Alison Des Forges
Alison Des Forges, 2005

Alison Des Forges (geborene Liebhafsky; * 20. August 1942 in Schenectady, New York; † 12. Februar 2009 in Clarence bei Buffalo, NY) war eine US-amerikanische Historikerin und Menschenrechtsaktivistin.

Inhaltsverzeichnis

Akademischer Werdegang

Des Forges, Tochter des Chemikers Herman A. Liebhafsky, einem der Entdecker der Bray-Liebhafsky-Reaktion, studierte Geschichte und erwarb im Jahr 1964 am Radcliffe College in Cambridge, Massachusetts in diesem Fach den Abschluss als Bachelor. Im selben Jahr heiratete sie Roger Des Forges, einen auf chinesische Geschichte spezialisierten Historiker an der University at Buffalo.[1] Im Fach Geschichte erlangte sie an der Yale University 1966 den Master und erwarb dort 1972 mit einer Arbeit zur Geschichte Ruandas ebenfalls ihren Doktortitel (Ph. D.).[1][2]

Menschenrechtsarbeit

Des Forges war auf die Region der Afrikanischen Großen Seen spezialisiert. Ihr Hauptwerk ist eine Studie über den Völkermord in Ruanda, die 1999 im Auftrag der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erschien und seit 2002 in deutscher Sprache unter dem Titel Kein Zeuge darf überleben. Der Genozid in Ruanda vorliegt. Dieses Werk entfaltet die These, die Ereignisse in Ruanda zwischen April und Juli 1994 seien kein spontaner Ausbruch von Gewalt verschiedener Stämme, sondern ein systematischer geplanter und durchgeführter Völkermord gewesen, für den die Übergangsregierung die Verantwortung trage, die am 8. April 1994 in Ruanda die Macht übernahm.

Die Studie von Des Forges gilt als ein Standardwerk zu diesem Genozid. Sie entstand in mehrjähriger Feldarbeit vor Ort in Ruanda, für die Des Forges ihre akademische Anstellung aufgab, um stattdessen für Human Rights Watch als sogenannter „senior advisor“ (Seniorberater) für den Regionalschwerpunkt Afrika tätig zu sein.[3]

Sie setzte sich nachdrücklich für die strafrechtliche Verfolgung mutmaßlicher Täter ein. Unter anderem überreichte sie Jean-Bosco Barayagwiza, einem Anführer der Hutu-Miliz Impuzamugambi und Verantwortlichen bei Radio-Télévision Libre des Mille Collines, persönlich die offizielle Anklageschrift.[4] Vor dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda sagte Des Forges insgesamt elfmal als Zeugin aus. In Untersuchungskommissionen der französischen Nationalversammlung, des Belgischen Senats, des Kongresses der Vereinigten Staaten sowie der Vereinten Nationen wurde sie ebenfalls zum Völkermord in Ruanda und zur aktuellen Menschenrechtslage in der Region der Afrikanischen Großen Seen angehört.[2]

Im Jahr 2008 untersagte ihr die von der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) dominierte ruandische Regierung unter Paul Kagame mehrfach die Einreise nach Ruanda. Allison des Forges und Human Rights Watch hatten zuvor mehrfach die aktuelle Lage der Menschenrechte in Ruanda, das Engagement ruandischer Truppen im Kongo sowie schwere Menschenrechtsverletzungen der RPF unmittelbar nach Ende des Völkermords im Sommer 1994 kritisiert.[5]

Die Amerikanerin galt gleichfalls als Expertin für Menschenrechtsverletzungen in der Demokratischen Republik Kongo und in Burundi.[6]

Ehrungen

Die Historikerin erhielt 1999 für ihre Studie über den Völkermord in Ruanda ein mit 375.000 US-Dollar dotiertes MacArthur-Stipendium. Das Geld setzte sie für humanitäre Zwecke in Afrika ein. Im Jahr 2003 wurde ihr für das Buch der Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch zuerkannt.[7][8]

Die US-amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch verleiht den nach ihr benannten Alison Des Forges Award.

Tod

Des Forges starb beim Absturz des Continental-Airlines-Fluges 3407 in Clarence, einem Vorort von Buffalo. Das Flugzeug, eine Bombardier Dash 8Q-400, befand sich auf dem Weg vom Flughafen Newark zum Buffalo Niagara International Airport. Mit ihr kamen 49 weitere Personen ums Leben.[9]

Werke

  • Defeat is the Only Bad News: Rwanda under Musiinga, 1896–1931, Doktorarbeit an der Yale University, 1972.
  • Leave None to Tell the Story: Genocide in Rwanda, 1999, ISBN 1-56432-171-1 (dt.: Kein Zeuge darf überleben. Der Genozid in Ruanda. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bauer … Hamburger Edition, Hamburg 2002, ISBN 3-930908-80-8)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b 9/11 widow, MacArthur Fellow, jazz musicians among victims (13. Februar 2009). USA Today, Abruf am 14. Februar 2009.
  2. a b Biografische Informationen über Des Forges auf der Website von Human Rights Watch, Abruf am 14. Februar 2009.
  3. Informationen über Alison des Forges auf der Website des United States Holocaust Memorial Museum, Abruf am 14. Februar 2009.
  4. Adrian Kreye: Vergebliche Warnung. Neutralität ist fatal: Zum Tod der Historikerin Alison Des Forges, Website der Süddeutschen Zeitung, 16. Februar 2009, Abruf am 16. Februar 2009.
  5. Stellungnahme von Human Rights Watch zum Einreiseverbot vom 23. Dezember 2008, Abruf am 15. Februar 2009.
  6. Matthew Bigg: Key human rights advocate dies in U.S. plane crash, Reuters.com (13. Februar 2009), Abruf am 14. Februar 2009.
  7. Matt Schudel: Scholar Presaged Rwanda’s Tragedy, Alison Des Forges, 66, in: The Washington Post, 14. Februar 2009, Abruf am 15. Februar 2009.
  8. Informationen über die Preisträger des Bruno-Kreisky-Preises für das politische Buch im Jahr 2003.
  9. Alison Des Forges, Human Rights Advocate, Is Dead at 66. The New York Times, Abruf am 14. Februar 2009.

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Alison Des Forges — Born Alison B. Liebhafsky August 20, 1942(1942 08 20) Schenectady, New York, United States[1 …   Wikipedia

  • Alison Des Forges — Alison Des Forges, 2005 Nom de naissance Alison B. Liebhafsky Naissance …   Wikipédia en Français

  • Des Forges — ist der Familienname folgender Personen: Alison Des Forges (1942–2009), US amerikanische Historikerin und Menschenrechtsaktivistin Guillaume Arrufat des Forges († 1311), Kardinal der römisch katholischen Kirche Diese Seite ist eine …   Deutsch Wikipedia

  • Alison — ist ein weiblicher Vorname, der selten auch als Familienname auftritt. Inhaltsverzeichnis 1 Herkunft 2 Bedeutung 3 Namenstage 4 Varianten …   Deutsch Wikipedia

  • Forges — ist die Bezeichnung mehrerer Gemeinden und eines Kantons in Frankreich: Forges (Charente Maritime), Gemeinde im Département Charente Maritime Forges (Maine et Loire), Gemeinde im Département Maine et Loire Forges (Orne), Gemeinde im Département… …   Deutsch Wikipedia

  • Génocide des Tutsi — Génocide au Rwanda GÉNOCIDE AU RWANDA Rwanda Histoire du Rwanda Populations des Grands Lacs Ethnisme au Rwanda Introduction Événements initiaux Causes du génocide Acteurs rwandais Communauté internationale Institutions religieuses P …   Wikipédia en Français

  • Génocide des Tutsis — Génocide au Rwanda GÉNOCIDE AU RWANDA Rwanda Histoire du Rwanda Populations des Grands Lacs Ethnisme au Rwanda Introduction Événements initiaux Causes du génocide Acteurs rwandais Communauté internationale Institutions religieuses P …   Wikipédia en Français

  • Liste der Biografien/Deo–Des — Biografien: A B C D E F G H I J K L M N O P Q …   Deutsch Wikipedia

  • Négation des chambres à gaz — Négationnisme Antisémitisme Fondamentaux Définitions : Antijudaïsme · Antisémitisme · Judéophobie Allégations : « Peuple déicide, perfide et usurier, profanateurs  …   Wikipédia en Français

  • Pays des mille collines — Rwanda Repubulika yu Rwanda (rw) Republic of Rwanda (en) République du Rwanda …   Wikipédia en Français

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”