Alhambra-Erlass
Unterschriften Ferdinands und Isabellas, des königlichen Sekretärs Juan de Coloma und Siegel des Alhambra-Edikts

Im Alhambra-Edikt, 1492 erlassen durch die Katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragon, wurde die Vertreibung der Juden aus allen Territorien der spanischen Krone zum 31. Juli des Jahres angeordnet, sofern sie bis dahin nicht zum Christentum übergetreten waren.

Mit dem Edikt begann eine bis dahin beispiellose Vertreibung einer Bevölkerungsgruppe, die seit Jahrhunderten auf der Iberischen Halbinsel ansässig und wohlintegriert war. Die große Anzahl der unter massivem Druck zum Christentum Bekehrten, den Conversos, im Volk auch verächtlich Marranen genannt, die im Geheimen ihrer Religion anhingen, stand unter Generalverdacht der Heiligen Inquisition, die unermüdlich die rechte Gesinnung der Zwangsgetauften überprüfte und die Verurteilten in den Flammen der autodafés vernichtete. Innenpolitisch führte die Angst vor der Macht dieser undurchschaubaren und allmächtigen Institution zu einer tiefen Spaltung der spanischen Gesellschaft.

1968 wurde das Alhambra-Edikt der katholischen Könige von der spanischen Regierung für unwirksam erklärt und erst am 1. April 1992 durch den spanischen König Juan Carlos I. unwiderruflich außer Kraft gesetzt. [1]

Anlässlich des 500. Jahrestags des Alhambra-Edikts verabschiedete das spanische Parlament 1992 ein Kooperationsabkommen mit dem Verband der jüdischen Gemeinden in Spanien, das die Beziehungen zwischen dem spanischen Staat und den Bürgern jüdischer Konfession regelt. [2]


Inhaltsverzeichnis

Die Vorgeschichte

Schon während der Antike lebten Juden auf der Iberischen Halbinsel, und zwar bereits vor der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem durch Titus und der Zerstreuung der Juden nach Asien, Afrika und Europa. Frühe Zentren jüdischer Kultur waren u.a. die Balearen, Cordoba, Zaragoza und Granada. Die Westgoten tolerierten zunächst die jüdische Minderheit. Erst mit den sich kontinuierlich verschärfenden judenfeindlichen Beschlüssen der Konzile von Toledo kam es zu einem Versuch der Ausrottung jüdischer Kultur durch Zwangstaufen, die mit Ausdauer und Brutalität durchgesetzt wurden, so dass zum Zeitpunkt der Eroberung Spaniens durch die Muslime offen praktiziertes Judentum unmöglich war. Die muslimischen Eroberer wurden von der jüdischen Bevölkerung begrüßt, sie verbündete sich mit ihnen offen gegen die christlichen Herrscher. In der folgenden Epoche muslimischer Herrschaft, die andersgläubigen Minderheiten zunächst mit Toleranz begegnete und ihnen den rechtlichen Status von Schutzbefohlenen (dhimmis) zuordnete, verstärkte sich der Zuzug von jüdischen Einwanderern. Jüdische Enklaven im maurischen Spanien wurden blühende Zentren von Wissenschaft und Handel.

Aragon, Kastilien, Granada im 15. Jahrhundert.

Mit der Herrschaft der maghrebinischen Almohaden endete die muslimische Toleranz [3], es kam zu Zwangsbekehrungen, Vertreibungen, zur Zerstörung von Synagogen und der Schließung von Hochschulen. Viele Juden flohen nach Ägypten oder in den christlichen Norden nach Kastilien und Aragon. 1469 kam es zur Vereinigung der beiden Königreiche durch die Heirat von Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, 1472 wurde die spanische Inquisition zur Bekämpfung der Häresie und zur Ausrottung der Kryptojuden gegründet, gleichzeitig wurde der Großinquisitor Tomás de Torquemada Beichtvater der Königin und bis 1490 wurden 13.000 Conversos wegen ihrer heimlich praktizierten Religion verurteilt, viele von ihnen verbrannt.

Mit dem Abschluss der Reconquista durch die Eroberung Granadas im Januar 1492 kam auch die bisher ausgeübte Toleranz der Könige gegenüber ihren jüdischen Ärzten, Beratern und Bankiers zum Ende.

Das Edikt

Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon

Am 2. Januar 1492 war die Alhambra nach einem zehnjährigen, kostspieligen Krieg als letzte muslimische Hochburg einer 700-jährigen maurischen Herrschaft über Spanien gefallen. Dieser Krieg war nur durch massive finanzielle Unterstützung jüdischer Finanziers, insbesondere der beiden Magnate und Berater der Krone Isaak Abravanel und Abraham Senior (1412–1493), durchgehalten und gewonnen worden. Auf eben dieser Alhambra wurde das nach ihr benannte Edikt beraten und von den beiden Königen unterzeichnet.

Im Edikt wird zunächst erläutert, dass es unter den Conversos gewisse "schlechte Christen" gebe, die die neu Getauften zur Apostasie verführten. Grund sei das zu enge Zusammenleben von Juden und Christen in der Gesellschaft. Da alle früheren Versuche gescheitert seien, den schlechten Einfluss der Juden zu unterbinden - aufgeführt werden hier die Schaffung abgeschlossener jüdischer Wohnviertel, Einführung der Inquisition, Verbannung aus Andalusien - habe man sich dazu entschließen müssen, die Juden aus ganz Spanien zu vertreiben. Als besonders anstößig werden ihre Sitten und Gebräuche - wie Beschneidung, Speisevorschriften und das Begehen des Pessah-Festes angesehen, das Beharren auf dem Mosaischen Gesetz - die für die Neuchristen eine ständige diabolische Versuchung sei. [4]

Die Begründungen für Kastilien und Aragon unterscheiden sich insofern, als in Aragon außer religiösen auch wirtschaftliche Gründe geltend gemacht werden, die der französische Historiker Fernand Braudel für die tieferen Gründe dieser Judenvertreibung hält. In der Fassung für Aragon heißt es, dass die Juden „die christlichen Güter mit schweren und unerträglichen Wucherzinsen auffressen und verschlingen“ und „wucherische Verworfenheit“ (pravidat usuaria) gegen die Christen ausübten. Sie seien eine ansteckende Lepra, die man durch Vertreibung bekämpfen und besiegen könne. [4]

Die Folgen

Demographische Folgen

Wieviele Juden Spanien verließen, ist eine Streitfrage der Historiker, die Zahlen variieren zwischen 130.000 und über 300.000. Nach neuen Ergebnissen der Forschung waren es zwischen 80.000 bis 110.000 in Kastilien und 10.000 bis 12.000 in Aragon bei einer Gesamtbevölkerung in den beiden Ländern von ca. 850.000. [5] Wieviele Juden zum Christentum übertraten, ist noch schwieriger zu schätzen, es gibt hier keine Quellen.

Tafel in Porto zur Erinnerung an die Vertreibung der Juden aus Portugal durch Manuel I., 1497

Viele Juden ließen sich in Portugal nieder, wo sie dem König Johann II. aus finanziellen Gründen zunächst willkommen waren. Die Aufenthaltserlaubnis war jedoch befristet, Juden, die nach zweijährigem Aufenthalt noch nicht getauft waren, hatten das Land zu verlassen. Da nur wenige die Gelegenheit fanden, das Land mit Schiffen zu verlassen, wurden sie versklavt, zwangsgetauft oder nach Afrika verfrachtet, um dort in den Plantagen ihrer christlichen Arbeitgeber zu arbeiten. Unter Johanns Nachfolger Manuel I. erfolgte nach einem kurzen Zwischenspiel von Toleranz und Milde ein dem Alhambra-Edikt vergleichbarer Erlass, in dem Juden und Mauren befohlen wurde, das Land bis Oktober 1497 zu verlassen.

Der größere Teil der spanischen Sepharden zerstreute sich in kleinen Gruppen nach Nordafrika, Ägypten, in die Levante, wo ihnen der osmanische Sultan Bayezid II. Zuflucht gewährte, und nach Griechenland. Andere gelangten nach Italien, wo sie mit unterschiedlicher Begeisterung aufgenommen wurden. Die sizilianischen Städte verhielten sich feindlich und abweisend wie Spanien, unter dessen Herrschaft sie sich befanden, ebenso Neapel, das ab 1504 von Spanien regiert wurde, und als das Herzogtum Mailand an die spanische Krone fiel, wurden auch dort alle Juden vertrieben. Die Medici in Florenz nahmen die Juden mit offenen Armen auf und gewährten ihnen Wohnrecht in Livorno, Venedig tolerierte sie und erweiterte das Ghetto zur Aufnahme der Sepharden. Die Renaissance-Päpste unterstellten die Juden dem Schutz der Kirche, viele Juden siedelten sich im Kirchenstaat an, vor allem in Ancona und in Rom. Kleine Gruppen der Vertriebenen gelangten nach Amsterdam und nach Hamburg.

Ökonomische Folgen

Durch die kurze Frist, die den Ausgewiesenen zur Regelung ihrer Geschäfte und zur Reisevorbereitung blieb, wurde der Markt mit Gütern überschwemmt, Immobilien konnten zu Schleuderpreisen erworben werden. Andererseits fielen unvermittelt ganze Sektoren im Wirtschaftsleben aus, die vornehmlich von den Sepharden betrieben worden waren. Gerade auf dem Kapitalmarkt wurden die Folgen spürbar. Der Staat hatte Mühe, die Steuern einzutreiben, da die viele Steuereinnehmer bis hin zum obersten Steuereinnehmer, Abraham Senior, aus der sephardischen Volksgruppe kamen. Es fehlte Kapital für militärische oder wirtschaftliche Projekte und zur Finanzierung von Lebensstil und Luxus der Oberschicht, denn Geldverleih war den Christen verboten. In den Städten fehlten Ärzte und Handwerker. Der Regierung und der Diplomatie mangelten die sprachkundigen, weltgewandten Sepharden mit ihren vielfältigen europäischen Kontakten. Allerdings wurden durch das südamerikanische Gold, das mit der Kolonialisierung Südamerikas nach Spanien floss, die wirtschaftlichen Schäden teilweise kompensiert.

Dem spanischen Staat blieb die Oberschicht und die Schicht der Bauern und Besitzlosen, während die Herausbildung einer dynamischen und gebildeten Mittelschicht durch die Eliminierung der Sepharden im Keim erstickt wurde.

Kultur und Wissenschaft

Mit dem Edikt verlor Spanien eine Reihe ausgezeichneter Persönlichkeiten des kulturellen und wissenschaftlichen Lebens. Abgesehen von Abravanel, der nicht nur ein hervorragender Finanzmann und nach seiner Vertreibung aus Spanien u. a. Berater des Königs von Neapel und der Dogen von Venedig wurde, sondern auch einer der bedeutenden Bibel-Exegeten seiner Zeit war, und dem Astronom, Mathematiker und Kosmograph Abraham Zacuto, dessen Almanach perpetuum Kolumbus auf seinen Entdeckungsreisen begleitete, verließen viele Gelehrte und Hochschullehrer das Land. Die seit der arabischen Herrschaft in Spanien blühenden Universitäten konnten ihre Lehrer nicht ersetzen, und die Überwachung der Conversos durch die Spitzel der Inquisition brachte auch deren Forschungstätigkeit zum Erliegen.

Mit der Vertreibung und Zerstreuung der Sepharden wurde die Kabbalah, die bisher nur auf einige wenig bekannte Zirkel vor allem in Spanien beschränkt war, im Mittelmeerraum und im nördlichen Europa verbreitet. Als neues Zentrum kabbalistischer Studien bildete sich die Stadt Safed in Palästina heraus - die beiden einflussreichsten Kabbalisten in Safed, Moses ben Cordovero und Isaak Luria, waren sephardischer Herkunft. Von hier aus verbreitete sich diese mystische Strömung des Judentums auch unter den Aschkenasim und konnte von den frühen Humanisten rezipiert werden.

Soziale Folgen

Ein Motiv der Könige beim Erlass des Edikts war es, nach der politischen Einheit Spaniens auch die innere, religiöse Einheit des Landes herzustellen. Mit dem Alhambra-Edikt gab es nur noch christliche Spanier. Alle waren jetzt - anders als die ehemaligen jüdischen Bürger - der Inquisition ausgeliefert.

Trotz eifriger Bemühungen von Seiten der Kirche hielten viele Conversos jedoch heimlich am Judentum fest. Die Ursache dieser Uneinsichtigkeit und Verstocktheit fand man in der Unreinheit des jüdischen Blutes. [6] Das hatte bereits 1449 in Toledo zu einem Statut über Blutreinheit (estatutos de limpieza de sangre), gewissermaßen Nürnberger Gesetzen ante litteram, geführt. Man begann, zunächst von Seiten der Inquisition, die "rechte Gesinnung" der Neuchristen zu ergründen. Ein Netz von Spitzeln (familiares) überzog die Gesellschaft. Das totalitäre Denken der spanischen Inquisitoren, die Unterdrückung von Gedankenfreiheit, erzeugte ein Klima von Angst und einen totalen Konformismus zumindest an der Oberfläche der spanischen Gesellschaft. Inquisitorische Mentalität und totalitäres Denken ergriffen auch die Staatsorgane: Jeder, der sich um ein Amt oder eine höhere Stellung in der Armee bewarb, musste den Nachweis erbringen, dass seine Vorfahren bis ins zweite Glied keine Neuchristen waren. Das führte zu einer verhängsvollen Spaltung in alte und neue Christen, zu einem tiefen Misstrauen untereinander, zumal Marranen, anders als die Morisken, äußerlich nicht zu erkennen waren, und große Teile der spanischen Gesellschaft vor allem in der Oberschicht sephardische Verwandte oder Vorfahren hatten.

Diese Bestimmungen überlebten die Inquisition bis ins frühe 19. Jahrhundert und gelten als eine Ursache für einen latenten Rassismus und als Nährboden für die Entfaltung eines totalitären Regimes in Spanien. Noch Franco benutzte im Spanien des Bürgerkriegs das Schlagwort „las dos Españas“.

Einzelnachweise

  1. "König Juan Carlos I. besuchte am 1. April 1992 die Synagoge von Madrid, entschuldigte sich für den Akt der Barbarei, den seine Vorgänger fünfhundert Jahre zuvor begangen hatten, und setzte das Vertreibungsedikt feierlich und unwiderruflich außer Kraft. Die Vereinigung Erensia Sefardi verlieh ihm daraufhin 1994 ihren Preis Angel Pulido...." zitiert nach: Bossong 2008. S. 114.
  2. Scheele, Uwe: Die schwierige Rückkehr nach Sepharad. In: Jüdische Zeitung. 2. 5. 2009.
  3. Bossong 2008. S. 33.
  4. a b Zitate aus Bossong: Die Sepharden. 2008. Kapitel: Die Vertreibung von 1492 und ihre Folgen. S. 53-69.
  5. Bossong 2008. S.57-58.
  6. Bossong S. 65-69.

Literatur

  • Georg Bossong: Die Sepharden. Geschichte und Kultur der spanischen Juden. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56238-9.
  • Béatrice Leroy: L'expulsion des juifs d'Espagne. Paris 1990.

Weblinks


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