Allmendeklemme

Mit Tragik der Allmende (Tragedy of the Commons), Allmendeklemme oder Allmendeproblematik wird in den Sozialwissenschaften ein Modell bezeichnet. Unter bestimmten, klar definierten Umständen werden gemäß Modell frei verfügbare, aber begrenzte Ressourcen nicht effizient genutzt und sind durch Übernutzung bedroht.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Der englische Begriff geht auf Überlegungen von William Forster Lloyd zur Bevölkerungsentwicklung zurück[1]. Der Mikrobiologe und Ökologe Garrett Hardin erweiterte den Begriff 1968 in einem Essay für die Zeitschrift Science unter dem Titel The Tragedy of the Commons. Die deutsche Übersetzung wird dabei von der seit dem Mittelalter bekannten Wirtschaftsform Allmende abgeleitet.

Die Tragik der Allmende sei nach Hardin ein unvermeidliches Schicksal der Menschheit, für das es keine technologische Lösung gebe. Hardin, der sich selbst in die Tradition Robert Malthus stellt[2], sah den Begriff als Metapher für Überbevölkerung und forderte eine globale Geburtenkontrolle.

Wenn eine Ressource uneingeschränkt allen Menschen zur Verfügung stehe, werde jeder versuchen, für sich soviel Ertrag wie möglich zu erwirtschaften. Das funktioniere, solange nur so viele Menschen das Gut (etwa eine Weide, auf der Hirten ihr Vieh grasen lassen) ausbeuten, dass das Gut nicht erschöpft wird. Sobald jedoch die Zahl der Nutzer über ein bestimmtes Maß hinaus ansteigt, greife die Tragik der Allmende: Jeder versuche nach wie vor, seinen Gewinn zu maximieren. Nun reiche das Gut aber nicht mehr für alle. Die Kosten, die durch den Raubbau entstünden, trage die Gemeinschaft. Für den Einzelnen sei der augenblickliche Gewinn wesentlich höher als die erst langfristig spürbaren Kosten. Doch letztlich trage jeder sowohl zum eigenen als auch zum Ruin der Gemeinschaft bei, so Hardins Schlussfolgerung.

Jedoch war Hardin nicht der Erste, der dieses Problem erkannte. Bereits Aristoteles bemerkte, dass „dem Gut, das der größten Zahl gemeinsam ist, die geringste Fürsorge zuteil wird“ und H. Scott Gordon schrieb 1954: „Niemand mißt einem Besitz, der allen zur freien Verfügung steht, einen Wert bei, weil jeder, der so tollkühn ist zu warten, bis er an die Reihe kommt, schließlich feststellt, dass ein anderer seinen Teil bereits weggenommen hat.“[3]

Das Modell in den Wirtschaftswissenschaften

Güter, von deren Nutzung andere potenzielle Nachfrager nicht ausschließbar sind, jedoch die Nutzungsansprüche der Nachfrager rivalisieren, werden in den Wirtschaftswissenschaften als Allmendegüter bezeichnet.

Stehen in einer Welt knapper Ressourcen vollkommen rivale Güter frei, also zu einem Preis von null, zur Verfügung (→Gemeingut), so wird sich im Regelfall eine Rationierung über die Wartezeit einstellen. Die Folge ist ein ressourcenverzehrender Aneignungswettkampf, in dem jeder versuchen wird, der Erste zu sein.[4]

Beispiele für die problematische Nutzung natürlicher Ressourcen, an denen keine exklusiven Verfügungsrechte definiert sind:

  • Überfischung der Weltmeere
  • Plünderung von Wildtierbeständen und Wäldern, besonders in Entwicklungsländern (Raubbau)
  • Nutzung der Atmosphäre als Senke für Luftschadstoffe mit Luftverschmutzung als Folge.

Eine Lösung dieses sozialen Dilemmas besteht in der Definition von Verfügungsrechten unter staatlicher Kontrolle oder der Regulierung knapper Ressourcen, z. B. durch Fangquoten oder Emissionsrechtehandel.

Elinor Ostrom betrachtete in einem viel beachteten Buch "Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action" (dt.: Die Verfassung der Allmende) die Tragik der Allmende aus politikwissenschaftlicher Sicht. Ihr zufolge basieren funktionierende Lösungen des Allmendeproblems bei lokalen Allmendegütern oft darauf, dass die betroffenen Individuen die Ressource im Rahmen einer geeigneten Institution verwalten, die auf der Selbstorganisation der Beteiligten beruht. Für das Zustandekommen einer entsprechenden Übereinkunft sei eine 'glaubwürdige Selbstverpflichtung' der Beteiligten, wie das Etablieren wirkungsvoller Kontrollmöglichkeiten notwendig. Derartige institutionelle Arrangements auf Gemeinde- oder genossenschaftlicher Ebene seien oft erfolgreicher als zentralstaatliche Kontrolle oder auch aus Privatisierungen resultierende Marktmechanismen, weil Akteure vor Ort dabei vorhandenes implizites Wissen nutzten. Es gibt aus Ostroms Sicht daher mehr Lösungen zu dem Allmendeproblem als von Hardin vorgeschlagen wurden. Insbesondere müsse die Reichweite der Theorie, die aus Hardins Artikel entstanden sei, einer Neubewertung unterzogen werden.[5]

Untersucht wird dieses Verhaltensmuster unter anderem auch von der Spieltheorie. Dabei wird unter anderem der Frage nachgegangen, warum Individuen in vielen Fällen trotz hoher individueller Kosten soziale Normen durch altruistische Sanktionen stabilisieren.[6] Die Sozialpsychologie zeigt auch maximenbasiertes, also nicht zweckorientiertes Vertrauen als Lösungsmöglichkeit auf.

Siehe auch

Literatur

  • James M. Acheson: Management of Common-Property Resources. In: Stuart Plattner (Hrsg.): Economic Anthropology. Stanford University Press, Stanford 1989, S. 351-378
  • C. Dustin Becker, Elinor Ostrom: Human Ecology and Resource Sustainability. The Importance of Institutional Diversity. In: Annual Review of Ecology and Systematics. 26/1995, S. 113-133
  • Fikret Berkes (Hrsg.): Common property resources. Ecology and community-based sustainable development. Belhaven, London 1989 PDF (nur Texte des Autors)
  • Andreas Diekmann, Carlo C. Jaeger (Hrsg.): Umweltsoziologie. Westdeutscher Verlag, Opladen 1996 (=Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft, 36) (Darin bes. empfehlenswert: Bonnie J. McCay, Svein Jentoft: Unvertrautes Gelände. Gemeineigentum unter der sozialwissenschaftlichen Lupe. S. 272-291)
  • David Feeny, Fikret Berkes, Bonnie J. McCay, James M. Acheson: The tragedy of the commons. Twenty-Two Years Later. In: Human Ecology. 18/1/1990, S. 1-19 (PDF)
  • Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons. In: Science. 162/1968. S. 1243-1248 (Deutsche Übersetzung in: Michael Lohmann (Hrsg.): Gefährdete Zukunft. München 1970, S. 30-48)
  • Garrett Hardin, John Baden (Hrsg.): Managing the Commons. W. H. Freeman, San Francisco 1977
  • Arne Kalland: Religious Environmentalist Paradigm. In: Bron Taylor (Hrsg.): Encyclopedia of Religion and Nature. continuum, London/New York 2005, S. 1367-1371
  • Bonnie J. McCay, James M. Acheson (Hrsg.): The question of the commons. The culture and ecology of communal resources. The University of Arizona Press, Tucson/Arizona 1987
  • Margaret A. McKean: Success on the commons. A comparative examination of institutions for common property resource management. In: Journal of Theoretical Politics. 4/3/1992, S. 247-281
  • Christian Müller, Manfred Tietzel: Allmende-Allokationen. In: Manfred Tietzel (Hrsg.): Ökonomische Theorie der Rationierung, München 1998, S. 163-201
  • National Research Council (Hrsg.): Proceedings of the Conference on Common Property Resource Management. National Academy Press, Washington (D.C.) 1986
  • Mancur Olson: The logic of collective action. Public goods and the theory of groups. Harvard University Press, Cambridge/MA 1965
  • Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende. Jenseits von Staat und Markt. Mohr Siebeck, Tübingen 1999 (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften, 104) (Dt. Übersetzung von Ostrom: Governing the Commons. The evolution of institutions for collective action. Cambridge University Press, Cambridge/New York/Victoria 1990)
  • Joachim Radkau Natur und Macht, C.H.Beck, 2002 ISBN 3-406-48655-X
  • Paul C. Stern, Thomas Dietz, Nives Dolšak, Elinor Ostrom, Susan Stonich: Knowledge and Questions After 15 Years of Research. In: Elinor Ostrom, Thomas Dietz, Nives Dolšak, Paul C. Stern, Susan Stonich, Elke U. Weber (Hrsg.): The Drama of the Commons. National Academy Press, Washington (D.C.) 2002, S. 445-489

Englischsprachige Weblinks

Einzelnachweis

  1. William Forster Lloyd, Two Lectures on the Checks to Population (Oxford, England: Oxford University Press, 1833)
  2. Frühling 1998 THE SOCIAL CONTRACT, The Feast of Malthus Living within limits, von Garrett Hardin, S. 181- 187
  3. H. Scott Gordon: The Economic Theory of a Common-Property Research: The Fishery, in The Journal of Political Economy, 1954, vol. 62, no. 2
  4. Manfred Tietzel und Christian Müller: Ordnungspolitische Implikationen der Vertragstheorie erschienen in Ordnungstheorie und Ordnungspolitik: Konzeptionen und Entwicklungsperspektiven, Lucius & Lucius, 2000, S. 316, ISBN 3-8282-0145-8
  5. Elinor Ostrom, et al.: Revisiting the Commons: Local Lessons, Global Challenges, Science 284 (1999), S. 278.
  6. http://www.economag.de/magazin/2007/2/27+Gewusst+wie Pitsoulis: Ressourcenmanagement auf der Grundlage sozialer Sanktionen, economag.de Nr 2/2007

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