Alte Pfalz
Der ottonische Kern der Altstadt (grün umrandet): 1) Nikolaikapelle, 2) St.-Patrokli-Dom, 3) Morgner-Haus, 4) Standort des Hohen Hospitals/der Alten Pfalz, 5) St. Petri-Kirche, 6) Rathaus mit vier Gebäudeteilen aus verschiedenen Jahrhunderten; unten links ein Zipfel des Großen Teichs

Hohes Hospital, örtlich auch bekannt als Wittekindsmauer oder alte Pfalz, war jahrhundertelang der von der späteren Nutzung abgeleitete Name eines massiven Wohnturmes/Donjons im Stadtzentrum von Soest, der mit größter Wahrscheinlichkeit die Funktion einer erzbischöflichen Pfalz -und zwar der ersten bzw. älteren in Soest- erfüllte.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Wesentliche Informationen über die Geschichte des Gebäudes wurden bei mehreren Ausgrabungen zwischen den Jahren 1884 und 1993/94 zutage befördert.

Vor der Bebauung

Das zentral gelegene Areal unmittelbar westlich der Petrikirche war in fränkischer Zeit (9.-10. Jahrhundert) ein Friedhof dieser ersten Stadtpfarrkirche.

Pfalz

Um das Jahr 1000 wurde der kurz zuvor noch genutzte Friedhof bebaut: Es entstand ein mächtiges, wehrhaftes Gebäude in kubischer Form mit einer Grundfläche von 25x25 Metern und einer Höhe zwischen 25 und 30 Metern. Die entstehende Anlage, später als „palatium sive turris“ (lat.: Pfalz oder Turm) bezeichnet, ist aufgrund seiner kombinierten Wohn-, Wehr- und Repräsentativfunktion und seiner Lage im Zentrum neben der städtischen Hauptkirche mit großer Sicherheit als erste erzbischöfliche Pfalz ausgewiesen. Die Mächtigkeit des Baus stellt Soest als eine Hauptresidenz der Kölner Erzbischöfe heraus, als ursprünglichen Hauptort im später sich konsolidierenden kölnischen Herzogtum Westfalen. Die Verpflichtung der Bischöfe, durchreisenden Herrschern Unterkunft zu bieten (Gastungspflicht), führte dazu, dass zahlreiche Kaiser des Mittelalters, die den Hellweg bereisten, in Soest Station machten. In der benachbarten Petrikirche sind bis heute die Fundamente eines Thronsitzes zu sehen, die auf die zahlreich belegte, häufige Anwesenheit hoher Gäste in Soest verweisen.

Hohes Hospital

Unter Erzbischof Philipp von Heinsberg, der Soest besondere Förderung zukommen ließ, wurde die Pfalzresidenz an den Rand der Altstadt verlegt. Die neue Pfalz befand sich in der Nachbarschaft von Alt-St. Thomä, der in Soest als „Schiefer Turm“ bekannten Kirche. Diese Umlegung stand im Zusammenhang mit der neu erbauten Stadtmauer, in wieweit Sicherheitsbedenken des Stadtherrn eine Rolle spielten, die Pfalz aus dem Zentrum der Stadt herauszuholen, bleibt unklar. Möglicherweise waren am Rand des neu festgelegten Stadtgebietes auch die Flächenreserven einfach größer. Einer Urkunde aus dem 14. Jahrhundert nach wird 1178 auf dem alten Pfalzgelände ein Hospital unter Einbeziehung der bestehenden Gebäude gegründet. Dies ist einer der ersten belegten Fälle in Deutschland, wo ein Hospital unabhängig von einem Kloster eingerichtet wird. Als Hospital war das Gebäude Wohnstätte für 42 Arme und Kranke. Der Name „Hohes Hospital“ für die hier etwa 150 Jahre bestehende Einrichtung ist jedoch erst seit der Reformation belegt (zuvor „Altes Hospital“ möglicherweise als Abgrenzung gegenüber dem ursprünglich im Pilgrimhaus befindlichen „Neuen Hospital“). Der ursprüngliche Name der Einrichtung war Hospital zum heiligen Geist. Im 14. Jahrhundert wurde das Hohe Hospital in ein Pfrundhaus für junge ledige Frauen („Jungfern“) umgewandelt. Bis etwa 1600 sind die Namen von 300 dieser Bewohnerinnen überliefert.

Heutige Ruine

Die Überreste des Hohen Hospitals gelten heute als eines der „bedeutendsten Bau- und Bodendenkmäler Westfalens“ (siehe Weblink zum Denkmal des Monats). Überirdisch ist jedoch nur ein Mauerrest (die so genannte Wittekindsmauer) zu sehen, der bei der endgültigen Niederlegung des alten Gebäudes im Jahr 1809/1810 erhalten blieb, weil er seinerzeit für anliegende Fachwerkhäuser die Funktion einer rückwärtigen Stützmauer hatte. Ein Teil der Mauer ist frei einsehbar, ein anderer Teil ist über die Filiale der angrenzenden Sparkasse zugänglich.

Literatur

  • Julia Lumpe: Das Hohe Hospital - Pfalz des Kölner Erzbischofs. In: Die Stadt Soest - Archäologie und Baukunst / mit Beiträgen von Gabriele Isenberg, Bearbeitung und Redaktion: Walter Melzer. Stuttgart 2000. (Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland, 38)
  • Julia Lumpe: Pfalz - Hospital - Pfrundhaus. Neue Ausgrabungen am St.-Petri-Gemeindehaus in Soest und ihre Bedeutung für die Geschichte des "Hohen Hospitals". Soest 2000 (Soester Beiträge zur Archäologie, 4; als Magisterarbeit: Münster 1999) ISBN 3-87902-303-4
  • Beate Sophie Gros: Das Hohe Hospital (ca. 1178 - 1600). Eine prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchung. Münster 1999. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XXV: Urkunden-Regesten der Soester Wohlfahrtsanstalten, Band 5) ISBN 3-402-06808-7

Weblinks

51.5712228.1066017Koordinaten: 51° 34′ 16,4″ N, 8° 6′ 23,76″ O


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Alte Burg — oder Alteburg ist der Name folgender Burgen: Alte Burg (Altenstein), Ringwallanlage in der Markt Maroldsweisach im Landkreis Haßberge in Bayern, Deutschland Alte Burg (Aull), Wasserburg in Aull im Rhein Lahn Kreis in Rheinland Pfalz, Deutschland… …   Deutsch Wikipedia

  • Alte Burg (Laudert) — Alte Burg Laudert aus südöstlicher Richtung vom äußeren Wall aus fotogra …   Deutsch Wikipedia

  • Alte Johanneskirche (Mußbach) — Alte Johanneskirche (im Hintergrund), im Vordergrund der Herrenhof Die alte St. Johannes Kirche im ehemaligen Winzerdorf Mußbach, das seit 1969 Ortsteil von Neustadt an der Weinstraße (Rheinland Pfalz) ist, ist ein aus dem Hochmittelalter… …   Deutsch Wikipedia

  • Pfalz-Simmern — war eine Nebenlinie der pfälzischen Wittelsbacher. Ihr entstammen die bayerischen Könige des 19. Jahrhunderts und das gesamte heutige Haus Wittelsbach und sie ist über Elisabeth Stuart auch mit dem heutigen Haus Windsor verbunden.… …   Deutsch Wikipedia

  • Alte Pfarrkirche St. Gordianus und Epimachus — Alte katholische Pfarrkirche St. Gordianus und Epimachus Die alte katholische Pfarrkirche St. Gordianus und Epimachus in Bingen Dietersheim reicht in ihren Anfängen bis in das 8. Jahrhundert zurück. Die Kirche liegt an der Südwestseite des Ortes… …   Deutsch Wikipedia

  • Alte Kirche (Begriffsklärung) — Alte Kirche steht für Kircheninstitutionen Alte Kirche der ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte Alte Kirche des Ostens, autokephale syrische Kirche Alte Kirche, (Alte Kapelle) Kirchengebäude Deutschland Ole Kerk, Bispingen, Niedersachsen… …   Deutsch Wikipedia

  • Alte Pinakothek — Lage der Pinak …   Deutsch Wikipedia

  • Pfalz [3] — Pfalz, Landschaft des ehemaligen Deutschen Reiches, war früher im Besitz der Pfalzgrafen und zerfiel in die Oberpfalz und Unterpfalz. Die Oberpfalz (bayrische P., Palatinatus superior, Palatinatus Bavariae) hatte 1807 (mit Sulzbach und Cham)… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Alte Schmiede — bezeichnet: Alte Schmiede (Althegenberg), denkmalgeschütztes Gebäude in Althegnenberg im Landkreis Fürstenfeldbruck, Bayern, siehe Liste der Baudenkmäler in Althegnenberg Alte Schmiede (Andernach), denkmalgeschütztes Gebäude in Andernach im… …   Deutsch Wikipedia

  • Alte Pfarrkirche St. Johann Baptist (Haidhausen) — Alte Pfarrkirche St. Johann Baptist Die Alte Pfarrkirche St. Johann Baptist (auch: Alte Haidhauser Kirche) befindet sich in der Kirchenstraße im Münchner Stadtteil Haidhausen. Inhaltsverzeichnis …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”