Alternativbewegung

Alternativbewegung ist die Sammelbezeichnung für die ab den 1960er Jahren entstandene große Anzahl von Gruppen und kulturellen und sozialen Bewegungen, denen es darum ging, im Gegensatz zur bisherigen, herkömmlichen Praxis nun „alternative“ Lebens- und Politikentwürfe zu entwickeln und selbst zu leben. Dazu gehörten neue Lebensstile wie Individualismus, Hedonismus und Do It Yourself, neue politische Themen wie Frauenrechte, Gleichberechtigung für Homosexuelle, Umweltschutz oder Tierschutz sowie neue Arbeitsformen und Politikstile wie Basisdemokratie und Selbstverwaltung. Die der politischen Linken zugerechneten Alternativen verstehen sich dabei oftmals als Gegenkultur zur Konsumgesellschaft. Als weltweit vernetztes soziales Milieu kann die alternative Szene jedoch bis heute als eine der wichtigsten Subkulturen in westlichen Gesellschaften angesehen werden.

Inhaltsverzeichnis

Begriff und Geschichte

Der Begriff „Alternative“ kommt in dem in diesem Zusammenhang verwendeten Sinn vermutlich aus den USA. Die Wurzeln der Bewegung lagen in der Jugendkultur der Hippies und in den Studentenunruhen Ende der 1960er Jahre (68er-Bewegung). Hauptakteure der Alternativbewegung waren Babyboomer, die von den gesellschaftlichen Entwicklungen nach dem 2. Weltkrieg enttäuscht oder desillusioniert waren. Ihrer Verbreitung, die vor allem in den 1970ern zum Höhepunkt kam, ging die außerparlamentarische Opposition der 60er Jahre voran.

Die Alternativbewegung war eng vernetzt mit den Neuen sozialen Bewegungen wie der Ökologiebewegung, der Friedensbewegung und der Frauenbewegung. Das Label „Alternativ“ bezog sich nicht so sehr auf ein bestimmtes politisches Engagement, sondern auf den Versuch, durch Änderungen der eigenen Lebensweise die Vision einer besseren Welt zu verwirklichen. Somit war die Alternativbewegung eine klassische Bottom-to-Top-Bewegung, bei der die Gesellschaft von unten her, ausgehend vom Individuum, verändert werden sollte (vgl. dazu auch die Bewegung der Graswurzelrevolution). Es bildeten sich eine Vielzahl von Gruppen, darunter Landkommunen, Bürgerrechtsgruppen, Nahrungsmittelkooperativen, ökologische Protestgruppen und Frauenzentren.

Auf individueller Ebene bedeutete die Alternativbewegung eine auf die Bedürfnisse der „Natur“ und der Mitmenschen Rücksicht nehmende Lebensweise. Darunter fielen beispielsweise aktiver und passiver Tier- und Umweltschutz (Vegetarismus/Veganismus), Subsistenzwirtschaft und, wo dies nicht möglich war, Vorzug biologischer Produkte und Produkte aus fairem Handel. In Bezug auf die Gemeinschaft wurde nach neuen Formen des Zusammenlebens gesucht, so beispielsweise Kommunen oder Genossenschaften mit direkter Partizipation und Selbstverwaltung, Initiativen zur gegenseitigen Hilfe und Selbsthilfe.

Als Gegenkultur entwickelten Alternative ein eigenes System an Werten, Normen und Regeln. Kennzeichnend war die Suche nach Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung, eine antikapitalistische Grundeinstellung, neue Formen des Wirtschaftens (alternative Ökonomie), neue Produktionsformen, eine ökologische Lebensweise, neue Methoden in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (Beispiel: antiautoritäre Erziehung), sozialen Randgruppen, alten oder behinderten Menschen, neue Politikformen, neue Wohn- und Lebensformen, Gleichberechtigung und Gleichheit aller Menschen, eine Abwendung von herkömmlichen Religionen und Hinwendung zu einer „neuen Spiritualität“ sowie die Ablösung vom Konsum hin zu einer „ganzheitlichen“ Lebensweise.

Vorgänger finden sich um 1900 im Jugendstil und in der Lebensreformbewegung, den Wandervögeln und der Jugendbewegung, der Freikörperkultur und der Anthroposophie, den Naturfreunden und im 19. Jahrhundert etwa in der Romantik.

Kritik an den Alternativen

Kritisiert wurde an der Alternativbewegung – auch und gerade innerhalb der politischen Linken –, dass sie häufig die gesamtgesellschaftlichen Fragen, Probleme und Machtstrukturen ausblende. In Form eines modernen Biedermeiers zögen sich Teile der Alternativen ins Private zurück, bisweilen getragen von anti-aufklärerischem, esoterisch-pseudoreligiösem Gedankengut. Individuelle Veränderung im Kleinen und Aussteigertum ersetze bei Teilen der Bewegung die Einsicht in die Notwendigkeit einer Änderung gesamtgesellschaftlicher politischer Verhältnisse.

Die Alternativbewegung als breite soziale Bewegung hatte keinen Bestand, als eine von vielen Subkulturen lebt sie aber fort. Ihre Ideen und Visionen beeinflussten nicht nur andere soziale Bewegungen, sondern führten vielerorts zu einem Umdenken oder regten zu gegensätzlichen Lebensentwürfen an (Yuppies, Popper). Andere ursprünglich aus der Alternativbewegung stammende Ideen sind heute institutionalisiert (Fairer Handel, nachhaltige Entwicklung usw.).

Siehe auch

Literatur

  • Roland Roth ; Dieter Rucht (Hrsg.): Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945: ein Handbuch, Campus-Verlag Frankfurt am Main, New York, 2008, 770 S., ISBN 978-3-593-38372-9 (Weblink: Rezension/Kritik zum Buch auf Analyse & Kritik - akweb.de)
  • Johann August Schülein (Hg.): Auf der Suche nach der Zukunft. Alternativbewegung und Identität. Focus Verlag, Gießen 1980. ISBN 3-88349-156-X
  • Leo Kofler: Zur Kritik der Alternativen. VSA-Verlag, Hamburg 1983. ISBN 3-87975-242-7
  • Günther Emig/Peter Engel/Christoph Schubert: Die Alternativpresse. Kontroversen, Polemiken, Dokumente. Ellwangen 1980. ISBN 978-3-921249-95-6
  • J. Gehret (Hg.): Gegenkultur heute. Die Alternativbewegung von Woodstock bis Tunix. Azid Presse, Amsterdam 1979 (2. Aufl.). ISBN 90-70215-03-9

Weblinks


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