Alois Brunner

Alois Brunner (* 8. April 1912 in Nádkút, Ungarn, dem nachmaligen Rohrbrunn, Burgenland), in der Literatur auch als „Brunner I“ bezeichnet,[1] ist ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer und war einer der wichtigsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns bei der Realisierung der im NS-Sprachgebrauch so bezeichneten „Endlösung der Judenfrage“. Als Leiter von zu diesem Zweck zumeist eingesetzten SS-Sonderkommandos war Brunner zwischen 1939 und 1945 (mit)verantwortlich für die Deportation von weit über 100.000 Juden aus Wien, Berlin, Griechenland, Frankreich und der Slowakei in die Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reiches.

Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete Brunner nach Syrien, dessen Regierung seinen Aufenthalt stets dementierte. Von französischen Militärgerichten wurde er 1954 in Abwesenheit zweimal zum Tode verurteilt. 2001 wurde er in Frankreich nochmals zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt, und 2007 wurden in Österreich für Hinweise zu seiner Ausforschung und Ergreifung 50.000 Euro Belohnung ausgesetzt. Ob Brunner tatsächlich noch lebt, ist nach wie vor nicht eindeutig geklärt.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Jugendjahre und NS-Tätigkeit bis 1938

Brunner wurde im deutschsprachigen Westungarn (ab 1921 Burgenland, Österreich) als Sohn eines Bauern geboren. Von 1918 bis 1927 besuchte er die Volks- und die Bürgerschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre in Fürstenfeld. Im Mai 1931 trat der damals 19-Jährige in Fürstenfeld in die NSDAP und etwa ein halbes Jahr später auch in die SA ein. Sein Eintritt in die SA kostete ihn, wie er später in einem Lebenslauf angab, 1932 auch seine Stelle beim Kaufmann in Fürstenfeld. Nachdem er noch im selben Jahr in Graz einen dreimonatigen privaten „Kriminalkurs“ besucht hatte, war er ab Anfang 1933 zwei Monate lang „Bezirksstellenleiter“ eines Grazer Darlehensverbandes in Hartberg. Danach war er zwischen Mai und September 1933 der Pächter des Hartberger „Kaffeerestaurants Wien“, wobei er seinen Angaben zufolge das väterliche Erbteil und damit sein „gesamtes Vermögen ... verloren“ haben will.[2]

Noch im September 1933 reiste Brunner ins Deutsche Reich aus und meldete sich dort bei der Österreichischen Legion.[2] Als Grund für seine Ausreise aus Österreich gab er 1938 in einem NS-Personalfragebogen an, dass er auf Befehl seines Kreisleiters gehandelt habe, da er in der Schweiz einen Posten antreten wollte.[3] Bis Juni 1938 blieb er bei der Österreichischen Legion und brachte es in dieser Zeit zum SA-Obertruppführer (vergleichbar dem Rang eines Oberfeldwebels in der Wehrmacht) im Nachrichtensturmbann. Nach dem „Anschluss“ nach Österreich zurückgekehrt, war er im Sommer 1938 für kurze Zeit „Außenstellenleiter“ der Kreisbauernschaften Eisenstadt und Oberpullendorf beim Reichsnährstand in Eisenstadt. Im Laufe dieses Jahres dürfte auch er den schwindenden Einfluss der SA gegenüber der SS in den NS-internen Kämpfen um Macht und Positionen erkannt haben, und das dürfte auch der Hauptgrund für seine, wie er in seinem Lebenslauf angab, „freiwillig[e]“ Meldung zur SS gewesen sein.[2]

Im Eichmannreferat (1938–1945)

Im November 1938 wurde Brunner der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien zugeteilt. Mit dem Antritt dieser neuen Stelle fand Brunners bis dahin unstetes Leben nun ein Ende. Zuerst als Mitarbeiter Eichmanns, dann ab 1941 als Leiter der Zentralstelle, organisierte Brunner fortan die Deportation der Wiener Juden in Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Am 9. Oktober 1942 meldete er, dass Wien „judenfrei“ sei, was bedeutete, dass 180.000 Wiener zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen oder aber bereits in den sicheren Tod geschickt worden waren.

Von Oktober 1942 bis Januar 1943 arbeitete er im Berliner Eichmannreferat und sorgte für die Deportation von 56.000 Berliner Juden.

Im Februar 1943 wurde er versetzt. Von Eichmann in das besetzte Griechenland geschickt, organisierte er den Transport von 50.000 Juden aus Saloniki in die Todeslager.

Neben seiner Menschenjagd fand er immer wieder Zeit, sich an dem Hab und Gut der Verfolgten zu bereichern. Der systematische Raub von Wohnungen, Möbeln und Kunstwerken begleitete sein Wirken vom Anfang bis zum Ende. Schon 1938 zog er mit seiner Verlobten in eine beschlagnahmte Villa im Wiener Nobelbezirk Döbling.

Sein nächster Einsatz erfolgte in Paris: Im Juli 1943 wurde er als Leiter eines Sonderkommandos der Gestapo und in einem Vorort von Paris, im Durchgangs- und Sammellager Drancy tätig. 22 Transporte jüdischer Menschen gingen unter Brunners Kommando nach Auschwitz. Er verhörte die neu Angekommenen, so erfuhr er die Namen von weiteren Verwandten der Opfer. So sorgte er für die „Verhaftung der ganzen Familien“. Er war der Hauptverantwortliche der SS und organisierte den „Nachschub“ für die Vernichtungslager. Brunner leitete die Jagdkommandos, die versteckt lebende Jüdinnen und Juden aufspürten.

Mit Unterstützung des Vichy-Regimes setzte Brunner im Herbst 1943 seine systematische Verfolgung von Juden im unbesetzten Südfrankreich fort. Pro Jude waren 1000 Franc Belohnung ausgesetzt. Hier war unter anderem auch „Judensachbearbeiter“ und SS-Obersturmführer Heinz Röthke beteiligt. Die Verhaftungen fanden meistens nachts statt, Folter und Gewalt dienten zur Erpressung weiterer Namen.

Obwohl die Wehrmacht bereits auf ihrem Rückzug aus Paris war, ließ Brunner in der Zeit vom 20. bis 24. Juli 1944 noch 1327 jüdische Kinder in Paris verhaften und deportieren. Als Brunner Paris im August 1944 verließ, hatte er 23.500 Jüdinnen und Juden jedes Alters aus Frankreich in die Todeslager verschleppt.

Von September 1944 bis Februar 1945 sorgte er für die Zerschlagung der jüdischen Untergrundbewegung in der Slowakei, leitete ein Arbeitslager in Sered/Preßburg, von wo aus er 12.000 Menschen zur Vernichtung nach Auschwitz deportieren ließ.

Außerdem wird vermutet, dass Brunner eigenhändig Siegmund Bosel während eines Häftlingstransports nach Riga erschossen hat.

Tätigkeit nach 1945

Alois Brunner flüchtete von Linz nach München und arbeitete unter falschem Namen als LKW-Fahrer für die US-Army.

Ab 1947 arbeitete Brunner in der Grube „Karl Funke“ in Essen. Als er zum Betriebsrat gewählt werden sollte, drohte seine Identität aufzufliegen. Trotzdem lebte Alois Brunner als „Alois Schmaldienst“ bis 1954 in Essen und war sogar polizeilich gemeldet. Ein Verfahren „wegen falscher Namensführung“ wurde angestrengt.

Der prominenteste Fluchthelfer Brunners wurde Reinhard Gehlen, der ehemalige General und Chef der „Abteilung Fremde Heere Ost“ (Ostspionage), der im Auftrag des US-amerikanischen Nachrichtendienstes den westdeutschen Dienst aufbaute („Organisation Gehlen“). Gehlen wurde später Chef des BND und blieb dies bis 1968.

Alois Brunner hatte zwei weitere Fluchthelfer: Rudolf Vogel, ehemaliges Mitglied der Propagandastaffel in Saloniki und späterer Bundestagsabgeordneter der CDU, sowie Georg Fischer, früherer SS-Kamerad aus Pariser Zeiten. Von ihm bekam Brunner im Frühling 1954 dessen Pass und gelangte als Dr. Georg Fischer nach Syrien. Brunner wurde dort im Auftrag von Reinhard Gehlen Geheimdienstexperte für diese Region des Nahen Ostens.[4]

Alois Brunner arbeitete in Syrien kurze Zeit als Vertreter für die Dortmunder Actien-Brauerei DAB. Er hatte dort enge geschäftliche Kontakte mit Franz Rademacher, dem ehemaligen Judenreferenten des AA(Auswärtiges Amt).[5] 1960 kam es zu einem Verhör Brunners durch die syrische Geheimpolizei. Durch diesen Kontakt wurde er eine Art „Berater für Judenfragen“ beim syrischen Geheimdienst Muhabarat.[6]

Während des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Israel hat Brunner dem Anwalt von Eichmann Robert Servatius in einem Brief nach Deutschland seine Hilfe angeboten: „Ich würde mich freuen, wenn ich dazu beitragen könnte, die einseitigen Belastungen seiner Gegner zu entwerten.“. Servatius schickte einen Vertrauten zu Brunner, hat die Zeugenaussage von Brunner aber nicht im Prozess benutzt.[7]

Auf Alois Brunner wurden zwei Briefbombenanschläge verübt. Der erste Anschlag im Jahr 1961 kostete ihn ein Auge. Im Juli 1980 erhielt Alois Brunner alias Georg Fischer in Damaskus Post vom „Verein Freunde der Heilkräuter“ aus Österreich: Die Briefbombe zerfetzte ihm vier Finger der linken Hand. Den Anschlägen folgten keine Bekennerschreiben, sie werden jedoch dem Mossad zugeschrieben, der vergeblich versuchte, seiner habhaft zu werden.

Vorgetragene Erkundigungen in den siebziger Jahren der österreichischen Regierung nach Brunner werden von den Behörden abgetan, der Gesuchte sei nicht in Syrien. In Wirklichkeit lebte „Dr. Georg Fischer“ unbehelligt in Damaskus. Er lebte so wenig geheim, dass es ohne weiteres möglich war, ihn telefonisch – auch aus dem Ausland – zu erreichen.

Am 10. Oktober 1985 gab Fischer alias Brunner der Zeitschrift Bunte ein Interview in dem er betonte: „Israel wird mich nie bekommen.“ Das Interview strotzte derart vor antisemitischen Ausfällen, dass die Bunte nur eine zensierte Fassung veröffentlichte. Der Journalist, der Brunner interviewte, berichtete einige Jahre später: Brunner sei immer noch stolz darauf, dass er, wie er sich wörtlich ausdrückte, geholfen habe‚ dieses „Dreckszeug“ wegzuschaffen. Damit meinte er die Juden, die er hatte deportieren lassen. Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Nur eines ärgere ihn: dass noch immer Juden in Europa lebten.

1987 führte der Krone-Journalist Kurt Seinitz in Damaskus ein Interview mit Brunner, in dem dieser meinte: „Seien Sie froh, dass ich das schöne Wien für Sie judenfrei gemacht habe.“ Seinitz berichtete, Brunner sei der widerwärtigste Mensch, der ihm je untergekommen sei.[6]

1992 forderte das Bundeskriminalamt von dem Journalisten, der Alois Brunner 1985 interviewte, die Fotos und kam nach langer Zeit zu dem Ergebnis, dass es sich „vermutlich um Aufnahmen von Alois Brunner handelt“. Mehrere Auslieferanträge Deutschlands und anderer Staaten sowie ein Interpol-Haftbefehl und Aktivitäten des Simon Wiesenthal Centers blieben erfolglos.

1993 ist ein weiterer Kontakt zu Brunner überliefert. Er wurde von Touristen in einem Café erkannt, stellte sich mit seinem alten Namen vor und plauderte angeregt. Danach ging er mit seinem Schäferhund und fuhr in sein neues Domizil – ein Gästehaus Hafiz al-Assads in den Bergen nahe Damaskus. 1995 wurde von deutschen Staatsanwälten eine Belohnungssumme von 333.000 US-Dollar für Informationen zur Ergreifung Brunners ausgesetzt.

Im Dezember 1999 kamen Gerüchte auf, Brunner sei 1996 verstorben. Dagegen gaben deutsche Journalisten an, sie hätten Brunner lebend im Meridian-Hotel in Damaskus angetroffen, wo er nunmehr ansässig sei. Am 2. März 2001 wurde Brunner von einem französischen Gericht in Abwesenheit wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Die österreichische Justizministerin Maria Berger setzte 2007 erstmals in Österreich eine Belohnung von 50.000 Euro für Hinweise aus, die zur Ausforschung, Ergreifung und Verurteilung Brunners führen.[8] Gegen Brunner besteht ein Haftbefehl des Landesgerichts für Strafsachen in Wien.

Haushistoriker des BND fanden 2011 nach Meldungen des Spiegel heraus, dass in der Regierungszeit von Helmut Kohl alle Unterlagen zum Fall Alois Brunner vernichtet wurden.[9] Im August 2011 wurde aus Stasi-Akten bekannt, dass die DDR und Syrien auf Initiative von Beate und Serge Klarsfeld Ende der 1980er-Jahre über eine Auslieferung Brunners an die DDR verhandelten.[10] Wie wahrscheinlich damals eine Auslieferung war, und wie ernsthaft die DDR dies verfolgte, wird noch kontrovers diskutiert.[11]

Verweise

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Bei „Brunner II“ handelt es sich um den ebenfalls an der „Endlösung“ beteiligten Anton Brunner, der jedoch für seine Verbrechen nach Kriegsende hingerichtet wurde.
  2. a b c Alle Angaben nach einem handgeschriebenen Lebenslauf Alois Brunners, der dem entsprechenden Akt des Berlin Document Center beigelegt ist. Hier zitiert nach Safrian (1997), S. 53f.
  3. NSDAP-Personalfragebogen, dat. 29. Juni 1938; Personalakt Nr. 340.051 des NSDAP-Gaues Wien. Angaben nach Safrian (1997), S. 54. – Warum ihn das angebliche Vorhaben, in der Schweiz einen Posten anzutreten, ins Deutsche Reich geführt hatte, erläuterte er jedoch nicht.
  4. Hellmuth Vensky: "NS-Verbrecher: Der lange Schutz für die Nazi-Täter". Die Zeit, 8. Februar 2009, abgerufen am 18. April 2010.
  5. Bettina Stangneth "Warum tilgte der BND die Akte des Eichmann Helfers", Die Welt 20. August 2011, abgerufen am 24. August 2011
  6. a b Gerhard Freihofner: Kopf(los)geld nach 62 Jahren, Wiener Zeitung, 20. Juli 2007.
  7. Bettina Stangneth "Warum tilgte der BND die Akte des Eichmann Helfers", Die Welt 20. August 2011, abgerufen am 24. August 2011
  8. Belohnung auf Brunners Ergreifung ausgesetzt, Der Standard, 26. Juli 2007
  9. spiegel.de 20. Juli 2011: spiegel.de BND vernichtete Akten zu SS-Verbrecher Brunner
  10. Andreas Förster: Gerichtsstand Ostberlin. Profil Online, 1. August 2011
  11. "Hickhack um einen Kriegsverbrecher" von Klaus Taubert auf Spiegel Online Einestages

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