Alltagswissen

Implizites Wissen oder stilles Wissen (vom englischen tacit knowledge) bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, „können, ohne sagen zu können, wie“. Jemand „weiß, wie es geht“, aber sein Wissen steckt implizit in seinem Können, ihm fehlen die Worte, um dieses Können zu beschreiben oder es anderen verbal weiterzuvermitteln. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Fähigkeit, am Fahrrad das Gleichgewicht zu halten. Wer das vermag, kennt – aber eben nur implizit – eine komplexe physikalische Regel, die Neigungswinkel, aktuelle Geschwindigkeit und Lenkeinschlag berücksichtigt.

Eine präzisere Definition muss einerseits darauf Bezug nehmen, dass die gekonnt ausgeübte Praxis die eines Einzelmenschen, aber auch die einer ganzen Gruppe oder Organisation sein kann, und andererseits darauf, dass Wissen nur für den Könner oder aber auch für den Beobachter implizit sein kann. Implizites Wissen ist dann definiert als in gelingender individueller oder organisationaler Praxis zur Schau gestelltes, durch die Akteure und unter Umständen auch durch den analysierenden Beobachter jedoch nicht oder nicht vollständig oder angemessen explizierbares (verbalisierbares, objektivierbares, formalisierbares, technisierbares) Wissen.

Der bisweilen nahezu synonym verwendete Begriff Alltagswissen liegt quer zum Konzept des impliziten Wissens. Zum einen liegt Alltagswissen vielfach in expliziter Form vor, zum anderen sind Teile des Wissenschaftswissens implizit, worauf neben Thomas Kuhn gerade auch Michael Polanyi immer wieder hingewiesen hat.

Der Begriff des impliziten Wissens geht auf den ungarisch-englischen Naturwissenschaftler und Philosophen Michael Polanyi (Polanyi 1958, 1985) zurück. Dieser verwendete allerdings nicht den Begriff „tacit knowledge“, sondern sprach von tacit knowing. Besser als in der deutschen Übersetzung („implizites Wissen“) wird dadurch deutlich, dass das Interesse nicht primär dem Wissen, vielmehr der „Könnerschaft“ (Neuweg 2006) gilt, nicht kognitiven Strukturen also, sondern mentalen Prozessen. Der Blick richtet sich auf Wahrnehmungs-, Entscheidungs- und Handlungsdispositionen und die ihnen entsprechenden Formen der mehr oder weniger intuitiven Performanzregulation (knowing). Erst von dort her wird im „tacit knowing view“ auf die Beziehung zwischen explizitem Wissen (knowledge) und diesem Können zurückgefragt. Die Hypothese lautet, dass das theoretische Wissen das praktische Können niemals vollständig einholen kann. „Wir wissen mehr, als wir zu sagen vermögen“, meinte Michael Polanyi (Polanyi 1985).

Bei näherer Betrachtung lassen sich vier Formen des Konzeptes „implizites Wissen“ unterscheiden (Neuweg 2005), die im Folgenden kurz durch Beispiele illustriert werden sollen:

1. „in actu implizit“ („intuitiv“): Eine Person handelt kompetent, erinnert während des Handelns aber keine Handlungsregeln, sondern agiert „automatisch“, „spontan“ oder „intuitiv“. Beispiel: Gedankenverloren bindet Hans Müller frühmorgens seine Krawatte, ohne sich daran erinnern zu müssen, wie das genau geht.

2. „nicht verbalisierbar“: Eine Person handelt kompetent, erinnert während des Handelns aber keine Handlungsregeln, sondern agiert „automatisch“, „spontan“ oder „intuitiv“. Auch im nachhinein kann sie auf Anfrage keine solchen Regeln benennen. Beispiel: Während Hans Müller seinem Sohn beim Frühstück durch einiges Nachdenken die Regeln des Krawattenbindens erläutern kann, scheitert er an folgender Frage seines Sohnes: „Papa, warum sagt man eigentlich laufen/gelaufen, aber nicht studieren/gestudiert?“ Obwohl Herr Müller das zweite Partizip Perfekt ständig richtig bildet, kann er die Regel, die er implizit kennt, nicht verbalisieren.

3. „nicht formalisierbar“: Eine Person handelt kompetent, erinnert während des Handelns aber keine Handlungsregeln, sondern agiert „automatisch“, „spontan“ oder „intuitiv“. Auch im nachhinein kann sie auf Anfrage keine solchen Regeln benennen. Das gilt aber nicht nur für den Handelnden, sondern auch für Beobachter, die versuchen, das fragliche Können über Regeln zu beschreiben. Beispiel: Müllers Kompetenz, das zweite Partizip Perfekt anzuwenden, ist zwar für ihn selbst nicht verbalisierbar. Aber ein Germanist kann die Regel nennen. Anders ist dies für eine andere Fähigkeit von Hans Müller. Er ist ungemein humorvoll und erfindet ständig neue Witze. Bis heute ist es nicht gelungen, Maschinen zu bauen, die ähnlich gute Witze erfinden können – weil niemand formalisieren kann, worin die Witzerfindungskompetenz genau besteht.

4. „erfahrungsgebunden“: Damit ist ein Wissen gemeint, das sprachlich nicht oder kaum weitergegeben werden kann. In solchen Fällen muss der Betreffende durch eigene Erfahrung oder am Modell lernen, das ihm vorzeigt, was nicht vorgesagt werden kann. Beispiel: Wer guten Nudelteig machen möchte, kann Rezeptbücher lesen. Aber in diesen Büchern steht offenbar nicht alles, was gute Teigköche wissen, weil dies nicht vollständig verbalisierbar ist. Das Gefühl für die richtige „Nässe“ des Teigs beispielsweise erwirbt man nur durch Erfahrung.

Empirisch wird implizites Wissen (in der Bedeutung 3) in der Regel als Differenzgröße zwischen Können und explizitem Wissen aufgefasst und auch entsprechend gemessen. Es wird einerseits erfasst, was eine Person kann, und andererseits gemessen, was sie berichtbar weiß; gleichsam als Differenz ergibt sich dann, was (nur) implizit „gewusst“ wird. Das artikulierte Wissen muss freilich noch daraufhin geprüft werden, ob es auch tatsächlich handlungssteuernd wirkt oder aber nur in der Befragungssituation geäußert wird. Letzteres ist beispielsweise bei nachträglichen Rationalisierungen von Handlungen der Fall, die tatsächlich intuitiv ausgeführt worden waren.

Der Begriff des impliziten Wissens hat in den letzten Jahren eine beträchtliche Verbreitung erfahren. Allgemein wächst das Interesse am Intuitiven. So stellt etwa Gerd Gigerenzer in seinem 2007 erschienenen Buch Bauchentscheidungen Beispiele von implizitem Wissen dar. In erstaunlich vielen Situationen erweisen sich intuitive Entscheidungen (oft mit Hilfe von unbewussten Faustregeln) erfolgreicher als systematische Abwägungsprozesse. Im Wissensmanagement wurde das Konzept des impliziten Wissens, allerdings in einer sehr trivialisierenden Form, besonders im SECI-Modell nach Nonaka/Takeuchi rezipiert. Implizites, (noch) nicht in Begriffe verwandeltes und nur „gefühltes“ Wissen stellt, so wird angenommen, auch für Künstler häufig eine Quelle zur Produktion ihrer Werke dar.

Die Möglichkeiten und Grenzen der Explikation impliziten Wissens sind insbesondere dort von Bedeutung, wo Wissen von der Person abgelöst werden soll, um zum Beispiel menschliches Können technisch nachzubilden. Mit recht unterschiedlichem Erfolg wird versucht, implizites Wissen über Methoden des Knowledge Engineering über eine Prozesskette (Externalisierung, Strukturierung, Formalisierung und Kodierung) in explizites Wissen umzuwandeln.

Siehe auch

Literatur

  • Mikhael Dua: Tacit knowing : Michael Polanyi's exposition of scientific knowledge. Herbert Utz Verlag, München 2004.
  • Georg Hans Neuweg: Könnerschaft und implizites Wissen : Zur lehr-lerntheoretischen Bedeutung der Erkenntnis- und Wissenstheorie Michael Polanyis. 4. Auflage. Waxmann, Münster und andere 2006.
  • Georg Hans Neuweg: Das Schweigen der Könner : Strukturen und Grenzen des Erfahrungswissens. 1. Auflage. Trauner, Linz 2006.
  • Georg Hans Neuweg: Implizites Wissen als Forschungsgegenstand. In: F. Rauner (Hrsg.): Handbuch der Berufsbildungsforschung. Bertelsmann, Bielefeld 2005. ISBN 3763931678. S. 581–588.
  • Ikujirō Nonaka, Hirotaka Takeuchi: The knowledge creating company. How Japanese companies create the dynamics of innovation. Oxford University Press, New York und andere 1995.
  • Ikujirō Nonaka, Hirotaka Takeuchi: Die Organisation des Wissens. Campus Verlag, Frankfurt 1997.
  • Michael Polanyi: Personal Knowledge. The University of Chicago Press, Chicago 1958.
  • Michael Polanyi: Implizites Wissen. Suhrkamp, 1985, ISBN 3-518-28143-7.
  • Klaus Mulzer: Sprachverständnis und implizites Wissen. Herbert Utz Verlag, München 2007.
  • Günther Schanz: Implizites Wissen. Rainer Hampp Verlag, München 2006.
  • Schilcher, Christian: Implizite Dimensionen des Wissens und ihre Bedeutung für betriebliches Wissensmanagement. Dissertation, TU Darmstadt, 2006 (online).
  • Markus Schönemann: Management von Wissen und Können – Ein Beitrag zur Neuausrichtung des Wissensmanagements. VDM Verlag, Saarbrücken 2008.
  • Georg Schreyögg, Daniel Geiger: Wenn alles Wissen ist, ist Wissen am Ende nichts?! In: Die Betriebswirtschaft. Heft 1–2003. S. 7–22.

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