Alternativzeitschrift

Alternativzeitschriften (auch: Untergrund- /Undergroundzeitschriften, Alternativpresse genannt) sind Presseprodukte, die den neuen sozialen Bewegungen entstammen. Sie sind nur schwer zu definieren, da die Übergänge zu Literatur- oder Studentenzeitschriften (im Gegensatz zu hochschulfinanzierten Universitätszeitschriften), Fanzines oder Stadtmagazinen oft fließend sind.

Als Teil der grauen Literatur umfasst der Begriff alle Druckerzeugnisse (nicht nur Zeitschriften, auch Flugblätter oder Wandzeitungen), die mehr oder weniger regelmäßig, in geringer Auflage (bis zu 1000 Exemplare, bei Flugblättern auch mehr) und jenseits der etablierten Vertriebswege wie Buchhandel und Verlag, veröffentlicht werden. Alternativzeitschriften werden von den Herausgebern selbst produziert und verbreitet (Selbstverlag). Sie sind aufgrund ihrer unkonventionellen Art bibliographisch kaum erfasst und schwer erhältlich [1] [2].

Inhaltsverzeichnis

Themen und Ausrichtung

Subkulturelle und soziale Bewegungen drücken über Alternativzeitschriften ihre Lebensweise und Weltsicht aus; insbesondere Politik, aber auch die Themen Freizeit, Musik, Sexualität und Gesellschaft werden behandelt (im Gegensatz zu Fanzines jedoch ohne ausdrückliche Festlegung). Die Herausgeber, entweder Einzelpersonen oder kleine Personengruppen (beispielsweise Bürgerinitiativen, Kirchenverbände, Frauen- und Friedensgruppen, politische Gruppierungen oder Vereine), bestimmen unabhängig über Inhalt und Form, weshalb es zu häufigen Wechseln in der Redaktion, thematischen Ausrichtung und Erscheinungsweise kommen kann. Beiträge werden in vielen Fällen anonym oder unter Pseudonym veröffentlicht.

Der subjektive Stil von Alternativzeitschriften hängt oft damit zusammen, dass nicht hinsichtlich finanziellen Erfolgs produziert wird, sondern aus Leidenschaft oder Überzeugung. Aus dem gleichen Grund haben Alternativzeitschriften weniger informativen Wert, sondern sind (nicht nur literarische) Dokumente, die als Quellen für die Stimmung verschiedener Generationen und den Zeitgeist dienen können. Ihre mitunter unkonventionelle Gestaltung fügt dem eine zusätzliche ästhetische Dimension hinzu.

Alternativzeitschriften sind oft werbefrei und so gut wie nie profitabel. Sie sind auf ein kleines Publikum ausgerichtet, erfreuen sich jedoch besonders in der autonomen Szene großer Beliebtheit als Instrument zur Schaffung einer Gegenöffentlichkeit. Aufgrund der selbstgewählten Position jenseits des publizistischen Mainstreams besitzen Alternativzeitschriften einen beliebig großen inhaltlichen und gestalterischen Spielraum, was sie einerseits zu Keimzellen der Avantgarde macht, andererseits zu manchen Verletzungen von Persönlichkeitsrechten sowie des Urheber- und Presserechts führt.

Seinen Höhepunkt erreichte das Genre in den 70er Jahren, als es im Zuge der Neue Soziale Bewegungen zu zahlreichen Neugründungen in deutschen Großstädten kam. Als erste alternative Stadtzeitung gilt das Münchner "Blatt", das 1973 gegründet wurde und bis 1984 vierzehntäglich erschien. „Blatt“ war der Vorläufer aller späteren Stadtmagazine.

Josef Wintjes war in den 1970er und 1980er Jahren mit seinem Ulcus Molle Info („Literarisches Informationszentrum“) eine wichtige Vertriebsstelle alternativer Literatur.

Deutschsprachige Alternativzeitschriften

Wie weit allein das politische und inhaltliche Spektrum reicht, das in Alternativzeitschriften zum Ausdruck kommt, zeigt diese Auswahl:

Literatur

  • Jörg Becker, Christian Flatz, Emanuel Matondo, Uwe Trittmann (Hrsg.): Für eine Kultur der Differenzen. Friedens- und Dritte-Welt-Zeitschriften auf dem Prüfstand. Evangelische Akademie im Institut für Kirche und Gesellschaft, Iserlohn 2004, ISBN 3-931845-80-X.
  • Contraste (Hrsg.): Reader der AlternativMedien. In: Bunte Seiten 2003+, www.contraste.org/bunte. Selbstverlag, Heidelberg 2003 (2006).
  • Bernd Drücke: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland. Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm 1998, ISBN 3-932577-05-1.
  • Günther Emig (Hrsg.): Die Alternativpresse. G. Emig, Ellwangen 1980, ISBN 3-921249-13-9.
  • Bernd Hüttner, Christiane Leidinger, Gottfried Oy (Hrsg.): Verzeichnis der AlternativMedien 2011/2012. Verlag AG-SPAK-Bücher, Neu-Ulm 2011, ISBN 9783940865229, (Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise. Materialien der AG SPAK M 193), Verzeichnis der AlternativMedien 2011/2012.
  • Udo Pasterny, Jens Gehret (Hrsg.): Deutschsprachige Bibliographie der Gegenkultur. Bücher und Zeitschriften von 1950 – 1980. = Gegenkultur-Bibliographie. Mit Angaben von über 600 Büchern, 1500 Alternativzeitschriften, Cut-up Checklist, Comix, Autorenregister. Azid Presse, Amsterdam 1982, ISBN 90-70215-10-1.
  • Jan Sandmann: Alternativpresse, vom Undergroundblatt zur Hochglanzzeitschrift. GRIN Verlag, München 1987, (Hamburg, Hochsch., Diplomarb., 1987), ISBN 3-638-21404-4.

Weblinks

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Vgl. hierzu: U.Pasterny/J.Gehret (Hrsg.:), Deutschsprachige Bibliografie der Gegenkultur und Günther Emig, Die Alternativpresse
  2. ID-Archiv von u.a. der deutschsprachigen Alternativpresse. Online verfügbar. Dokumentationssammlung, deutsch. Mit Einleitung, Geschichte, Benutzeranleitung. Im IISG (Amsterdam). „Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ (ID) früher in Frankfurt/M.

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