Haussegen

Haussegen

Haussegen sind in der christlichen Volkstradition Segenssprüche für das Heim, die im Haus angebracht werden. Sie sollen das Haus, den gesamten Besitz und die Bewohner unter den Schutz Gottes stellen.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte und Varianten

Haussegen als Chromolithografie, die eine Brandmalereiarbeit nachahmt (um 1900)
Gestickter Haussegen (um 1900)

Die vor dem 19. Jahrhundert verbreiteten Haussegen sollten das Haus und seine Bewohner beschützen und zur Gottesfurcht ermahnen. Sie wurden ursprünglich entweder direkt auf die Wand aufgebracht oder in das Gebälk geschnitzt. Später kamen Tafeln mit – meist von einer dekorativen Verzierung umgebenen oder in ein Bildmotiv hineingesetzten – Sprüchen auf, die an die Wand gehängt wurden. Zusammen mit (anderen) Wandsprüchen wurden Haussegen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bedingt durch den Fortschritt der Druckindustrie, als Massenware verkauft. Ihre größte Beliebtheit erreichten sie um 1900.

Hersteller oder Verlag sind allenfalls bei größeren und prächtigeren Drucken angegeben, wahrscheinlich wurden Haussegen aber bei den großen Wandschmuck-Herstellern gedruckt. Zu den Herstellern zählten Verlage wie Ernst Kaufmann in Lahr, Carl Hirsch oder Morstatt Schrodt & Co. bzw. dessen Nachfolgefirma Johannes Schrodt. Eine Zuordnung zu den einzelnen Drucken ist nur vereinzelt möglich.

Eine Gruppe der Drucke ist mit Häusliche Tugenden betitelt und trägt die Verse „Des Hauses Zier ist Reinlichkeit, des Hauses Ehr Gastfreundlichkeit, des Hauses Segen Frömmigkeit, des Hauses Glück Zufriedenheit“. Es sind Exemplare dieser Art aus der Zeit um 1860-70 erhalten. Sie hingen oft neben einem Pendant mit dem Titel Christlicher Haussegen oder Göttlicher Haussegen und dem Text „Wo Glaube, da Liebe…“. Auf einigen Haussegen wird der Segensspruch von einer Blumengirlande, die oben von zwei Engeln zusammengehalten wird, umgeben. Gleiche Bildmotive konnten auch mit unterschiedlichen Texten geliefert werden.

Von den 1880er Jahren an waren gestickte Haussegen weit verbreitet. Man verzierte sie dann häufig mit kleinformatigen Chromolithografien, sogenannten Scraps (auch Chromos oder Oblaten genannt) oder mit getrockneten Edelweißblüten und Farnkräutern. Gerne wurden sie auch mit Églomisés, einer Hinterglastechnik, kombiniert. Einige dieser Arbeiten sind großformatig, aufwendig und weisen mehrere Segenssprüche auf. Gestickte Haussegen waren ein beliebtes Hochzeitsgeschenk und an keine soziale Schicht gebunden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen sich Haussegen auch in ländlichen Gebieten und Arbeiterwohnungen durchzusetzen, während sie in der bürgerlichen Mittelschicht und im Kleinbürgertum zunehmend auf Ablehnung stießen.

Übertragene Bedeutungen

  • Die Redewendung der Haussegen hängt schief drückt aus, dass es in einer Ehe oder Familie vorübergehend Missstimmungen oder Streit gibt. Möglicherweise geht diese Redewendung auf den jüdischen Haussegen, die Mesusa zurück, die grundsätzlich schräg am rechten Türpfosten angebracht wird und einen Segenspruch enthält.

Siehe auch

Literatur

  • Wolfgang Brückner: Evangelische Haussegen. In Andrea Thurnwald (Hrsg.): Eine Kirche wird Museum (=Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums 48). S. 184–189. Bad Windsheim 2006, ISBN 3-926834-64-1.
  • Wolfgang Brückner: Haussegen. In Herbert May (Hrsg.): Alles unter einem Dach. Häuser, Menschen, Dinge (Festschrift für Konrad Bedal zum 60. Geburtstag). Imhof, Petersberg 2004, ISBN 3-86568-007-0
  • Roland Halbritter: Papiercanevas – vom universellen Bastelmaterial zum populären Wandschmuck. Der Schlern 77,11/12 (2003): 80–101, ISSN 0036-6145
  • Holger Heine: Sinnsprüche als Wandschmuck. In Ulrike Lange: Glauben daheim. Zeugnisse evangelischer Frömmigkeit/Zur Erinnerung. Zimmerdenkmale im Lebenslauf. S. 54–59. Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, Kassel 1994, ISBN 3-924447-09-8
  • Bruno Langner: Evangelische Bilderwelt. Druckgraphik zwischen 1850 und 1950 (=Schriften und Kataloge des Fränkischen Freilandmuseums 16; Kataloge des Hohenloher Freilandmuseums 9). S. 95–107. Verlag Fränkisches Freilandmuseum, Bad Windsheim 1992, ISBN 3-926834-22-6
  • Christa Pieske: Gestickte Haussegen und ihre Hersteller. Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 29,1–4 (1984): 107–128, ISSN 0556-8218
  • Christa Pieske: Haussegen, auf Papierkanevas gestickt und Wandsprüche. In Christa Pieske: Das ABC des Luxuspapiers. Herstellung, Verarbeitung und Gebrauch 1860–1930. S. 147–148/280–282. Reimer, Berlin 1984, ISBN 3-496-01023-1.

Weblinks

 Commons: Haussegen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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