Alldeutsche Vereinigung
Karikatur von Schönerer und seinen Alldeutschen
Georg von Schönerer um 1893

Die Alldeutsche Vereinigung war eine deutschnationale, antiklerikale, antisemitische, österreichische Partei im Wiener Reichsrat, die 1891 von Georg von Schönerer als Alldeutsche Bewegung (1896 in Alldeutsche Vereinigung umbenannt) gegründet wurde.

Mit dem Alldeutschen Verband des Deutschen Kaiserreiches gab es nur inoffizielle Verbindungen, die zudem nicht frei von Konflikten waren, da sich der Alldeutsche Verband als parteiübergreifende Organisation verstand und die Verwendung des Begriffes „alldeutsch“ als Parteibezeichnung ablehnte.

Geschichte

Die österreichischen Alldeutschen lösten sich im Laufe der achtziger Jahre des 19. Jahrhundert vom deutschliberalen und deutschkatholischen Lager und bildeten unter Schönerer und Karl Hermann Wolf eine aktive irredentistische Minderheit.[1] Obwohl die Anzahl der Alldeutschen im Reichsrat gering war, hatten sie doch starken Einfluss auf die akademische Jugend und den öffentlichen Dienst, vor allem die Justiz. Die Bewegung empfand sich als einer der Rechtsnachfolger der Deutschnationalen Bewegung.

Bei den Reichsratswahlen 1901 konnten die österreichischen Alldeutschen die Anzahl ihrer Mandate im Reichsrat von sechs auf 21 erhöhen. Dies war der größte Wahlerfolg in ihrer Geschichte.[2] Die alldeutschen Abgeordneten erstrebten die Festlegung der deutschen Sprache als Amtssprache in Cisleithanien, förderten die Los-von-Rom-Bewegung, eine Personalunion mit Ungarn und ein durch einen Staatsvertrag festzustellendes Schutz- und Trutzbündnis mit dem Deutschen Reich. Aber bald gerieten die Vorsitzen Schönerer und Wolf aus persönlichen Gründen in Konflikt. Die Gruppe um Wolf spaltete sich 1902 als Frei-Alldeutsche (später Deutschradikale Partei) mit 12 Abgeordneten ab.

Der radikale, antisemitische Flügel des österreichischen Alldeutschtums, der seine Wähler vor allem in den sudetendeutschen Grenzgebieten fand, hatte zwar keinen direkten politischen Erfolg, seiner Ideologie gelang es aber, die meisten deutschen Parteien, vor allem die Christlichsozialen, zu unterwandern.

„Die Tendenz, dem Alldeutschtum durch teilweise Übernahme seiner Forderungen den Wind aus den Segeln zu nehmen - ein Unterfangen, das in vieler Hinsicht erfolgreich war - erschien auf lange Sicht dem Staatsgefüge der Monarchie viel gefährlicher als das Programm des unverhüllten nationalen Radikalismus und Imperialismus.[3]

Obwohl die Vereinigung im Juli 1904 offiziell aufgelöst worden war, saßen 1905 noch acht alldeutsche Abgeordnete im Wiener Reichsrat, von denen 1901 allesamt in den Sudetenländern gewählt worden waren.[4] Diese Abgeordneten waren nun jedoch fraktionslos.

Bei den ersten allgemeinen und gleichen Wahlen für Männer 1907 erzielten die alldeutschen und radikal-deutschnationalen Parteien in Wien nur 2,8 % der Stimmen.[5] Nur drei alldeutschen Kandidaten gelang der Sprung in den Reichsrat. Bei der kommenden Wahl von 1911 eroberten die Schönerianer vier Abgeordnetensitze im Parlament. Zum gleichen Zeitpunkt gab es weit größere, jedoch gemäßigtere deutschnationale Parteien.[6] Die deutschnationalen Parteien hatten sich 1910 im Deutschen Nationalverband zusammengeschlossen, der 1917 wieder zerfiel.

Für die österreichischen Alldeutschen stellten im Ersten Weltkrieg innere Reformen zur Sicherung und Stärkung der Vorherrschaft der Deutschen ihr wichtigstes Kriegsziel dar.[7] Das Ideen der Alldeutschen Vereinigung wurden zum Teil später von den Nationalsozialisten in der österreichischen Republik sowie in der Tschechoslowakei übernommen.

Politische und ideologische Positionen

Die Alldeutsche Bewegung war großdeutsch, antisemitisch, antisozialistisch bzw. antibolschewistisch und antidemokratisch ausgerichtet. Mit der Übernahme der antisemitischen Komponenten begann die Trennung von den Liberalen und den gemäßigten Deutschnationalen, die weiterhin zur christlichen Kirche standen, während Schönerer begann, seine Bewegung vom Judeo-Christentum ab- und zu Wotan hinzuwenden.

Propagandastoff, den die Alldeutschen zur Aufschaukelung des Chauvinismus lieferten, war beispielsweise die Forderung nach mehr Ellbogenraum im Osten und Südosten,

„um der gesamten germanischen Rasse diejenigen Lebensbedingungen zu sichern, deren sie zur vollen Entwicklung ihrer Kräfte bedarf, selbst wenn darüber solch minderwertige Völkchen wie Tschechen, Slowenen und Slowaken ihr für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten. Nur den großen Kulturvölkern kann das Recht auf Nationalität zugestanden werden.[8]

Zu Beginn der 1890er Jahre entwickelten alldeutsche Theoretiker Pläne zur Aufteilung der Monarchie in kleine, direkt oder indirekt abhängige, zu germanisierende Staatsgebilde.[9] Dass den alldeutschen Bestrebungen in der Habsburgermonarchie letztlich kein Erfolg beschieden war, lag nicht zuletzt am Interesse des verbündeten Deutschland, den Staat unter deutschösterreichisch-magyarischer Führung im deutschen Kielwasser zu halten, nicht aber zur weiteren nationalen Zersetzung und letzten Endes zur Auflösung der Monarchie beizutragen, die schließlich nur russischen Interessen dienen konnte. Die Erhaltung der Donaumonarchie lag also eindeutig im machtpolitischen Interesse des Deutschen Reiches.[10]

Einzelnachweise

  1. Robert A. Kann: Das Deutsche Reich und die Habsburgermonarchie 1871-1918. In: Robert A. Kann, Friedrich E. Prinz: Deutschland und Österreich. Ein bilaterales Geschichtsbuch. Wien/München 1980, ISBN 3-7141-6551-7, S. 143–160, hier: S. 158.
  2. Peter G. J. Pulzer: Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-36954-9, S. 187 und 231.
  3. Robert A. Kann: Deutschland und das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie aus österreichischer Sicht. In: Robert A. Kann, Friedrich E. Prinz: Deutschland und Österreich. Ein bilaterales Geschichtsbuch. Wien/München 1980, ISBN 3-7141-6551-7, S. 412–423, hier S. 418f.
  4. Lothar Höbelt: Kornblume und Kaiseradler. Die deutschfreiheitlichen Parteien Altösterreichs 1882−1918. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1993, ISBN 3-7028-0320-3, S. 197.
  5. Birgitt Morgenbrod: Wiener Großbürgertum im Ersten Weltkrieg. Die Geschichte der Österreichischen Politischen Gesellschaft (1916-1918). Wien/Köln/Weimar 1994, ISBN 3-205-98256-8, S. 22.
  6. Richard W. Kapp: Divided Loyalities. The German Reich and Austria-Hungary in Austro-German Discussions of War Aims, 1914-1916. In: Central European History 17 (1984), S. 120–139, hier: S. 124.
  7. Gy. Tokody: Die Pläne des Alldeutschen Verbandes zur Umgestaltung Österreich-Ungarns. In: Acta Historica (1963), S. 39–67, hier: S. 65.
  8. Alldeutsche Blätter Nr.4 (1894); zitiert nach Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Steiner, Wiesbaden 1954, S. 44.
  9. Gy. Tokody: Die Pläne des Alldeutschen Verbandes zur Umgestaltung Österreich-Ungarns. In: Acta Historica. (1963) S. 39–67, hier: S. 39–41.
  10. Robert A. Kann: Das Deutsche Reich und die Habsburgermonarchie 1871-1918. In: Robert A. Kann, Friedrich E. Prinz: Deutschland und Österreich. Ein bilaterales Geschichtsbuch. Wien/München 1980, ISBN 3-7141-6551-7, S. 143–160, hier: S. 146 und 157.

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