Altstämme

Die deutschen Stämme umfassen die „Altstämme“, die sich noch vor dem Jahre 1000 unserer Zeitrechnung herausgebildet hatten, sowie die sogenannten „Neustämme“, die im Verlaufe der Ostsiedlung nach dem Jahre 1000 entstanden. Die deutschen Stämme sind in ihrer Bedeutung im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts überschätzt worden. Der Stellenwert, der ihnen tatsächlich zukommen sollte, bedarf noch der weiteren Untersuchung. Derzeit gilt das „Stammes“-Konzept als historisch ungenau und wird deshalb als Forschungsproblem begriffen.[1] Im völkischen Milieu wird der Begriff in Anlehnung an die Zeit des Nationalsozialismus propagandistisch missbraucht.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsbestimmung

Die „deutschen Stämme“ des Mittelalters werden gegenwärtig eher als „Völker“ aufgefasst, um der Vorstellung einer allzu „primitiven“ Struktur in Politik und Gesellschaft entgegenzuwirken. Damit verbunden ist jedoch das Problem, dass die lateinische Terminologie des Frühmittelalters sich von modernen Übersetzungen in ihrer Bedeutung unterscheidet. Die heutigen deutschen Begriffe „Stamm“, „Nation“ und „Volk“ mit den lateinischen Entsprechungen „gens“, „nation“ und „populus“ waren in ihrer frühmittelalterlichen Ausprägung anders zu verstehen.[2]

Die Liste der sogenannten Altstämme umfasst traditionell sechs „Völker“ oder „Stämme“ :

Stamm Anmerkung
Baiern Die Ethnogenese des Volkstamms der Bajuwaren oder Baiern war erst im frühen Mittelalter abgeschlossen und ist bis heute gänzlich umstritten. Zu einer poltischen Einheit kam es durch die Herrschaft der Agilolfinger, die das Herzogtum Baiern begründeten.
Schwaben Im Hochmittelalter war der südwestdeutsche Raum im Stammesherzogtum Schwaben organisiert. Deren Bewohner waren die Nachkommen der Alamannen, die bereits um das Jahr 500 nach der Schlacht von Zülpich unter den Einfluss des Frankenreichs geraten waren.
Franken Die Franken im Sinne eines deutschen Stammes bilden ein ethnogenetisches Problem.[3] Das reichsbildende Volk der Franken hatte bereits im Hochmittelater seinen Namen an das Gebiet des Stammesherzogtums Franken abgegeben, obwohl dieses Gebiet erst spät „frankisiert“ worden war. Die eigentlichen Kerngebiete der Franken waren zur Zeit des Hochmittelalters im Herzogtum Lothringen organisiert, welches damals wesentlich umfassender war als die heutige französische Region Lothringen, bei der dieser Name vermittels des Nachfolgeherzogtums Oberlothringen schließlich verblieb. In Anlehnung an das kurzlebige hochmittelalterliche Stammesherzogtum Franken hat sich das Zugehörigkeitsgefühl zu den „Franken“ auf die heutige Region Franken eingeengt, wohingegen die Bewohner Hessens (im frühen Mittelalter noch die Chatten), des Rheinlands (Rheinfranken), der Pfalz und des Saarlands sich kaum noch ein wie auch immer geartetes fränkisches Stammesbewußtsein bewahrt haben.
Thüringer Die Thüringer tauchten erstmals Ende des 4. Jahrhunderts auf und besiedelten Teile des heutigen Mitteldeutschlands. Im Jahre 531 wurden die Thüringer von den Franken unterwofen. Im Gegensatz zu anderen deutschen Stämmen entstand bei den Thüringern zu Beginn des 10. Jahrhunderts kein eigenständiges Stammesherzogtum. Erst unter den Ludowingern gelang 1131 eine politische Konsolidierung in Form der Landgrafschaft Thüringen.
Sachsen Die Sachsen, deren Siedlungsgebiete im Mittelalter im heutigen Bundesland Niedersachsen und in Westfalen lagen, sind durch die Eingliederung in das Frankenreich und die Christianisierung erst geeint worden.[4] Im Hochmittelalter war der Volksstamm politisch im Stammesherzogtum Sachsen organisiert.
Friesen Nachdem die Westfriesen bereits unter Karl Martell unter fränkische Herrschaft geraten waren, eroberte sein Enkel Karl der Große im Jahre 785 ganz Friesland. Die Friesen konnten mit Hilfe der ihnen gewährten Friesischen Freiheit im Mittelalter eine Sonderrolle spielen.

Bereits mit der Entmachtung Heinrichs des Löwen im Jahre 1180 setzte der Verfall der Stammesherzogtümer ein, der mit dem Ende der Dynastie der Staufer deutlich wurde. Die spätestens seit der Mitte des 13. Jahrhunderts unverkennbare Territorialisierung des römisch-deutschen Kaiserreichs drängte den Stammesbegriff zunehmend in den Hintergrund, ließ ihn aber nie ganz verschwinden. Insbesondere im bayerischen Herzogtum der Wittelsbacher wurde ein starkes bayerisches Stammesbewußtsein geflegt, welches bis zur Gegenwart im Begriff „Altbayern“ fortlebt. Auch die Schwaben bewießen trotz größter territorialer Zersplitterung ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl in Form des spätmittelalterlichen Schwäbischen Städtebunds oder des frühneuzeitlichen Schwäbischen Bunds. Seit der Reichsreform im Jahre 1495 und der auf den nachfolgenden Reichstagen beschlossenen Einrichtung von Reichskreisen tauchten alte Stammesnamen in deren Bezeichnungen wieder auf, so etwa im Bayerischen Reichskreis, im Schwäbischen Reichkreis, im Fränkischen Reichskreis und im Niedersächsischen Reichskreis.

Noch wesentlich problematischer zu fassen als die deutschen „Altstämme“ ist eine Liste der sogenannten „Neustämme“, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: Märker, Lausitzer, Mecklenburger, Obersachsen, Pommern, Schlesier und Ostpreußen werden in diesem Zusammenhang genannt. Die Österreicher zu erwähnen erscheint hierbei besonders problematisch, da sich die deutschprachigen Gebiete Österreichs sowohl über altes bayerisches als auch in Vorarlberg über altes schwäbisches (oder allemanisches) Stammesgebiet erstrecken. In jüngerer Zeit mag für die Österreicher der Begriff der Österreichischen Nation eine größere Rolle spielen als die Vorstellung einer deutschen Stammeszugehörigkeit. Das Konzept der „Neustämme“ stößt da an seine Grenzen, wo insbesondere zur Zeit des Nationalsozialismus von Auslandsdeutschen die Rede war, zu denen zum Beispiel die Baltendeutschen, die Sudetendeutschen, die Donauschwaben, die Siebenbürger Sachsen und die Wolgadeutschen gerechnet wurden. 1880 hatte Theodor Mommsen in seiner Kampfschrift Auch ein Wort über unser Judentum dafür plädiert, auch die deutschen Juden zu den Stämmen zu rechnen und keinen einzigen deutschen Stamm aus der Einheit Deutschlands auszuschließen.[5] In Folge des Verlusts der Ostgebiete des Deutschen Reiches nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit einhergehenden Vertreibung der bisher dort lebenden deutschen Bevölkerung wurden viele Angehörige der sogenannten „Neustämme“, insbesondere die Ostpreußen, Pommern und Schlesier, über das Gebiet der alten BRD und der DDR verstreut.

Hintergrund

Die Literatur des 19. und frühen 20. Jh. verwendet den Begriff der „deutschen Stämme“ völlig selbstverständlich. Im Jahre 1810 schrieb Johann Gottfried Seume, dass Haß und Spaltung in den deutschen Stämmen herrsche und nur die Einheit das Verderben abwenden könne.[6] Am 28. April 1919 hielt Reichspräsident Friedrich Ebert eine Rede in Stuttgart, bei der er im Blick auf die Tendenz zur Zentralisierung des Deutschen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg folgende Worte fand: „Die Vereinheitlichung des Reiches und die Wahrung der Stammeseigenschaften in unseren deutschen Gauen sind an sich keine Gegensätze. Sie lassen sich sehr wohl vereinen.“[7] Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 begann mit den Worten: Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, ... Carl Erdmann bezeichnete 1935 die Baiern, Schwaben, Franken, Thüringer, Sachsen und Friesen als die deutschen Stämme, die zusammen das deutsche Volk bilden.[8] In seinem Werk Deutschland - Frankreich: die Geburt zweier Völker[9] stellte Carlrichard Brühl 1990 noch immer fest, dass das deutsche Volk eine Summe seiner Stämme sei. Auch der Historiker Hans Kurt Schulze führte 1985 aus, dass das deutsche Volk auf der Grundlage von Stämmen erwachsen sei, die zwar im Laufe des Mittelalters als politisch-organisatorische und rechtliche Verbände an Gewicht verloren hätten, aber trotz großer Wandlungen dennoch als Volksgruppen im Rahmen der deutschen Nation erhalten geblieben seien.[10] Auch die heutige Geschichtswissenschaft bedient sich noch immer des Begriffs der „Deutschen Stämme“. Jeder dieser sogenannten Stämme bildet jedoch einen Sonderfall, der hinsichtlich der Ethnogenese kritisch zu hinterfragen ist.[11]

Einzelbelege und Anmerkungen

  1. Hans-Werner Goetz: Die „Deutschen Stämme“ als Forschungsproblem..., Seite 247
  2. Hans-Werner Goetz: Die „Deutschen Stämme“ als Forschungsproblem..., Seite 231
  3. Hans-Werner Goetz: Die „Deutschen Stämme“ als Forschungsproblem..., Seite 235
  4. Hans-Werner Goetz: Die „Deutschen Stämme“ als Forschungsproblem..., Seite 235
  5. Siehe auch Berliner Antisemitismusstreit.
  6. Johann Gottfried Seume: An das deutsche Volk im Jahre 1810: „... | Haß und Spaltung herrscht in unsern Stämmen, | Einheit nur kann das Verderben hemmen. | ...“
  7. Karl Moersch, Peter Hölzle: Kontrapunkt Baden-Württemberg. DRW Verlag, Leinfelden-Echterdingen 2002, Seite 35
  8. Carl Erdmann: Der Name Deutsch. In: Karl der Große oder Charlemagne? Acht Antworten deutscher Geschichtsforscher. Berlin 1935, Seite 94 bis 105
  9. Carlrichard Brühl: Deutschland - Frankreich: die Geburt zweier Völker 2. verbesserte Auflage, Köln (u.a.) 1995, Seite 262
  10. Hans Kurt Schulze: Grundstrukturen der Verfassung im Mittelalter, Band 1: Stamm, Gefolgschaft, Lehenswesen, Grundherschaft. Urban-Taschenbuch, Stuttgart 1985, Seite 37.
  11. Hans-Werner Goetz: Die „Deutschen Stämme“ als Forschungsproblem..., Seite 238

Literatur

  • Josef Nadler: Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften
    • Bd. 2: Die Neustämme von 1300, die Altstämme 1600-1780, Regensburg, 1913 [1]
    • Bd. 3: Hochblüte der Altstämme bis 1805 und der Neustämme bis 1800, Regensburg, 1918 [2]
  • Reinhard Schmoeckel Bevor es Deutschland gab. Bergisch Gladbach: Lübbe, 2002. - ISBN 3-40464-188-4
  • Hans-Werner Goetz: Die „Deutschen Stämme“ als Forschungsproblem In: Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“ (Herausgegeben von Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer und Dietrich Hakelberg), Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2004

Weblinks

Siehe auch


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