Hermann Schulze-Delitzsch

Hermann Schulze-Delitzsch
Hermann Schulze-Delitzsch (oben) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen
Denkmal für Hermann Schulze-Delitzsch in Berlin-Mitte
Schulze-Delitzsch-Haus in Bonn
Deutsche Briefmarke (2008) zum 200. Geburtstag

Hermann Schulze-Delitzsch, eigentlich Franz Hermann Schulze (* 29. August 1808 in Delitzsch; † 29. April 1883 in Potsdam) war der Begründer des deutschen Genossenschaftswesens und ein deutscher Politiker. Trotz seiner Bemühung um sozialen Ausgleich wurde der engagierte Liberale von Ferdinand Lassalle als „Manchester-Mann“ bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Er wurde in Delitzsch als Sohn des Bürgermeisters und Justizrates August Wilhelm Schulze geboren und studierte in Leipzig und später in Halle Jura. In Leipzig schloss er sich 1827 der Burschenschaft an, deren Vorsteherkollegium er angehörte. 1838 wurde er zum Oberlandesgerichtsassessor ernannt und war anschließend in Naumburg und beim Berliner Kammergericht angestellt.

1841 bis 1849 war er als Patrimonialrichter über mehrere Rittergutsbezirke in seiner Heimatstadt tätig. Dadurch lernte er die Probleme der kleinen Handwerksbetriebe auf dem Lande kennen, die mit der fortschreitenden Industrialisierung nicht mithalten konnten. Nach einer Missernte 1846 wirkte er bei der Gründung eines Hilfskomitees zur Beschaffung von Getreide und zur Unterhaltung einer Mühle und einer Bäckerei mit. Sein soziales Engagement war wohl nicht ohne Einfluss darauf, dass er 1848 als linksliberaler Abgeordneter der Kreise Delitzsch und Bitterfeld in die Preußische Nationalversammlung gewählt wurde. Er nahm den Doppelnamen Schulze-Delitzsch an.

In der Preußischen Nationalversammlung wirkte er an Kommissionen mit, die sich mit der Situation der Gewerbetreibenden befassten. Dort kam er zu dem Schluss, dass die Situation der Handwerker nur dadurch zu verbessern war, dass es ihnen ermöglicht wurde, durch genossenschaftliche Zusammenschlüsse zu der sich rasch entwickelnden Industrie aufzuschließen.

Wegen der Reaktion nach der gescheiterten Revolution 1848 war er an jeder politischen Betätigung gehindert. Er verabschiedete sich deshalb vom Staatsdienst, um sich der Verbreitung der Genossenschaftsidee zu widmen. Schon 1849 hatte er die Schuhmachergenossenschaft in Delitzsch gegründet und damit die Genossenschaft als unternehmerische Rechtsform begründet. Nun propagierte er Spar- und Konsumvereine zur Gewährleistung der Lebensgrundlagen, Vorschuss- und Kreditvereine (die heutigen Volksbanken) zur Beschaffung von Geld für Investitionen und die Gründung von Distributiv- und Produktionsgenossenschaften. Außer mit der Idee der Produktionsgenossenschaften war er damit so erfolgreich, dass er als Dachverband den „Allgemeiner Verband der auf Selbsthilfe beruhenden Deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“ schaffen konnte. Das System seiner Genossenschaften beruhte auf der Solidarhaftung, dem Erwerb von Genossenschaftsanteilen, der Beschränkung aller Leistungen auf die Genossen und der Ablehnung direkter Unterstützung durch den Staat. Diese Idee von Selbsthilfe und Selbstverantwortung verteidigte er in Auseinandersetzungen mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Ferdinand Lassalle.

1859 wurde er in das preußische Abgeordnetenhaus gewählt, 1861 gehörte er zu den Gründern der Deutschen Fortschrittspartei und zog mit seiner Familie nach Potsdam. Als Landtags- und – seit 1867 – Reichstagsabgeordneter setzte er das Genossenschaftsgesetz in Preußen und im Norddeutschen Bund durch, wodurch die Genossenschaften eine gesetzliche Basis bekamen und als juristische Personen die Rechtsfähigkeit erhielten.

1871 wurde er in den Deutschen Reichstag gewählt – ein Amt, das er bis zu seinem Tode behielt. 1873 wurde ihm von der Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde verliehen. Er war Mitglied der Freimaurerloge Zur Beständigkeit in Berlin, einer Tochterloge der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland.

Schulze-Delitzsch wurde auf dem Alten Friedhof in Potsdam bestattet. In Berlin-Mitte wurde am 4. August 1899 ein vom Bildhauer Hans Arnold geschaffenes Denkmal für ihn errichtet. Der Platz, auf dem das Denkmal steht, hat seit 1910 (mit Unterbrechung) den Namen Schulze-Delitzsch-Platz.[1]

In seinem Geburtsort erinnert das Schulze-Delitzsch-Haus – Deutsches Genossenschaftsmuseum an ihn.

Würdigung

Zum 200. Geburtstag von Hermann Schulze-Delitzsch gab Deutschland am 7. August 2008 eine 90-Cent-Sonderbriefmarke heraus.

Ihm zu Ehren wird von der Raiffeisen-Organisation die Schulze-Delitzsch-Medaille verliehen. Sie darf nicht an mehr als 100 lebende Personen gleichzeitig verliehen werden.[2]

Literatur

  • Marvin Brendel: Hermann Schulze-Delitzsch. Ausgewählte Schriften und Reden des Gründervaters der Genossenschaften. In: Gründerzeiten, Band 1. Schaltzeit-Verlag, Berlin 2008, ISBN 3-9413-6201-1, S. 258.
  • Edmund Schreiber: Hermann Schulze-Delitzsch. In: Mitteldeutsche Lebensbilder. 1. Band Lebensbilder des 19. Jahrhunderts, Magdeburg 1926, S. 195–208.
  • Rita Aldenhoff: Schulze-Delitzsch. Baden-Baden 1984.
  • Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker, Teilband 5: R-S, Heidelberg 2002, S. 363–365.
  • Harald Lönnecker: „In Leipzig angekommen, als Füchslein aufgenommen“ – Verbindungen und Vereine an der Universität Leipzig im langen 19. Jahrhundert. In: Jens Blecher, Gerald Wiemers (Hrsg.): Die Matrikel der Universität Leipzig. Teilbd. II: Die Jahre 1833 bis 1863, Weimar 2007, S. 13–48.
  • Acta Borussica Band 5 (1858–1866)
  • Eheberg.: Schulze, Hermann, genannt Schulze-Delitzsch. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 33, Duncker & Humblot, Leipzig 1891, S. 18–29.

Werke

 Wikisource: Die socialen Folgen der Arbeitstheilung – in Die Gartenlaube (1866), Heft 12 und 13, S. 190–192 und 205–207

Weblinks

 Wikisource: Hermann Schulze-Delitzsch – Quellen und Volltexte
 Commons: Hermann Schulze-Delitzsch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Schulze-Delitzsch-Platz. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  2. Raiffeisen/Schulze-Delitzsch-Medaille in Gold von 2001 abgerufen am 11. Juli 2011



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