Almira, Königin von Castilien
Werkdaten
Titel: Almira, Königin von Castilien
Originaltitel: Der in Krohnen erlangte Glückswechsel, oder: Almira, Königin von Castilien
Form: frühe deutsche Barockoper
Originalsprache: deutsch, italienisch
Musik: Georg Friedrich Händel
Libretto: Friedrich Christian Feustking
Literarische Vorlage: Dramma per musica L'Almira von Giulio Pancieri
Uraufführung: 8. Januar 1705
Ort der Uraufführung: Theater am Gänsemarkt, Hamburg
Spieldauer: 3 1/2 Std.
Ort und Zeit der Handlung: Kastilien (Valladolid), ca. 1000 n. Chr.
Personen
  • Almira, Königin von Kastilien (Sopran)
  • Edilia, eine Prinzessin (Sopran)
  • Consalvo, Almiras Vormund (Bass)
  • Osman, sein Sohn (Tenor)
  • Fernando, ein Findelkind (Tenor)
  • Raymondo, König aus Mauretanien (Bass)
  • Bellante, Prinzessin von Aranda (Sopran)
  • Tabarco (Bass)


Der in Krohnen erlangte Glücks-Wechsel, oder: Almira, Königin von Castilien (HWV 1) ist Georg Friedrich Händels erste Oper.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung

Händel war im Sommer 1703 nach Hamburg gekommen und spielte als Violinist im Orchester des Theaters am Gänsemarkt. Später spielte er auch bei Opernaufführungen das Cembalo. Seine erste Oper – angekündigt als Sing-Spiel – wurde am 8. Januar 1705 unter der Leitung von Reinhard Keiser uraufgeführt, wird also in den Monaten davor komponiert worden sein. Die Oper hat drei Akte und ist nach heutigen Verständnis kein Singspiel, da es keine gesprochenen Dialoge enthält. Die Gelegenheit für die Komposition ergab sich für Händel durch einen Zufall: Keiser hatte das Libretto schon vertont und wollte seine Oper 1704 in Hamburg aufführen. Jedoch musste er in diesem Jahr vor seinen Gläubigern nach Weißenfels fliehen, woraufhin Händel einen Kompositionsauftrag für dieses Libretto erhielt. Zur Premiere der Händelschen Almira war der Herr Direktor Keiser aber wieder in der Stadt und konnte die Uraufführung der Oper seines Konkurrenten und Freundes dirigieren.[1]

Das italienischsprachige Libretto wurde von Giulio Pancieri für eine Vertonung durch Giuseppe Boniventi in Venedig 1691 geschrieben. Die von Händel verwendete Übersetzung ins Deutsche stammt von Friedrich Christian Feustking. Während die Rezitative und die meisten Arien deutsch gesungen wurden, blieben einige Arien unübersetzt.

Besetzung der Uraufführung

Almira war ein durchschlagender Erfolg. Die Oper kam auf etwa zwanzig Aufführungen und wurde dann durch Händels nächste Oper Nero abgelöst, deren Musik verschollen ist. Im Jahre 1732 wurde das Werk nochmals in der Gänsemarktoper aufgenommen, in einer Bearbeitung von Georg Philipp Telemann. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Oper auch im 19. Jahrhundert gespielt wurde: zwischen 1878 und 1905 mehrmals in Hamburg und Leipzig, allerdings in einer stark bearbeiteten und gekürzten Form von Johann Nepomuk Fuchs. Die erste moderne Aufführung von Almira fand am 23. Februar 1985 in der Städtischen Oper in Leipzig statt.

Handlung

1. Akt

An ihrem zwanzigsten Geburtstag wird die Prinzessin Almira aus der Vormundschaft entlassen, zur Königin gekrönt und besteigt den Thron ihres früh verstorbenen Vaters Alfonso. Sie belohnt Consalvo, der während ihrer Minderjährigkeit die Staatsgeschäfte führte, für seine treuen Dienste: er wird fortan ihr oberster Ratgeber sein. Sein Sohn Osman erhält das Oberkommando der Armee; Fernando, ein Findling, den Almira heimlich liebt, wird Sekretär der Königin. Die Testamentseröffnung überrascht Almira: ihr Vater hat verfügt, dass sie einen Gatten aus dem Hause Consalvos wählen soll. Der Schmerz überwältigt sie, denn jede Hoffnung auf eine Verbindung mit Fernando scheint verloren: „Chi più mi piace io voglio”. Osman, der die Testamentseröffnung belauschte, trennt sich von seiner Verlobten, der Prinzessin Edilia. Er braucht freie Bahn, um mit seinem Vater um die Hand der Königin konkurrieren zu können. Fernando, der ebenfalls Almira heimlich, aber, wie er meint, als Findling aussichtslos liebt, lebt ganz der kühnen Hoffnung, zum König bestimmt zu sein. Um Almira einen Wink zu gehen, will er in einen Baum einschnitzen: ICH LIEBE, DIE ICH NICHT DARF NENNEN. Er kommt aber nur so weit: ICH LIEBE DI..., dann wird er durch Almira überrascht. Sie liest und ergänzt falsch: ICH LIEB EDILIA. In rasender Eifersucht schickt sie ihn davon: „Geloso tormento“. Edilia beklagt sich bei Consalvo über Osmans Untreue. Consalvo erschrickt: auch er will, das Testament nutzend, mit Almiras Hand gleichzeitig den Thron erringen. Er sichert Edilia zu, dass er seinen Sohn zur Einlösung des Verlöbnisses zwingen werde. Der Hofstaat vergnügt sich bei Spiel und Tanz. Edilia versucht, den treulosen Osman eifersüchtig zu machen und wirft sich Fernando an den Hals; Osman dagegen will sich rächen, indem er der Prinzessin Bellante den Hof macht. Almira, die wieder alles missversteht, verliert die Beherrschung und weist Fernando aus dem Saal: „Ingrato, Spietato“.

2. Akt

Als Gesandter verkleidet, erscheint der maurische König Raymondo in politischer Absicht: „Mi da speranza al core“. In Fernandos Zimmer dringt Osman ein; er lässt sich durch den Diener Tabarco nicht abweisen und verlangt als Freundesdienst von Fernando, sein Fürsprecher bei Almira zu sein. Auch Almira erwartet, dass Fernando ihr die Entscheidung abnehme, ob sie der Verfügung des Testaments gehorchen soll. Der will diplomatisch sein und bringt den heimlich lauschenden Osman dadurch in Wut. Consalvo will mit Hilfe der Königin die Hochzeit von Osman und Edilia erzwingen, doch Almira missversteht wieder, weil sie glaubt, Fernando sei gemeint: „No, no, non voglio”. Almira glaubt, dass sie ihre Liebe nicht länger verheimlichen kann: „Move i passi alle ruine”. Als Osman zurückkommt, um Fernando zum Zweikampf aufzufordern, tritt sie unerkannt dazwischen und entreisst beiden die Degen. Intermezzo: Tabarco, dem die Hofpost anvertraut ist, schnüffelt in den zarten Geheimnissen der hohen Herrschaften: „Der Hof ist schier vor Liebe reinweg toll, darum sind auch davon fast alle Blätter voll.“ Almira birgt die Waffen: beim Anblick von Fernandos Degen gerät sie in Verzückung: Einst soll er die Wunde heilen, die ihr im Herzen brennt. Raymondo, dessen Verkleidung sie durchschaute, wird immer deutlicher in seinem Werben um Almira. Von Consalvo beraten, will sie ihre Absage diplomatisch verkleiden. Wieder verwirren sich die Fäden: Edilia, die Osmans Degen vor dem Zimmer der Königin sieht glaubt sich verraten; Osman dagegen hält Edilia für die verschleierte Dame in Fernandos Zimmer.

Titelblatt des Textbuches der ersten Aufführung mit falscher Jahreszahl

3. Akt

Prächtige Aufzüge werden zu Ehren der maurischen Gäste vorgeführt: Europa und Afrika, von Fernando und Osman vorgestellt, preisen ihre Vorzüge. Als sich Almira gegen Afrika, für „Europens Schönheit“ entscheidet, hat Raymondo die so fein verschlüsselte Absage verstanden. Am Schluss verkündet Tabarco: die wahre Herrschaft über die Welt halte aber die Narrheit; sie regiere das menschliche Handeln. Consalvo glaubt, dass Edilia bei Fernando war, und muss doch Osman mit Edilia verheiraten, um zum Ziel zu gelangen. So lässt er kurzerhand Fernando in den Kerker werfen und klagt ihn an, Edilia, die Verlobte seines Sohnes Osman, verführt zu haben. Das trifft eine wunde Stelle bei Almira: Sie platzt vor Eifersucht und will erst recht um den Geliebten kämpfen: „Vedrai, s'a tuo dispetto“. Tabarco bringt ihr aus dem Kerker eine Botschaft Fernandos, ein Rubinherz mit der Inschrift ALMIRENS EIGENTUM. Um das ihr Unerklärliche zu ergründen, lässt sie Fernando zum Schein das Todesurteil überbringen. Der von Almira abgewiesene Osman versucht, Edilia wieder zu gewinnen. Ihre Ablehnung ermuntert Raymondo, in ihrem Hafen vor Anker zu gehen. Er hat Erfolg, und der verschmähte Osman tröstet sich mit der reizvollen Prinzessin Bellante.

Tabarco hat die Todesnachricht überbracht. Die heimlich lauschende Almira erfährt, dass Fernandos ganze Liebe nur ihr gehört. Gerührt nimmt sie ihm die Fesseln ah. Das Rätsel löst sich: der in den Thronsaal zitierte Consalvo erkennt das Kleinod als das Brautgeschenk für seine Gattin, die auch Almira hiess. Bei der Geburt ihres Sohnes Floraldo war es diesem um den Hals gehängt worden. Auf einer Seereise waren Mutter und Sohn umgekommen, nun stellt es sich heraus, dass Floraldo gerettet wurde: er ist Fernando, der Findling. Almira ist jetzt in der Lage, das Testament des Vaters zu vollstrecken: ihrer Verbindung mit Fernando steht nichts mehr im Wege. Auch die anderen Paare haben sich gefunden: Raymondo und Edilia, Osman und Bellante. Und Consalvo? Der freut sich an dem, in „Kronen erlangten Glückswechsel“ bei seinen Kindern.

Musik

Die Musik zur Oper besteht aus einer Ouvertüre in französischem Stil und 74 teils kurzen Musiknummern. Die Oper beginnt mit einem Krönungsspektakel zu einem Chor mit drei Trompeten und Trommeln. Darauf folgt ein Ballett am spanischen Hof zu einer Chaconne und einer Sarabande. Der dritte Akt enthält eine weitere Tanzszene: einen Maskentanz der Kontinente. Nach Anweisung des Librettos schreitet der in römische Tracht gekleideten Europa eine Oboenkapelle voran; Afrika wird zum Klang von Trompeten und Trommeln von zwölf Mohren gezogen, Asien, mit Pfeil und Bogen, begleitet von Becken, Piccoloflöten und Militärtrommeln dagegen von Löwen. Der Tanz der Asiaten, eine Sarabande, sollte eine von Händels bekanntesten Melodien werden, als er ihn sechs Jahre später leicht verändert als „Lascia ch'io pianga“, Almirenas Arie in Rinaldo, wiederverwendete (zwischendurch hatte die Melodie auch als „Lascia la spina“ in II Trionfo del Tempo, 1707, gedient). Der charakteristische Rhythmus der Sarabande und der Ansatz ihrer melodischen Kontur findet sich in einer Moll-Version im 1. Akt und dient dort als Instrumentaltanz. Sowohl diese Formel wie auch die zwei charakteristischen Kadenzfiguren, die in Almira häufig vorkommen, aber nach 1710 fast völlig aus Händels Musik verschwinden, können als typisch für die Hamburger Zeit gelten; sie sind somit eine Hilfe bei der Einordnung undatierter Klaviermusik; außerdem dienen sie als Erkennungsmerkmale für frühes Material, das Händel in späteren Werken noch einmal einsetzte.[2]

Diskografie

  • CPO 7117886 (1994): Ann Monoyios (Almira), Kinda Gerrard (Bellante), David Thomas (Consalvo), Patricia Rozario (Edilia), James MacDougall (Fernando), Douglas Nasrawi (Osman), Olaf Haye (Raymondo), Christian Elsner (Tabarco); Fiori musicali; Dir. Andrew Lawrence-King (224 min)

Literatur

Einzelnachweise

  1. Hogwood, Christopher, Händel, Insel Verlag, 2000, S. 46, ISBN 978-3-458-34355-4
  2. Hogwood, Christopher, Händel, Insel Verlag, 2000, S. 44

Weblinks


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