Alte Synagoge (Essen)
Alte Synagoge in Essen – nach Umbau 2010

Die Alte Synagoge (Anfangs Synagoge am Steeler Tor genannt, da sich hier bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts das Steeler Tor der Essener Stadtmauer befand) ist heute das Haus jüdischer Kultur in Essen. Es befindet sich im Zentrum der Stadt in der Steeler Straße 29, nahe dem Essener Rathaus.

Die Einrichtung, die nach Umbau als Haus jüdischer Kultur am 13. Juli 2010 neu eröffnet wurde, ist untergebracht im ehemaligen Synagogengebäude der jüdischen Vorkriegsgemeinde. Die Synagoge wurde nebst angeschlossenem Rabbinerhaus 1913, nach zweijähriger Bauzeit, nach Plänen des Architekten Edmund Körner fertiggestellt. Heute gehört das Gebäude zu den größten, besterhaltenen und architektonisch beeindruckenden Zeugnissen jüdischer Kultur der Vorkriegszeit in Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte der Synagoge

Um 1917: Synagoge mit Jahrhundertbrunnen
Um 1922: Synagoge mit Friedenskirche
1913: Innenansicht

Die Anfänge

Aufgrund von Platzmangel im Vorgängerbau in der Gerswidastraße ließ die jüdische Gemeinde 1911 vom Architekten Edmund Körner einen repräsentativen und selbstbewussten Synagogenneubau planen, der die Integration und Anerkennung der Juden im Deutschland des zweiten Kaiserreichs zum Ausdruck bringen sollte. Mitten in der Innenstadt sollte das Haus die Ankunft des Judentums in der deutschen Gesellschaft versinnbildlichen. Am 25. September 1913 wurde die damals Neue Essener Synagoge feierlich eingeweiht und war, gegen ihre Bestimmung für die Ewigkeit, nur 25 Jahre lang kulturelles und soziales Zentrum einer 1933 rund 4500 Mitglieder zählenden Gemeinde. Sie hatte einen über 1500 Personen fassenden Hauptraum mit mehreren Emporen, Orgel und großem Bima-Bereich (der auch häufig für Konzerte genutzt wurde), eine Wochentagssynagoge, Lehrräumlichkeiten, einen Gemeindesaal, ein Sekretariat, eine Bibliothek, einen Garten sowie Rabbiner- und Kantorwohnungen im an der Hinterfassade angebauten Rabbinerhaus. Sowohl in der Grund- als auch in der Innenarchitektur integriert die Synagoge traditionelle jüdisch-orientalische mit abendländisch-christlichen Elementen. Vor allem der Hauptraum war nach Vorgaben des Jugendstils ausgestaltet.

Zeit des Nationalsozialismus

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, während der Novemberpogrome 1938, wurde die Synagoge durch Brandschatzung im Inneren stark beschädigt. Ihr Äußeres blieb dabei fast unversehrt. Aufgrund der massiven Bauweise aus Stahlbeton konnten die Nationalsozialisten das Gebäude entgegen ihren Plänen nicht abreißen, eine Sprengung war wegen umliegender Häuser unmöglich. Den Zweiten Weltkrieg überstand der Bau ohne größere Schäden. Bis heute ist die Alte Synagoge in Essen das größte freistehende Synagogengebäude nördlich der Alpen, hinsichtlich des Raumvolumens sogar noch größer als die Berliner Neue Synagoge in der Oranienburger Straße. Die mächtige freischwebende Kuppel hat eine Höhe von 37 Metern. Insgesamt ist der Bau 70 Meter lang.

Von der Nachkriegszeit bis zum Umbau 2008

Von 1945 bis 1959 stand die Synagoge ungenutzt als Ruine am Rande der Essener Innenstadt. 1959 entschloss sich die neue jüdische Nachkriegs-Gemeinde, die bis dahin das frühere Rabbinerhaus als Zentrum genutzt hatte, zum Bau ihrer noch heute bestehenden neuen Synagoge (Ruhrallee/Ecke Sedanstr.). Im selben Jahr erwarb die Stadt Essen den früheren Synagogenbau und richtete dort 1960/1961 ein Museum für Industriedesign ein, das Haus Industrieform. Zu diesem Zweck wurden sämtliche noch vorhandenen synagogalen Einrichtungselemente beseitigt. Es entstand ein im Inneren völlig veränderter und nicht mehr an die Synagogenzeit erinnernder Raum in nüchterner Zweckform, dem damaligen Zeitgeist entsprechend. 1979 beschädigte ein Brand, ausgelöst durch einen Kurzschluss, die Designausstellung. Dieses Ereignis und eine veränderte Einstellung zum Umgang mit diesem Ort veranlassten schließlich den Rat der Stadt Essen, hier 1980 die Institution Alte Synagoge einzurichten. Von 1986 bis 1988 wurde der Innenraum mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen im Ansatz rekonstruiert, so dass er in seinen früheren synagogalen Konturen wieder erkennbar ist.

Bis September 2008, dem Beginn der neuesten Umbaumaßnahmen, verstand sich die Alte Synagoge als eine offene Begegnungsstätte und ein politisches Dokumentationsforum. Sie bot zahlreiche Veranstaltungen zur Begegnung mit jüdischer Kultur und Religion sowie historischem und gegenwärtigem jüdischen Leben an. Darunter befanden sich Führungen durch die Dauerausstellung Stationen jüdischen Lebens für Schüler- oder Erwachsenengruppen, Lehrhäuser zu Aspekten der jüdischen Religionspraxis und Lebenskultur für Kinder und Jugendliche, Führungen durch das Gebäude zur Architektur und ihrer einstmals jüdischen Bedeutung. Ein für Erwachsene gedachtes Tora-Lehrhaus befasste sich mit jüdischen Traditionstexten. Darüber hinaus war die Alte Synagoge mit einer regelmäßigen Vortragsreihe Diskussionsplattform für zentrale politische und gesellschaftliche Fragen der Gegenwart und Zukunft. Schulklassen konnten dort auch Lehrhäuser zur Schärfung der politischen Sinne besuchen. Außerdem diente die Alte Synagoge als Veranstaltungsort für Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen.

Geschichte des Rabbinerhauses

Das benachbarte Rabbinerhaus, das auch seit 1985 unter Denkmalschutz steht, wurde zeitgleich mit der Synagoge zwischen 1911 und 1913 ebenfalls nach Plänen des Architekten Edmund Körner errichtet. Es wurde auch in der Pogromnacht im November 1938 in Brand gesetzt und das Innere dabei zerstört. Nach dem Krieg wurde das Rabbinerhaus noch bis 1959 von der kleinen jüdischen Nachkriegsgemeinde als Gemeindehaus genutzt. Diese verkaufte in diesem Jahr die Synagoge nebst Nebengebäuden an die Stadt Essen und errichtete sich auf dem Gelände des auch 1938 vernichteten jüdischen Jugendheimes in der Sedanstraße ein neues Gemeindezentrum. 1962 richtete die Stadt im Rabbinerhaus das Essener Stadtarchiv ein, welches Anfang 2010 in ein neues Gebäude an der Luisenschule umzog. Seitdem wird das alte Rabbinerhaus kernsaniert, wobei man einige Brandreste entdeckte, die vermutlich aus der Pogromnacht stammen. Die Kosten des gesamten Umbaus von etwa 2,7 Millionen Euro werden durch das Konjunkturpaket II getragen. Die neuen Mieter des Hauses sollen ab Frühjahr 2011 einziehen können. Dabei handelt es sich neben der Universität Duisburg-Essen um das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte.[1]

Die Alte Synagoge heute

Innenansicht
rekonstruierter Toraschrein

Am 27. Februar 2008 hatte der Rat der Stadt Essen beschlossen, die Alte Synagoge zum Haus jüdischer Kultur weiterzuentwickeln. Hierzu erfolgten Umbaumaßnahmen im Inneren, um neue Ausstellungsflächen zu gewinnen. Der Außenbereich wurde als Edmund-Körner-Platz im Ensemble mit der benachbarten Altkatholischen Friedenskirche neu gestaltet. Von der Bernestraße ist seitdem keine Durchfahrt mehr auf die Steeler Straße möglich. Seit September 2008 war wegen des Umbaus das Haus geschlossen.

Die offizielle Neueröffnung fand am 13. Juli 2010 statt. Es entstand ein Haus einer interkulturellen Begegnung mit der jüdischen Kultur. Es gibt fünf unterschiedliche Ausstellungsbereiche, verteilt auf das Erdgeschoss, die Empore und auf den darüberliegenden Mezzanin, wobei über die Quellen jüdischer Traditionen, jüdischer Feste und die Geschichte der jüdischen Gemeinde Essen informiert wird. Die fünf Bereiche haben im Einzelnen die Schwerpunkte Quellen der jüdischen Tradition, Geschichte des Hauses, Geschichte der jüdischen Gemeinde in Essen, Zu jüdischen Festen und Jüdischer Way of Life. In einem Treppenaufgang werden Bilder jüdischer Prominenter gezeigt.

Bei den Gesamtkosten für den Umbau und die Ausstellung von knapp 7,8 Millionen Euro beteiligte sich das Land Nordrhein-Westfalen mit rund 80 Prozent der Kosten. Es gab zudem größere private Spenden. Dadurch konnte der Treppenaufgang großzügig mit transparenten Eingangstüren angelegt werden. Das Innere erhielt eine neue Farbgebung in Apricot und Flieder, die Größe des Hauptraumes sowie der Lichteinfall durch die Fenster bieten den Besuchern einen überraschenden Effekt.

Leitung

Edna Brocke, die seit 1988 die Alte Synagoge, und damit auch das Haus der jüdischen Kultur leitete, wurde am 27. März 2011 im Beisein von Oberbürgermeister Reinhard Paß und weiteren Persönlichkeiten feierlich verabschiedet. Ihr Nachfolger ist der Schweizer Historiker Uri Kaufmann[2], der am 1. September 2011 das Amt antrat.

Ausstellungen

  • 2010: Berühmte und bekannte jüdische Zauberkünstler

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Alte Synagoge (Essen) – Sammlung von Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Westdeutsche Allgemeine Zeitung WAZ vom 31. Juli 2010, Regionalteil Essen: Spurensuche im Rabbinerhaus
  2. Uri Kaufmann (* 1957) bei dnb
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