Alveoläre Echinokokkose
Klassifikation nach ICD-10
B67.5 Echinococcus-multilocularis-Infektion [alveoläre Echinokokkose] der Leber
B67.6 Echinococcus-multilocularis-Infektion an mehreren und sonstigen Lokalisationen
B67.7 Echinococcus-multilocularis-Infektion, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Die alveoläre Echinokokkose ist eine seltene und in Europa die gefährlichste Parasitenerkrankung des Menschen. Sie ist in Deutschland meldepflichtig. Sie wird durch das Larvenstadium des Fuchsbandwurms (Echinococcus multilocularis) verursacht und hat meist verheerende Folgen. Im Entwicklungszyklus des Fuchsbandwurmes stellt der Mensch einen Fehlzwischenwirt dar, da die Infektion nicht an den Endwirt weitergegeben wird.

Die zystische Echinokokkose wird hingegen vom Hundebandwurm übertragen

Inhaltsverzeichnis

Verbreitung

Die Anzahl der Übertragungen auf den Menschen ist sehr gering. In ganz Europa sind im Zeitraum von 1982 bis 2000 lediglich 559 Fälle der alveolären Echinokokkose bekannt. In der Schweiz werden z. B. pro Jahr durchschnittlich fünf bis zehn neue Fälle festgestellt, und es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass die Zahl der Fälle zunimmt. Dies steht jedoch im Widerspruch zur hohen Verbreitung der Eier des Echinococcus multilocularis bei Füchsen in den Endemiegebieten. So sind in verschiedenen Regionen der Schweiz 3 % bis über 50 % der Füchse befallen. Das entspricht einer weiten Verbreitung.[1] Die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden können, sind, dass entweder die Übertragung auf den Menschen sehr unwahrscheinlich ist oder die Verbreitung in den letzten Jahren drastisch zugenommen hat und dabei eine enorme Dunkelziffer bei den Infektionen besteht, die wiederum auf der langen Inkubationszeit dieser Erkrankung beruht.

Übertragung

Menschen können sich auf verschiedenen Wegen mit dem Erreger infizieren:

  • durch den Kontakt mit dem Kot infizierter Tiere
  • durch Kontakt mit dem Fell infizierter Tiere
  • theoretisch durch den Verzehr von bodennah wachsenden, rohen und ungewaschenen Beeren, Gemüse oder Pilzen, die mit Eiern des Fuchsbandwurms verschmutzt sind.

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich.

Krankheitsverlauf

Die alveoläre Echinokokkose hat eine sehr lange Inkubationszeit. Von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit können beim Menschen bis zu 15 Jahre vergehen.

Nach der Infektion findet in den Organen eines infizierten Menschen, vornehmlich in Leber, Lunge und Gehirn, eine Finnenentwicklung statt, die das Krankheitsbild der alveolären Echinokokkose hervorruft. Dabei entsteht ein Netzwerk von Röhren in den befallenen Organen. Sie enthalten die Finnen von Echinococcus multilocularis in Form von Anhäufungen mikroskopisch kleiner, von Bindegewebe umschlossenen Bläschen (Alveolen). Man spricht daher von einer alveolären Echinokokkose im Gegensatz zur zystischen Echinokokkose bei Infektion durch den Hundebandwurm. Das Finnengewebe breitet sich wie Metastasen aus, wodurch die betroffenen Organe schleichend, aber weitgehend zerstört werden. Vorzugsweise in der Leber bildet die Larve des Fuchsbandwurms ein tumorähnliches, alveoläres (bläschenartiges) Gewebe. Dieses wächst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien eindringend (infiltrativ) in die benachbarten Organe und metastasiert über das Blut (hämatogen) in entfernte Organe. Das Krankheitsbild entspricht dem eines bösartigen (malignen) Tumors und führt unbehandelt nach schleichendem Verlauf innerhalb von zehn Jahren in über 90 % der Fälle zum Tod.

Symptome

Zu Beginn der Infektion treten kaum Symptome auf, die den Verdacht auf diese Krankheit lenken würden. Selbst nach vielen Jahren treten zunächst nur unspezifische Anzeichen auf:

  • Abgeschlagenheit
  • Bauchbeschwerden
  • Gelbsucht

In diesem Krankheitsstadium hat das Larvengewebe im Körper meist schon eine beträchtliche Größe erreicht.

Diagnose

Die Früherkennung der Infektion ist mit serologischen Untersuchungen (IFT und PHA) realisierbar, bevor irgendwelche Symptome auftreten. Mittels ELISA gelingt in der Regel die serologische Unterscheidung von E. granulosus und E. multilocularis. Kreuzreaktionen auch mit anderen Bandwürmern sind ebenfalls möglich.

Weiterhin werden sowohl für die Diagnose als auch die Verlaufsbeurteilung einer alveolären Echinokokkose bildgebende Verfahren wie die Ultraschalluntersuchung, die Computertomographie und die Magnetresonanztomographie angewendet. Mit diesen Methoden ist allerdings nur eine Verlaufsbeobachtung der Krankheit erheblich zeitversetzt durch aufeinanderfolgende Untersuchungen zur Beurteilung der Größenveränderung parasitärer Schädigungen möglich. Leberschäden sind hingegen durch unterschiedliche Aktivität einzelner Bereiche charakterisiert, die etwa mit Hilfe von [18F]-Fluoro-Desoxyglukose-Positronen-Emissions-Tomographie (FDG-PET) bestimmt werden kann.[2]

Differentialdiagnose

Bei Befall der Leber gilt es andere raumfordernde Rundherde wie vor allem bei einem Amöbenabszess (durch Amöben verursachtes Eitergeschwür) auszuschließen.

Therapie

Eine frühzeitige Diagnose und eine frühe, konsequent durchgeführte, Therapie können zu einer vollständigen Heilung führen.

Therapiemöglichkeiten schließen Chemotherapie, Operation und palliative Maßnahmen (lindernde Behandlung zur Entlastung der Symptome, die aber die Erkrankung nicht heilt) ein; meist ist eine langjährige Behandlung mit Benzimidazol-Derivaten unerlässlich. Dafür sind zurzeit Albendazol und Mebendazol in Deutschland amtlich zugelassen. Diese medikamentöse Therapie ist bislang meist zeitlebens erforderlich, da nach derzeitigem Wissensstand die oben genannten Substanzen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nur parasitostatische Wirkung haben, d. h. sie hemmen nur das Wachstum der Parasiten, führen aber nicht ihr Absterben herbei. Die genannten Medikamente können schwerwiegende Nebenwirkungen haben, weshalb die Benzimidazol-Therapie in etwa zehn Prozent der Fälle abgebrochen wird. Da es in etwa 16 Prozent der Fälle auch noch zu einem Therapieversagen kommt, sind neue therapeutische Ansätze dringend gefragt.

Da bei der alveolären Echinokokkose der Parasitenbefall sehr oft erst Jahre nach der Infektion festgestellt wird, besteht bei vielen Patienten bereits bei Erstdiagnose Inoperabilität. Hier kann nur eine langjährige Behandlung die fortschreitende Verschlimmerung der Erkrankung und weitreichende Organschäden verhindern.

Mit FDG-PET wird eine verbesserte Verlaufskontrolle möglich, da die parasitäre Aktivität jederzeit bestimmt werden kann. Dies ermöglicht es, bei ca. 25 % der Patienten die Benzimidazol-Therapie zeitweilig oder dauerhaft zu unterbrechen.

Vorbeugung

Wie der Erreger auf den Menschen übertragen wird, ist nicht eindeutig geklärt. Die Hauptzahl der Fälle wurde bei Personen beobachtet, die entweder beruflich oder privat mit Landwirtschaft und Waldbau zu tun hatten. In 70 % der gemeldeten Fälle sind Hunde- oder Katzenbesitzer betroffen. Es wird daher davon ausgegangen, dass bei den meisten Fällen erst eine Dauerexposition zur Infektion führen kann und keine einmalige Aufnahme der Bandwurmeier.

Früchten und Beeren aus Bodennähe (weniger als 60 bis 80 cm über dem Boden) oder Pilzen können möglicherweise Bandwurmeier anhaften. Jedoch wurde bei Risikostudien kein Zusammenhang zwischen dem erhöhten Verzehr von Beeren oder Pilzen und erhöhten Infektionsraten festgestellt. So meint der Molekularbiologe und Fuchsbandwurm-Experte Klaus Brehm von der Universität Würzburg wörtlich: „Dass man sich von Beeren den Fuchsbandwurm holen kann, gehört ins Reich der Legenden. Es ist für keinen einzigen Patienten erwiesen, dass er sich so angesteckt hat.“ Bisweilen wird aber immer noch empfohlen, bodennah gesammelte Früchte und Beeren niemals ungewaschen zu essen. Tiefgefrieren der Früchte soll nach traditioneller Sicht nicht ausreichen, da die Eier erst bei −80 °C absterben; die Früchte sollten, wenn die Möglichkeit besteht, gekocht werden.

Beim Umgang mit mäusefangenden Haustieren, wie Hunden oder Katzen, ist Hygiene der beste Infektionsschutz für den Menschen. Hiervon geht vermutlich das größte Infektionsrisiko aus, da in 70 % der 559 zwischen 1982 und 2000 untersuchten Fälle Katzen- oder Hundehalter betroffen waren. Nach der Berührung des Fells mit den Händen, zum Beispiel durch Streicheln, sollten diese nicht ungewaschen zum Mund geführt werden, insbesondere wenn das Fell in der Afterregion berührt wurde. Hunde und Katzen, die in der Nähe von Fuchs-Populationen gehalten werden, sollten regelmäßig entwurmt werden. [3]

Auch vom Kot eines vom Fuchsbandwurm befallenen Tieres geht eine Gefahr aus, da darin befindliche Bandwurmeier einerseits per Kontaktinfektion bzw. Schmierinfektion zunächst vielleicht z. B. auf Haustiere und dann auf den Menschen übertragen werden können. Der trockene Tierkot könnte andererseits unbemerkt eingeatmet werden und damit auch die in ihm befindlichen Bandwurmeier. Diese sind sehr umweltresistent und bleiben in der Natur auch bei extremen Temperaturen bis zu 190 Tage lebensfähig. Lediglich große, trockene Hitze kann den Bandwurmeiern schaden, bei über 60 °C werden sie abgetötet.

Einzelnachweise

  1. Fuchsbandwurm - Alveoläre Echinokokkose; Merkblatt für HundebesitzerInnen (PDF). Archiviert vom Original am 18. Dezember 2004. Abgerufen am 25. September 2010.
  2. S. Reuter u.a.: Pericystic Metabolic Activity in Alveolar Echinococcosis: Assessment and Follow-Up by Positron Emission Tomography. In: Clin. Inf. Dis. 29, 1999, S. 1157–1163.
  3. wissenschaft.de: Heidelbeeren, Bärlauch und Hund: Wo der Fuchsbandwurm wirklich lauert. Vom 30. Mai 2007

Weblinks

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