Hoechst


Hoechst
50.0886111111118.535
Hoechst Aktiengesellschaft
Hoechst-Logo
Rechtsform Aktiengesellschaft (bis 2005)
Gründung 4. Januar 1863
Sitz Frankfurt-Höchst, Deutschland
Leitung Jürgen Dormann (1998)
Mitarbeiter 96.967 (31. Dezember 1998)
Umsatz 43.704 Millionen DM (1998)
Produkte Chemikalien, Pharmazeutika, Farben, Fasern, Kunststoffe
Website http://www.hoechst.de

Die Hoechst AG – bis 1974: Farbwerke Hoechst AG, vorm. Meister Lucius & Brüning – in Frankfurt am Main war eines der drei größten Chemie- und Pharmaunternehmen Deutschlands. Es wurde 1863 im damals nassauischen Höchst am Main gegründet und wuchs bis zum Ersten Weltkrieg zu einem Weltunternehmen. 1925 fusionierte es mit anderen Unternehmen zur I.G. Farbenindustrie AG und wurde 1951 nach der Entflechtung der I.G. Farben neu gegründet.

Durch Unternehmensübernahmen und Investitionen in neue Produkte wuchs Hoechst zu einem Großkonzern. Mitte der 1950er Jahre überschritt der Jahresumsatz erstmals eine Milliarde DM, 1969 die Marke von 10 Milliarden DM. Anfang der 1980er Jahre war Hoechst das nach Umsatz größte Pharmaunternehmen der Welt. Ende der 1980er Jahre erreichte der Konzern mit über 170.000 Beschäftigten, einem Jahresumsatz von 46 Milliarden DM und einem Gewinn von über vier Milliarden DM seine größte Ausdehnung.

1994 begann die Neuausrichtung und Umstrukturierung der Hoechst AG. Das ehemalige Stammwerk wurde 1997 zum Industriepark Höchst. Nach der Überführung in eine Holding schloss die Hoechst AG sich 1999 mit Rhône-Poulenc zur Aventis S.A. mit Sitz in Straßburg zusammen und spaltete die verbliebenen Chemieaktivitäten in der Celanese AG ab.

Die Hoechst AG gehörte dem DAX seit seiner erstmaligen Berechnung 1988 bis zum 20. September 1999 an und blieb noch bis Ende Dezember 2004 als deutsche Zwischenholding der Aventis an der Frankfurter Wertpapierbörse notiert. Nach der Fusion von Aventis mit Sanofi-Synthélabo zur Sanofi-Aventis 2004 verschwand der Name Hoechst endgültig aus der Öffentlichkeit.[1]

Inhaltsverzeichnis

Firmenemblem Turm und Brücke von 1947 bis 1997
Der MLB-Löwe auf einer Indigo-Packung von 1901

Der Name Farbwerke Hoechst war seit den 1880er Jahren bis zur Wiedergründung 1951 nur informell in Gebrauch und wurde erst danach in die Firma aufgenommen. Er ist vom Unternehmenssitz in der ehemals selbständigen Stadt Höchst am Main abgeleitet. Die Schreibweise ohne Umlaut war von Anfang an im Unternehmen gebräuchlich. Ob sie auf eine bewusste Entscheidung als Folge der Internationalisierung des Unternehmensgeschäfts zurückzuführen ist, ist nicht belegt. 1974 vereinfachte das Unternehmen seinen Namen in Hoechst Aktiengesellschaft.

Das älteste Firmenlogo zeigte einen liegenden Löwen, das nassauische Wappentier, der in der rechten Pranke ein Wappen mit den ineinander verschränkten Buchstaben MLB (Meister, Lucius & Brüning) hält. Nach der Gründung der I.G. Farben wurden die Chemieprodukte unter dem I.G. Farben-Logo, die Medikamente unter dem Bayer-Kreuz verkauft. 1947 führte Hoechst ein eigenes Logo aus Turm und Brücke ein, eine stilisierte Darstellung des denkmalgeschützten Behrens-Baus.[2] Die erste Version mit einer symmetrischen Darstellung der Brücke, bei der der Turm in der Mitte stand, wurde 1951 überarbeitet. Der Turm rückte nunmehr an die linke Seite, während die Brücke nach rechts anstieg. 1960 erhielt das Zeichen seine endgültige Form, nachdem der dünne Kreis um Turm und Brücke durch ein Quadrat ersetzt wurde. Als Farbton für das Logo diente ein dunkles Blau. In dieser Form war das Markenzeichen bis in das 21. Jahrhundert an zahlreichen Apotheken als Reklameschild zu sehen. Nach der Umfirmierung 1974 wurde das Logo mit dem Schriftzug Hoechst zu einem Signet zusammengefasst.[3]

Mit der Umwandlung in eine Holding-Gesellschaft 1997 änderte Hoechst sein Logo letztmalig. Turm und Brücke verschwanden zugunsten eines kleinen hochgestellten Quadrats. Das neue Logo wurde von dem Wuppertaler Designer Hans Günter Schmitz in zweieinhalbjähriger Arbeit entworfen. Mit Turm und Brücke, die das Behrens-Bauwerk im Stammwerk symbolisieren, könnten nur Frankfurter etwas anfangen. Hoechst sei aber kein Frankfurter, sondern ein internationales Unternehmen.[4] Das neue Logo sollte nach Unternehmensdarstellung positive Assoziationen wie Ideenpotential, Qualität, Weiterentwicklung und Kreativität symbolisieren. Kritiker bezeichneten das neue Logo in Leserbriefen scherzhaft als passend zur neuen Unternehmenskultur – kleinkariert und etwas abgehoben.[5]

Unternehmensgeschichte

1863 bis 1914

Erstes Rundschreiben der Farbenfabrik von Januar 1863 mit den Unterschriften der Unternehmensgründer Meister, Lucius und Müller
Bau- und Betriebsgenehmigung für die Farbenfabrik durch die herzoglich-nassauische Verwaltung, 4. Juni 1862

Am 4. Januar 1863 gründeten Carl Friedrich Wilhelm Meister, Eugen Lucius und Ludwig August Müller mit anfangs fünf Arbeitern die Teerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co.. Das Betriebsgelände lag direkt am Ufer des Mains in der kleinen Stadt Höchst, die seit 1928 ein Stadtteil von Frankfurt am Main ist. Obwohl die Gründer Bürger der Freien Stadt Frankfurt waren, gründeten sie ihr Unternehmen im benachbarten Herzogtum Nassau, das im Gegensatz zum industriefeindlichen Handels- und Finanzzentrum Frankfurt die Ansiedlung von Industriebetrieben förderte.

Nach Müllers Ausscheiden 1865 übernahm der bisherige Technische Direktor Adolf von Brüning dessen Anteile. Er wird deshalb oft auch als Gründungsmitglied bezeichnet. Seit Brünings Eintritt firmierte das Unternehmen als Farbwerke Meister, Lucius & Brüning.

Die Fabrik stellte zunächst die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so bezeichneten Teerfarben her. Sie waren im Gegensatz zu anderen damaligen Farbstoffen wie Indigo oder Krapp kostengünstig aus dem Steinkohlenteer, einem Abfallstoff der Kokserzeugung, zu gewinnen. Zunächst stellte die Fabrik Fuchsin und Anilin her, ab 1864 auch das von Lucius und Brüning entwickelte Aldehydgrün.[6] Dies war der erste grüne Textilfarbstoff, der auch bei Gaslicht seinen Farbton behielt. Als es gelang, die französische Kaiserin Eugénie als Kundin zu gewinnen und an die Textilindustrie in Lyon große Mengen der Höchster Farbstoffe zu liefern, brachte dies den Durchbruch für das neugegründete Unternehmen.

1869 brachten die Farbwerke das Alizarin auf den Markt, einen roten Farbstoff, der rasch zum erfolgreichsten Produkt wurde. Umgehend begann man mit der Verlagerung der Produktion auf ein etwa einen Kilometer flussabwärts gelegenes Gelände, das wesentlich mehr Platz für neue Fabrikanlagen bot. Das neue im Volksmund bald Rotfabrik genannte 1874 fertiggestellte Werk wurde später in mehreren Etappen erweitert und bildet heute den Industriepark Höchst.

Siedlung Colonie in Zeilsheim
Arbeiter im Naphtholbetrieb im Jahr 1894
Hauptkontor der Farbwerke im Jahr 1893

Um die schnell wachsende Zahl von Arbeitern mit ihren Familien zu versorgen, entwickelten die Gründer eine Reihe von für die damalige Zeit vorbildlichen betrieblichen Sozialleistungen. Die 1874 gegründete Hilfskasse für erkrankte Arbeiter war eine Betriebskrankenkasse, die auch die soziale Sicherung der Arbeiter und ihrer Angehörigen bei Unfall, Invalidität, Berufskrankheiten, Alter und Tod übernahm. Der Werksärztliche Dienst war ein Pionier in der Erforschung von Berufskrankheiten. 1874 bis 1875 entstanden die ersten Arbeiterwohnungen in der Siedlung Seeacker in Höchst, später auch in Unterliederbach und in der Zeilsheimer Siedlung Colonie. 1879 richtete Brüning die Kaiser-Wilhelm-Augusta-Stiftung ein, eine Pensionskasse für Höchster Arbeiter, die auch Hypothekendarlehen für den Hausbau gewährte; sie finanziert heute als Höchster Pensionskasse VVAG auf dem freien Markt zinsgünstig Immobilien.

1880 wurden aus dem kleinen Unternehmen die Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning AG, die bald darauf ihre Wertschöpfungskette verlängerte. Seit 1881 stellte die Rotfabrik auch Vorprodukte wie anorganische Säuren her[7], 1883 begann die Produktion von synthetischen Arzneimitteln.[8] Die ersten erfolgreichen Arzneimittel der Farbwerke waren das schmerzstillende und fiebersenkende Antipyrin sowie ein von Emil von Behring entwickeltes Immunserum gegen Diphtherie. 1897 kam das Pyramidon (Aminophenazon) hinzu, welches etwa dreimal wirksamer als das Antipyrin war.

In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg wuchs das Unternehmen zu einem Weltkonzern, der 88 Prozent seiner Produktion exportierte. Auch Produktionsanlagen entstanden im Ausland, zunächst 1878 in Moskau, 1883 in Creil bei Paris und 1908 in Ellesmere Port bei Manchester. 1900 gründeten die Farbwerke ein neues Werk in Gersthofen bei Augsburg. Die Wasserkraft des Lech wurde dabei für die energieintensive Synthese von Indigo genutzt.

1904 bildeten die Farbwerke Höchst mit den Cassella Farbwerken durch wechselseitige Kapitalverflechtungen und Lieferbeziehungen den Zweibund, der 1907 durch den Beitritt der Chemischen Fabrik Kalle in Biebrich zum Dreibund wurde.

Friedrich Stolz synthetisierte 1904 in den Labors der Farbwerke das Adrenalin. Es war das erste Hormon, dessen Struktur genau bekannt war und das in reiner Form hergestellt werden konnte. 1905 entwickelte Alfred Einhorn mit Novocain das erste nicht-süchtigmachende Lokalanästhetikum. 1910 begannen die Farbwerke in Höchst mit der Produktion des ein Jahr zuvor von Paul Ehrlich entwickelten Arsphenamin (Salvarsan®). Im Jubiläumsjahr 1913 hatte das Unternehmen, das noch immer mehrheitlich im Besitz der Gründerfamilien war, einen Weltumsatz von 100 Millionen Reichsmark. Es beschäftigte allein in Höchst rund 9000 Mitarbeiter.

1914 bis 1945

Der Erste Weltkrieg bedeutete für das exportorientierte Unternehmen eine Zäsur, welche die Unternehmensentwicklung für die folgenden dreißig Jahre beeinflusste. Die Auslandsorganisation, Patente und Warenzeichen wurden enteignet, große Teile des Weltmarktes gingen für immer verloren, da die Kriegsgegner eigene Industrien aufbauten. 3237 der 9200 Mitarbeiter des Werkes Höchst wurden 1914 einberufen, 547 von ihnen fielen im Krieg. Die Entwicklung im Stammwerk wurde durch die Umstellung auf Kriegsproduktion geprägt. An die Stelle von Farbstoffen und Arzneimitteln traten Ammoniak, Salpetersäure und Ammoniumnitrat. Weil so viele Arbeiter zum Kriegsdienst eingezogen worden waren, mangelte es an Fachkräften. Die Rohstoffversorgung litt unter der britischen Seeblockade.

Entwicklung der Belegschaft im Werk Höchst
Jahr Mitarbeiter
1914 9.200
1915 6.000
1917 15.000
1919 10.000
1922 14.600
1929 11.000
1933 8.000
1944 11.784

1916 war Hoechst Gründungsmitglied der Interessengemeinschaft der deutschen Teerfarbenfabriken, einem Kartell, das die Rohstoffversorgung, Produktionssteuerung und Absatzstrategien der beteiligten Unternehmen unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft aufeinander abstimmen sollte. Im auf 50 Jahre abgeschlossenen Vertrag hatte Generaldirektor Adolf Haeuser durchgesetzt, dass Hoechst zusammen mit Kalle denselben Anteil am Gewinn erhielt wie BASF und Bayer, obwohl Hoechst in den letzten Friedensjahren im Wachstum zurückgeblieben war und dem technischen Vorsprung der BASF in der Hochdrucksynthese und der modernen Infrastruktur des Bayerwerkes Leverkusen nichts entgegenzusetzen hatte. Die Unternehmen der Interessengemeinschaft blieben im übrigen selbständig.

Das Kriegsende und der Versailler Vertrag brachten den Farbwerken neue Belastungen: Das Werk wurde von französischen Truppen besetzt, Rohstoffmangel und Devisenknappheit behinderten die Neuausrichtung und den Wiedereinstieg in den Weltmarkt. Anstelle der Kriegsproduktion von Sprengstoffen, die zuletzt 70 % des Umsatzes ausgemacht hatten, stellte man nun Düngemittel und Pflanzenschutzmittel her.

Die traditionellen Hoechster Schmerzmittel Antipyrin und Pyramidon wurden 1922 durch Novalgin ergänzt, und 1923 produzierten die Farbwerke als erstes deutsches Unternehmen Insulin in Lizenz.[9]

Der Behrens-Bau im Februar 2011
Werksgebäude aus den 1920er Jahren (Vordergrund)

Von 1920 bis 1924 baute Peter Behrens das Technische Verwaltungsgebäude, das heute als einer der bedeutendsten expressionistischen Industriebauten Deutschlands gilt. Während der Bauzeit führte die zunehmende Inflation in Deutschland zu Arbeitskämpfen über Lohn- und Arbeitszeitfragen. Im Sommer 1920 sowie im Herbst 1921 kam es deswegen zu Demonstrationen und Unruhen im Werk. Auf dem Höhepunkt der Inflation im November 1923 verdiente ein Arbeiter 10 Milliarden Mark in der Stunde; das Mittagessen in der Werksküche kostete 4,5 Milliarden Mark. Für das Geschäftsjahr 1923 konnte weder der Umsatz noch der Gewinn festgestellt und keine Dividende gezahlt werden.

1925 schlossen sich die Farbwerke der Fusion zur I.G. Farbenindustrie AG an. Aufgrund Haeusers geschickter Verhandlungsführung brachten die Farbwerke mit 27,4 Prozent den gleichen Anteil am Grundkapital der I.G. wie Bayer und BASF ein, der Rest stammte von den drei kleineren Gesellschaftern AGFA, Griesheim-Elektron und Weiler-ter Meer. Die I.G. Farben konzentrierte ihre Investitionen in neue Produkte, wie Buna, Fischer-Tropsch-Synthese und Kunstfasern, auf die neuen mitteldeutschen Werke, wo mit der Braunkohle eine günstige Rohstoffbasis verfügbar war. Das traditionelle Stammwerk der Farbwerke Höchst geriet dadurch etwas ins Abseits, der Umsatz stagnierte und die Beschäftigtenzahl ging zurück. Das Werk bildete zusammen mit den Werken Fechenheim, Griesheim, Offenbach und den Behringwerken in Marburg die Betriebsgemeinschaft Mittelrhein, später Maingau. Neuer Werksleiter wurde Paul Duden, der dafür in den Vorstand der I.G. Farben aufrückte.

Große Teile der Farbstoffproduktion wurden in den folgenden Jahren an andere Standorte verlagert, dafür entstanden neue Anlagen für die Herstellung von Lösungsmitteln und Kunstharzen. Der Personalabbau im Stammwerk Höchst vollzog sich teilweise durch Frühpensionierung, aber auch über Entlassungen. Um die sozialen Folgen abzumildern, sammelte eine seit 1931 bestehende Notgemeinschaft der Werksangehörigen der I.G. Farbenindustrie AG Werk Hoechst Spenden, um damit Unterstützungszahlungen an Bedürftige zu leisten. Im Frühjahr 1931 führte die Werksleitung Kurzarbeit ein. Die wöchentliche Arbeitszeit wurde auf 40 Stunden gesenkt. Erst Ende 1936 wurde wieder die Normalarbeitszeit von 48 Wochenstunden eingeführt.

Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 begann auch die Gleichschaltung der I.G. Farben, die auf wenig Widerstand im Unternehmen stieß. Der seit 1. Januar 1933 amtierende Werksleiter Ludwig Hermann entwickelte sich zum begeisterten Anhänger Hitlers. Zum 1. August 1935 durfte er, trotz der damals bestehenden Aufnahmesperre, mit Sondererlaubnis des Gauleiters in die NSDAP eintreten. Zwischen 1933 und 1938 mussten alle jüdischen Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Auch die jüdischen Aufsichtsratsmitglieder, darunter Carl von Weinberg und die Frankfurter Ehrenbürger Leo Gans und Arthur von Weinberg, wurden aus ihren Ämtern vertrieben.

Mit dem Vierjahresplan von 1936 begann die Vorbereitung auf die erneute Kriegführung unter den Bedingungen der Autarkie von kriegswichtigen Rohstoffen. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurden wiederum zahlreiche Mitarbeiter der Stammbelegschaft zum Kriegsdienst eingezogen und später durch Kriegsgefangene, Fremd- und Zwangsarbeiter ersetzt. Im Oktober 1944 zählt die Belegschaft des Werkes Höchst 11.784 Personen, davon 3021 Zwangsarbeiter (2302 Männer und 719 Frauen) und 142 Strafgefangene.[10] Insgesamt wurden während des Krieges rund 8500 Menschen aus fast allen besetzten Ländern Europas zur Zwangsarbeit im Werk Höchst gepresst, wo sie in einem eigenen Lager unter harten Bedingungen bei meist unzureichender Ernährung lebten.[11]

Die Kriegsereignisse zogen das Werk kaum in Mitleidenschaft, obwohl die Stadt Frankfurt vor allem ab Herbst 1943 regelmäßig zum Ziel alliierter Bombenangriffe wurde. Nur am 29. Juni 1940 schlugen bei einem Luftangriff einige Sprengbomben auf dem Gelände ein, von denen eine den Behrensbau traf. Es wurde immer wieder spekuliert, dass weitere Bombenangriffe auf das Werk unterblieben, weil die amerikanischen Streitkräfte bereits während des Krieges planten, das Werk nach Kriegsende zu besetzen und in eigener Regie zu betreiben, doch gibt es dafür keine Belege.[12]

1937 war den Chemikern Eisleb und Schaumann die Synthese des Pethidin gelungen, eines Opioids, das 1939 unter dem Markennamen Dolantin eingeführt wurde. Während des Krieges wurde es in großen Mengen als Morphinersatz für die Wehrmacht hergestellt. Das 1939 von Bockmühl und Ehrhart in Höchst synthetisierte Methadon (2-Dimethylamino-4,4-diphenylheptanon-(5)) kam während des Krieges nicht mehr über das Stadium einer klinischen Erprobung hinaus.[13]

1943 lieferte das Werk Höchst Präparate für Pharmaversuche der SS im Konzentrationslager Buchenwald, bei denen Häftlinge vorsätzlich mit Fleckfieber infiziert wurden. Zahlreiche Versuchspersonen starben bei diesen Versuchen. Werksleiter Carl Lautenschläger hatte die klinischen Versuche zunächst gefordert, um die in Höchst entwickelten Wirkstoffe Akridin-Granulat und Rutenol erproben zu können, ließ die Lieferungen aber einstellen, nachdem er aus den Berichten schließen konnte, dass die Versuche gegen Gesetze und medizinische Standesregeln verstießen.[14]

1942 begannen Versuche zur Herstellung von Penicillin. Sie verliefen erfolgreich, eine daraufhin geplante Produktionsanlage konnte jedoch vor Kriegsende nicht mehr in Betrieb gehen. Im Januar 1945 kam die Produktion wegen Mangels an Kohle teilweise zum Erliegen. Am 27. März 1945 – zwei Tage vor der Besetzung des Werkes durch amerikanische Truppen – wurde die Produktion vollends eingestellt.

1945 bis 1970

Bereits kurz nach der Besetzung des Werkes Höchst liefen die ersten Betriebe wieder an, vor allem die für Diabetiker lebensnotwendige Insulinproduktion. Aus Mangel an Kohle mussten manche Produktionsbetriebe in den ersten Nachkriegswintern jedoch immer wieder geschlossen werden, zum Teil wurden sie für die Herstellung von Alltagsprodukten wie Bohnerwachs oder Puddingpulver zweckentfremdet.

Am 5. Juli 1945 verfügte die Militärregierung in ihrer Anordnung Nr. 2 zum Gesetz Nr. 32 die Beschlagnahme des gesamten I.G.-Farben-Vermögens. Die Werke wurden unter alliierte Militärverwaltung gestellt. Bis April 1946 wurden etwa 380 Führungskräfte, die Mitglieder der NSDAP und ihrer Organisationen gewesen waren, entlassen, darunter Werksleiter Lautenschläger, sein Stellvertreter Chefingenieur Jähne und der spätere Vorstandsvorsitzende von Hoechst, Karl Winnacker. Lautenschläger und Jähne kamen 1947 im I.G.-Farben-Prozess zusammen mit 21 weiteren leitenden Angestellten der I.G. Farben vor das Nürnberger Kriegsverbrechergericht. Das Gericht sprach 30. Juli 1948 Lautenschläger wegen Mangels an Beweisen frei, Jähne wurde wegen Plünderung und Raub zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt.

Nach der Beschlagnahme planten die amerikanischen Behörden zunächst, das Werk Höchst in etwa fünf unabhängige Unternehmen zu zerlegen, eine Pharma-, eine Farbstoff-, eine organische und anorganische Chemikalien-, eine Pflanzenschutzmittel- sowie eine Düngemittelfabrikation. Es erwies sich jedoch als technisch unmöglich, die in siebzig Jahren gewachsene Infrastruktur und den Produktionsverbund des Werkes zu entflechten. Daher gab man diese Pläne im Frühjahr 1947 auf, ebenso wie die geplante Demontage der I.G. Farben-Werke Offenbach und Griesheim. Ab August 1947 firmierte das Werk Höchst als Farbwerke Hoechst US Administration. Der Umsatz erreichte 77 Millionen Reichsmark, davon jeweils 24 Millionen mit Arzneimitteln und Chemikalien, 17 Millionen mit Farbstoffen, 6 Millionen mit Düngemitteln und 5 Millionen mit Pflanzenschutzmitteln. Der Auslandsumsatz betrug 200.000 Reichsmark, exportiert wurden Farbstoffe und Chemikalien in fünf Nachbarländer.

Firmenemblem Turm und Brücke am Hoechst-Haus in Berlin

Ebenfalls 1947 entstand die erste Fassung des später weltweit bekannten Firmenlogos Turm und Brücke, des von Peter Behrens entworfenen Technischen Verwaltungsgebäudes.

Durch die Währungsreform am 21. Juni 1948 und die schrittweise Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung begann das später sogenannte Wirtschaftswunder. Bereits kurz nach der Währungsreform begann der gemeinnützige Bau von Werkswohnungen, um die durch Kriegszerstörungen und die Aufnahme von Flüchtlingen entstandene Wohnungsnot zu lindern. 1949 genehmigte die amerikanische Kontrollbehörde die Einrichtung einer ersten Auslandsniederlassung in der Schweiz.

1950 ging die Penicillin-Produktion im Werk Höchst in Betrieb, deren Kapazität für die Versorgung des gesamten deutschen Marktes ausreichte. An der Einweihung nahmen neben dem amerikanischen Hochkommissar John Jay McCloy der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb sowie Vertreter der Hessischen Landesregierung und der Bundesregierung teil. Das Unternehmen firmierte nun als Farbwerke Hoechst vormals Meister Lucius & Brüning US Administration. Der Umsatz in Höchst wuchs von 163 Millionen DM (1949) auf 253 Millionen (1950).

Das Gesetz Nr. 35 der Alliierten Hohen Kommission schuf die Voraussetzung für die Entflechtung der I.G. Farben, das heißt für die Gründung von Nachfolgegesellschaften. Dabei orientierte man sich im Wesentlichen an den Besatzungszonen. Die am 7. Dezember 1951 gegründete Farbwerke Hoechst Aktiengesellschaft vormals Meister Lucius & Brüning umfasste schließlich den größten Teil der in der amerikanischen Zone gelegenen Werke der I.G. Farben; neben dem Werk Höchst waren dies die Werke Griesheim, Offenbach, Gersthofen und Gendorf sowie als Tochtergesellschaften die Knapsack-Griesheim AG, das Werk Bobingen (wo 1950 die Produktion der Chemiefaser Perlon aufgenommen worden war), die Behringwerke in Marburg, die Kalle AG in Wiesbaden und Anteile an der Wacker Chemie und der Sigri (die heutige SGL Carbon).

Am 1. Januar 1952 trat die I.G. Farben in Liquidation und nannte sich von da an I.G. Farbenindustrie AG i.L.. Ihre einzige Aufgabe war es, alte Ansprüche zu verwalten und die rechtlichen Folgen der während der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen zu übernehmen, während sich ihre Nachfolgegesellschaften frei entwickeln sollten. Um die Entschädigung der Zwangsarbeiter in der Zeit des Nationalsozialismus wurde 1950 bis 1953 vor dem Landgericht Frankfurt am Main ein Musterprozess geführt (Norbert Wollheim gegen IG Farbenindustrie AG i.L.). Der Prozess endete in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main 1958 durch einen globalen Vergleich, der die Zahlung von insgesamt 30 Millionen DM durch die I.G. Farbenindustrie an mehrere tausend ehemalige Zwangsarbeiter vorsah.

Im ersten Geschäftsjahr 1952 beschäftigten die Farbwerke 15.000 Menschen in der Muttergesellschaft und fast 27.000 im Konzern. Der Umsatz betrug etwa 750 Millionen DM, wovon etwa 20 Prozent im Export erzielt wurden. Das Grundkapital von anfangs nur 100.000 DM war am 27. März 1953 in einer außerordentlichen Hauptversammlung rückwirkend zum 1. Januar 1952 auf 285,7 Millionen festgelegt worden. Dies entsprach der Bewertung der aus der I.G. Farben eingebrachten Sachanlagen im Einbringungsvertrag vom 26. März 1953.[15] Auf das Eigenkapital zahlte man im ersten Geschäftsjahr eine Dividende von vier Prozent. Damit waren die Farbwerke Hoechst neben BASF und Bayer der kleinste der drei großen I.G.-Farben-Nachfolger.

Trotz zäher Verhandlungen war es den Farbwerken nicht gelungen, die seit 1904 mit Hoechst verbundenen Cassella-Werke wieder in den Konzern zu integrieren. Die Farbwerke mussten sich mit einer Minderheitsbeteiligung von knapp über 25 Prozent begnügen. Den gleichen Anteil erhielten auch BASF und Bayer.

Erster Vorstandsvorsitzender der Farbwerke Hoechst (1952 bis 1969) wurde Karl Winnacker, Aufsichtsratsvorsitzender Hugo Zinßer. Jeder der 12 Vorstände erhielt anfangs ein Monatsgehalt von 6.000 DM. Alle Investitionen über 5000 Mark mussten zunächst von der Kontrollbehörde genehmigt werden. Erst am 27. März 1953 wurde das Unternehmen endgültig aus der alliierten Kontrolle entlassen.

1955 bis 1963 übernahm Friedrich Jähne den Vorsitz im Aufsichtsrat. Er war nach seiner Verurteilung im I.G.-Farben-Prozess bereits Ende 1948 wieder aus der Haft entlassen worden.

1956 kamen Rastinon und Euglucon, die ersten oralen Antidiabetika, auf den Markt. Sie gehörten zu einer neuen Klasse von Wirkstoffen, den Sulfonylharnstoffen, deren Herstellung der Forschungsabteilung von Hoechst gemeinsam mit Boehringer Mannheim gelang. Als Geschenk zur 600-Jahr-Feier der Stadt Höchst errichteten die Farbwerke ein öffentliches Schwimmbad, das Silobad. Ebenfalls 1956 stiftete Hoechst der Universität Frankfurt anlässlich der Gründung des Instituts für Kernphysik den Forschungsreaktor Frankfurt, der 1958 als zweiter Kernreaktor in der Bundesrepublik Deutschland in Betrieb ging.

1957 installierte Hoechst als erstes europäisches Unternehmen eine Computeranlage. Der mit Tausenden von Elektronenröhren ausgestattete Großrechner vom Typ IBM 705 gehörte zur damals leistungsfähigsten Kategorie von Datenverarbeitungsanlagen für kommerzielle und wissenschaftliche Aufgaben. Sein Kernspeicher konnte 20.000 Zeichen speichern und seine Zentraleinheit 400 Multiplikationen pro Sekunde ausführen. Er blieb bis Anfang der 1960er Jahre im Einsatz.

Bis Ende der 1950er Jahre verdreifachte sich der Umsatz auf 2,7 Milliarden Mark, die Zahl der Mitarbeiter im Konzern stieg auf über 50.000. Das Wachstum wurde getrieben von einer Vielzahl neuer Produkte, vor allem Kunstfasern (Trevira) und Kunststoffen. Seit 1954 produzierte Hoechst Polyvinylchlorid, seit 1955 auch Polyethylen unter dem Markennamen Hostalen nach dem Ziegler-Natta-Verfahren. Voraussetzung für die neuen Produktionen war die Umstellung der Rohstoffversorgung von der Kohlechemie auf die Petrochemie. Hatte man früher das benötigte Acetylen aus Karbid gewonnen, für dessen Herstellung viel elektrische Energie benötigt wurde, so baute man 1955 in Höchst eine Spaltanlage für schweres Rohöl, den sogenannte Koker. Die Anlage konnte etwa 20.000 Tonnen Ethylen pro Jahr liefern, daneben Methan, Ethan und Propylen. Mit seiner 100 Meter hohen Kolonne und einer stets brennenden Fackel an der Spitze bildete er etwa 20 Jahre lang ein Wahrzeichen des Werkes Höchst. In einer weiteren Anlage, der Hochtemperaturpyrolyse, konnte man aus Leichtbenzin neben Ethylen auch Acetylen gewinnen. Damit besaßen die Farbwerke eine Rohstoffbasis, aus der sich neben den Kunststoffen auch Acetaldehyd, Essigsäure, Vinylacetat und Mowiol sowie daraus abgeleitete Produkte wie das Konservierungsmittel Sorbinsäure herstellen ließen.

Werksbrücke Mitte

Da das Werk Höchst inzwischen seine Kapazitätsgrenzen erreicht hatte und es nur südlich des Mains noch freie Flächen für eine Erweiterung gab, wurde 1960 die Werksbrücke Mitte gebaut. Ein Wasserwerk und das im September 1960 eingeweihte Hauptlabor waren die ersten Gebäude im neuen Südwerk, das rasch wuchs und seitdem einen großen Teil der Investitionen aufnahm.

1961 nahmen eine neue Produktionsstätte im wenige Kilometer von Höchst entfernten Kelsterbach den Betrieb auf. Am neuen Standort, der von der benachbarten Caltex-Raffinerie in Raunheim mit Vorprodukten versorgt wurde, produzierten die Farbwerke Höchst sowie die Ticona, ein Gemeinschaftsunternehmen von Hoechst und Celanese, unter dem Markennamen Hostaform hauptsächlich Kunststoffe für technische Anwendungsgebiete.

Die Jahrhunderthalle

Zum hundertjährigen Jubiläum 1963 ließen die Farbwerke Hoechst die Jahrhunderthalle errichten. Im Jubiläumsjahr beschäftigten die Farbwerke Hoechst AG 63.000 Mitarbeiter, darunter 8000 im Ausland, und erwirtschaften einen Jahresumsatz von 3,5 Milliarden DM, davon 41 Prozent in über 70 Ländern außerhalb Deutschlands. 230.000 Aktionäre, darunter etwa 20.000 Belegschaftsaktionäre, teilten sich das Grundkapital von 770 Millionen DM. Die Dividende war auf 18 Prozent gestiegen, doch lag die Eigenkapitalbasis und die Rentabilität deutlich unter der vergleichbarer amerikanischer Unternehmen.

1964 übernahm Hoechst die Kapitalmehrheit der Chemischen Werke Albert in Mainz-Amöneburg, wo neben Arzneimitteln hauptsächlich Kunstharze hergestellt wurden. Im Werk Gendorf begann die Produktion von Hostaflon. Das erstmals ausgebrachte Diuretikum Lasix wurde für viele Jahre einer der Hauptumsatzträger des Pharmabereiches von Hoechst.

1965 investierte Hoechst zum ersten Mal in größerem Umfang in Umweltschutzanlagen. Im Stammwerk ging die erste Stufe der biologischen Abwasserreinigung in Betrieb, damals die erste biologische Kläranlage für industrielle Abwässer in Europa. Die Auslandsorganisation von Hoechst, die sich mittlerweile auf etwa 120 Staaten erstreckte, wurde in zahlreiche Landesgesellschaften gegliedert, welche die Aktivitäten aller Sparten im jeweiligen Land bündelten. Im selben Jahr wurde der Konzern Anteilseigner der Höchster Porzellanmanufaktur, die Beteiligung endete mit der Umstrukturierung des Unternehmens im Jahr 2001.

Mit der Inbetriebnahme der Faserwerke in Bad Hersfeld und Spartanburg (South Carolina), dem Werk Vlissingen für die Herstellung von Phosphor-Produkten sowie der Übernahme der Mehrheit an Spinnstoffabrik Zehlendorf AG in Berlin wuchs der Konzern 1966 weiter. 1967 übernahm Hoechst die Süddeutsche Zellwolle AG in Kelheim und die Reichhold Chemie AG in Hamburg. Im selben Jahr ging die neue Pharma-Fertigung H600 im Stammwerk in Betrieb, eines der größten Fabrikgebäude Europas. Erstmals wurde mehr als die Hälfte der Umsatzerlöse von damals 6,6 Milliarden DM im Ausland erzielt. Die wöchentliche Arbeitszeit war inzwischen auf 41,25 Stunden gesunken. Neue Elemente der betrieblichen Sozialpolitik, wie eine erfolgsabhängige Jahresprämie und die Finanzierung von Eigenheimen, ergänzten die traditionellen Instrumente, z. B. den Bau von Werkswohnungen oder die nach Dienstalter gezahlte Treueprämie. Die Gehaltszahlung erfolgte ab 1969 auch für die Arbeiter nicht mehr per Lohntüte, sondern bargeldlos und monatlich.

1968 folgten weitere Übernahmen, darunter die Mehrheitsbeteiligung an dem französischen Pharmaunternehmen Roussel Uclaf, des Düsseldorfer Kosmetikunternehmens Marbert und der Farbwerke Schröder & Stadelmann in Lahnstein. Der Weltumsatz überschritt 1969 erstmals die Schwelle von 10 Milliarden DM. Rolf Sammet wurde Vorstandsvorsitzender als Nachfolger von Karl Winnacker.

Am 1. Januar 1970 konnten die Farbwerke in einer von der Presse Flurbereinigung genannten Transaktion die Anteile der anderen Farben-Nachfolger an Cassella übernehmen. Im Gegenzug gab Hoechst seine Anteile an den Chemischen Werken Hüls an Bayer ab.[16] Auch zwischen Bayer und BASF kam es zu einem Tausch von Beteiligungen. Damit endeten die letzten Kapitalverflechtungen der Farbennachfolger untereinander.

1970 bis 1990

Zum 1. Januar 1970 trat eine Neuorganisation des Unternehmens in Kraft. Das Unternehmen hatte nunmehr 14 Geschäftsbereiche. Die internen Querschnittsfunktionen wie Beschaffung, Personal und Finanz- und Rechnungswesen wurden als Ressorts bezeichnet, unter denen das Ingenieurwesen das größte war. Die Auslandsvertretungen wurden in Landes- oder Regionengesellschaften gebündelt. Jedes der etwa 14 Mitglieder des Vorstandes war für mehrere Geschäftsbereiche, Ressorts oder Regionen verantwortlich. Diese Organisationsstruktur blieb bis zum Beginn der 1990er Jahre bestehen.

Die zwischen 1970 und 1972 errichtete Werksbrücke West zwischen Sindlingen und Kelsterbach
Das Werksgelände 1988

1970 führten die Farbwerke Hoechst die 40-Stunden-Woche ein. Die Dividende erreichte mit 10,- DM je Aktie zu 50 DM Nennwert eine Höhe, die erst 1985 wieder erreicht wurde. Bereits 1971 kam es durch die Freigabe des Wechselkurses von DM in Dollar trotz steigender Umsätze zu einem Gewinnrückgang, so dass die Dividende auf 7,50 DM abgesenkt werden musste. 1972 waren 146.300 Mitarbeiter im Hoechst-Konzern beschäftigt und erzielten einen Jahresumsatz von 13,6 Milliarden DM. Erstmals gehörten dazu die im selben Jahr übernommene Herberts GmbH in Wuppertal, ein Hersteller von Autolacken mit weltweit rund 5000 Mitarbeitern, sowie die Faserwerke Ernst Michalke GmbH & Co. in Langweid am Lech. Das neu auf den Markt gebrachte Trental gegen Durchblutungsstörungen wurde bald zum langjährig umsatzstärksten Medikament des Pharmabereiches.

Die erste Ölkrise von 1973 brachte aufgrund der Verteuerung von Rohstoffen und der im Folgejahr einsetzenden Konjunkturkrise deutliche Einschnitte und zwang das Unternehmen zu Rationalisierungen. Im zweiten Halbjahr 1974 führte Hoechst erstmals Kurzarbeit für zeitweise rund 5000 Mitarbeiter der Geschäftsbereiche Faser, Farben und Lacke ein. Im selben Jahr brachte die aus der Wiesbadener Kalle hervorgegangene infotec GmbH mit dem Infotec 6000 den ersten digitalen Fernkopierer Europas auf den Markt. Die Technik der Infotec 6000 war die Basis für den heute immer noch gültigen Telefax-Standard G3.

1974 legte das Unternehmen seinen alten Namen Farbwerke Hoechst AG vormals Meister Lucius & Brüning ab und firmierte seitdem als Hoechst Aktiengesellschaft. Im selben Jahr übernahm Hoechst 56 Prozent des französischen Pharmaunternehmens Roussel-Uclaf. 1975 legte Hoechst seine eigenen petrochemischen Anlagen zur Äthylenversorgung still und beteiligte sich mit einem Viertel der Anteile an dem Raffinerieunternehmen UK Wesseling. Für die Rohstoffversorgung der Werke Höchst und Kelsterbach sorgte seitdem eine Pipeline, die von Rotterdam aus den Rhein entlang bis Ludwigshafen führt.

Die verschärfte Rezession des Jahre 1975 sorgte trotz Rationalisierungen und Kurzarbeit für einen Gewinneinbruch, der auch in den Folgejahren kaum aufgeholt wurde. Obwohl der Weltumsatz mittlerweile auf 20,7 Milliarden DM gestiegen war, musste die Dividende von 9 DM im Vorjahr auf 7 DM abgesenkt werden. Die Eigenkapitalrendite des Konzern betrug nur noch 5,8 Prozent, stieg aber im Folgejahr wieder auf 11,1 Prozent. 1975 beschäftigte der Konzern weltweit 182.470 Mitarbeiter.

Nach einem Anstieg von Gewinn und Dividende 1976 konnten bereits für 1977 wieder nur 6 DM ausgeschüttet werden. Der Konzerngewinn hatte sich bei annähernd konstantem Umsatz auf 304 Millionen DM halbiert. Allein der Faserbereich verzeichnete Verluste von 241 Millionen DM, aber auch Farben und Kunststoffe litten unter der Abschwächung der Weltkonjunktur. Im Faserbereich kam es zu Produktionsstillegungen, z. B. der Anlagen zur Produktion von Perlon-Fäden bei der Tochtergesellschaft Spinnstoffwerke Zehlendorf in Berlin. 1978 und 1979 erholten sich die Geschäfte, so dass die Dividende für 1979 wieder angehoben werden konnte.

Biohoch-Reaktor zur biologischen Abwasserreinigung im Werk Höchst

Ab 1979 wurden zur biologischen Abwasserreinigung neu entwickelte Biohoch-Reaktoren in verschiedenen deutschen Werken errichtet. Die 15 bis 30 Meter hohen Bauwerke erlaubten eine effektivere Reinigung der Abwässer, bei gleichzeitig geringerem Energie- und Platzbedarf gegenüber den früheren Betonbecken.

Das 1980 eingeführte Claforan, ein parenterales Cephalosporin, wurde zum erfolgreichen Antibiotikum und löste in den 1990er Jahren das Trental als umsatzstärkstes Medikament von Hoechst ab.

Anfang der 1980er Jahre stieg der Umsatz aufgrund der hohen Rohstoffpreise auf über 34 Milliarden DM an. Der Jahresüberschuss sank jedoch ab. Vor allem das Jahr 1982 wurde mit nur noch 317 Millionen Mark zu einem der schwächsten Geschäftsjahre. Die schwache Entwicklung war vor allem auf die Bereiche Kunststoffe und Landwirtschaft zurückzuführen.

1982 übernahm Kuwait eine Beteiligung von knapp 25 Prozent an der Hoechst AG. Bei der französischen Tochtergesellschaft Roussel-Uclaf, die nach dem Willen der linken Koalitionsregierung unter Premierminister Pierre Mauroy verstaatlicht werden sollte, kam es zu einer Einigung auf dem Verhandlungsweg. Hoechst musste seine Beteiligung von 57,9 Prozent nur auf 54,5 Prozent zurücknehmen.

Auf der Hauptversammlung 1983 traten erstmals Vertreter alternativer Gruppen als Opponenten auf. Sie hielten der Verwaltung mangelnde Umweltschutzanstrengungen vor und verlangten, auf die Ausschüttung einer Dividende zu verzichten und den „gesamten Bilanzgewinn für Zwecke des Umweltschutzes“ zu verwenden. Es kam zu Tumulten unter den Aktionären. Die Polizei nahm einen der Opponenten zeitweise in Gewahrsam.[17]

Im selben Jahr teilte das Unternehmen mit, dass der Aufwand für Forschung, Investitionen und Betriebskosten mit 1,2 Milliarden DM einen neuen Höchststand erreicht hatte. Um einen „sozialverträglichen Personalabbau“ einzuleiten, bot Hoechst älteren Arbeitnehmern ab 58 Jahren erstmals die Frühpensionierung an.

1984 trennte sich Hoechst von der Beteiligung an UK Wesseling und übernahm alle Anteile der Ruhrchemie in Oberhausen. Im Stammwerk wurde nach sechzig Jahren die Düngemittelproduktion aus Ammoniak und Salpetersäure stillgelegt. Bis dahin hatte die gelbe Rauchfahne der Salpetersäurefabrik ein Wahrzeichen des Werkes Höchst gebildet.

Ebenfalls 1984 wurde ein Antrag für den Bau einer Anlage zur Produktion von Humaninsulin nach einem biotechnischen Verfahren aus gentechnisch veränderten Coli-Bakterien im Werk Höchst gestellt. Die Fertigstellung und Genehmigung der Anlage verzögerte sich wegen der unklaren Gesetzeslage und des Widerstandes der ab 1985 amtierenden rot-grünen Landesregierung; erst nachdem 1990 das Verwaltungsgericht Frankfurt anhängige Klagen zurückwies, konnte die Anlage fertiggestellt werden.[18]

Die bisher den Angestellten vorbehaltene Pensionskasse wurde 1984 auch für die Arbeiter geöffnet. 80 Prozent nutzen das neue Angebot.

1985 trat Wolfgang Hilger die Nachfolge des seit 1969 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Rolf Sammet an. 1986 musste Hoechst das 1976 eingeführte Antidepressivum Alival wegen Verdacht auf schwere Nebenwirkungen aus dem Markt nehmen. Nach einem Brandunglück am 1. November 1986 im Chemiewerk Schweizerhalle bei Basel, bei dem austretendes Löschwasser in den Rhein geriet und ein schweres Fischsterben auslöste, geriet die chemische Industrie in die Kritik der Öffentlichkeit. Hoechst reagierte darauf mit der Veröffentlichung von Leitlinien für Umweltschutz und Sicherheit für die Unternehmensziele.

Anfang 1987 übernahm Hoechst für über 5 Milliarden DM das US-amerikanische Chemieunternehmen Celanese Corporation und verschmolz es mit der Landesgesellschaft American Hoechst zur Hoechst Celanese Corporation. Es handelte sich zum damaligen Zeitpunkt um die größte Auslandsinvestition eines deutschen Unternehmens. Nach der Übernahme erreichte der US-Markt mit 25 Prozent des Konzernumsatzes von 37 Milliarden DM die gleiche Größenordnung wie der deutsche Markt. Mit der Übernahme erreichte Hoechst vor allem bei technischen Fasern und organischen Chemikalien eine stärkere Marktposition. Die Microfasern Trevira Finesse und Trevira Micronesse wurden in der Textilindustrie eingeführt, zunächst vor allem für Sportbekleidung. Der 1967 zufällig entdeckte Süßstoff Acesulfam (Sunett) erhielt nach Abschluss der toxikologischen Prüfungen in vielen Ländern seine Zulassung.

Lehrlingsausbildung bei der Hoechst AG (1982)

Aufgrund des Montreal-Protokolls vom 16. September 1987, das die Verwendung von Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffen einschränkte, die für das 1977 erstmals beobachtete Ozonloch verantwortlich gemacht wurden, bot Hoechst als größter europäischer Hersteller von FCKW die Rücknahme gebrauchter Kältemittel in einem geschlossenen Kreislauf an. Forderungen nach einer Einstellung der Produktion lehnte Hoechst ab. Erst 1990 kündigte das Unternehmen nach einer öffentlichen Kampagne gegen den Vorstandsvorsitzenden Hilger die schrittweise Produktionseinstellung bis 1995 an, fünf Jahre vor dem im Montreal-Protokoll festgelegten Zeitpunkt.

Der 1987 abgeschlossene Entgelttarifvertrag schaffte die unterschiedlichen Lohn- und Gehaltssysteme für Arbeiter und Angestellte ab und schuf ein einheitliches System aus 13 Tarifentgeltstufen. Der zwischen Hoechst und der Gewerkschaft Chemie-Papier-Keramik ausgehandelte Haustarifvertrag ergänzte den Tarifvertrag noch um eigene, über den normalen Tarifentgelten liegende und mit zunehmender Betriebszugehörigkeit ansteigende Entgeltstufen.

Am 17. Januar 1987 wurde Rudolf Cordes, Leiter der Hoechst-Niederlassung in Libanon, Syrien und Jordanien, von einer Hisbollah-Gruppe namens Kämpfer für die Freiheit verschleppt. Die Entführer wollten die Freilassung von Mohammed Ali Hamadi erzwingen, der am 13. Januar 1987 auf dem Flughafen Frankfurt verhaftet worden war. Während der kurz nach Cordes ebenfalls verschleppte Siemens-Mitarbeiter Alfred Schmidt im September 1987 freikam, wurde Cordes erst nach 605 Tagen Geiselhaft am 12. September 1988 freigelassen.

Die Geschäftsjahre 1988, in dem Hoechst sein 125-jähriges Jubiläum feierte, und 1989 werden zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Geschäftsjahren in der Geschichte der Hoechst AG. 1989 betrug der Konzernumsatz fast 46 Milliarden DM. Der Gewinn vor Ertragssteuern stieg auf 4146 Millionen DM, zum damaligen Zeitpunkt der höchste je von einem börsennotierten deutschen Unternehmen erzielte Gewinn. Auch die Eigenkapitalrendite erreichte mit 19,1 Prozent (1988) bzw. 17,9 Prozent einen Höchstwert.

Dem am 1. Juli 1988 eingeführten DAX gehörte die Hoechst AG mit einer Gewichtung von 3,03 Prozent an.

Die Umgestaltung zur strategischen Management-Holding

1990 bis 1994

1990 beschäftigte der Hoechst-Konzern 172.900 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von 44,862 Milliarden DM. Der Konsolidierungskreis vergrößerte sich durch die Aufstockung zweier Minderheitsbeteiligungen: Die Anteile an dem Kosmetikhersteller Schwarzkopf wurden von 49 Prozent auf 77 Prozent erhöht, an dem Phosphathersteller BK Ladenburg von 50 Prozent auf 100 Prozent. Das Handelsgeschäft mit Büro- und Fernkopierern der Marke infotec wurde an die niederländische HCS Technology verkauft.

Nach dem Rekordjahr 1989 brach das Ergebnis vor Steuern im Folgejahr bei stagnierendem Umsatz um 20 Prozent auf 3215 Millionen DM ein. Mit der Einstellung der Düngemittelproduktion in Oberhausen und der Carbidherstellung in Knapsack wurden zwei traditionelle Produktlinien aufgegeben. In der ehemaligen DDR übernahm die Hoechst-Tochter Messer Griesheim 14 Standorte zur Herstellung und zum Vertrieb von Technischen Gasen.

Kursentwicklung der Hoechst-Aktie 1975 bis 1998

Auch in den folgenden Geschäftsjahren ging das Konzernergebnis bei weitgehend konstantem Umsatz von etwa 46 Milliarden DM jährlich um rund 20 Prozent zurück, von 2562 Millionen DM (1991) über 2108 Millionen (1992) auf nur noch 1227 Millionen 1993. Die Dividende musste auf 12,-, dann auf 9,- und schließlich auf 7,- je Aktie gesenkt werden. Die Eigenkapitalrendite im Konzern sank auf 5,5 Prozent. Dies hatte zur Folge, dass der im internationalen Vergleich ohnehin niedrige Börsenkurs weiter sank. Der gesamte Konzern war an der Börse zeitweise mit weniger als 11 Mrd. DM bewertet, bei einem bilanziellen Eigenkapital von 13,7 Mrd. DM. Damit bestand die theoretische Gefahr einer feindlichen Übernahme, für die es im angelsächsischen Raum schon Beispiele gab. So hatte die britische ICI 1993 auf Druck eines Minderheitsaktionärs ihr Pharma- und Landwirtschaftsgeschäft abgespalten und als eigenständiges Unternehmen (Zeneca PLC) an die Börse gebracht.

Hoechst war allerdings durch seine Aktionärsstruktur – Kuwait und eine von der Hoechster Hausbank kontrollierte Beteiligungsgesellschaft hielten zusammen mehr als ein Drittel der Anteile – und das damalige Verhalten der deutschen Banken, die ihr Depotstimmrecht regelmäßig im Sinne der Verwaltung ausübten, vor einem tatsächlichen Übernahmeversuch geschützt. Um die Kursentwicklung zu verbessern, war das Unternehmen auf das Engagement ausländischer Investoren angewiesen. Im Oktober 1991 wurde die Hoechst-Aktie an der Börse in Tokio eingeführt, und der Vorstand deutete an, dass er auch eine Notierung in New York anstrebte, sobald die damals noch bestehenden Hürden infolge unterschiedlicher Rechnungslegungsvorschriften dies gestatteten.[19]

Die schwache Geschäftsentwicklung war nicht allein auf konjunkturelle und währungskursbedingte Zyklen zurückzuführen, sondern wies auf Struktur- und Innovationsschwächen des Unternehmens hin. Der Pharmabereich, Anfang der 1980er Jahre noch Weltmarktführer, war zehn Jahre später deutlich hinter Konkurrenten wie Merck & Co. und Glaxo zurückgefallen. Vor allem in den wichtigen Pharma-Märkten USA und Japan lag der Marktanteil unter zwei Prozent. Erschwerend kam hinzu, dass eine 1984 beantragte Genehmigung für die von Hoechst entwickelte gentechnische Insulin-Produktion im Werk Höchst sich über mehrere Instanzen bis 1990 hinzog; die Genehmigung erfolgte erst, nachdem der Bundestag das neue Gentechnikgesetz verabschiedet hatte, so dass Hoechst Marktanteile an ausländische Wettbewerber verlor.[20] Die Markteinführung des gentechnisch hergestellten Insulins verzögerte sich aber nicht nur durch die politische und juristische Auseinandersetzung, sondern auch durch Änderungen im Produktionsverfahren.[18]

Anfang 1991 untergliederte Hoechst die bislang 14 Geschäftsbereiche mit ihren rund 25.000 Produkten in ca. 100 ergebnisverantwortliche Business Units, die eigene Strategieoptionen entwickeln sollten. Alle wesentlichen Entscheidungen, z. B. für Investitionen und Portfoliobereinigungen, fielen jedoch weiterhin auf Unternehmensebene. Hierzu zählten Produktionsstillegungen (z. B. für das Zwischenprodukt Resorcin und eine veraltete Chlor-Alkali-Elektrolyse in Höchst, chloriertes Polyethylen in Gersthofen und Waschmittelphosphate in Knapsack), Ersatzinvestitionen (vornehmlich im Ausland, z. B. für die Produktion von Polyethylen und Polypropylen, wobei veraltete Anlagen in Deutschland aufgegeben wurden) und eine Konzentration der Pharmaforschung auf wenige erfolgversprechende Arbeitsgebiete. Das letzte Amtsjahr des Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Hilger war zudem von einem gravierenden Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit nach einer Serie von Störfällen überschattet.[21]

1995 bis 2000

Im April 1994 übernahm Jürgen Dormann den Vorsitz im Vorstand. Alle Vorgänger wie Wolfgang Hilger, Rolf Sammet oder Karl Winnacker verfügten über eine klassische chemische Ausbildung, Dormann dagegen nicht. Unter dem Motto Hoechst Aufbruch 1994 setzte er eine Reihe von Veränderungsprozessen im Unternehmen in Gang. Erstmals veröffentlichte der Konzern ein Renditeziel: 15 Prozent Nettoeigenkapitalrendite im Mittel eines Konjunkturzyklusses.[22] Gleichzeitig begann eine Reihe von Struktur- und Portfolioveränderungen, bei denen die Rolle der Hoechst AG als Stammhaus des Konzernes zurückgedrängt wurde. Innerhalb der Hoechst AG wurde die seit 1969 geltende Matrixorganisation aus Geschäftsbereichen, Landesgesellschaften und den Ressorts genannten Stabs- und Zentralfunktionen wie Finanz- und Rechnungswesen sowie Ingenieurwesen aufgegeben. Das neue Organigramm enthielt statt 15 nur noch sieben Geschäftsbereiche mit 30 statt 120 Geschäftseinheiten, anstelle der Ressorts traten Serviceeinheiten, die ihre internen Dienstleistungen zu marktgerechten Bedingungen anbieten sollten. Bis auf das Werk Höchst wurden alle Werke einem Geschäftsbereich zugeordnet. Dormann kündigte an, dass Hoechst sich von allen Geschäftsaktivitäten trennen werde, in denen man nicht zu den drei führenden Anbietern in Europa, Asien und Amerika zähle.[23]

Anfang 1995 teilte Hoechst mit, die Tochtergesellschaft Cassella AG auf die Hoechst AG zu verschmelzen und die restlichen außenstehenden Aktionäre abzufinden. Die Cassella-Tochter Riedel-de Haën AG wurde an Allied Signal (der Industriechemikalienbereich) und Sigma-Aldrich (der Laborchemikalienbereich) verkauft. Der bisherige Geschäftsbereich Kosmetika wurde aufgelöst: Die Düsseldorfer Marbert GmbH wurde an Perform verkauft, die Cassella-Tochter Jade Cosmetic GmbH in Frankfurt-Fechenheim an L'Oréal und die Firma Schwarzkopf an Henkel. Insbesondere die Übernahme von Jade brachte Dormann viel öffentliche Kritik ein, weil der neue Eigentümer nur den Markennamen weiterführte und die Produktion in Fechenheim einstellte. Insgesamt ging durch die Restrukturierung der Cassella und des Kosmetikbereiches die Zahl der Arbeitsplätze in Fechenheim zwischen 1993 und 2001 von 2800 auf etwa 1100 zurück. Dormann rechtfertigte seine Strategie damit, dass der Strukturwandel unausweichlich sei und Hoechst nur durch eine Konzentration auf Kerngeschäfte im Wettbewerb Schritt halten könne; auch die abzugebenen Konzernbereiche könnten sich nur in einem anderen unternehmerischen Umfeld erfolgreich entwickeln.

Ebenfalls 1995 verkaufte Hoechst das Anlagenbauunternehmen Uhde an Krupp, den Keramikhersteller CeramTec an Dynamit Nobel und den Phosphathersteller BK Ladenburg an Rotem-Amfert-Negev. Die Tochtergesellschaft SGL Carbon wurde in mehreren Tranchen 1995 und 1996 als Aktiengesellschaft an die Börse gebracht. Das defizitäre Geschäft mit Textilfarbstoffen brachte Hoechst in ein neu gegründetes Gemeinschaftsunternehmen mit dem Wettbewerber Bayer ein, die DyStar. Auch dieser offene Bruch mit der Tradition, dem ursprünglichen Kerngeschäft der Farbwerke Höchst, rief öffentliche Kritik hervor. Andererseits brachte der entschlossene Umbau des Konzerns Dormann Ende 1995 den Titel Manager des Jahres ein. Der Konzernumsatz stieg 1995 auf über 52 Milliarden DM (1995), der Konzerngewinn vor Steuern auf 3954 Millionen und im Folgejahr sogar auf 5146 Millionen. In beiden Jahren erreichte Hoechst mit einer Eigenkapitalrendite von 16 Prozent das selbstgesteckte Ziel.

Im Juli 1995 übernahm Hoechst für 7,1 Milliarden DM den amerikanischen Pharmakonzern Marion Merrell Dow (MMD) und führte bis Ende 1996 alle Pharma-Einheiten des Konzerns, neben dem Pharma-Bereich der Hoechst AG noch die Tochtergesellschaften Roussel-Uclaf in Frankreich und die Behringwerke in Marburg, zum neuen Geschäftsbereich Hoechst Marion Roussel zusammen. Das Pharmageschäft erhielt damit innerhalb des Portfolios ein immer höheres Gewicht. Ein großer Teil des Umsatzes stammte jedoch aus älteren, nicht mehr patentgeschützten Medikamenten. Trotz eines Forschungsetats von jährlich 1,6 Milliarden DM fehlten neue Medikamente mit hohem Umsatzpotential, sogenannte Blockbuster, und 80 Prozent des Betriebsergebnisses der Hoechst AG wurden nach wie vor in Europa erwirtschaftet, wo es insbesondere für den Chemiebereich kaum noch Wachstumspotentiale gab.

Deshalb entwickelte Hoechst 1996 die Strategie, das Unternehmen zu einer Strategischen Management Holding umzugestalten und nach dem Vorbild der Novartis den Schwerpunkt auf Life Sciences zu legen, das heißt auf Pharma und Landwirtschaft. Um eine aktive Rolle bei der erwarteten Konsolidierung des Pharmamarktes zu spielen, zum Beispiel durch Übernahmen oder Fusionen, sollte das Chemiegeschäft abgetrennt werden. Ende 1996 beschlossen Vorstand und Aufsichtsrat, das Geschäft mit Spezialchemikalien an die schweizerische Clariant gegen eine Beteiligung von 45 Prozent der Kapitalanteile der Clariant zu verkaufen. Zum 1. Juli 1997 wurde der Verkauf wirksam. Damit übernahm Clariant auch einen Großteil der globalen Infrastruktur von Hoechst mit zahlreichen Werken und Landesgesellschaften. Gleichzeitig gliederte Hoechst alle verbliebenen operativen Geschäfte der Hoechst AG in eigenständige Gesellschaften aus: Das Polyethylen-Geschäft in die Hostalen GmbH, die europäischen Polypropylen-Aktivitäten in die Targor GmbH, ein 50-50-Joint Venture mit der BASF. Diese beiden Unternehmen gehören mittlerweile zu LyondellBasell Industries. Die organischen Basischemikalien gingen in die Celanese GmbH über. Die vier von mehreren Geschäftsbereichen genutzten Standorte Gendorf, Höchst, Knapsack und Wiesbaden wurden in Industrieparks mit den neugegründeten Betreibergesellschaften InfraServ Gendorf, Infraserv Höchst, InfraServ Knapsack und InfraServ Wiesbaden umgewandelt. Die Gesellschaften erhielten aus steuerlichen Gründen die Rechtsform einer GmbH & Co. KG, bei der die Kommanditanteile jeweils auf die großen Standortnutzer aufgeteilt wurden. Persönlich haftender Gesellschafter aller Standortgesellschaften wurde die InfraServ Verwaltungs-GmbH, eine Tochtergesellschaft der Hoechst AG. Als sichtbares Zeichen für den Bruch mit der Vergangenheit ersetzte Hoechst das bekannte Unternehmenssymbol Turm und Brücke durch ein einfaches schwarzes oder blaues Quadrat. Ab 1998 bestand die Konzernmuttergesellschaft Hoechst AG nur noch aus dem Corporate Center, einem Führungsstab mit etwa 200 Mitarbeitern.

Trotz der Umgestaltung zur Managementholding gelang es Hoechst zunächst nicht, einen geeigneten Partner für das Life-Science-Geschäft zu finden. Sondierungsgespräche mit Bayer blieben erfolglos, weil Bayer einen gleichberechtigten Merger of equals ablehnte und auf der Führungsrolle beharrte.[24] Anfang 1997 verlor Hoechst zudem das Vertrauen der Analysten, nachdem das Unternehmen überraschend für das letzte Quartal 1996 einen Verlust von 300 Millionen DM im Pharmabereich ausweisen musste. Das Pharmageschäft entwickelte sich auch 1997 und 1998 rückläufig, obwohl Hoechst Anfang 1997 die noch ausstehenden 43 Prozent der Anteile an Roussel-Uclaf für 5,4 Milliarden übernommen hatte und für das gentechnisch hergestellte Insulin unter dem Markennamen Insuman eine Marktzulassung für die Europäische Union erhalten hatte.[25] Damit blieb auch das Gesamtergebnis des Konzerns weit hinter den Erwartungen und hinter der Entwicklung der immer noch als Maßstab angesehenen anderen I.G.-Farbennachfolger Bayer und BASF zurück. Der Gewinn vor Steuern sank von 5.146 Millionen DM (1995) auf 3157 Millionen (1997) bzw. 3103 Millionen (1998), die Eigenkapitalrendite von 16,5 Prozent auf 9,5 Prozent bzw. 11,3 Prozent.

Ein daraufhin gestartetes Restrukturierungsprojekt in der Pharmaforschung führte zwar zu den angestrebten Kosteneinsparungen, löste aber erhebliche Proteste in der Belegschaft aus. Im Industriepark Höchst äußerten Beschäftigte und Führungskräfte der Pharmaforschung ihren Unmut in öffentlichen Montagsdemonstrationen.[26] Der geplante Börsengang der Pharmasparte wurde daraufhin abgesagt, stattdessen suchte Hoechst erneut nach einem Fusionspartner.

Mitte 1998 begannen Dormann und der Vorstandsvorsitzende von Rhone-Poulenc, Jean-René Fourtou, mit entsprechenden Verhandlungen. Am 1. Dezember 1998 gaben die beiden Unternehmen ihren geplanten Zusammenschluss bekannt. Zur Vorbereitung der Fusion verkaufte Hoechst im Oktober 1998 Hostalen an Elenac, ein Joint Venture der BASF mit der Shell. Die Wuppertaler Herberts GmbH (Autolacke) wurde an DuPont verkauft, die restlichen Clariant-Anteil über ein Bookbuilding an die Börse gebracht. Das in der Trevira GmbH zusammengefasste Geschäft mit Polyesterfasern ging an KoSa, ein Gemeinschaftsunternehmen der amerikanischen Koch Industries, Inc. mit der mexikanischen Saba. Der geschützte Markenname Trevira und das Geschäft mit Hochleistungs-Polyester-Fasern und -Filamenten wurde separat veräußert, es gehört heute der indischen Reliance Group. Das bisherige Gemeinschaftsunternehmen Hoechst Diafoil (Polyesterfolien) wurde von der Mitsubishi Chemical Corporation übernommen.

Schließlich brachte Hoechst das restliche, in der Celanese AG zusammengefasste Chemiegeschäft in einem sog. spin-off an die Börse. Für jeweils 10 Hoechst-Anteile erhielten die Aktionäre eine Aktie der Celanese.

1999 gehörte Hoechst zu den 16 Gründungsmitgliedern der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft, welche die Hälfte des Kapitals der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ aufbrachte. Hauptaufgabe der Stiftung war die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die bereits im Oktober 1996 gegründete und mit 50 Millionen Euro dotierte Hoechst Foundation dient der Förderung von Musik, Theater, Kunst und Literatur (fine arts), von gesellschaftlichen Projekten mit dem Schwerpunkt Gesundheitswesen (Civil Society) sowie von Wissenschaft, Forschung und Lehre (Science). 2000 wurde sie in Aventis Foundation umbenannt.

1999 fusionierte Hoechst, das nunmehr im Wesentlichen noch aus dem Pharmabereich und der Landwirtschaftstochter Hoechst Schering AgrEvo bestand, mit Rhône-Poulenc zu Aventis; die Fusion erfolgte in Form eines öffentlichen Übernahmeangebots im Oktober 1999 durch Rhône-Poulenc zahlbar in Aktien der Rhône-Poulenc (wobei Rhône-Poulenc gleichzeitig in Aventis umbenannt wurde). Das fusionierte Unternehmen, nach Umsatz das zum damaligen Zeitpunkt zweitgrößte Pharmaunternehmen der Welt, nahm seinen Sitz in Straßburg und war an der Pariser Börse notiert. Die Leitung der Pharmasparte wurde in Frankfurt angesiedelt, die Landwirtschaftssparte in Lyon. Dormann hatte diese Konstruktion befürwortet, da er in der Fusion die einzige europäische Perspektive für Hoechst sah. Die Hoechst AG blieb als Zwischen-Holding erhalten und bündelte alle deutschen Tochtergesellschaften von Aventis. Die Aktie blieb weiterhin in Frankfurt notiert, wurde jedoch nur noch wenig gehandelt, da weniger als vier Prozent außenstehende Aktionäre verblieben waren. Die Marke Hoechst, die traditionell an vielen Apotheken zu sehen war, wurde nach und nach zugunsten des neuen Aventis-Firmenzeichens aufgegeben.

Die Entwicklung seit der Gründung von Aventis

Tor Ost des Industrieparks Höchst mit dem Sanofi-Aventis-Logo
Tor West des Industrieparks Höchst im Winter 2005/2006
Der Industriepark Höchst vom Bahnhof Frankfurt-Höchst Farbwerke aus gesehen

Außer den Geschäftsbereichen Pharma und Landwirtschaft hatte Hoechst noch einige Beteiligungen in die Fusion eingebracht, die in den Folgejahren verkauft wurden. Den 66,6-Prozent-Anteil an Messer Griesheim übernahmen 2001 die Finanzinvestoren Allianz Capital Partners und Goldman Sachs. 2005 kaufte die Wacker Chemie AG ein 50-prozentiges Anteilpaket von dem Hoechst-Nachfolger Sanofi-Aventis zurück, das sich seit 1921 im Besitz der Farbwerke befunden hatte.

Mitte 2004 fusionierte Aventis mit dem französischen Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo. Das neue Unternehmen Sanofi-Aventis wurde zum größten Pharmaunternehmen Europas. Der Zusammenschluss erfolgte, nachdem Sanofi-Synthelabo im Januar 2004 mit Unterstützung seiner Großaktionäre und der französischen Regierung ein feindliches Übernahmeangebot angekündigt hatte.

Sanofi-Aventis beschloss nach der Übernahme, die verbliebenen Hoechst-Aktionäre abzufinden und die Hoechst AG von der Börse zu nehmen. Auf der letzten Aktionärssitzung von Hoechst am 21. Dezember 2004 in Wiesbaden wurden die restlichen 2 Prozent Aktien von Kleinaktionären an Aventis zu je 56,60 € verkauft. Dieses Ergebnis der zweitägigen Sitzung macht immerhin 600 Millionen € aus. Die gegen den Hauptversammlungsbeschluss angestrengten Anfechtungsklagen wurden im Juli 2005 durch Vergleich beigelegt. Sanofi-Aventis übernahm das gesamte Grundkapital von Hoechst und sagte die für den 29. Juli geplante Hauptversammlung ab. Im Oktober 2005 wechselte Hoechst die Rechtsform von einer Aktiengesellschaft in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Die Hoechst GmbH ist heute eine Zwischenholding innerhalb der Sanofi-Aventis-Gruppe ohne operative Geschäfte.

Größter Standort von Sanofi-Aventis ist nach wie vor der Industriepark Höchst, für den die Entwicklung der Hoechst AG seit Ende der 1990er Jahre insgesamt vorteilhaft verlief. Im Industriepark Höchst wurden seit 2000 jährlich mehr als 300 Mio. Euro investiert, das ist mehr als in den besten Jahren der Hoechst AG. Die Zahl der Arbeitsplätze stieg von ca. 19.000 Ende der 1990er Jahre auf ca. 22.000 im Jahr 2005, davon etwa 8000 bei Sanofi-Aventis; im September 2011 waren es noch 7 360. Im November 2011 wurde bekannt, dass 333 Stellen in der Forschung und Entwicklung wegfallen sollen.[27]

Die Weiterentwicklung des Industrieparks Höchst ist kaum noch von Sanofi-Aventis abhängig. Die größten Investitionsprojekte zwischen 2008 und 2011 mit einem Volumen von zusammen mehr als einer Milliarde Euro waren der Neubau eines Ersatzbrennstoff-Kraftwerks und der Neubau des Ticona-Werkes, das dem Ausbau des Frankfurter Flughafens weichen musste.

Die Farbenstraße und der S-Bahn-Haltepunkt Farbwerke erinnern noch heute an die Ursprünge der Hoechst AG.

Das Unternehmensarchiv wurde 2000 bis 2009 von der HistoCom GmbH verwaltet, die auch zahlreiche Publikationen zur Unternehmensgeschichte herausgegeben hat. Am 2. September 2009 wurde die HistoCom GmbH wieder in die Hoechst GmbH integriert.[28] Das Firmenmuseum der Hoechst AG befand sich bis Ende 2006 im Alten Schloß in Höchst. Es soll einen neuen Platz im Bolongaropalast erhalten. Die Ausstellung Zeitstreifen am Besucherempfang des Industrieparks Hoechst dokumentiert die Geschichte der Hoechst AG und des Industriestandortes Höchst.[29]

Hoechst in der Kritik

RU 486

1980 entdeckten Forscher der französischen Hoechst-Tochter Roussel-Uclaf den Wirkstoff Mifepriston, der intern unter dem Kürzel RU 486 geführt wurde. Die Substanz hemmt die Wirkung des Gestagens Progesteron und blockiert die Rezeptoren für Glukokortikoide; wird sie während der Schwangerschaft eingenommen, führt dies innerhalb von 48 Stunden zur Ablösung der Gebärmutterschleimhaut. In Verbindung mit einem Prostaglandin lässt sich dadurch eine künstliche Fehlgeburt auslösen. 1988 wurde das Medikament in Frankreich unter dem Handelsnamen Mifegyne für den Schwangerschaftsabbruch zugelassen, 1992 auch in Großbritannien und Schweden. Abtreibungsgegner prägten den Begriff Abtreibungspille für das Präparat und fürchteten, mit der Zulassung werde die willkürliche Tötung ungeborenen Lebens gefördert. Sie griffen Hoechst in der Öffentlichkeit und auf Hauptversammlungen für die Entwicklung und Vermarktung des Wirkstoffes an. Der Erzbischof von Köln, Kardinal Meisner, bezeichnete es als „eine unsägliche Tragödie, wenn sich am Ende dieses Jahrhunderts die chemische Industrie ein zweites Mal anschicken würde, in Deutschland ein chemisches Tötungsmittel für eine bestimmte gesetzlich abgegrenzte Menschengruppe zur Verfügung zu stellen, andere Kritiker riefen zum Boykott von Hoechst auf.[30]

Auch innerhalb von Hoechst war das Medikament umstritten. Der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Hilger galt selbst als Abtreibungsgegner und teilte im Juni 1991 auf der Hauptversammlung mit, dass Hoechst die Zulassung in keinem Land von sich aus beantragen werde, sondern nur auf ausdrückliche Aufforderung der jeweiligen Regierung. Zudem knüpfte Hoechst den Zulassungantrag an die Bedingung, dass in dem jeweiligen Staat eine gesetzliche Regelung und eine medizinische Infrastruktur für Schwangerschaftsabbrüche bestehe. Das Medikament sollte ausschließlich unter dem Namen von Roussel-Uclaf verkauft werden, das zu diesem Zeitpunkt noch außenstehende Aktionäre hatte.

In Deutschland kam es zu keinem Zulassungsantrag, weil die damalige Bundesgesundheitsministerin Gerda Hasselfeldt dies ablehnte. Es bestehe keine ärztliche Notwendigkeit für das Medikament, da es auch andere Methoden des Schwangerschaftsabbruches gebe. Kritiker warfen Hoechst daraufhin vor, mit dieser restriktiven Haltung die Schuld am Tod von Frauen zu tragen, die bei fehlgeschlagenen Schwangerschaftsabbrüchen ums Leben kämen, vor allem in der Dritten Welt.

Im April 1997 verzichtete Hoechst auf Produktion, Verkauf und Weiterentwicklung von RU 486 und trat alle Rechte an dem Medikament an den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Roussel-Uclaf, Edouard Sakiz, ab. Der neue Rechteinhaber beantragte die Zulassung in Deutschland, die schließlich nach weiteren öffentlichen Auseinandersetzungen 1999 erfolgte.

Chemieunfälle 1993

1993 löste eine Folge von Betriebsunfällen in verschiedenen Werken der Hoechst AG eine schwere Vertrauenskrise aus. Am 22. Februar 1993 um vier Uhr morgens kam es in einem Betrieb des Werkes Griesheim aufgrund eines Bedienungsfehlers[31] zu einem plötzlichen Druckanstieg in einem Reaktor. Fast 10 Tonnen eines Chemikaliengemisches, darunter ortho-Nitroanisol, traten über ein Sicherheitsventil aus und schlugen sich in Form eines klebrigen gelben Niederschlags auf einem 1,2 Kilometer langen und 300 Meter breiten Streifen nieder. Betroffen waren Wohngebiete für rund 1000 Menschen und etwa 100 Kleingärten in den Ortsteilen Schwanheim und Goldstein. Etwa 40 Personen mussten wegen Atembeschwerden, Haut- und Augenreizungen oder Kopfschmerzen ärztlich behandelt werden. In einer wochenlangen Reinigungsaktion mussten 36 Hektar von dem Niederschlag gereinigt, etwa 5000 Kubikmeter Erde entsorgt werden.[32] Das Unternehmen gab später die direkten Kosten für die Beseitigung der Schäden mit 40 Millionen Deutsche Mark an; hinzu kamen die Kosten für die durch den Unfall ausgelöste Überprüfung der Anlagensicherheit in allen Betrieben.

Noch gravierender war der Imageschaden für die Hoechst AG. Das Krisenmanagement und besonders die Kommunikationspolitik des Unternehmens stießen in der Öffentlichkeit auf scharfe Kritik, da Hoechst in den ersten Informationen ein Sicherheitsdatenblatt verwendet hatte, in dem die Chemikalie o-Nitroanisol als mindergiftig eingestuft war. Eine neuere, dem Unternehmen bereits vorliegende Studie hatte dagegen zum Ergebnis, dass die Chemikalie in Tierversuchen bei hohen Konzentrationen möglicherweise krebserregend sei. Das städtische Gesundheitsamt gab noch am Tag des Störfalls bekannt, dass aufgrund der geringen Konzentration des Stoffs keine unmittelbare Gesundheitsgefahr von der Chemikalienmischung ausgehe. Die Öffentlichkeit war dadurch jedoch nicht beruhigt, zumal die mit den Aufräumarbeiten beauftragten Arbeiter Schutzanzüge und Atemmasken trugen. Zwei Tage nach dem Unfall kritisierten der hessische Umweltminister Joschka Fischer und in der Folge auch Bundesumweltminister Klaus Töpfer und das Umweltbundesamt die Informationspolitik der Hoechst AG. Erst zehn Tage nach dem Unfall trat der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Hilger vor die Öffentlichkeit, bat bei den Bürgern von Schwanheim und Goldstein um Entschuldigung, schloss aber zugleich personelle Konsequenzen aus.

In den nächsten Wochen ereigneten sich zwei weitere Unfälle im Werk Höchst: Am 15. März 1993 kam es in einem Betrieb bei Wartungsarbeiten an einem gekapselten Förderband zu einer Methanol-Verpuffung, bei der ein Mitarbeiter getötet und ein weiterer schwer verletzt wurde. Am 2. April traten aus einem gebrochenen Glasrohr mehrere hundert Kilogramm der stark ätzenden Substanz Oleum aus, die in einer Wolke Richtung Kelsterbach und Flughafen Frankfurt zogen.

Um die Langzeitfolgen des Griesheimer Unfalls zu erforschen, beauftragte das Stadtgesundheitsamt das Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS), ein Expositionsregister für die 20.000 Bewohner der beiden betroffenen Stadtteile zu erstellen.[33] Etwa 6600 Bewohner beteiligten sich an der Befragung, deren Daten für 30 Jahre gespeichert bleiben sollten. Das Stadtgesundheitsamt kam zu dem Ergebnis, dass keine Hinweise auf chronische, asthmatische oder neurodermitische Erkrankungen als Folge des Unfalls vorliegen. Gleichwohl beschäftigte die Frage nach weiteren Forschungen und dem Umgang mit den erhobenen Daten noch im März 2007 die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung.[34][35]

Shareholder Value oder Zerschlagung eines Traditionsunternehmens?

Bereits kurz nach dem Beginn der Umstrukturierung von Hoechst gab es in der Öffentlichkeit Kritik an der Unternehmensstrategie, weil der Verkauf von Tochtergesellschaften und Unternehmensteilen mit Arbeitsplatzverlusten verbunden war. Von Ausnahmen abgesehen, wie beim Verkauf der Jade-Cosmetic GmbH, erfolgte der Personalabbau im Rahmen einer Betriebsvereinbarung und ohne betriebsbedingte Kündigungen. Die Instrumente der Frühpensionierung und Altersteilzeit galten in den 1990er Jahren noch als sozialverträglich.

Von Mitarbeitern und Öffentlichkeit wurde die Umstrukturierung oft als Zerschlagung empfunden, zumal die Mitarbeiterzahl im Konzern bis Ende 1998 von ehemals 170.000 auf knapp 100.000 sank. Andererseits fand der aus eigenem Antrieb begonnene Totalumbau eines DAX-Unternehmens auch viele Befürworter. Hoechst war 1994 nach Umsatz das sechstgrößte Unternehmen in Deutschland[36] und eines der ersten, das sich am Konzept des Shareholder Value orientierte. Tatsächlich stieg der Aktienkurs der Hoechst AG bis 1998 zunächst deutlich stärker als bei vergleichbaren Unternehmen, und nach der Fusion mit Rhone-Poulenc erreichte Aventis im Jahr 2000 eine Marktkapitalisierung von 66 Mrd. Euro – doppelt so viel wie Bayer und BASF damals zusammen.

Bis heute wird die Entwicklung von Hoechst unterschiedlich beurteilt. Zum 20-jährigen Jubiläum des DAX, aus dem die Hoechst-Aktie Ende 1999 fiel, veröffentlichte die Wirtschaftswoche einen Artikel, in dem die Wertentwicklung aller jemals dem DAX angehörigen Aktien verglichen wurde. Hoechst steht dabei an 10. Stelle mit 879 Prozent.[37] Die Wertentwicklung seit 1988 war damit besser als bei Bayer (604 Prozent), aber schlechter als bei BASF (1309 Prozent).

Kritisch urteilte der ehemalige Hoechst-Vorstand Karl-Gerhard Seifert in einem 2008 erschienenen Artikel:

„Die Profiteure der Zerschlagung waren nicht die Hoechst-Aktionäre, wie immer wieder behauptet wird, sondern Private Equity-Fonds und Konkurrenzunternehmen, die manchmal ein gutes Schnäppchen machen konnten. Heute fragen sich viele Leute: Wie konnte das alles passieren? Die Antwort ist sehr einfach, auch wenn sie vielen missfällt: Es waren (fast) alle dafür. Die Aktionäre, also die Eigentümer, vertreten im Aufsichtsrat, fanden diese Visionen toll. Die Mitarbeiter und auch die Gewerkschaft, vertreten im paritätisch besetzten Aufsichtsrat, konnten sich den visionären Vorstellungen nicht entziehen und stimmten zu, teilweise mit gemischten Gefühlen, wie sie später sagten.“

aus CHEMmanager[38]

Eine neutrale wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Umstrukturierung der Hoechst AG steht noch aus.

Wichtige Produkte und Verfahren

Produkt Zeitraum
Farben und Pigmente
Fuchsin, Aldehydgrün ab 1863
Alizarin ab 1869
Eosin, Methylviolett, Methylgrün ab 1874
Patentblau, Auramin, Rhodamin ab 1888
Indigo ab 1900
Thioindigo und andere Küpenfarben ab 1905
Hansagelb – erstes organisches Pigment ab 1908
Naphthol AS Pigmente ab 1912
Remazol und andere Reaktivfarbstoffe ab 1954
Medikamente
Dimethyloxychinicin (Antipyrin) 1883
Aminophenazon (Pyramidon) 1897
Adrenalin 1904
Novocain 1905
Arsphenamin (Salvarsan) 1910
Metamizol (Novalgin) 1922
Insulin 1923
Pethidin (Dolantin) 1939
Penicillin 1945
Methadon (Polamidon) 1949
Tolbutamid (Rastinon), Glibenclamid (Euglucon) 1956
Furosemid Lasix 1964
Pentoxifyllin Trental 1974
Nomifensin Alival 1976–1986
Cefotaxim Claforan 1980
Tiaprofensäure Surgam 1981
Ofloxacin Tarivid 1985
Terfenadin Teldane, 1985–1998
(in USA zurückgezogen)
Roxithromycin Rulid 1988
Ramipril Delix 1990
Cefpodoxim Orelox 1992
Cefodizim Modivid, Cefpirom Cefrom 1993
Fexofenadin Allegra 1995
Glimepirid Amaryl 1996
Leflunomid Arava 1999
Lebensmittelzusatzstoffe
Sorbinsäure und Sorbate 1958
Acesulfam (Sunett) 1987
Zwischenprodukte
Resorcin, β-Naphthol 1884 bis 1991

Hoechst besaß in den 1970er und 1980er Jahren eine sehr komplexe Struktur aus 15 Geschäftsbereichen, die mit den Buchstaben von A bis N und T bezeichnet waren und jeweils für eine Produktsparte standen, z. B. anorganische Chemikalien, organische Chemikalien oder Folien. Die meisten Geschäftsbereiche besaßen ein sehr breites Spektrum von Produkten. Marketing, Produktmanagement, Verkaufsorganisation und Kundenservice waren bereichsspezifisch organisiert. Zum Teil gab es innerhalb der Bereiche noch besondere Vertriebsorganisationen für einzelne Produktlinien, da zum Beispiel Wursthüllen, die an mittelständische fleischverarbeitende Betriebe verkauft werden sollten, eine andere Form der Kundenbetreuung erforderten als Polyesterfolien für die Herstellung von Tonträgern und Videobändern.

Mit Ausnahme von Medikamenten stellte Hoechst nur wenige Produkte für Endverbraucher her, z. B. Glutolin (Kleister). Die meisten Erzeugnisse gingen an industrielle Abnehmer zur Weiterverarbeitung. Dennoch entwickelte Hoechst eine Reihe von bekannten Markennamen, z. B. Trevira oder Hostalen.

1995 wurde die Organisationsstruktur der Hoechst AG letztmalig überarbeitet und die verbliebenen Aktivitäten in sieben Geschäftsbereiche zusammengefasst:[39]

Chemikalien

1995 erzielte der Geschäftsbereich Chemikalien mit 9900 Mitarbeitern einen Umsatz von 5391 Mio. DM, davon 25 Prozent mit Anorganischen Chemikalien (Chlor-, Fluor-, Schwefel- und Phosphorverbindungen), 19 Prozent mit Methanol, Formaldehyd und Acrylaten, 19 Prozent mit Oxoprodukten und Aminen, 37 Prozent mit Acetylverbindungen. Der Chemikalienbereich war über viele Jahre einer der wichtigsten Umsatz- und Ergebnisträger von Hoechst gewesen. Zahlreiche Verfahren waren bei Hoechst entwickelt oder erstmals eingesetzt worden, darunter das Wacker-Hoechst-Verfahren zur Herstellung von Aldehyden und die 1959 bis 1975 betriebene Hochtemperaturpyrolyse von Leichtbenzin. Viele Produktionsprozesse liefen in mehreren Verarbeitungsstufen ab, so z. B. die Herstellung von Vinylacetat aus Essigsäure, die durch Oxydation von Acetaldehyd gewonnen wurde. Die Produkte des Chemikalienbereiches wurden teilweise von anderen Geschäftsbereichen der Hoechst AG für die Weiterverarbeitung benötigt, zum Beispiel Vinylacetat für die Herstellung von Polyvinylacetat und Polyvinylalkohol oder Essigsäure für die Herstellung von Keten, Diketen und Sorbinsäure.

Ein wichtiges Produkt des Chemikalienbereiches waren die von Mitte der 1960er Jahre bis 1994 hergestellten Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die als Kältemittel und Treibgas unter dem Markennamen Frigen dienten, bis die Gefährlichkeit von Halogenkohlenwasserstoffen für die Ozonschicht erkannt wurde. Als Ersatz entwickelte Hoechst das chlorfreie Kältemittel Tetrafluorethan (R134a) und für medizinische Aerosole das Heptafluorpropan (R227). Grundlage für diese Produktlinie waren die Chloralkali-Elektrolyse nach dem Amalgam-Verfahren und die Methanchlorierung, für die Hoechst ein eigenes Verfahren unter Einsatz eines Schlaufenreaktors entwickelt hatte.

Spezialchemikalien

Dieser Bereich wies das breiteste Produktspektrum von allen auf. Auch nach dem Verkauf von Riedel-de Haën AG erzielte er mit 8160 Millionen DM den zweitgrößten Umsatz und beschäftigte 27.865 Mitarbeiter. Den größten Beitrag zum Umsatz lieferten Tenside und Hilfsmittel, darunter Waschmitteleinsatzstoffe (TAED, SKS-6), Superabsorber, Glykole für den Einsatz als Brems- und Hydraulikflüssigkeiten oder Frostschutz- und Enteisungsmittel, Korrosionsschutz und Bohrspülflüssigkeiten.

Zum Bereichsumsatz Spezialchemikalien trugen die Polymerisate 14 Prozent bei, darunter Polyvinylacetat (Mowilith), Polyvinylalkohol (Mowiol) und Methylcellulose (Tylose). Weitere Umsatzträger waren Pigmente (16 %), Feinchemikalien (11 %), Drucktechnik (10 %), Textilfarbstoffe (7 %), Additive für die Kunststoffverarbeitung (5 %), Masterbatches (4 %) und Lebensmittelzusatzstoffe (2 %) bei.

Fasern

Der Geschäftsbereich Fasern war der weltgrößte Hersteller von Polyester und Acetat. Der Jahresumsatz 1995 betrug 7195 Millionen DM, die mit 21.445 Mitarbeitern erzielt wurden, darunter etwa die Hälfte mit Textilfasern. Der Umsatz verteilte sich auf die Bereiche Polyester (Trevira, 54 %), Polyamid (16 %), Polyacryl (10 %), sonstige synthetische Fasern (9 %) und Cellulosefasern (10 %).

Kunststoffe (Polymerisate)

Der Geschäftsbereich Kunststoffe beschäftigte 1995 5335 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von 3603 Millionen DM. Bereits ab 1955 stellte Hoechst als erstes Unternehmen in Europa Polyethylen (Hostalen) nach dem Ziegler-Natta-Verfahren her, ab 1958 auch Polypropylen (Hostalen PP). Ab 1985 forschte Hoechst auf dem Gebiet der Metallocen-Katalysatoren; die Entwicklungen kamen jedoch vor der Umgestaltung von Hoechst nicht mehr zur Marktreife. Etwa ein Drittel des Umsatzes im Geschäftsbereich Kunststoffe erzielte Hoechst mit Folien, darunter Polypropylenfolien, Polyesterfolien und Hartfolien aus PVC (zum Beispiel für Kreditkarten oder Möbelbeschichtungen).

Technische Kunststoffe

Einen eigenen Geschäftsbereich bildete das Arbeitsgebiet Technische Kunststoffe, das 1995 einen Umsatz von 1441 Millionen DM erzielte. Zu den Produkten des Bereiches gehörten POM (Hostaform, 45 % Umsatzanteil), Thermoplastische Polyester wie PBT (Celanex, Vandar, 12 %), Fluorpolymere wie PTFE und PCTFE (Hostaflon, 17 %), Ultrahochmolekulares Polyethylen (Hostalen GUR, 7 %), PPS (Fortron, 4 %), das Flüssigkristallpolymer Vectra LCP (7 %) sowie Cyclo-Olefin-Copolymere (Topas).

Pharma

Der Geschäftsbereich Pharma erzielte nach der Übernahme von Marion Merrel Dow (MMD) 1995 einen Jahresumsatz von 11,5 Milliarden DM, wobei MMD seit Mitte des Jahres einbezogen war. Die Liste der 10 umsatzstärksten Medikamente von Hoechst führte mit Cardizem ein von MMD übernommenes Produkt an; auch die Nummer 7 der Rangliste, Seldane/Teldane stammte von MMD, die übrigen 8 von Hoechst bzw. Roussel-Uclaf.

Ein Teil der Top-10-Medikamente wurde schon seit Jahrzehnten produziert. Die Liste der umsatzstärksten Produkte des Geschäftsbereiches Pharma für die Geschäftsjahre 1990 bis 1998 umfasst insgesamt 15 Medikamente, von denen fünf über den gesamten Zeitraum zu den Top-10 gehörten und zwei von MMD übernommen wurden. Der Anteil der Top-10 am gesamten Pharma-Umsatz lag in allen Jahren zwischen 34,9 und 43,6 Prozent, mit einem Mittelwert von 39,4 Prozent.

Umsatz in Mio. DM 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 Gesamt Umsatzanteil %
Trental Durchblutungsstörungen 593 658 670 633 585 637 701 715 467 5.659 5,8 %
Claforan Antibiotikum 684 675 584 603 589 468 503 543 452 5.101 5,2 %
Cardizem Bluthochdruck 681 1.418 1.478 1.433 5.010 5,1 %
Lasix Diuretikum 381 403 400 370 381 371 449 454 444 3.653 3,7 %
Daonil Diabetes 382 439 528 541 342 285 361 347 325 3.550 3,6 %
Rulid Antibiotikum 189 277 349 413 441 451 419 455 422 3.416 3,5 %
Delix ACE-Hemmer 224 292 351 479 609 710 2.665 2,7 %
Teldane/Telfast Antiallergikum 334 748 548 853 2.483 2,5 %
Novalgin Schmerzmittel 191 208 228 253 253 322 347 387 2.189 2,2 %
Tarivid Antibiotikum 204 237 237 252 274 297 1.501 1,5 %
Rhythmodan Herzrhythmusstörungen 171 202 184 228 253 242 1.280 1,3 %
Humaninsulin Diabetes 136 153 173 308 770 0,8 %
Faktor VIII Blutgerinnungsmittel 147 162 200 209 718 0,7 %
Surgam Rheumamittel 170 186 356 0,4 %
Hextol Morbus Alzheimer   212 212 0,2 %
Top 10 3.044 3.363 3.520 3.711 3.585 4.072 5.674 5.793 5.801 38.563 39,4 %
Andere 5.021 5.647 5.916 6.226 6.691 6.362 7.346 8.179 7.936 59.324 60,6 %

Werke und Tochtergesellschaften

Neben dem Stammwerk Höchst gab es zeitweise bis zu 14 weitere Werke, die ebenfalls als Betriebsstätten der Hoechst AG geführt wurden. Die Werke in Gersthofen und Knapsack gehörten schon vor der Bildung der I.G. Farbenindustrie 1925 zu den Farbwerken Höchst. Die übrigen Werke kamen nach der Wiedergründung der Farbwerke Höchst 1952 durch Übernahmen hinzu. Die meisten Standorte gehörten zuvor Tochtergesellschaften, die – zumeist einige Jahre nach der Übernahme – in die Hoechst AG eingegliedert wurden. Einige dieser Standorte waren älter als das Werk Höchst. Die Werke in Bad Hersfeld und Kelsterbach wurden durch die Hoechst AG auf der grünen Wiese neu errichtet, ohne dass hier zuvor bereits Produktionsanlagen bestanden hätten.

Die meisten Geschäftsbereiche von Hoechst waren auf mehrere Werke verteilt. Einige Werke, vor allem die sogenannten Faserwerke, waren spezialisiert auf bestimmte Produktlinien, andere stellten ein ähnlich breites Spektrum an Produkten her wie das Werk Höchst. Während die Forschung überwiegend in Höchst konzentriert war, besaßen die meisten Werke bis in die 1990er Jahre nicht nur eine eigene Infrastruktur, sondern auch interne Serviceeinheiten wie eine eigene Personalabteilung, Informatik- und Kommunikationsabteilung oder Ingenieurtechnik.

In den 1990er Jahren galt die Vielfalt der Produktionsstandorte als strategischer Nachteil, da Wettbewerber wie BASF oder Bayer auf wenige Standorte konzentriert waren. So musste Hoechst beispielsweise an vier Standorten eine kapital- und energieintensive Chloralkalielektrolyse betreiben, um die Versorgung der Standorte mit Chlor zu gewährleisten, das sich nicht in größeren Mengen transportieren lässt.

Bei der Aufteilung der Hoechst AG 1997 wurden die meisten Werke einer der Nachfolgegesellschaften zugewiesen. Die vier großen, von mehreren Geschäftsbereichen genutzten Werke Höchst, Kalle-Albert, Gendorf und Knapsack wurden zu Industrieparks umgewandelt.

Werk Kalle

Luftbild des Industrieparks Kalle-Albert

Die 1863 gegründete Kalle AG in Biebrich wurde 1952 von Hoechst übernommen und 1972 als Werk Kalle in die Muttergesellschaft eingegliedert.

Kalle stellte unter anderem Folien her – zunächst aus Viskose (Cellophan), später aus Kunststoffen wie PVC, PE, PP (Trespaphan) und Polyester (Hostaphan), die für Verpackungszwecke, aber auch für technische Anwendungen wie Kondensatoren oder Ton- und Videobänder genutzt wurden. Darüber hinaus gehörten nahtlose Wursthüllen (Nalo), das Trockenlichtpauspapier Ozalid, Kunststoffe für optische Speichermedien (Ozadisc) sowie Foto- und Fernkopierer (Infotec) zu den in Wiesbaden und im Werk Neunkirchen hergestellten Produkten.

Werk Albert

1964 übernahm Hoechst die Mehrheit an der Chemische Werke Albert AG, die seit 1861 ihren Sitz in Mainz-Amöneburg hatten. 1972 gliederte Hoechst die Albert AG als Werk Albert in die Muttergesellschaft ein. Das Werk war von der benachbarten Kalle AG nur durch eine Straße getrennt, die bis 1945 die Landesgrenze zwischen Preußen und Hessen bildete. 1988 wurden die Werke Kalle und Albert zum Werk Kalle-Albert zusammengelegt und 1997 zum Industriepark Kalle-Albert umgestaltet.

Albert war ein bedeutender Hersteller von Kunstharzen, darunter die 1910 von Ludwig Berend und Kurt Albert entwickelten Albertole, phenolmodifizierte Kolophoniumharze, die als Grundstoffe für Autolacke und später als Bindemittel für Druckfarben dienten.

Werke Griesheim und Offenbach

Der Arthur-von-Weinberg-Steg verbindet seit 1981 die Werke Cassella und Offenbach

Die 1856 in Griesheim am Main gegründete Chemische Fabrik Griesheim-Elektron gehörte zu den Pionieren der Elektrochemie. Bereits 1892 ging die erste Chloralkali-Elektrolyse in Griesheim in Betrieb, der 1893 eine weitere Anlage in Bitterfeld folgte. 1905 erwarb Griesheim-Elektron die Farbenfabrik Oehler in Offenbach am Main, da das Farbengeschäft zu jener Zeit die profitabelste Sparte der chemischen Industrie war. 1912 kam mit Naphthol AS das erste Zweikomponenten-Färbeverfahren auf den Markt. 1908 entwickelte Griesheim-Elektron den Werkstoff Elektron, eine Legierung von Magnesium und Aluminium, die vor allem in der Optik, Feinmechanik und im Flugzeugbau verwendet wird.

1912 gelang Fritz Klatte in Griesheim erstmals die Herstellung von Polyvinylchlorid (PVC) und Polyvinylacetat. Das Unternehmen fand jedoch keine technische Anwendung für PVC, das zunächst nur zur Lagerung der bei der Elektrolyse entstehenden großen Mengen von Chlor genutzt wurde, und gab die Patente später zurück. Erst Ende der 1920er Jahre kam es zur großtechnischen Anwendung des Kunststoffes PVC. 1925 schloss sich das Unternehmen der I.G. Farbenindustrie an.

Bei der Entflechtung der I.G. Farben 1951 wurde die Autogen- und Schweißtechnik-Sparte in die Knapsack Griesheim AG ausgegliedert, an der die Farbwerke Hoechst eine Mehrheitsbeteiligung erhielten. Ab 1965 firmierte dieses Unternehmen als Messer Griesheim GmbH. Der Rest der Chemischen Fabrik Griesheim wurde als Werk Griesheim in die Farbwerke Hoechst eingegliedert, ebenso wie das Werk Offenbach.

Die Betriebe des Werkes Griesheim stellten überwiegend Vor- und Zwischenprodukte her, die in den anderen Werken des Rhein-Main-Gebietes weiterverarbeitet wurden. Ab 1977 produzierte Hoechst in Griesheim die Wirkstoffe für das Insektizid Thiodan, die Herbizide Arelon, Afalon und Aresin sowie ein Vorprodukt für das Herbizid Puma. Im Werk Offenbach wurde unter anderem Polyethylenterephthalat (PET) hergestellt, das zu Textilfasern unter dem Markennamen Trevira, zu Polyesterfolien (Hostaphan) und Getränkeflaschen weiterverarbeitet wurde. 1997 kamen beide Werke mit dem Verkauf des Geschäftsbereiches Spezialchemikalien an die schweizerische Clariant.

Werk Cassella

Ehemaliges Cassella-Verwaltungsgebäude in Fechenheim

An den 1870 gegründeten Farbwerken Leopold Cassella & Co. in Fechenheim hielten die Farbwerke Höchst bereits seit 1904 ein Viertel der Anteile. Die Cassella-Anteilseigner Leo Gans und Arthur von Weinberg wurden 1928 Ehrenbürger von Frankfurt. Zusammen mit Arthurs Bruder Carl von Weinberg gehörten sie ab 1925 dem Aufsichtsrat der I.G. Farben an. Sie zählten zu den bedeutendsten Frankfurter Unternehmerpersönlichkeiten und Mäzenen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurden sie wegen ihrer jüdischen Abstammung verfolgt und aus allen Ämtern vertrieben.

1951 wurde die Cassella Farbwerke Mainkur AG wieder aus der I.G. Farben ausgegliedert. 1970 übernahm Hoechst insgesamt 75,6 Prozent der Anteile an dem Unternehmen, zu dem auch die Tochtergesellschaften Cassella Riedel Pharma, Riedel-de Haën in Seelze und der Kosmetikhersteller Jade gehörten. Am Stammsitz des Unternehmens in Fechenheim wurden hauptsächlich Pigmente, Farbstoffe und eine Vielzahl von Zwischenprodukten hergestellt.

Ab 1994 stockte Hoechst seine Beteiligung weiter auf und fand die restlichen außenstehenden Aktionäre schließlich ab und gliederte das Unternehmen als Werk Cassella in die Hoechst AG ein. Die bisherige Pharmaforschung in Fechenheim wurde geschlossen, die Tochtergesellschaften verkauft. 1997 verkaufte Hoechst mit seinem Geschäftsbereich Spezialchemikalien auch das Werk Cassella an Clariant. Seit 2001 gehören die Werke Cassella und Offenbach der AllessaChemie GmbH, einem von ehemaligen Hoechst-Managern gegründeten Unternehmen.

Werk Knapsack

Chemiepark Knapsack, Wasserturm und Produktionsanlagen
Das 1956 erbaute Feierabendhaus Knapsack

Siehe auch: Chemiepark Knapsack

1906 gründete die Frankfurter Carbid Aktiengesellschaft ein Zweigwerk in Hürth-Knapsack, dessen Lage im Rheinischen Braunkohlerevier eine sichere Rohstoffversorgung für die Herstellung von Kalkstickstoff und Calciumcarbid gewährleistete. 1916 bis 1918 übernahmen die Farbwerke Höchst das seit 1909 als Aktiengesellschaft für Stickstoffdünger firmierende Geschäft und bauten es erheblich aus. Das aus Carbid gewonnene Acetylen bildete die Grundlage für die Herstellung von Essigsäure und Essigsäureanhydrid. Zur Dampf- und Stromversorgung des Werkes baute RWE das Kraftwerk Goldenberg, zum damaligen Zeitpunkt das größte Kraftwerk Europas.

1944 wurde das Werk bei einem Luftangriff völlig zerstört. Die Knapsack-Griesheim AG, ab 1965 Knapsack AG wurde 1952 zu einer Tochtergesellschaft von Hoechst. 1953 begann der allmähliche Neuaufbau der Produktion mit der Herstellung von Phosphaten für Waschmittel, später folgten chlorierte und organische Chemikalien (Acetaldehyd, Aceton, Acrylnitril, Chloropren, Dichlorethan, Vinylchlorid, Monochloressigsäure) und Kunststoffe (Polyethylen, Polypropylen, Polyvinylchlorid). 1960 wurde das Werk Knapsack um einen Werksteil in Hürth erweitert.

1974 verschmolz Hoechst die Knapsack AG auf die Muttergesellschaft und gliederte sie als Werk Knapsack in die Hoechst AG ein. Ab 1977 produzierte Hoechst in Knapsack auch Pflanzenschutzmittel, zum Beispiel das Insektizid Hostathion (Triazophos), das Fungizid Derosal (ein Benzimidazol) und das Herbizid Illoxan (Diclofop-methyl).

1990 legte Hoechst nach 82 Jahren den letzten Carbidofen still und stellte auch alle noch auf Carbid basierenden Produktionen ein. 1991 endete nach 35 Jahren Betriebsdauer die Produktion des Waschmittelrohstoffes Natriumtripolyphosphat. Gemäß der Phosphathöchstmengenverordnung durften Waschmittel seit 1984 nur noch halb so viel Phosphate wie in den 1970er Jahren enthalten. 1986 waren die ersten phosphatfreien Vollwaschmittel auf den Markt gekommen.

1992 beendete Hoechst auch die Herstellung von Phoban (Phosphabicyclononan) und von elementarem Phosphor, 1993 von Ferrosilicium. Für die aufgegebenen Produkte standen teilweise modernere Verfahren und umweltschonende Alternativen zur Verfügung, oder ihre Herstellung war aufgrund steigender Umweltschutzanforderungen nicht mehr wirtschaftlich. Damit traf der Strukturwandel das Werk Knapsack schneller und härter als andere Hoechster Standorte. Von ehemals etwa 3500 Arbeitsplätzen gingen etwa 1500 verloren. Auch Neuinvestitionen in die Erzeugung von Polypropylen, Polyethylen und des Natrium-Schichtsilikats SKS-6, eines Wasserenthärters, der die Phosphate in Waschmitteln ersetzte, konnten den Rückgang nicht kompensieren. 1997 wurde das Werk Knapsack zum Chemiepark Knapsack unter der Leitung der InfraServ GmbH & Co. Knapsack KG.

Werk Gendorf

1939 bis 1941 errichtete die Anorgana GmbH, eine Tochtergesellschaft der I.G. Farbenindustrie, im Auftrag des Heereswaffenamtes bei dem Weiler Gendorf, heute ein Ortsteil von Burgkirchen an der Alz, ein damals hochmodernes Chemiewerk für die Herstellung organischer Grundchemikalien wie Acetaldehyd, Ethylenoxid und Glykole. Die Lage im Bayerischen Chemiedreieck sicherte die Rohstoffversorgung, da die Wacker Chemie im benachbarten Burghausen sowie die Süddeutschen Kalkstickstoffwerke in Trostberg ebenfalls Beteiligungsgesellschaften der I.G. Farben waren. Den zur Herstellung von Carbid und Chlor benötigten elektrischen Strom lieferten Kraftwerke an Inn, Alz und Salzach.[40]

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Werk unbeschädigt. 1951 ging die Anorgana GmbH nach Aufhebung der alliierten Zwangsverwaltung an den Freistaat Bayern, der das Werk Gendorf 1955 an die Farbwerke Hoechst verkaufte. In den 1960er Jahren wurde die Rohstoffversorgung mit dem Bau der Transalpinen Ölleitung, einer Raffinerie bei Burghausen und einer Ethylen-Pipeline auf Erdöl umgestellt. 1997 wurde das Werk Gendorf zum Industriepark Werk Gendorf.

In Gendorf wurden und werden neben organischen Chemikalien unter anderem Natronlauge, Zinntetrachlorid, Vinylchlorid, Enteisungsmittel, Korrosionsschutzmittel sowie die Kunststoffe PVC (Hostalit) und PTFE (Hostaflon) hergestellt.

Werk Ruhrchemie

Das 1927 als Kohlechemie AG gegründete und 1928 in Ruhrchemie AG umbenannte Unternehmen begann 1929 mit der Produktion von Düngemitteln an seinem Stammsitz in Oberhausen-Holten. 1934 ging hier die erste nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren arbeitende Anlage zur Herstellung von flüssigen Kohlenwasserstoffen in Betrieb. 1938 entwickelte Otto Roelen die Oxo-Synthese von Aldehyden, die unter anderem zur Herstellung von Polyolen, Carbonsäuren, Estern und Lösemitteln dienen.

1958 beteiligten sich die Farbwerke Höchst an der Ruhrchemie, zunächst mit 25 Prozent. Die Beteiligung wurde in den 1960er und 1970er Jahren schrittweise auf 66 2/3 Prozent erhöht. 1960 begann die Herstellung von Polyethylen hoher Dichte (HDPE), 1972 von Polyethylen niedriger Dichte (LDPE).

1984 übernahm Hoechst von UK Wesseling die restlichen Anteile der Ruhrchemie und gliederte sie als Werk Ruhrchemie in die Hoechst AG ein. Die Produktion von Düngemitteln wurde 1990 stillgelegt. Das Werk Ruhrchemie kam 1999 an die Celanese AG, die es 2007 unter dem neuen Namen Oxea an einen Finanzinvestor verkaufte. Die Celanese-Tochter Ticona errichtete 2000 in Oberhausen eine Anlage zur Herstellung von Cyclo-Olefin-Copolymeren (Topas), ein Anfang der 1990er Jahre von der Hoechster Zentralforschung entwickelter technischer Kunststoff. Die Produktlinie wurde 2004 an einen Finanzinvestor verkauft und gehört seit 2006 der TOPAS Advanced Polymers GmbH, einem Joint Venture der japanischen Unternehmen Daicel und Polyplastics.

Werk Gersthofen

1900 gründeten die Farbwerke Höchst in Gersthofen bei Augsburg ein neues Werk, weil hier aufgrund eines von Lahmeyer & Co. errichteten Laufwasserkraftwerkes am Lech eine sichere Stromversorgung gewährleistet war. In Gersthofen sollte synthetisches Indigo hergestellt werden. 1902 nahm das Werk die Produktion von Chromsäure, Chinon und Phthalsäure auf. 1905 kam noch Monochloressigsäure hinzu. Nach der Gründung der I.G. Farben begann 1927 die Produktion von Wachsen. Nach Kriegsende stand das Werk von 1945 bis 1951 als Lech-Chemie unter amerikanischer Verwaltung, kam jedoch bei der Entflechtung der I.G. Farbenindustrie als Werk Gersthofen wieder zu den Farbwerken Höchst. Schwerpunkt des Werkes Gersthofen lag auf der Produktion von Wachsen und Kunstharzen, von Zwischenprodukten auf Basis von Essigsäure sowie von Polyestergranulaten (PET). 1997 übernahm die Clariant GmbH das Werk Gersthofen und entwickelte es 2002 zum Industriepark Gersthofen weiter.

Die Faserwerke

Eine Reihe von Werken der Hoechst AG gehörten zum Geschäftsbereich Fasern, weil in ihnen hauptsächlich Kunst- und Naturfasern für verschiedene Anwendungen produziert wurden. Das Werk Bobingen ging auf eine 1899 gegründete Kunstseide-Fabrik zurück. Es kam bei der Entflechtung der I.G. Farbenindustrie 1952 unter die Kontrolle der Farbwerke Höchst und wurde ab 1955 als Werk Bobingen geführt. Von 1950 bis 1971 wurde hier die Polyamidfaser Perlon hergestellt, die 1937 von Paul Schlack, später langjähriger Leiter der Faserforschung von Hoechst, synthetisiert worden war. 1954 begann auch die Produktion von Polyester-Fasern unter dem Markennamen Trevira. Im Laufe der Zeit entwickelte Hoechst in Bobingen eine Vielzahl von Polyester-Fasern, Filamenten und Vliesen für unterschiedliche Anwendungen, darunter ab 1980 schwerentflammbare Textilfasern (Trevira CS) und ab 1987 die Microfasern Trevira Finesse und Trevira Micronesse. 1998 wurde das Werk Bobingen zum Industriepark Werk Bobingen.

1966 errichtete Hoechst in Bad Hersfeld ein weiteres Werk für die Herstellung von Polyester-Filamenten. 1967 erwarb Hoechst die Süddeutsche Zellwolle AG in Kelheim und gliederte sie 1974 als Werk Kelheim ein. In Kelheim wurden Viskose-Spinnfasern (Danufil) und Polyacrylnitrilfasern (Dolan) hergestellt. 1994 brachte Hoechst das Werk Kelheim in ein Joint Venture mit Courtaulds Plc. ein und verkaufte die Anteile 1998 an Akzo Nobel.

Werk Kelsterbach/Ticona

Monomerbetrieb bei Ticona

1961 gründeten die Farbwerke Hoechst mit der Celanese Corporation of America, damals der viertgrößte amerikanische Chemiekonzern, ein Joint Venture zur Herstellung technischer Kunststoffe. Als europäische Produktionsstätte des Unternehmens Ticona zur Herstellung von Polyoxymethylen (POM) entstand ein neues Werk in Kelsterbach bei Frankfurt, etwa sechs Kilometer südwestlich des Stammwerkes Höchst gelegen. Der technische Kunststoff wurde unter dem Handelsnamen Hostaform verkauft. Auch die Hoechst AG produzierte im Werk Kelsterbach, unter anderem Ethylenoxid und Polypropylen, da das Werk über die nahegelegene Caltex-Raffinerie in Raunheim eine günstige Rohstoffversorgung hatte.

Nachdem die Raffinerie schon 1975 stillgelegt worden war, übernahm eine Pipeline aus Rotterdam die Rohstoffversorgung. 1987 übernahm Hoechst die Celanese, so dass Ticona nun eine Tochtergesellschaft wurde. Die Hoechst AG legte ihre Kelsterbacher Anlagen in den 1990er Jahren nach und nach still und übertrug das Werk 1997 der Ticona, die 1999 zu einer Tochtergesellschaft der an die Börse gebrachten Celanese AG wurde.

Da das Werk bis 2010 für den Ausbau des Flughafens Frankfurt aufgegeben wird, beschloss Ticona im Juli 2007, eine neue Produktionsanlage im nahegelegenen Industriepark Höchst zu errichten.

Weitere Werke

1968 übernahm Hoechst die Farbwerke Schröder und Stadelmann AG in Oberlahnstein. Das Unternehmen hatte hier schon seit 1871 als Hersteller von Erd- und Mineralfarben bestanden und 1954 mit der Herstellung von Halbzeugen für thermoplastische Kunststoffe begonnen. 1975 nahm Hoechst die Produktion von Masterbatches für die Färbung von Polyolefin-Kunststoffen und Kunststoff-Fasern auf. 1991 verlegte Hoechst die Zentrale seines Masterbatch-Geschäftes nach Lahnstein. Seit 1997 gehört das Werk zur Clariant GmbH.

Das Werk Hamburg der Hoechst AG war der Produktionsstandort der 1967 übernommenen Reichhold Chemie AG, einem Hersteller von Kunstharzen. 1995 brachte Hoechst sein Kunstharzgeschäft in die Vianova Resins GmbH ein, die 1998 von einer Investmentbankkonsortium (Deutsche Bank und Morgan Grenfell Equity Partners) übernommen und 2000 an die Solutia Inc., danach 2002 an UCB (Union Chimique Bruxelles) und zuletzt 2005 an CYTEK verkauft wurde.

Tochtergesellschaften

Ende 1993 gehörten folgende inländischen Tochtergesellschaften zum Hoechst-Konzern:

Gesellschaft Geschäftsbereich/
Produkte
Kapitalanteil Umsatz 1993
in Mio. DM
Gewinn n. St.
in Mio. DM
Abieta Chemie GmbH, Gersthofen Resine, Dresinate 50 %
Behringwerke AG, Marburg Impfstoffe, Diagnostika 100 % 1399 116
BK Ladenburg GmbH, Ladenburg Phosphate 100 % 236 2
Cassella Farbwerke Mainkur AG, Frankfurt am Main Farbstoffe, Pharma 75,6 % 787 54
Ernst Michalke GmbH & Co., Langweid Fasern (Filamentgarne) 100 % 149 −56
Hans Schwarzkopf GmbH, Hamburg Kosmetika 77 % 730 9
Herberts GmbH, Wuppertal Autolacke 100 % 953 −11
Hoechst CeramTec AG, Selb Technische Keramik 100 % 245 4
Hoechst Diafoil GmbH, Wiesbaden Polyesterfolien 66,7 % 197 −74
Hoechst Guben GmbH, Guben Fasern 100 % 73 −75
Hoechst Veterinär GmbH, Unterschleißheim Tiergesundheit 100 % 252 12
Jade Cosmetic GmbH, Frankfurt am Main Kosmetika 75,6 % 197 10
Marbert GmbH, Düsseldorf Kosmetika 100 % 97 −3
Messer Griesheim GmbH, Frankfurt am Main Industriegase, Schweißtechnik 66,7 % 1.371 15
Riedel-de Haën AG, Seelze Spezialchemikalien 72,2 % 326 12
Sigri Great Lakes Carbon, Wiesbaden Graphit 59,3 % 1.165 −2
Spinnstofffabrik Zehlendorf AG, Berlin Trevira Spinnfasern und Filamentgarne 98,6 % 123 −22
Ticona Polymerwerke GmbH, Kelsterbach Technische Kunststoffe 100 % 183 −28
Uhde GmbH, Dortmund Anlagenbau 100 % 1.161 14

Größte ausländische Tochtergesellschaften waren die Hoechst Celanese Corporation in Somerville, New Jersey, sowie Roussel Uclaf in Paris.

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Verkauf der Hoechst-Minderheiten an Aventis beschlossen 22. Dezember 2004.
  2. Geschichte des Hoechster Markenlogos.
  3. Drei Generationen von Hoechster Logos.
  4. Viele Gedanken um wenige Striche: Wenn Unternehmen ein Zeichen setzen. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 1. März 1998.
  5. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. März 1997.
  6. Eugen Lucius erhielt das erste Patent für das Aldehydgrün am 25. Januar 1864 in England. (Nach Lit. Carl Groß: Die Entwicklung von Industrie und Handel in Höchst.)
  7. Siehe auch Twenty-Fifth Anniversary of the Dyeworks at Hoechst-on-the-Main. In: The Chemical Trade Journal, July 14, 1888, S. 15–16. (Nachdruck auf Colorants Industry History, engl.).
  8. Siehe auch 125 Jahre Arzneimittel aus Deutschland von Sanofi-Aventis.
  9. Das Verfahren zur Herstellung von Insulin aus den Bauchspeicheldrüsen von Schweinen und ungeborenen Kälbern war 1921 von Frederick Banting, Charles Best und James Collip an der University of Toronto entwickelt worden. Die Universität vergab die Lizenz für den symbolischen Preis von einem Dollar.
  10. Hoechst AG (Hrsg.), Der Weg – Vom Farbstoff Fuchsin zu ©Hoechst HighChem. Frankfurt am Main, Juni 1991
  11. Zwangsarbeit in den Werken Höchst, Griesheim und Cassella/Mainkur der I.G. Farbenindustrie AG 1940–1945.
  12. Siehe z. B. das Vorwort von Wolfgang Metternicht in Anna Elisabeth Schreier, Manuela Wex: Chronik der Hoechst Aktiengesellschaft. 1863–1988. Frankfurt am Main 1990.
  13. Im Januar 1949 brachte Hoechst das Präparat unter dem Handelsnamen Polamidon auf den Markt. Vgl. Ralf Gerlach: Methadon im Geschichtlichen Kontext.
  14. Medikamente und Menschenversuche – Die pharmazeutische Abteilung im Krieg, in: Stephan Lindner, Höchst. Ein I.G. Farben Werk im Dritten Reich, Verlag C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-52959-3, S. 319ff. Zur Rolle der I.G. Farben in der Fleckfieberforschung siehe auch Thomas Werter, Fleckfieberforschung im Deutschen Reich 1914–1945, Marburg 2004.
  15. H.-D. Kreikamp: Die Entflechtung der I.G.Farben AG und die Gründung ihrer Nachfolgegesellschaften. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 25, Nr. 2 (1977), S. 245–247.
  16. Tausch um Mitternacht. In: Der Spiegel. Nr. 3, 1970, S. 33 (12. Januar 1970, online).
  17. Unerhörte Forderung. In: Der Spiegel. Nr. 25, 1983, S. 50–52 (online).
  18. a b Artikel in der Pharmazeutischen Zeitung zu Inbetriebnahme der Insulinproduktionbei Hoechst
  19. Eine Beschreibung der allmählichen Hinwendung von Hoechst zu einer Corporate Governance nach dem Modell des Shareholder Value findet sich beispielsweise in Stefan Eckert, Auf dem Weg zur Aktionärsorientierung: Shareholder Value bei Hoechst, in: Wolfgang Streeck, Martin Höppner (Hrsg.), Alle Macht dem Markt? Fallstudien zur Abwicklung der Deutschland AG, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-37265-7.
  20. Verzögerte Reaktion. Die Zeit vom 17. November 1989.
  21. Der gefesselte Riese, Manager Magazin 6/1993. Im Internet verfügbar unter http://wissen.manager-magazin.de/wissen/dokument/dokument.html?id=9297808&top=MM.
  22. Geschäftsbericht 1994, S. 3. Für 1994 wies das Unternehmen eine Eigenkapitalrendite von 10 Prozent aus, nach 5,5 Prozent im Vorjahr.
  23. Rührt Euch!, Artikel im Manager Magazin 5/1995.
  24. Interview mit Jürgen Dormann in Bilanz 4/2006.
  25. Zulassungsdokumente der EMEA zu Insuman.
  26. Absturz vom Gipfel. Die Zeit 5/1998.
  27. Sanofi: Demo gegen Jobabbau. 333 Stellen sollen gestrichen werden. Höchster Kreisblatt, 3. November 2011, abgerufen am 10. November 2011.
  28. Sanofi-Aventis verleibt sich Archiv der Hoechst AG ein.
  29. Zeitstreifen – Eine Dokumentation zur Geschichte des Industriestandortes Höchst.
  30. Quellen für diesen Abschnitt: Warum nicht auch bei uns? Die Zeit 47/1991, Auf Kosten der Frauen, Die Zeit 06/1993, Unter Sonntagsrednern, Die Zeit 52/1998, Deutsches Ärzteblatt 1997; 94(16).
  31. Bei einer dosierungskontrollierten Reaktion war ein Rührwerk nicht eingeschaltet. Der zudosierte Reaktant überschichtete den Vorgelegten. Nach Erkennen des Fehlers wurde das Rührwerk eingeschaltet. Durch die spontan eintretende Durchmischung geriet die exotherme Reaktion außer Kontrolle
  32. Zusammenfassende Darstellung des Griesheimer Störfalls und seiner Folgen siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. Februar 2003, Nr. 45, S. 62.
  33. http://www.bips.uni-bremen.de/hoechst.php
  34. Niederschrift über die 11. (öffentliche) Plenarsitzung der Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag, dem 29. März 2007.
  35. Vortrag des Magistrats vom 22. Dezember 2006 betreffend die abschließenden Gesundheitsuntersuchungen zum Störfall Höchst von 1993.
  36. Quelle: F.A.Z., Die 100 größten Unternehmen.
  37. 20 Jahre DAX – Gewinner und Verlierer. Die Entwicklung nach der Fusion wurde mit den Aktienkursen von Aventis und Sanofi-Aventis berechnet.
  38. Ein Stück deutsche Chemiegeschichte – Die Zerschlagung der Hoechst AG, CHEMmanager 6/2008.
  39. Zusätzliche Quelle für diesen Abschnitt: Usines & Industries N.V., Revue Bimestrielle Juin–Juillet 1996 No. 115.
  40. Quelle für diesen Abschnitt: Ernst Bäumler: Die Fabrik im Grünen oder Das Werk, das niemand haben wollte, Burgkirchen an der Alz 1990, ISBN 3-921707-35-8. Siehe auch Historisches Lexikon Bayerns: Bayerisches Chemiedreieck.

Literatur

  • Ernst Bäumler: Die Rotfabriker. Familiengeschichte eines Weltunternehmens. Piper, 1988, ISBN 3-492-10669-2.
  • Ernst Bäumler: Ein Jahrhundert Chemie. Mit Vorworten von Friedrich Jähne (Aufsichtsratsvorsitzender der Hoechst AG) und Karl Winnacker (Vorstandsvorsitzender der Hoechst AG); mit zwei Beiträgen von Gustav Ehrhart und Volkmar Mutesius; sowie Auszügen aus der Rede von Karl Winnacker am 27. März 1953 anlässlich der ersten Außerordentlichen Hauptversammlung der Hoechst AG. Mit Farbfotos von Rudi Angenendt und einem Umschlag aus Acetatfolie. Econ, Düsseldorf 1963 (Herausgegeben zum 100jährigen Jubiläum der Hoechst AG).
  • Ariane Berthoin Antal, Meinolf Dierkes, Camilla Krebsbach-Gnath, Ikujiro Nonaka: The transformation of Hoechst to Aventis, zweiteilige Fallstudie des WZB, European Case Clearing House Nr. 302-031-1 und 302-032-1, Berlin 2003
  • Carl Groß: Die Entwicklung von Industrie und Handel in Höchst. In: Magistrat der Stadt Höchst am Main (Hrsg.): Höchst am Main. Höchst am Main 1925, S. 46–52.
  • Stephan H. Lindner: Hoechst. Ein I.G. Farben Werk im Dritten Reich. C.H.Beck, 2005, ISBN 3-406-52959-3 (Weblink: Rezension von Johannes Bähr in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3, pdf-Datei)
  • Wolfgang Metternich: Chronik der Farbwerke Hoechst – Eine deutsche Unternehmensgeschichte; PDF mit umfangreicher Bibliographie
  • Ernst-Josef Robiné: Geschichten aus der Rotfabrik. Von Hühnermördern, Schafböcken und Schlawinern. SocietätsVerlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-7973-1095-8.
  • Anna Elisabeth Schreier, Manuela Wex: Chronik der Hoechst Aktiengesellschaft. 1863–1988. Frankfurt am Main 1990.

Außer den angegebenen Werken wurden für diesen Artikel auch die Geschäftsberichte der Hoechst AG der Jahre 1984 bis 1998 genutzt.

Film

  • Günter Ederer: Schocktherapie – Wie die Hoechst-Manager ihren Konzern zerschlagen, Dokumentation, 45 min, Erstausstrahlung: 12. Januar 2000 auf ARD (HR)

Weblinks

 Commons: Historische Bilder und Dokumente zur Hoechst AG – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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