Altfriesisch

Die altfriesische Sprache ist der gemeinsame Vorläufer der modernen friesischen Sprachen. Sie ist überliefert in Rechtsbüchern und Urkunden aus dem 13. bis 16. Jahrhundert aus dem Gebiet zwischen Weser und IJsselmeer (Zuiderzee).

Die altfriesische Sprache hat eine recht altertümliche Form und kann daher auf dieselbe Entwicklungsstufe wie das Altenglische, Altniederdeutsche oder Althochdeutsche gestellt werden, auch wenn es eher zur selben Zeit wie das Mittelenglische, Mittelniederdeutsche und Mittelhochdeutsche geschrieben wurde.

Inhaltsverzeichnis

Vergleich mit anderen westgermanischen Sprachen

Im Folgenden werden einige altfriesische Wörter mit verwandten Entsprechungen aus anderen westgermanischen Sprachen verglichen. [1]

Altfriesisch Altenglisch Altniederdeutsch Althochdeutsch
"Fass" fet fæt fat faz
"Mann" mon mon mon, man man
"Monat" monath monað monath, manuth manod
"Rat" red ræd red, rad rat
"ander" othar oðer oðar andar
"fünf" fif fif fif fimf
"uns" us us us uns
"kund" kuth cuð kuð kund
"Kirche" tziurke ćiriće kirika kirihha
"legen" ledza lećġan leggian legen
"Ross" hors hors hors, hros hros

Gemeinsamkeiten mit dem Altenglischen

Das Altfriesische hat mehrere Lautentwicklungen gemeinsam mit dem Altenglischen durchlaufen, während das Altniederdeutsche eine Zwischenstellung einnimmt zwischen dem Hochdeutschen (einerseits) und dem Altfriesischen und Altenglischen (andererseits). [1]

Gemeinsamkeiten mit den Altnordischen

Interessanterweise gibt es im Altfriesischen Merkmale, die auch das Nordgermanische hat, aber nicht das Altenglische oder das Altniederdeutsche. Beispiele:

  • Die Pluralendung für männliche Substantive auf -ar: altfriesisch dagar und altnordisch dagar ("Tage"), gegenüber altenglisch dagas und altniederdeutsch dagōs.
  • Das Zahlwort "zwei" mit einer r-Endung: altfriesisch twēr ("zwei") neben twēn, altnordisch tveir, gegenüber altenglisch twēǥen und altniederdeutsch twēne, twēna
  • Der Sprachwissenschaftler Ernst Schwarz zählt auch den Lautwandel von in zu jun zu diesen friesisch-nordgermanischen Parallelen. Zum Beispiel altfriesisch sjunga und altdänisch sjungæ, gegenüber altenglisch singan (neuenglisch to sing).
  • Er zählt ebenfalls hierzu die steigenden Diphthonge: altfriesisch sjuka und altnordisch sjúkna ("erkranken", "siechen") gegenüber altniederdeutsch siok und althochdeutsch sioh ("krank", "siech"). Im Altniederdeutschen und Althochdeutschen ist io ein fallender Diphthong, also mit der Betonung auf dem ersten Teil i. Im Altfriesischen und im Altnordischen liegt die Betonung auf dem zweiten Teil des Diphthongs, dem u. [1]

Gemeinsamkeiten mit südlichen Nachbarsprachen

Das Altfriesische hat auch Gemeinsamkeiten mit anderen westgermanischen Sprachen, die im Altenglischen nicht zu finden sind. Ein Beispiel hierfür ist der fehlende "Rhotazismus". Der Rhotazismus hier ist der Übergang von s zu r (benannt nach dem griechischen Buchstabennamen Rho, "R"). Diesen fehlenden Übergang von s zu r gibt es im altfriesischen Wort hasa (althochdeutsch haso, neuhochdeutsch Hase). Im Altenglischen hingegen lautet dieses Wort hara, im Neuenglischen hare. [1]

Schreibweise

Die altfriesischen Texte benutzen das lateinische Alphabet ohne zusätzliche Buchstaben. Für die dentalen Frikative schrieb man th (wie im modernen Englisch). Siehe dazu Stimmhafter dentaler Frikativ und Stimmloser dentaler Frikativ. Für den u-Vokal und die Konsonanten v und w schrieb man ziemlich regellos u, v und w. Siehe auch U, V und W. Die Schreibungen für k und c waren ebenfalls ziemlich willkürlich. Die Laute i und j wurden beide in der Regel als i geschrieben. Die Länge eines Vokals wird nur in westfriesischen (also jüngeren) altfriesischen Texten angegeben, und zwar durch doppelt geschriebene Vokale, zum Beispiel ee für das lange e. Zum Teil wurde auch, nach niederländischem Vorbild, oe für langes u geschrieben. In modernen Ausgaben von altfriesischen Texten wird die Länge eines Vokals mit einem waagerechten Strich oder einem Zirkumflex über dem Graphem angegeben, wie in āge oder âge ("Auge"). Siehe auch Editionsrichtlinie. [2]

Varianten des Altfriesischen

Älteres und jüngeres Altfriesisch

Innerhalb des Altfriesischen unterscheidet man zwischen einer älteren und einer jüngeren Form des Altfriesischen. Die Grenze liegt dabei ungefähr bei 1450. Die Unterschiede zwischen der älteren und der jüngeren Form des Altfriesischen sind mindestens so groß wie zwischen Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch. Der Begriff Altfriesisch für die ältere und die jüngere Sprachform hatte sich bereits eingebürgert, als die jüngere Sprachform noch nicht genügend erforscht war und man die großen Unterschiede zwischen den beiden Sprachformen noch nicht überblicken konnte. Heute benutzt man die Bezeichnungen auch klassisches Altfriesisch und nachklassisches Altfriesisch. [1]

"Altostfriesisch" und "Altwestfriesisch"

Früher nahm die Forschung an, dass die Unterschiede zwischen den beiden altfriesischen Sprachformen nicht chronologisch sind (älter gegenüber jünger), sondern Dialektunterschiede (östlich gegenüber westlich). Weil das Friesische als Schriftsprache im Groningerland und in Ostfriesland vom Niederdeutschen verdrängt wurde, gibt es ab 1450 keine altfriesischen Handschriften aus diesen Gegenden mehr. Jüngere Handschriften stammen somit aus dem Gebiet der heutigen niederländischen Provinz Friesland. Das jüngere Altfriesisch wurde daher Altwestfriesisch genannt, das ältere Altfriesisch Altostfriesisch. [1]

Sprachgebiet

Friesisches Sprachgebiet, aber nicht laut Klaas Fokkema

Das Friesische wurde im Mittelalter in einem wesentlich größeren Gebiet gesprochen als heute. Laut Klaas Fokkema gehörten in etwa folgende Gebiete zum mittelalterlichen friesischen Sprachraum: [2]

Nebenstehende Grafik zeigt das friesische Sprachgebiet mit einigen Abweichungen, besonders im Flussdelta von Rhein und Maas, und in Südholland.


Quellen

  1. a b c d e f Bo Sjölin, "Das Altfriesische", S. 15-18; in: Anthonia Feitsma, W. Jappe Alberts und B. Sjölin, "Die Friesen und ihre Sprache" (= "Nachbarn", Band 32), 1987
  2. a b Claus Jürgen Hutterer, "Die germanischen Sprachen", Wiesbaden, 2. Auflage 1987, ISBN 3-922383-52-1

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