Altreformiert

Die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen (EAK) ist eine reformierte Freikirche in Nordwestdeutschland, zu der 14 Gemeinden mit rund 7.000 Gemeindegliedern gehören.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Evangelisch-altreformierten Gemeinden entstanden ab 1838 in der Grafschaft Bentheim und ab 1854 in Ostfriesland aus den dortigen reformierten Gemeinden. Grund waren die liberalen Strömungen in der Theologie der reformierten Gemeinden, denen sich viele Gemeindeglieder widersetzten und sich daher von ihren Gemeinden absonderten. Den Anfang machte die niederl. Gemeinde Ulrum, die sich von der reformierten Kirche am 13. Oktober 1834 trennte. Ihr Pastor Hendrik de Cock wurde zur Leitfigur der in Ostfriesland und der Grafschaft Bentheim nach ihm benannten „kokschen“ Abscheidungsbewegung.

Die Spaltung war mit nicht unerheblichen Problemen und Repressionen verbunden. Die Laien-Katecheten, die in Lehrversammlungen hauptsächlich den Heidelberger Katechismus auslegten, erhielten Redeverbot, Versammlungsverbote wurden erwirkt und einzelne Gemeindeglieder mit Geld- und Haftstrafen belegt. Die Rechtslage blieb unsicher, da eine staatliche Anerkennung zunächst versagt blieb. 1848 erhielten die altreformierten Gemeinden das Versammlungsrecht. Kirchliche Trauungen waren jedoch bis 1866 nicht anerkannt. Ihre Pastoren wurden bis 1923 in Emden ausgebildet.

In den folgenden Jahrzehnten näherte sich die altreformierte Kirche der benachbarten niederländischen Kirche an, deren Bekenntnisse man teilte. Sie gipfelte 1923 im „vorläufigen Anschluss“ der Kirche an die Gereformeerde Kerken in Nederland (GKN), der bis zum 1. Mai 2004 andauerte. Seit 1923 werden die Pastoren in den Niederlanden ausgebildet. 1936 führte die Altreformierte Kirche auf Druck des NS-Staats ein eigenes Gesangbuch ein. Seit 1970 benutzt sie dasselbe Gesangbuch wie die Evangelisch-reformierte Kirche, also heute deren Ausgabe des Evangelischen Gesangbuchs. Während der NS-Zeit stand die übergroße Mehrheit der Altreformierten im Bentheimer Land, ihrer Hochburg, als ehemalige Wähler des streng protestantischen Christlich-Sozialen Volksdienstes in Opposition zum Regime. Dieses stieß sich sehr daran, dass die Altreformierten im kirchlichen Bereich ausschließlich Niederländisch benutzten, enge Kontakte zum Nachbarland unterhielten und viele Druckerzeugnisse vor allem kirchlicher Art von dort bezogen. Zwischen 1935 und 1939 wurde ihnen mit einer Reihe von Verordnungen untersagt, weiterhin im öffentlichen kirchlichen Leben Niederländisch zu verwenden. Auch der übliche Einsatz von niederländischen Pastoren in der Bentheimer Kirche wurde bekämpft.

Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgte die lang ersehnte staatliche Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts zum 13. Oktober 1950. Die Niederländisch-Reformierte Gemeinde Wuppertal wurde 1847 gegründet und ist seit 1983 Mitglied der Evangelisch-altreformierten Kirche. Die 1911 gegründete Filialgemeinde Brandlecht fusionierte 1969 wieder mit der Gemeinde Nordhorn.

Seit dem Zusammenschluss verschiedener niederländischer evangelischer Kirchen zur Protestantischen Kirche in den Niederlanden (2004) arbeitet sie mit dieser Kirche eng zusammen. In den letzten Jahren kam es zu einer Annäherung an die Evangelisch-reformierte Kirche in Nordwestdeutschland. Bei den Synoden dieser Kirche sind die Altreformierten Gäste. Zum 1. Januar 2007 wurde ein Kooperationsvertrag mit der Evangelisch-reformierten Kirche geschlossen.

Ökumenische Beziehungen

Die Ev.-altreformierte Kirche ist heute mit anderen reformierten Kirchen bzw. Gemeinden in Deutschland und weltweit verbunden. So gehört sie z.B. dem Reformierten Bund, nicht aber der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF) an. Sie arbeitet eng mit der Protestantischen Kirche in den Niederlanden (vormals Gereformeerde Kerken in Nederland) zusammen und ist über sie auch im Ökumenischen Rat der Kirchen präsent. Ferner gehört sie der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) und dem Evangelischen Missionswerk in Hamburg an.

Im Dezember 2006 unterzeichneten die Ev.-reformierte Kirche (Synoden reformierter Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland) und die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen im Kloster Frenswegen bei Nordhorn einen kirchenhistorisch bedeutsamen Kooperationsvertrag.[1]

Theologie und Glaube

Die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen ist bewusst eine Bekenntniskirche. Ihre theologischen Grundlagen sind der Heidelberger Katechismus sowie die niederländischen reformierten Bekenntnisse Confessio Belgica und Dordrechter Lehrsätze.

Sie wurde nicht von Theologen, sondern von Gemeindegliedern gegründet. Die einzelnen Gemeinden sind relativ selbstständig, so dass es auch gewisse Unterschiede in Lehre und Praxis geben kann. Betont wird die Mündigkeit und Überschaubarkeit der Ortsgemeinde, die vom Kirchenrat geleitet wird. Jeder Haushalt wird alle ein bis zwei Jahre von zwei Vertretern des Kirchenrates besucht. Die Gemeindekirche lebt vom Engagement ihrer zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter. Missionarisch steht die altreformierte Kirche mit Gemeinden in Asien in enger Verbindung, insbesondere in Indonesien und Bangladesch.

Sonntäglich finden zwei Gottesdienste statt, in denen die Wortverkündigung zentral steht. Der Kirchenbesuch ist überdurchschnittlich. Früher wurden im zweiten Gottesdienst fortlaufend die Bekenntnisschriften ausgelegt, was heute nur noch vereinzelt der Fall ist. Nach wie vor kommt dem in reformierten Gemeinden üblichen Psalmengesang eine bedeutende Rolle zu. Die Altreformierten praktizieren Kindertaufe, wobei die versammelte Gemeinde die Funktion der Paten übernimmt. Der kirchliche Unterricht schließt sich an die Entlassung aus dem Kindergottesdienst (im Alter von etwas 10 Jahren) an, wird im Winterhalbjahr erteilt und erstreckt sich bis zur Volljährigkeit. Nachdem vor der Gemeinde die Frage nach dem Glauben öffentlich gestellt wurde, wird die Zulassung zum Abendmahl gewährt (entsprechend der Konfirmation). Dieses wird viermal im Jahr als Gedächtnismahl gefeiert.

Verwaltung und Organisation

Die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen ist presbyterial-synodal strukturiert, d.h. sie wird von der Basis her verwaltet und hat also keinen Bischof oder Kirchenpräsidenten. Daher ist die örtliche Gemeinde grundsätzlich für ihre eigenen Angelegenheiten allein zuständig. Sie wird durch den Kirchenrat, zu dem der Pastor, die Ältesten (Presbyter) und die Diakone gehören, geleitet. Diese werden von den Gemeindegliedern gewählt, wobei der Pastor auf Lebenszeit, Älteste und Diakone auf vier bis sechs Jahre gewählt werden. Wahlberechtigt sind alle konfirmierten Glieder einer Gemeinde.

Der Kirchenrat ist das höchste Organ der Gemeinde. Er entsendet jeweils für drei bis sechs Jahre zwei oder drei Vertreter in den übergeordneten Synodalverband und in die Synode, dem Parlament der Evangelisch-altreformierten Kirche. In der Synode werden die übergemeindlichen Angelegenheiten geregelt. Vorsitzender der Synode ist der Präses, für die Zeit von 2006 bis 2012 Pastor Fritz Baarlink aus Veldhausen. Sekretär und Adresse der Synode ist Pastor Gerrit Jan Beuker (2008).

Gemeinden

Gemeinde Gründung Mitglieder (2007)[2]
Ostfriesland
Campen 1854 230
Emden 1856 125
Bunde 1858 392
Ihrhove 1860 210
Neermoor 1861 72
Grafschaft Bentheim
Uelsen 1838 691
Bad Bentheim 1840 633
Emlichheim 1845 1.523
Wilsum 1848 366
Veldhausen 1849 801
Laar 1885 255
Nordhorn 1911 1.040
Hoogstede 1953 380
Sonstige
Wuppertal 1847 259
Gesamt 6.977

Literatur

  • Dirk Averes: Die Evangelisch-Altreformierte Kirche. In: Glieder an einem Leib. Die Freikirchen in Selbstdarstellungen. Hans-Beat Motel (Hrsg.). Christliche Verlagsanstalt, Konstanz 1975, ISBN 3-7673-6520-0.
  • Gerrit Jan Beuker: Altreformierte in Hoogstede und ihre Vorgeschichte. Kirche und Gemeinde 1953–2003. Hellendoorn, Bad Bentheim 2003, ISBN 3-929013-19-3.
  • Gerrit Jan Beuker: Umkehr und Erneuerung. Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen 1838–1988. Synode der EAK in Niedersachsen (Hrsg.). 2. Aufl. Hellendoorn, Bad Bentheim 1988, ISBN 3-929013-04-5.
  • Chronik der Evangelisch-altreformierten Gemeinde Bunde 1858–2008. Kirchenrat der EAK Bunde (Hrsg.). H. Risius-Verlag, Weener 2008.
  • Die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen. Synode der EAK in Niedersachsen (Hrsg.). Selbstverlag, Nordhorn 2003, ISBN 3-980865-50-9.
  • Evangelisch-altreformierte Kirche Wilsum 1848–1998. EAK Wilsum (Hrsg.). Selbstverlag, Wilsum 1999, ISBN 3-929013-16-9.
  • „Gedenke des ganzen Weges“. 1845–1995. 150 Jahre Evangelisch-altreformierte Gemeinde Emlichheim. Selbstverlag, Emlichheim 1995, ISBN 3-929013-12-6.
  • Gemeindebuch für den Gebrauch im Gottesdienst, im kirchlichen Unterricht und in der Familie. Synode der EAK in Niedersachsen (Hrsg.). Hellendoorn, Bad Bentheim 2006, ISBN 3-929013-21-5, Onlineversion
  • Stephan Holthaus: Konfessionskunde. Handbuch der Kirchen, Freikirchen und christlichen Gemeinschaften. Edition fth. Jota, Hammerbrücke 2008, ISBN 978-3-935707-54-1, S. 113–118.
  • Helmut Lensing: Die Beseitigung des Niederländischen als Kirchensprache in der altreformierten Kirche der Grafschaft Bentheim durch den NS-Staat 1936–1939. In: Emsländische Geschichte. Bd. 15. Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte, Haselünne 2008, ISBN 978-3-9808021-6-1, S. 237–287.
  • Berend Heinrich Lankamp: Die Altreformierten Kirchen in Niedersachsen. In: Viele Glieder - ein Leib. Kleinere Kirchen, Freikirchen und ähnliche Gemeinschaften in Selbstdarstellungen. Ulrich Kunz (Hrsg.). Quell, Stuttgart 1953, S. 44–58.
  • Unter Gottes Bundeszeichen. 1849–1999 Evangelisch-Altreformierte Kirchengemeinde Veldhausen. Selbstverlag, Neuenhaus 1999, ISBN 3-929013-15-0.

Quelle

  1. Evangelischer Pressedienst (epd) - Landesdienst Niedersachsen-Bremen
  2. Stand vom 31.12.2007. Zahlen nach Der Grenzbote. Nr. 2, 118. Jg., 27. Januar 2008, S. 17, online unter http://www.altreformiert.de (Abgerufen am 15. September 2008)

Weblinks

Siehe auch


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