Häftlingsfreikauf

Als Häftlingsfreikauf bezeichnet man inoffizielle Geschäfte zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Dabei hat die Bundesrepublik der DDR eine bestimmte Summe Devisen oder Waren bezahlt, um im Gegenzug politische Gefangene freizukaufen. Die Gefangenen wurden anschließend freigelassen und in die Bundesrepublik ausgebürgert. Der Häftlingsfreikauf begann im Jahr 1962 und hielt bis zum Fall der Mauer an.

Das Diakonische Werk der EKD in Stuttgart spielte bei der Vermittlung eine gewisse Rolle, da die Kontakte zwischen den Kirchen und Kirchengemeinden in Deutschland eng waren, von der SED geduldet wurden und viel Geld von West nach Ost floss.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Entwicklung des Häftlingsfreikaufs 1963-1989

Die Geschäfte begannen während der Regierungszeit Adenauers und der Amtszeit des Ministers für gesamtdeutsche Fragen Rainer Barzel und dauerten bis zur deutschen Wiedervereinigung. Sie wurden inoffiziell auf Regierungsebene ausgehandelt. Der erste Häftlingsfreikauf wurde Weihnachten 1962 vereinbart: 20 Häftlinge und ebensoviele Kinder kamen zum Preis von drei Eisenbahnwaggons voll Kalidüngemittel frei.[1] Nachdem es zu Beginn noch um Einzelfälle ging, wurde das Geschäft nach dem Mauerbau zunehmend organisierter geregelt, da entlassenen Häftlingen die bisher übliche Alternative „Umzug in die Bundesrepublik“ fehlte. Und die DDR sah sich dem Sozialisierungsproblem gegenüber. In der Zeit zwischen 1964 und 1989 wurden insgesamt 33.755 Häftlinge freigekauft. Der Preis pro Häftling betrug anfangs durchschnittlich ca. 40.000 DM und stieg später auf knapp 100.000 DM. Vor deren Untergang wurden von Seiten der DDR aus finanziellen Gründen die meisten „Häftlingsfreikäufe“ durchgeführt, der durchschnittliche Kaufpreis pro Häftling betrug in dieser Zeit etwa 90.000 DM. Offiziell bemessen wurde die Summe an dem angeblichen „Schaden“, den der Häftling in der DDR angerichtet haben soll (so die halbamtliche Begründung) und dem Ersatz für die (kostenlose) Ausbildung/Studium.

Vertrauter von Erich Honecker und Unterhändler der DDR gegenüber der Bundesrepublik Deutschland für den sogenannten „Humanitärbereich“ (Häftlingsfreikauf, Ausreisen) war Wolfgang Vogel, der später bis zu seinem Tode im bayerischen Schliersee lebte. Seine „Ansprechpartner“ im Westen waren u. a. Herbert Wehner, Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel, Ludwig A. Rehlinger, Walter Priesnitz, Ludwig Geißel. Andere Kontakte mit dem Rechtsanwalt Jürgen Stange und Mitarbeitern aus dessen Westberliner Kanzlei wie z.B. Herbert Taubert und Barbara von der Schulenburg sowie zu Ministerialdirektor Edgar Hirt vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen in Bonn beförderten einen Skandal, der in den frühen 1980er-Jahren fast die humanitären Bemühungen zunichte gemacht hätte (vgl. dazu unter Literatur Brinkschulte et al.).[2]

Kritik

Die Handlungen wurden auch kritisch gesehen. So wurde zum einen das Potenzial der DDR-Opposition geschwächt und der Druck gegenüber der DDR-Führung verringert. Auch galt der Häftlingsfreikauf als ein Anreiz für die DDR, viele politische Gefangene mit langen Haftstrafen zu "produzieren". Zum Beispiel wurde das Haftmaß für schwere Republikflucht Ende der 1970er von fünf auf acht Jahre erhöht.

Siehe auch

Literatur

  • Wolfgang Brinkschulte, Hans Jörgen Gerlach & Thomas Heise: Freikaufgewinnler. Die Mittverdiener im Westen. Frankfurt/M. & Berlin: Ullstein Report, 1993, ISBN 3-5483-6611-2
  • Ludwig Geißel: Unterhändler der Menschlichkeit. Erinnerungen (mit einem Begleitwort von Manfred Stolpe. Stuttgart: Quell Verlag, 1991, ISBN 3-7918-1984-4
  • Ludwig A. Rehlinger: Freikauf. Die Geschäfte der DDR mit politisch Verfolgten. Frankfurt/M. & Berlin: Ullstein Verlag, 1991, ISBN 3-550-07503-0
  • Jens Schmitthammer: Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Mittler zwischen Ost und West. Hamburg: Verlag Hoffmann & Campe, 1987, ISBN 3-455-08665-9
  • Craig A. Whitney: Advocatus Diaboli. Wolfgang Vogel – Anwalt zwischen Ost und West. Berlin: Siedler Verlag, 1993, ISBN 3-88680-510-7
  • Jan Philipp Wölbern: Die Entstehung des „Häftlingsfreikaufs“ aus der DDR, 1962-1964. In: „Deutschland Archiv“ 41 (2008), 5; S. 856-867.

Einzelnachweise

  1. Schroeder, Der SED-Staat, München/Wien 1998, S. 191
  2. [1]

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