und dem einfachen Nachnamen Smith zusammen.

Julia

Während Winston ruhelos, fatalistisch und um die Gesellschaft als Ganzes besorgt ist, ist Julia gefühlsbetont, pragmatisch, darauf bedacht, den Augenblick zu genießen und das Beste aus ihrem Leben herauszuholen. Sie hasst die Partei, weil diese versucht, ihr persönliches Glück zu zerstören, um sie fest für die Gemeinschaft zu verplanen. Julias Rebellion gegen die Partei ist daher viel persönlicher. Während Winston versucht, der Bruderschaft beizutreten und sich mit dem abstrakten Manifest ihres Gründers, Emmanuel Goldstein, befasst, möchte Julia Sex haben, ihre Beziehung zu Winston ausleben und Pläne für eine gemeinsame Zukunft schmieden. Sie ist nicht wie Winston überzeugt, dass die Gedankenpolizei sie erwischen wird, und ist daher viel mehr darauf bedacht, ihre Kollegen, Nachbarn und die Gedankenpolizei zu täuschen. Daher engagiert sie sich bei der Jugendliga gegen Sexualität (in neueren deutschen Ausgaben: Junioren-Anti-Sex-Liga genannt), eifert am heftigsten bei der Zwei-Minuten-Hass-Sendung und besucht zusammen mit Winston erstaunlich viele Demonstrationen. „Es zahle sich aus, sagt sie, es diene zur Tarnung. Wenn man die Regeln im Kleinen einhalte, könne man sie im Großen übertreten.” (Teil 2, Kapitel 3) Julia behauptet, sie habe zahlreiche Affären mit Parteimitgliedern gehabt. Obwohl der Leser nicht erfährt, ob sie dies nur auf Winstons Wunsch behauptet oder es wirklich den Tatsachen entspricht, zeigt es doch deutlich, dass sie nicht gewillt ist, sich von der Partei ihre Lust nehmen zu lassen.

O'Brien

O'Brien ist ein vom Ministerium für Liebe eingesetzter Spion, der Mitglieder der Äußeren Partei auf Gedankenverbrechen überwachen soll. Zu diesem Zweck verstellt er sich gegenüber Winston und Julia und gibt sich als Feind der Partei aus.

Winston lernt O'Brien bei seiner Arbeit im Ministerium für Wahrheit kennen. Während der obligatorischen zweiminütigen Hasssendung tauschen sie einander einen Blick aus, der für Winston Grund genug ist anzunehmen, O'Brien sei ein Feind der Partei. O'Brien wird von Winston für seine Eleganz und ausstrahlende Klugheit bewundert. Winston träumt oft von O'Brien und einer funktionierenden Widerstandsbewegung. O'Brien ist Mitglied der Inneren Partei und hat daher mehr Privilegien als die Mitglieder der Äußeren Partei. So kann er den Teleschirm in seiner Wohnung abstellen und besitzt einige Luxusgüter wie Wein. Daher vertraut sich Winston ihm an, bekommt von ihm das revolutionäre Buch von Goldstein (welches, wie sich am Ende herausstellt, teilweise von O'Brien selbst verfasst worden war). Winston trifft O'Brien im dritten Teil des Buches im Ministerium für Liebe wieder. Dieses Treffen wurde von O'Brien (in einem Traum Winstons) vorhergesagt: Wir treffen uns dort, wo keine Dunkelheit herrscht. O'Brien stellt sich nun als ein überzeugter Anhänger des Großen Bruders heraus.

Großer Bruder

Der Große Bruder ist für das Volk praktisch unsichtbar, in seinem Bild aber allgegenwärtig. Ob es ihn wirklich gibt, ist eine der Fragen, die Winston quälen. Von O'Brien erhält er auf diese Frage nur eine mehrdeutige Antwort im Sinne der Partei: Es gibt den Großen Bruder, und er wird ewig leben, weil die Partei dies so will. Der Große Bruder ist eine Fiktion, eine Massensuggestion, die weder ganz wahr noch ganz unwahr ist. Man kann weder wissen, dass es ihn gibt, noch, dass es ihn nicht gibt. Also existiert er in den Köpfen, eben weil er existieren könnte.

Emmanuel Goldstein

Emmanuel Goldstein besitzt wie der „Große Bruder“ ein zeitloses Wesen. Er ist ein ehemaliges Parteimitglied, aber der „Staatsfeind Nummer Eins“, der den Verrat an den sozialistischen Ideen der Revolutionszeit anprangert und eine Konterrevolution mittels der „Bruderschaft“ und der wechselnden Feinde von Ozeanien durchführen will. Goldstein und die Bruderschaft sind möglicherweise eine von der Partei geschaffene Illusion, ein Köder, der Abweichler anziehen soll, damit es für die Gedankenpolizei leichter wird, potenzielle Gedankenverbrecher zu fassen. Er ist auch als einziger Oppositioneller nicht zur Unperson erklärt worden, da seine Funktion als Feindbild für das System unentbehrlich ist. In diesem Sinne ist er genauso unsterblich wie der Große Bruder. Im Roman bleibt offen, ob Goldstein tatsächlich existiert.

Goldstein wird „Das Buch“ zugeschrieben, in dem die Anatomie des Systems erklärt wird (Titel: Die Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus). Dieses Buch wurde in Wirklichkeit von Parteifunktionären, unter anderem O'Brien, umgeschrieben. Dieser gibt zu, dass in dem Buch die Wahrheit über die Untaten der Partei stünde, eine Änderung dieses Zustands könne jedoch nicht herbeigeführt werden.

Orwells Inspiration

Ehemaliger Sitz des Ministry of Information, entspricht der Beschreibung nach den vier Ministerien im Roman

Orwell erklärt in seinem Essay Why I Write[3], dass er seit dem Spanischen Bürgerkrieg in seinen Arbeiten immer wieder vor Totalitarismus warnt. Der Aufbau der Regierung von Ozeanien ist eine Parodie auf eine berühmte Rede von Roosevelt über die four freedoms. Wie Orwell später einmal Malcolm Muggeridge erzählte, entstammte viel von Winstons Arbeitsalltag Orwells eigenen Erfahrungen, die er bei der BBC sammelte. Die BBC war damals noch dem Ministerium für Information unterstellt, dessen ehemaliger Sitz den im Roman beschriebenen Ministerien ähnlich sieht.

Methoden der Machtausübung

Kontrolle der Vergangenheit

Ein elementares Konzept der Partei zur Kontrolle der Gedanken ist die Kontrolle der Vergangenheit. Deshalb wird im Ministerium für Wahrheit ein gigantischer Aufwand betrieben, alle existierenden Dokumente der gegenwärtigen Parteilinie anzupassen. Von der Partei oder dem Großen Bruder geäußerte Voraussagen z.B. zur Güterproduktion oder dem Kriegsverlauf werden an die tatsächlich eingetretenen Fakten angepasst, damit „die Partei immer recht hat“. Niemand soll in der Lage sein, aufgrund von historischen Dokumenten Aussagen der Partei zu widerlegen. Auch Berichte, die sich auf positive Art und Weise über Personen äußern, die inzwischen durch „Verschwindenlassen“ bzw. „Vaporisieren“ zu „Unpersonen“ geworden sind, werden umgeschrieben. Außerdem wird durch die fortlaufende Änderung von Berichten über die Kriegslage der Bevölkerung stets der Eindruck vermittelt, dass der Staat schon immer mit dem jeweiligen Gegner verfeindet war, so dass der laufende Wechsel der Kriegsgegner aus dem Bewusstsein schwindet. Um dies zu ermöglichen, wird die Parteizeitung, die Times, regelmäßig bis in alle historischen Ausgaben laufend angepasst und alte Ausgaben neu nachgedruckt. Die nicht mehr in die Parteilinie passenden alten Exemplare werden aus den Archiven genommen und vernichtet.

Auch dafür gibt es ein berühmtes historisches Vorbild, das Orwell möglicherweise kannte, eine Fotografie von Lenin. In der Originalversion stehen Trotzki und Kamenjew neben ihm. In der zweiten Version ist Trotzki wegretuschiert, aber Kamenjew steht noch da. In der dritten Version ist auch Kamenjew verschwunden.

Siehe auch: Damnatio memoriae

Krieg ist Frieden

In Orwells Welt führen die drei Supermächte nur noch begrenzte Kriege an der Peripherie. Es genügt ihnen, um die Bevölkerung dazu zu bewegen, sich mit Armut und Mangel infolge des „Kriegszustandes“ zufriedenzugeben. Da dies im Interesse aller drei Regierungen liegt, verhindert es den großen Krieg zwischen ihnen. Dass sie ständig ihre Bündnispartner wechseln, ändert daran nichts (vgl. Mächtegleichgewicht). Die Situation sichert die Herrschaft jener Supermächte, die unfähig und unwillig sind, die Bevölkerung angemessen zu versorgen. Um zu unterstreichen, dass die Bevölkerung sich mit dem Zustand zufriedengeben kann (und muss), verbreitet die Partei den Slogan „Krieg ist Frieden“, wobei Frieden der stets erwünschte und zu erreichende Zustand ist, der regelmäßig in der „Berichterstattung“ der Partei in „greifbare Nähe rückt“.

Allerdings vermuten selbst Julia und dann auch Winston im Zuge des Romans irgendwann, dass möglicherweise die Regierung von Ozeanien selbst Bomben abwirft, um die Gegenwärtigkeit des Kriegs aufrechtzuerhalten. Die Vermutung wird genährt von der Tatsache, dass diese Bombenangriffe niemals auf Wohngebiete der Parteimitglieder gerichtet sind, sondern immer auf Gebiete der Proles niedergehen.

Zwiedenken

Zwiedenken (in neueren deutschen Ausgaben: Doppeldenk) ist eine zentrale These des Buches. Wenn die Partei sagt, 2 + 2 = 5, dann ist es so. Es genügt auch nicht, es nur zu sagen und dabei zu lügen, sondern man muss es wirklich glauben. Die Partei kontrolliert die Gedanken, wenn die Partei sagt 2 + 2 = 5, dann glauben es die Menschen, und wenn die Menschen es glauben, dann ist es so. Andererseits wird von O'Brien gegenüber Winston eingeräumt, dass es für wissenschaftliche Zwecke u. ä. manchmal schon erforderlich sei, zu wissen, dass 2 + 2 = 4 ist. Hier setzt dann das eigentliche Zwiedenken („Doublethink“) ein, da vom linientreuen Parteimitglied verlangt wird, zwischen „zwei Wahrheiten hin- und herzuschalten“ (in einem Moment 2 + 2 = 5, im nächsten 2 + 2 = 4), ohne sich dessen bewusst zu sein. Eine objektive Wahrheit außerhalb der Partei gibt es nicht. Unter der Folter sieht Winston tatsächlich einmal die verlangten 5 Finger, obwohl ihm O'Brien nur 4 Finger zeigt.

Hasswoche

Die Hasswoche ist eine Propagandaveranstaltung, die dem Hass auf politische und militärische Gegner gewidmet ist. Wie austauschbar diese Gegner für das System sind, zeigt eine Episode, in welcher der Hassredner mitten in seiner Rede einen Zettel zugeschoben bekommt, auf dem steht, dass der Gegner gewechselt hat. Ohne zu stocken oder sich einmal zu versprechen, setzt er seine Rede fort; Hassobjekt ist jetzt der neue Gegner. Die kleine Schwester der Hasswoche ist der tägliche Zwei-Minuten-Hass, an dem jeder teilnehmen muss.

Gegen seinen Willen kann sich auch Winston der dort erzeugten Hassgefühle nicht erwehren, sie nur zum Teil gegen die Partei, anstatt wie eigentlich gewollt, gegen das von der Partei vorgegebe (Ersatz-)Objekt wenden. Innerhalb der kollektiven Situation die massenpyschologische Auswirkungen hat (Winston wird von dem Hass angesteckt), reagieren die Teilnehmenden ihre aufgestauten negativen Emotionen geleitet von der Partei in ihr angenehmen Bahnen ab. Zugleich produzieren die von der Partei produzierten Inhalte Ängste, vor denen die Menschen, wie versichert wird, nur der große Bruder beschützen kann.

Unperson

Politische Gegner werden liquidiert („verflüssigt“) – „vaporisiert“ (verdampft) auf Neusprech, bzw. vor einem Massenpublikum öffentlich erhängt. Damit allein ist die Partei aber nicht zufrieden: Jede Erinnerung an die Ermordeten muss ausgelöscht werden; sie werden zur Unperson – es gibt sie nicht, es hat sie nie gegeben. Dies wird am Beispiel eines Arbeitskollegen von Winston namens Syme verdeutlicht, der begeistert an der Entwicklung von Neusprech mitarbeitete, jedoch eines Tages verschwand und „nie existiert“ hatte. Eine ganze Abteilung in Winstons Ministerium ist unablässig damit beschäftigt, Dokumente, in denen Unpersonen erwähnt werden, zu vernichten und neu zu verfassen. Das Vorbild hierfür ist offensichtlich die Sowjetunion unter Stalin. Dort wurde die Geschichte der Revolution ständig neu geschrieben. Sogar Fotos wurden dafür retuschiert.

Neusprech

Der Ausdruck Neusprech (englisch: Newspeak, in älteren Versionen als Neusprache übersetzt) bezeichnet eine Sprache, die aus politischen Gründen künstlich modifiziert wurde. Neusprech ist die eingeführte Amtssprache in Ozeanien: Die 10., und gegen Ende des Buches auch die 11. Auflage des den Neusprech festlegenden Wörterbuchs werden zur Zeit der Handlung erstellt. Neusprech ist in drei Teile gegliedert. Teil A umfasst die Alltagssprache, die von jeder politischen und ideologischen Bedeutung frei sein sollte. Teil B stellt das unabdingbare Minimum des ideologischen und politischen Wortschatzes dar. Teil C ist mit Abstand der umfangreichste und beinhaltet die technischen und wissenschaftlichen Fachausdrücke.

Sie soll nach und nach die Alltagssprache (Altsprech) verdrängen und dient dazu, den Wortschatz zu reduzieren und so abgestuftes und schattiertes Denken zu unterbinden. Das zeigt der Satz „Altdenker unbauchfühl Engsoz“ (Oldthinkers unbellyful Ingsoc) im Kommentar der Parteizeitung in Neusprech. Die bestmögliche Übersetzung in Altsprech lautet: „Derjenige, dessen Weltanschauung sich vor der Revolution geformt hat, kann die Prinzipien des Englischen Sozialismus niemals in seiner letzten Tiefe erfühlen und verstehen“. Dies wäre aber nur eine unzureichende Übersetzung.

Gab es in Altsprech für jedes Adjektiv noch ein entsprechendes Gegenteil, so wird in Neusprech jedes Gegenteil durch ein vorgestelltes un- gebildet. So lautet zum Beispiel wie in Esperanto das Gegenteil von gut ungut und von warm unwarm. Steigerungsformen wie besser, am besten und so weiter werden durch plusgut beziehungsweise doppelplusgut ersetzt. Außerdem werden fast alle Unregelmäßigkeiten an die Regeln angeglichen. Längere Bezeichnungen wie Ministerium für Wahrheit werden einfach zu Miniwahr verkürzt. Dahinter verblasst auch die ursprüngliche Bedeutung der Worte.

Ein weiteres Mittel sind Euphemismen (Beschönigungen). Die Haft- und Folterlager des Systems heißen Lustlager. Das dahinterstehende Ministerium ist das Ministerium für Liebe. Die politischen Gefangenen sind Gedankenverbrecher. In Parolen der Partei, wie zum Beispiel Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke, werden den Wörtern einfach neue Bedeutungen zugewiesen, damit sie nicht gegen die Partei verwendet werden können. Auch haben Wörter je nach Bezug(sperson) andere Bedeutungen, so kann „schwarzweiß”, ob benutzt für Parteimitglieder oder -feinde, besondere Parteitreue oder aber Landesverrat bedeuten. Damit unterbindet die Partei von Anfang an, dass ein alternatives System gedacht werden kann. So könne man zwar in Neusprech durchaus sagen „Der große Bruder ist ungut“, weiter differenzieren oder begründen aber lasse sich diese Aussage nicht, denn dafür fehle das notwendige Vokabular. Für ein orthodoxes Parteimitglied beinhalte ein solches Verbrechendenk oder Deldenk daher eine völlig unhaltbare, absurde Feststellung und bleibe nur ein grober Fluch und für die Partei ungefährlich.

Ein gutes Beispiel dafür liefert Orwell im Anhang des Romans (je nach Ausgabe), wo er die Prinzipien von Neusprech erklärt:

„Die Worte ‚Kommunistische Internationale‘, zum Beispiel, erinnern an ein Bild von weltweiter Brüderlichkeit, rote Flaggen, Karl Marx und der Pariser Kommune. Das Wort ‚Komintern‘, andererseits, suggeriert eher einen straff organisierten Körper mit einer wohldefinierten Doktrin. Es verweist auf etwas, das so simpel erkannt wird […] wie ein Stuhl oder ein Tisch. ‚Komintern‘ ist ein Wort, das ohne Aufhebens geäußert werden kann, aber ‚Kommunistische Internationale‘ ist eine Phrase, über die jeder wenigstens eine kurze Zeit lang zögert. Gleichermaßen sind die Assoziationen, die von einem Wort wie ‚Minitrue‘ geweckt werden, seltener und besser kontrollierbar als jene, die von ‚Ministry of Truth‘ erzeugt werden.“

Anhang der Ausgabe Nineteen Eighty-Four. Penguin Books 1990, ISBN 0-14-012671-6[4]

Wegen der umfangreichen Arbeiten, alle Bücher von Altsprech in Neusprech zu übersetzen, wird der Zeitpunkt der endgültigen Einführung von Neusprech auf 2050 festgesetzt.

Verbrechen

Im Jahre 1984 werden kritische Gedanken, so genannte Gedankenverbrechen, die die Doktrin des fiktiven Staates Ozeanien in Frage stellen, als Staatsverbrechen behandelt. Das erklärte Ziel der herrschenden totalitären Partei ist, durch die Einführung einer neuen Sprache (Neusprech genannt), durch ständige Verfälschung der Geschichte und durch totale Kontrolle und Bedrohung den Bürgern die Möglichkeiten zu entziehen, Gedankenverbrechen zu begehen. Beispielsweise liegt Ozeanien abwechselnd mit Eurasien oder aber mit Ostasien im Krieg, während es mit dem jeweils anderen in Frieden lebt. Wenn Ozeanien mit einem Staat Krieg führt, dann führte es schon immer mit diesem Staat Krieg und wird auch in Zukunft immer mit diesem Staat Krieg führen, während man mit dem anderen Staat immer in Frieden lebte und auch in Zukunft immer in Frieden leben wird. Wer das nicht anerkennt, begeht ein Gedankenverbrechen.

Es gilt auch als Verbrechen, nicht den je nach Anlass geforderten freudigen, ernsten oder auch hasserfüllten Gesichtsausdruck zu tragen. Dazu gibt es ein historisches Vorbild: Zu Zeiten des römischen Kaisers Claudius soll einst ein Bürger angeklagt worden sein, weil er mit dem „mürrischen Ausdruck eines Pädagogen“ über den Markt gegangen sei.

Ozeanien

Die Welt von „1984“

Die drei Supermächte

Ozeanien ist eine der drei verbleibenden Supermächte der Welt, neben Eurasien und Ostasien. Ozeanien besteht aus den früheren Staaten Amerikas, Großbritannien, Australien und dem südlichen Teil von Afrika, Eurasien aus Europa und Russland, insgesamt von der iberischen Halbinsel bis zur Beringstraße. Ostasien besteht aus China, der Mongolei und Japan. Ozeanien befindet sich stets mit mindestens einer der beiden anderen Mächte im Krieg; In diesem geht es jedoch ausschließlich um die Ablenkung der Bevölkerung und niemals wirklich um das umkämpfte Territorium oder die Vernichtung der Feinde. Letzteres erscheint durch das absolute Kräftegleichgewicht ohnehin unmöglich.

Entwicklung

Der Roman selbst erklärt wenig über die Geschichte von Ozeanien. Allerdings erhält Winston im zweiten Teil des Romans von O'Brien eine Kopie des staatskritischen „Buches”, das vom obersten Staatsfeind Emmanuel Goldstein geschrieben worden sein soll. Auch wenn sich später herausstellt, dass dieses Buch tatsächlich von der Partei selbst verfasst wurde, erklärt es schlüssig das Konzept der Partei und die Geschichte des Engsoz (englischer Sozialismus, im englischen Original Ingsoc, abgeleitet aus English Socialism). Demnach soll es kurz nach dem Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg im Vereinigten Königreich zu einer sozialistischen Revolution gekommen sein.

Währenddessen startete die Sowjetunion eine massive Invasion in Europa und übernahm den gesamten Kontinent mit Ausnahme des Vereinigten Königreiches. Ein dritter – diesmal atomarer – Weltkrieg brach zwischen Ozeanien (geführt von den ehemaligen USA), Eurasien (geführt von der ehemaligen Sowjetunion) und Ostasien (geführt vermutlich vom ehemaligen China[5]) aus, Atombomben wurden über Europa, Westrussland und Nordamerika abgeworfen. Im späteren Krieg wird auf den Einsatz von Nuklearwaffen verzichtet, da die Supermächte fürchteten, dass durch weitere Atombomben die gesellschaftliche Ordnung und damit ihre Macht zusammenbrechen würde.

Im Roman erinnert sich Winston an einen Zeitpunkt, als eine Wasserstoffbombe über Colchester abgeworfen wurde und eine Massenpanik ausgelöst hatte. Die drei Großmächte erkannten schließlich, dass die Vernichtung des Gegners nicht ohne die eigene Vernichtung möglich sei. Statt aber den Krieg zu beenden, beschlossen sie zunächst, um die Vormachtstellung in Afrika zu kämpfen und anschließend, durch Ausbeutung der Rohstoffe und Menschen Afrikas, auch ihre Gegner besiegen zu können. Obwohl allen drei Seiten bewusst ist, dass dieser Plan niemals aufgehen kann, da, sobald eine Macht so etwas wie eine Vorherrschaft zu erringen droht, sich die anderen zwei Seiten gegen sie verbünden würden, halten sich alle Seiten an dieses Abkommen. Denn inzwischen haben sie erkannt, dass der ständige Krieg es ihnen erlaubt, die Bevölkerung in einem Zustand der ständigen Angst und Arbeitshetze zu halten, ohne je den Lebensstandard in ihren Ländern heben zu müssen, da die schwer erarbeiteten Güter immer wieder an der Front vernichtet werden könnten. Die Partei glaubt, dass eine Bevölkerung, die ständig damit beschäftigt ist, sich um die notwendigsten Dinge zum Leben zu sorgen, keine Zeit für kritische Gedanken habe und damit leicht zu kontrollieren und zu manipulieren sei.

Die drei Großmächte kämpfen selten auf ihrem Territorium, nur die einschlagenden Raketenbomben (die vielleicht aber auch nur von der Partei selbst gezündet werden) terrorisieren die Bevölkerung.

In den späten Fünfzigern wurde die Revolution dann vom Großen Bruder verraten, der mit seiner Theorie vom „englischen Sozialismus“ einen Terrorstaat schuf, bis er 1970 alle Funktionäre neben sich in großen Säuberungswellen verschwinden ließ und einen gigantischen Personenkult um seine Person aufbaute. Dabei wurde nicht einmal seine eigene Existenz gesichert, da ihn kaum jemand je zu Gesicht bekommen hat. Im Jahre 1984 ist „Luftstützpunkt Nummer Eins“ (Airstrip One, das frühere Großbritannien, in neueren Ausgaben auch mit „Landefeld Eins“ übersetzt) zur drittreichsten Region in Ozeanien geworden, was aber nicht viel bedeutet.

Gesellschaft

Die Gesellschaftspyramide in Ozeanien: Big Brother, Partei und Arbeiterklasse (Proles)

Die oligarchische Gesellschaft von Ozeanien ist wie eine Pyramide aufgebaut und in drei hierarchische Gruppen ähnlich einem Kastensystem unterteilt: Innere Partei, äußere Partei und Arbeiter (Proles)

Die Mitglieder der Inneren Partei machen zwei Prozent der Bevölkerung aus. Sie stellen die Oberschicht dar und haben alle führenden Positionen inne.

Sie genießen viele Privilegien und sind auf jeden Fall nicht den strengen Rationierungen unterworfen, die für den Rest der Gesellschaft gelten. Die Teleschirme in ihren Arbeitsräumen (evtl. auch Wohnräumen) können sie selber abschalten. Der Funktionär O'Brien konsumiert zu Hause Wein; ein Luxusgut, über das andere Menschen nicht verfügen. Julia stiehlt bei Gelegenheit auch Kaffee, Tee und Zucker – alles Dinge, die in der Regel nur Mitglieder der Inneren Partei konsumieren.

Natürlich sind auch diese nicht dagegen gefeit, von heute auf morgen in Ungnade zu fallen und zur Unperson zu werden.

Die Mitglieder der Äußeren Partei stellen die Mittelschicht dar und machen etwa 13 % der Bevölkerung aus. Mitglieder der Äußeren Partei arbeiten im Dienst der Partei und dienen lediglich deren Aufrechterhaltung. Manche von ihnen sind in intellektuellen Bereichen beschäftigt (etwa der Geschichtsfälschung oder der Arbeit an der neuen Ausgabe des Newspeak Dictionary) und geraten so in eine Position, in der sie der Partei gefährlich werden können. Viele von ihnen verschwinden früher oder später spurlos (Ausdruck im Roman: „vaporisiert“ („verdampft”)), wie zum Beispiel Syme, ein Bekannter von Winston, der am Wörterbuch der Neusprache arbeitet.

Die Proles, die Arbeiter, machen zwar 85 % der Bevölkerung aus, werden aber durch Armut und Medien bewusst dumm und passiv gehalten und stellen selbst beim offensichtlichen Charakter der Diktatur der Partei kein Risiko für deren Position dar. Dies wird erreicht, indem gewaltige wirtschaftliche Mittel nicht den Armen zugute kommen, sondern in einem permanenten Krieg vernichtet werden (z. B. Bau von sündhaft teuren „Schwimmenden Festungen”, engl. Floating Fortresses). Auch dient dieser Krieg als „Entschuldigung” dafür, dass sich das Land ständig in einer Notlage befindet und sich gar keinen „Luxus” wie Demokratie, Freiheit oder Armutsbekämpfung leisten kann – niemand aus der Schicht der Proles kann aufsteigen. Dazu produziert der Staat ständig billige Schnulzenlieder, Groschenromane, Pornofilme und andere Dinge, die ausschließlich von den Proles konsumiert werden dürfen. Ebenfalls organisiert der Staat eine Lotterie, bei der die Großgewinner fiktiv sind – aber doch sind die Proles, mangels anderer Beschäftigung, von diesen einfältigen Tätigkeiten hingerissen. Sie haben keine Zeit oder keine Ambition, den Staat zu kritisieren, aber dennoch ist diese Kaste die einzige, die in der Lage wäre, einen Umsturz herbeizuführen. Wenn es nach dem Scheitern des Protagonisten noch Hoffnung auf Veränderung gibt, so geht diese von den Proles aus. Während Mitglieder der Inneren und Äußeren Partei einander mehr oder weniger akzeptieren, sehen sie in den Proles nichts anderes als Tiere. Auch haben die Proles den niedrigsten Lebensstandard innerhalb der Gesellschaft: Ihre Viertel sind so rattenverseucht, dass ein unbewachtes Kleinkind innerhalb weniger Minuten bis auf die Knochen abgenagt würde.

„Das Buch“ des Oppositionellen Emmanuel Goldstein beschreibt die Entstehung dieser drei Klassen so, dass die „sozialistischen“ Revolutionäre, die aus der früheren Mittelschicht stammen und aus denen sich die Funktionäre der Partei rekrutieren, die ursprüngliche Idee des Marxismus, die die Befreiung der Arbeiterklasse vorsah, soweit pervertiert haben, dass sie ihnen ihren Machterhalt ermöglicht. Trotzdem geht es nach der offiziellen Darstellung der Partei allen Bürgern – auch den Proles – besser als vor der Revolution, obwohl sie in heruntergekommenen einförmigen Mietskasernen leben und nur das Lebensnotwendige an Kleidung und Nahrungsmitteln besitzen. Das Bild der Gesellschaft vor der Revolution, das in den Geschichtsbüchern vermittelt wird, beschreibt die Unterdrückung durch ausbeuterische Kapitalisten, Geistliche und Aristokraten, Armut, Obdachlosigkeit, Kinderarbeit und das ius primae noctis, das vom Mittelalter ins Industriezeitalter verlegt wurde. Dies ist ein Zerrbild der englischen Klassengesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg, aber auch eine Anlehnung an das in sozialistischen Staaten tatsächlich vermittelte Geschichtsbild, das zur Ablenkung von gegenwärtigen Problemen und zur Bestätigung der Parteiparole von der „Befreiung der Menschheit“ dienen sollte.

Überwachung

Orwell beschreibt in 1984 eine totale Überwachung, der sich kein Mitglied der Äußeren Partei entziehen kann (bei der Inneren Partei ist es nicht klar – O'Brien kann sich anscheinend für kurze Zeit entziehen, da er den Teleschirm abschalten kann). Sie wird hauptsächlich mit Hilfe von Teleschirmen ausgeübt. Der Teleschirm ist sowohl Sende- als auch Empfangsgerät, das in jedem Haus der inneren und äußeren Partei, an öffentlichen Plätzen und bei der Arbeit die Bürger Ozeaniens überwacht. Niemand weiß, ob man gerade beobachtet wird oder nicht und man kann nur darüber spekulieren, wie oft oder nach welchem System sich die Gedankenpolizei in die Privatsphäre einschaltet. Darum ist es sogar denkbar, dass sie ständig alle (Parteimitglieder) beobachtet. Siehe auch Panopticon, das Konzept totaler Überwachung.

Ein weiteres Mittel zur Überwachung sind Mikrofone, die überwiegend in ländlichen Gegenden eingesetzt werden. Diese sind besonders deswegen gefürchtet, weil sie, im Gegensatz zu den Teleschirmen, versteckt sind und man so noch weniger weiß, ob man überwacht wird oder nicht.

Auch patrouillieren in unregelmäßigen Abständen Hubschrauber der Gedankenpolizei durch die Wohngegenden und spähen direkt in die Fenster, was aber weniger der tatsächlichen Überwachung dient, sondern eher ein Gefühl der Ohnmacht und ständigen Beobachtung hervorrufen soll.

Im Gegensatz zu dieser offenen Überwachung gibt es noch die Bespitzelung der Menschen untereinander. Besonders Kinder werden schon in der Jugendorganisation der Spitzel/Späher (Spies) dazu erzogen und animiert, ihre Eltern auszuspionieren und zu verraten. Manche Eltern sind sogar stolz darauf, wenn ihre Kinder andere oder sogar die eigenen Eltern verraten.[6] Außerdem werden alle Parteimitglieder in Vereinen organisiert und sind dazu aufgerufen, möglichst viel Zeit in Gemeinschaftshäusern zu verbringen, damit jeder jeden im Blick hat.

Die Proles werden nur vereinzelt überwacht, da sie nicht als Menschen und ihre Ansichten als bedeutungslos angesehen werden.

Ministerien

Der Aufbau der Regierung in 1984 ist eine Parodie auf eine bekannte Rede des US-Präsidenten Roosevelt vor dem Kongress 1941 über die „vier Freiheiten“ („freedom of speech and religion, from want and fear“): die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit, die Freiheit von Mangelzuständen und von Furcht. George Orwell verwendete diese Rede zusammen mit seinen Erfahrungen bei der British Broadcasting Corporation (BBC) dazu, um die vier Ministerien von Ozeanien zu erschaffen:

  • Ministerium für Frieden (Minipax): Dieses Ministerium befasst sich mit der Kriegspropaganda und damit, den immerwährenden Krieg in Gang zu halten. Vermutlich ist es auch für die Angriffe auf eigene Städte verantwortlich, um die Kriegsstimmung aufrechtzuerhalten.
  • Ministerium für Überfluss/Überfülle (Minifluss/Minifülle): Dieses Ministerium ist für Wirtschaft und die Ausarbeitung der Drei-Jahres-Pläne zuständig, die laut offiziellen Meldungen ständig erreicht bzw. übertroffen werden, während die tatsächliche Produktion wahrscheinlich absichtlich gering gehalten wird, so werden angeblich 145 Millionen Stiefel pro Jahr produziert, während „die Hälfte der Bevölkerung Ozeaniens barfuß“ geht. Das Ministerium sorgt also auch dafür, dass nie genug Konsumgüter vorhanden sind beziehungsweise die Qualität extrem schlecht bleibt (man vergleiche Winstons Bemerkungen über die schlechte und sogar abnehmende Qualität von Schokolade, Victory-Zigaretten und Victory-Gin).
  • Ministerium für Liebe (Minilieb): Dieses mysteriöse und gefürchtete Ministerium unterhält die Gedankenpolizei, die Abweichler aufspürt und dorthin bringt. Dort werden sie solange gefoltert, bis sie „umgedreht”, also wieder voll und ganz auf Parteilinie sind. Einige werden danach freigelassen, um noch einige Zeit in Ozeanien zu leben, bevor sie erschossen werden. Andere werden sofort erschossen.
  • Ministerium für Wahrheit (Miniwahr): Dieses Ministerium befasst sich mit der Vergangenheit beziehungsweise mit deren ständiger Manipulation. Sämtliche Bücher, Filme, Schriften, Zeitungen, Tonaufnahmen etc. aus vergangener Zeit werden hier ständig revidiert und an die aktuelle Linie der Partei angepasst, sodass laut allen Aufzeichnungen, die existieren, die Partei immer recht hat und immer recht gehabt hat.
„Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.” (Vgl. Teil 1 aus 1984)
„Wer die Macht über die Geschichte hat, hat auch Macht über Gegenwart und Zukunft.“

Urheberrechte

1984 wird in der Europäischen Union ab dem Jahr 2021 gemeinfrei. In den USA wird das Werk erst nach 2044 den Status Public Domain erhalten, den es zum Beispiel in Kanada, Russland und Australien bereits hat.[7]

Literatur

Ausgaben

Sekundärliteratur

  • Bernd-Peter Lange: George Orwell: 1984. Fink, München 1982, ISBN 3-7705-2066-1
  • Michael Rademacher: George Orwell, Japan und die BBC. Die Rolle des totalitären Japan bei der Entstehung von „Nineteen Eighty-Four“. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 149. Jahrgang, 1 (1997), S. 33–54, ISSN 0003-8970
  • Michael Rademacher: Orwell and Hitler: Mein Kampf as a Source for Nineteen Eighty-Four. In: Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik, 47. Jahrgang, 1 (1999), S. 38–53, ISSN 0044-2305
  • Maria-Felicitas Herforth: George Orwell: 1984 (Nineteen Eighty-Four). Bange (Königs Erläuterungen und Materialien 108), Hollfeld 2002, ISBN 3-8044-1769-8
  • Kathleen Ellenrieder: Lektüreschlüssel zu George Orwell: 1984. Reclam (Reclams Universal-Bibliothek 15362), Stuttgart 2005, ISBN 3-15-015362-X

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b Englische Ausgabe des Buches 1984, S. 10/11
  2. george-orwell.org Biografie
  3. http://www.resort.com/~prime8/Orwell/whywrite.html
  4. newspeakdictionary.com
  5. wird im Buch nicht direkt erwähnt, jedoch liegt es nahe, da die Selbstbezeichnung der ostasiatischen Ideologie ein chinesisches Wort ist. Zitat aus dem Buch: „… in Ostasien wird sie [die herrschende Weltanschauung] durch ein chinesisches Wort ausgedrückt, das man gewöhnlich mit ‚Todeskult‘ [je nach Auflage auch ‚Sterbekult‘] übersetzt, …“ Zu finden ist der Satz in Goldsteins Buch, Kapitel 3.
  6. So zum Beispiel im Falle Parsons, Winstons Nachbarn, eines angepassten, im Sinne des Systems funktionierenden Mitglieds der Äußeren Partei. Parson wird von seiner siebenjährigen Tochter denunziert, als er sich im Schlaf negativ über den Großen Bruder äußert.
  7. orwell.ru: George Orwell's work – Public Domain. Abgerufen am 22. Dezember 2009. (engl.)

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