Allgemeine Theorie der Kriminalität

Travis Hirschi (* 15. April 1935, Rockville, Utah) ist ein US-amerikanischer Soziologe und Kriminologe.

Hirschi wurde 1968 zum Ph.D. (Soziologie) an der University of California, Berkeley promoviert. Er arbeitete anschließend an verschiedenen Universitäten und ist seit 1981 Professor an der University of Arizona (inzwischen im Ruhestand).

Hirschi legte zwei weltweit beachtete Kriminalitätstheorien vor.

Inhaltsverzeichnis

Die Theorie der vier Bindungen (1969)

Die Ausgangsfrage war nicht, wieso ein Mensch kriminell wird, sondern, wieso ein Mensch nicht kriminell wird. Die Angepasstheit ist laut Hirschi vom Grad der Einbindung des Individuums in die Gesellschaft abhängig. Dabei sind nach seiner Auffassung besonders vier Bereiche von Bedeutung:

  • attachment to meaningsfull persons - die Bindungen, die ein Mensch zu seinen Bezugspersonen hat
  • commitment to conventional goals - eine Lebensplanung, die konventionellen Zielen verpflichtet ist (man hat etwas zu verlieren)
  • involvement in conventional activities - berufliche und freizeitliche Einbindungen in konventionelle Tätigkeiten lassen keine Zeit und keine Gelegenheit für abweichendes Verhalten.
  • belief in social rules - die Akzeptanz des konventionellen Wertesystems.

Eine Allgemeine Theorie der Kriminalität (1990)

Zusammen mit Michael Gottfredson erarbeitete Hirschi eine Allgemeine Kriminalitätstheorie, die auf der Vorstellung einer geringen Selbstkontrolle (low self-control) basiert. Personen mit geringer Selbstkontrolle seien stets auch impulsiv, gefühlskalt und risikofreudig. Sie seinen in ihrem Handeln auf sofortige Bedürfnisbefriedigung orientiert. Derartige Personen neigten zu riskanten Lebensweisen, wie starkem Rauchen, Alkohol- und Drogenmißbrauch, illegalem Glücksspiel, sexueller Promiskuität und strafbaren Handlungen. Diese Eigenschaften seien stabile Persönlichkeitsmerkmale...

Rezeption der beiden Theorien

Die Theorie der vier Bindungen ist in der Kriminologie unumstritten und von bleibender Bedeutung aber so allgemein formuliert, dass sie für empirische Überprüfungen nicht taugt. Die Allgemeine Theorie der Kriminalität gilt dagegen als widerlegt, weil sie eine Kontinuität krimineller Karrieren unterstellt, die von der neueren entwicklungskriminologische Forschung nicht bestätigt wird. Zudem wird die Gültigkeit für alle Bereiche der Kriminalität (etwa Wirtschaftskriminalität) bezweifelt.

Grundlegende Werke

  • Travis Hirschi: Causes of Delinquency (1969).
  • Travis Hirschi/Michael Gottfredson: A General Theory of Crime (1990).

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