Allgemeine Sprachwissenschaft

Die Allgemeine Linguistik (auch Synchrone Linguistik bzw. Allgemeine Sprachwissenschaft genannt) ist als Teildisziplin der Sprachwissenschaft die wissenschaftliche Untersuchung der systemischen Eigenschaften von natürlicher Sprache. Wissenschaftsintern wird sie häufig lediglich als „Linguistik“ bezeichnet, was zu Verwechslungen mit der Sprachwissenschaft führt. Untersuchungsgegenstand sind nicht bestimmte Sprachen oder Sprachgruppen, sondern Sprache als System und als Mittel zur zwischenmenschlichen Kommunikation. Sie steht in Abgrenzung zur vergleichenden Sprachwissenschaft, welche einzelne sprachliche Eigenschaften durch Kontrast verschiedener Sprachen untersucht, und zur Historischen Linguistik (Diachrone Linguistik), welche die Geschichte und die Entwicklung von Sprachen untersucht.

Inhaltsverzeichnis

Lautsprache und Gebärdensprache

Die folgenden Ausführungen sind vor allem im Hinblick auf „gesprochene“ Sprachen bzw. Lautsprache formuliert. Dabei ist zu beachten, dass für Gebärdensprachen entsprechende andere Begriffe „mitgedacht“ werden müssen, zum Beispiel Handformen anstelle von Lauten. Trotzdem benutzt die Gebärdensprach-Linguistik in Anlehnung an die Linguistik auch deren Terminologie, beispielsweise bei „Phonemen“.

Sprache

Unter Sprache werden in der Allgemeinen Linguistik Sequenzen von Lauten – Phonemen – verstanden. Diese Sequenzen weisen eine bestimmte Syntax auf, nach deren Regeln die Sprachgemeinschaft einen Satz aufbaut. Die Elemente innerhalb von Sätzen haben wiederum bestimmte morphologische Eigenschaften, die festlegen, wie sich einzelne Wörter unter verschiedenen Bedingungen verändern.

Ob Sprache primär der Kommunikation dient, ist innerhalb der Linguistik umstritten. Eine der derzeit prominenten Richtungen der Linguistik ist die Schule Noam Chomskys. Diese geht davon aus, dass Sprache ein biologisches Objekt ist, das keineswegs vorrangig der Kommunikation dient. Die Transformationsgrammatik versucht herauszufinden, welche Prinzipien und Parameter allen Sprachen zugrunde liegen. Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch mit einer abstrakten Sprachfähigkeit geboren wird. Diese ermöglicht es ihm überhaupt eine konkrete Sprache („Deutsch“, „Englisch“, „Arabisch“, „Chinesisch“ …) zu erwerben. Demnach wird zwischen dem angeborenen Sprachwissen, der Kompetenz, und dem Gebrauch dieses „Wissens“, Performanz, unterschieden. Diese Forschungsrichtung wurde bekannt unter dem Titel „generative Transformationsgrammatik“; innerhalb der letzten fünfzig Jahre wurden die Theorien jedoch stetig weiterentwickelt und revidiert. „Government and Binding“ und „Minimalism“ sind die derzeit am eifrigsten bearbeiteten Theorierahmen.

Einige Grundfragen der Forschung

  • Wie ist Sprache aufgebaut?
  • Was ist allen gemeinsam in Form und Funktion?
  • Wie wird Sprache verwendet?
  • Wie entsteht und wann „stirbt“ eine Sprache?
  • Wie wird Sprache erworben?

Teilgebiete

Teildisziplinen sind die

  • Theoretische Linguistik, die Untersuchung von Sprache als System (sprachübergreifend), u.a.:
    • Semiotik, die Lehre der (sprachlichen) Zeichen
    • Lexikologie, die Lehre des Wortschatzes einer Sprache
    • Grammatik, die Lehre der regelhaften Baumuster und Eigenschaften von Sprache
      • Phonologie, die Lehre vom Lautsystem einer Sprache
      • Morphologie, der Lehre von den kleinsten bedeutungstragenden Elementen einer Sprache
      • Syntax, die Lehre von Form und Struktur von Sprache
    • Semantik, die Lehre von Sinn und Bedeutung von Sprache
    • Pragmatik, die Lehre von Verwendung und Zweck von Sprache
  • Angewandte Linguistik, die Untersuchung von Sprache unter interdisziplinären Aspekten, u.a.:
    • Computerlinguistik, die Untersuchung der Verwendung von natürlicher Sprache am Computer
    • Ethnolinguistik, die Lehre von kulturell spezifischer Nutzung von Sprache
    • Forensische Linguistik, die kriminologische Untersuchung von sprachlichen Einheiten
    • Klinische Linguistik, die Diagnostik und Therapie von Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen
    • Kognitive Linguistik, die Lehre von der Vernetzung von Sprache mit kognitiven Strukturen und Prozessen
    • Medienlinguistik, die Lehre von der Sprache und dem Sprachgebrauch in medialer Kommunikation
    • Neurolinguistik, die Lehre von den neuronalen Grundlagen für und Einflüssen auf Sprache
    • Patholinguistik, die Lehre von der pathologischen Sprache einschließlich der Sprachentwicklungsstörungen
    • Politolinguistik, die Untersuchung der politischen Vorgänge, die mit Sprache zu tun haben.
    • Psycholinguistik, die Lehre von den prozessualen und aktionalen Komponenten von Sprachproduktion, Sprachverstehen und Spracherwerb.
    • Quantitative Linguistik, die Entwicklung von Sprachgesetzen auf der Grundlage statistischer Erhebungen mit dem Ziel, darauf aufbauend eine Sprachtheorie zu konzipieren
    • Rechtslinguistik, die Untersuchung der Hintergründe von Rechtsthemen, die mit Sprache zu tun haben
    • Soziolinguistik, die Lehre von den gegenseitigen Auswirkungen zwischen Gesellschaft und Sprache
    • Sprachstatistik, eine Statistik der Sprachen oder die Erhebung statistischer Daten zu beliebigen sprachlichen Aspekten
    • Textlinguistik, die Lehre von satzübergreifenden Strukturen von Sprache

Komplementäre Forschung

Nicht zur Allgemeinen Sprachwissenschaft gehört die Vergleichende Linguistik, also die deskriptive Untersuchung einzelner Sprachen oder Sprachgruppen anhand grammatischer Merkmale, u.a.:

Allerdings bestehen hier mehrere Berührungspunkte zur Angewandten Linguistik, vor allem bei Themen, die mit dem Fremdsprachenunterricht und dem diachronen Sprachwandel zusammenhängen.

Bekannte Linguisten

Zu den bedeutendsten Wissenschaftlern gehören

Literatur

  • Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart 1990, ISBN 3-520-45202-2
  • David Crystal: The Cambridge Encyclopedia of Language. Cambridge University Press, Cambridge 2003. ISBN 3-12-539661-1
  • Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. Niemeyer, Tübingen 1991, 1996, ISBN 3-484-31121-5
  • Peter Koch: Wozu Linguistik? In: Florian Keisinger (Hrsg.): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte. Campus, Frankfurt M-New York 2003, ISBN 3-593-37336-X
  • Peter Matthews: The Concise Oxford Dictionary of Linguistics. Oxford Univ. Press, Oxford 1997, 2005, ISBN 0-19-861050-5
  • Heidrun Pelz: Linguistik, eine Einführung. Hoffmann & Campe, Hamburg 2002, ISBN 3-455-10331-6
  • Geoffrey Sampson: Schools of Linguistics. Hutchinson, London 1980, ISBN 0-8047-1084-8
  • John Lyons: Einführung in die moderne Linguistik. C.H. Beck, München 1995 (8. Aufl.), ISBN 3-406-39465-5

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