Alhazen
Kupferstich auf dem Titelblatt des Thesaurus opticus. Die Darstellung zeigt, wie Archimedes von Syrakus römische Schiffe mit Hilfe von Parabolspiegeln in Brand gesetzt haben soll.

Abu Ali al-Hasan ibn al-Haitham (arabisch ‏أبو علي الحسن بن الهيثم‎, DMG Abū ʿAlī al-Ḥasan ibn al-Haiṯam), latinisiert Alhazen (* um 965 wahrscheinlich in Basra; † 1039 oder 1040 in Kairo)[1], war ein bedeutender muslimischer Mathematiker, Optiker und Astronom arabischer oder persischer Herkunft.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Über das Leben von Alhazen ist wenig bekannt[2], es waren aber zahlreiche Legenden über ihn im Umlauf, die auch ihren Eingang in spätere westliche Biographien fanden. Er wirkte in Kairo am Hof al-Hakims, wo er ein Projekt zur Regulierung des Nils vorschlug, das aber vom Kalifen abgelehnt wurde. Der Legende nach täuschte er, entweder um sein Versagen zu vertuschen oder um sich weniger Verwaltungsaufgaben als der Wissenschaft zu widmen, da er den Zorn al-Hakims fürchtete, eine Geisteskrankheit vor, wonach er sich an dem al-Hakim gegründeten Haus der Weisheit ganz der Wissenschaft zuwandte. Nach dem Tode al-Hakims im Jahr 1021 soll er nach der Legende auf scheinbar „wunderbare Weise“ genesen sein.

In seinen zahlreichen mathematischen Werken beschäftigte er sich mit Problemen der Zahlentheorie und der Geometrie.

Von größter Bedeutung sind jedoch seine optischen Experimente: Die meisten Wissenschaftler der Antike, darunter Euklid und Ptolemäus, nahmen an, dass so genannte „Sehstrahlen“, die vom menschlichen Auge ausgehen sollten, die Umgebung abtasteten und so den visuellen Eindruck im Gehirn erzeugten, ähnlich einem Blinden, der seine Umgebung mit einem Stab abtastet. Aristoteles hingegen war der Ansicht, dass Licht unabhängig vom menschlichen Auge existierte und sich über ein Medium seinen Weg von den Gegenständen in das Auge bahne. Alhazen jedoch ging auf neue Weise an die Frage heran, indem er den Aufbau des Auges analysierte. Er erkannte die Bedeutung der Linse im Auge und widerlegte in wissenschaftlichen Experimenten die Sehstrahlen-Theorie.

Aufbauend auf Ibn Sahl verfeinerte und erweiterte er auch die Theorien Ptolemäus' zur Lichtbrechung und Lichtreflexion; insbesondere hat er die Eignung gewölbter Glasoberflächen zur optischen Vergrößerung erkannt und beschrieben. Mit diesen Erkenntnissen stellte er Lesesteine aus Glas her. Damit gilt er als Erfinder der Lupe und inspirierte wahrscheinlich mit seinen Schriften Roger Bacon zur Erfindung der Brille. Er führte auch Versuche zur Farbmischung und Camera Obscura aus.

Noch heute ist sein Name mit einem Problem der Optik verbunden, das Alhazensche Problem: Er löste geometrisch mit Kegelschnitten die Aufgabe, in einem sphärischen Spiegel den Punkt zu berechnen, von dem ein Gegenstand von gegebener Entfernung zu einem gegebenen Bild projiziert wird, was auf eine Gleichung vierten Grades führt bzw. auf die Bestimmung der Wurzel einer Gleichung dritten Grades (damit war sie nicht mit Zirkel und Lineal lösbar). Die vollständige algebraische Lösung fand Peter Neumann 1997[3]. Das Problem geht bis auf Ptolemäus zurück und beschäftigte zum Beispiel Christian Huygens. Alhazen selbst gab in diesem Zusammenhang mit einer frühen Anwendung der vollständigen Induktion die erste Formel für die Summe von vierten Potenzen (die auch auf Summen ganzzahliger Potenzen verallgemeinert werden kann), und fand damit das Volumen des Paraboloids. Damit spielt er auch eine Rolle in der Frühgeschichte der Analysis.[4]

Ausgehend von seinen Erkenntnissen auf dem Gebiet der Optik entdeckte Alhazen, dass Brechung des Lichts auch in der Lufthülle der Erde stattfindet. Er stellte fest, dass der Mond sowohl am Horizont als auch im Zenit die gleiche Größe hat. Er erkannte also den scheinbar größeren Durchmesser des Mondes in Horizontnähe als eine Wahrnehmungstäuschung (Mondtäuschung). Auch berechnete er die Höhe der Atmosphäre aus der Beobachtung von Sonnenuntergängen.

Er machte sich auch um die Wissenschaftstheorie verdient: Als erster wandte er systematisch die induktiv-experimentelle wissenschaftliche Arbeitsweise an, bei der zuerst Experimente durchgeführt und erst danach anhand der Versuchsergebnisse Theorien aufgestellt werden; bis dahin war es üblich, Erkenntnisse nur durch logische Schlussfolgerungen zu gewinnen und Experimente allenfalls zur Veranschaulichung der so gefundenen Theorien durchzuführen.

Alhazens eventuell von Gerhard von Cremona selbst oder in seinem Umkreis ins Lateinische übersetzter Kitāb al-Manāzir, der unter dem Titel Perspectiva oder De aspectibus verbreitet war, beeinflusste optische und darüber hinaus philosophische Theorien seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert, insbesondere sind die Werke von Roger Bacon, Witelo und Johannes Peckham von Alhazens Auffassungen geprägt. Die Übersetzung wurde 1572 durch Friedrich Risner in Basel zusammen mit Witelos Optik publiziert, auf sie beziehen sich Keplers Paralipomena ad Vitellionem.

Ehrungen

Der Krater Alhazen auf dem Mond und der Asteroid (59239) Alhazen sind nach al-Haitham benannt.

Um ihn zu Ehren nannte die Aga-Khan-Universität (Pakistan) ihren Lehrstuhl für Augenheilkunde (med.: Ophthalmologie) "The Ibn-e-Haitham Associate Professor and Chief of Ophthalmology".

Ein fiktives Bildnis Alhazens befindet sich auf der seit 2003 im Umlauf befindlichen 10.000-Dinar-Banknote des Irakischen Dinars.

Werke

  • Kitab-al-Manazir 1021. (lateinische Übersetzung: Opticae Thesaurus oder De aspectibus 1572). (deutsch: Buch vom Sehen oder Schatz der Optik).
  • Al-Shukūk ‛alā Batlamyūs. (Zweifel an Ptolemäus)
  • Über den Aufbau der Welt
  • Modell der Bewegungen jeder der sieben Planeten
  • Über die Milchstraße

Literatur

  • Roshdi Rashed Ibn Al-Haytham (Alhazen) in Helaine Selin (Herausgeber) Encyclopedia of the History of Science, Technology and Medicine in Non-Western Cultures, Kluwer/Springer 2008
  • Hans Belting: Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57092-6.
  • Graziella Federici Vescovini: Le teorie della luce e della visione ottica a dal IX al XV secolo. Studi sulla prospettiva medievale e altri saggi. Morlacchi, Perugia 2003, ISBN 88-88778-61-6, (Storia del pensiero filosofico e scientifico), S. 155–185.
  • Karl Kohl: Über das Licht des Mondes. Eine Untersuchung von Ibn al Haitham. In: Sitzungsberichte der Physikalisch-Medizinischen Sozietät zu Erlangen 56/57, 1926, ISSN 0371-2117, S. 305–398.
  • David C. Lindberg: Auge und Licht im Mittelalter. Die Entwicklung der Optik von Alkindi bis Kepler. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN3-518-57835-9 , S. 47–160.
  • Matthias Schramm: Ibn Al-Haythams Weg zur Physik. Steiner, Wiesbaden 1963, (Boethius 1, ISSN 0523-8226).
  • A. I. Sabra: The Optics of Ibn Al-Haytham. Books I-III „On direct vision“. 2 Bände. Warburg Institute, London 1989, ISBN 0-85481-072-2, (Studies of the Warburg Institute 40, 1–2).
  • Gotthard Strohmaier: Alhazen - Physik am Rande des Irrsinns. In Spektrum der Wissenschaft. 12/2004, ISSN 0170-2971, S. 90–97
  • Eilhard Wiedemann: Ibn al Haitam, ein arabischer Gelehrter. In: Festschrift J. Rosenthal zur Vollendung seines siebzigsten Lebensjahres gewidmet. Thieme, Leipzig 1906, Teil 1, S. 147–178.
  • Jim Al-Khalili: Pathfinders: The Golden Age of Arabic Science. Allen Lane, London 2010, ISBN 978-1-84614-161-4.

Weblinks

Verweise

  1. Roshdi Rashed Ibn Al-Haytham (Alhazen) in Helaine Selin (Herausgeber) Encyclopedia of the History of Science, Technology and Medicine in Non-Western Cultures, Kluwer/Springer 2008, gibt als gesicherte Lebensdaten an: geboren in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, gestorben nach 1040
  2. Roshdi Rashed Ibn Al-Haytham (Alhazen) in Helaine Selin (Herausgeber) Encyclopedia of the History of Science, Technology and Medicine in Non-Western Cultures, Kluwer/Springer 2008
  3. Alhazen Problem bei Wolfram, manchmal auch Alhazen Billard Problem genannt wegen des analogen Problems bei kreisförmigen Billards
  4. Victor J. Katz "Ideas of Calculus in Islam and India", Mathematics Magazine, Bd. 68, 1995, Nr. 3, S.163–174

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