Altherrenbund
Georg Mühlberg 'O alte Burschenherrlichkeit' - Philister einer Studentenverbindung denken beim Trinken und Singen an ihre Jugendzeit zurück.
Josef Neuwirth als Alter Herr des Corps Austria Prag um 1925


Philister im Zusammenhang mit dem Begriff Studentenverbindung ist die Bezeichnung für Alte Herren (Altherrenschaft, auch: Philisterium) oder Hohe Damen. Den Status Philister oder Alter Herr/Hohe Dame erreicht man mit Beendigung des Studiums.

Mit dem Begriff des Philisters war auch immer eine aus Sicht der Studenten besonders verachtenswerte Geisteshaltung verbunden, die der Lebensfreude und dem Sinn für das Schöne nicht den richtigen Stellenwert einräumte. Diese Geisteshaltung bezeichnete der Student als „philiströs“ im Gegensatz zur „burschikosen“ Lebenseinstellung eines echten Burschen.

Neuzeit

Heute ist Philister die offizielle Bezeichnung für die Alten Herren und Hohen Damen in vielen Studentenverbindungen z. B. im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV), Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV), Schwarzburgbund, Wingolfsbund usw.

Die Gesamtheit der nicht mehr studierenden Mitglieder einer Studentenverbindung einschließlich der Ehrenmitglieder, die in einer Altherrenvereinigung, einem Altherrenbund, -verein oder -verband sind meist in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins (e. V.) organisiert. Ziel eines solchen Vereins ist es, den Zusammenhalt untereinander und zu den studierenden Mitgliedern (Aktivitas) aufrecht zu erhalten. Die Philister sind aber auch tätig bei gesellschaftlichen Anlässen der Studentenverbindung oder bei der finanziellen Unterstützung. Die Philister sind als Zusammenschluss die organisatorische Auswirkung des Lebensbundprinzips. Sie sind in den Altherrenverbänden meist wieder auf Verbandsebene zusammengeschlossen. Teilweise bilden studierende und nicht mehr studierende Mitglieder einer Korporation aber auch eine organisatorische Einheit.

Philister werden auch bezeichnet als „Alte Herren” (AH, Mehrzahl AHAH od. AH²) oder – im Falle einer Damenverbindung – „Hohe Damen” (HD, Mehrzahl HDHD). In gemischten Verbindungen findet man vereinzelt auch die Bezeichnung „Alte Damen” (AD, Mehrzahl ADAD od. AD², in Kombination mit „Alten Herren” auch ADAH)

Philistration heißt im Wingolfsbund eine Veranstaltung, in der ein Bundesbruder nach abgeschlossenem Studium und Aufnahme des Berufs in den Altherren-Verband aufgenommen wird. Der Philisterrat ist der Vorstand der vereinigten Altherren-Verbände des Wingolfsbundes.

Die Corpsstudenten sprechen dagegen von Philistrierung, wenn aus einem „Inaktiven“ ein „Alter Herr“ wird. Die Alten Herren selbst werden vor allem in Bayern und Österreich auch als „Philister“ oder „Corpsphilister“ bezeichnet. Neben ihrer Einbindung in die eigene AHV organisieren sie sich vielfach verbindungsübergreifend in örtlichen AHSCen

Bei baltischen Verbindungen heißen „Alte Herren“ grundsätzlich „Philister“. Heute sind sie zusammengeschlossen im „Baltischen Philister-Verband“.

In einigen mitteldeutschen katholischen Studentengemeinden (KSG) werden ehemalige Studenten oder Promotionsstudenten ebenfalls Philister genannt, wie z. B. in der KSG Ilmenau und der KSG Mittweida.

Üblicherweise schließen sich die Alten Herren einer Verbindung zu einem Alt-Herren-Verband (AHV) zusammen. Abweichend davon nannten sich in der Zeit von 1933 bis 1945 die Zusammenschlüsse der ehemaligen Mitglieder einer NS-Kameradschaft Altherrenschaften (AHS).

Historie

Der Begriff Philister lässt sich aus den Hebräischen pelischtim herleiten und zwar von dem Streit zwischen den Philistern und Hebräern, der im Alten Testament der Bibel oft thematisiert wird. In der Studentensprache wurden zuerst die Stadtwachen oder die Polizei, mit denen sich die Studenten häufig stritten, im 18. Jahrhundert in den Universitätsstädten beispielsweise in Leipzig oder Halle (Saale) mit dem Namen belegt, dann schließlich alle kleinbürgerlichen engstirnigen Einwohner der Universitätsstädte, also alle Spießbürger.

Heinrich Heine, als junger Jurastudent (und Mitglied des Corps Guestphalia) wegen eines Duellvergehens von der Universität Göttingen relegiert, später aber wieder zurückgekehrt, um hier zu promovieren, setzte seiner Meinung über „Philister“ in seinem Werk Die Harzreise ein Denkmal:

Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh; welche vier Stände doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste.
...
Die Zahl der Göttinger Philister muß sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Morgens, mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnungen, vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.


Der Ausdruck Philister wurde dann auch – zuerst despektierlich, dann offiziell – für die im Berufsleben stehenden Mitglieder (Alte Herren) einer Studentenverbindung verwandt.

Der Begriff taucht dann im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts in vielen Studentenliedern auf, in denen aus der Sicht des „Alten Herren” der eigene Zustand des „Philistertums” wehmütig bedauert und der alten Zeiten als Student gedacht wird. So auch im Lied Als ich schlummernd lag heut' Nacht von Adolf Katsch 1883:

Gold’ne Burschenzeit entflog,
schnell - daß Gott erbarme! –
Ledern zog Philistertum
mich in dürre Arme.

Oder in dem berühmtesten Lied der Gattung, O alte Burschenherrlichkeit, anonym publiziert 1825:

Wo sind sie, die vom breiten Stein
Nicht wankten und nicht wichen,
Die ohne Spieß bei Scherz und Wein
Den Herrn der Erde glichen?
Sie zogen mit gesenktem Blick
In das Philisterland zurück.
Oh jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum!

Der „breite Stein“ war die in der Mitte einer Straße ausgeführte Pflasterung, links und rechts davon war der Weg nicht befestigt und im Besonderen bei Regenwetter durch die Fuhrwerke dementsprechend aufgewühlt und schlammig. Derjeneige, „der nicht wich“ zwang also folglich alle Entgegenkommenden in den Matsch zu steigen, was zugegebenermaßen eine gewisse Präpotenz in der Haltung der Studiosi widerspiegelt.

Der Begriff des Philisters als Bezeichnung für einen Menschen mit kleingeistiger Lebensauffassung griff später über den universitären Sprachgebrauch hinaus und wurde zur Vokabel des Bildungsbürgertums. Siehe auch: Philister (Ästhetik)

Siehe auch


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