Alwine Wuthenow
Alwine Wuthenow im Alter von 80 Jahren

Alwine Wuthenow, geb. Balthasar (* 16. September 1820 in Neuenkirchen (bei Greifswald); † 8. Januar 1908 in Greifswald) war eine plattdeutsche Dichterin, die unter dem Pseudonym Annmariek Schulten schrieb.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Leistungen

Alwine Wuthenows Vater Johann Carl Balthasar (* 2. August 1784; † 29. April 1853) stammte in vierter Generation von Jacob Balthasar, einem Bruder des damaligen Generalsuperintendenten von Pommern, Augustin Balthasar (1632-1688) sowie des damaligen Greifswalder Bürgermeisters Heinrich Balthasar (1626?-1670) ab. Der Vater war seit 1819 Pfarrer in Neuenkirchen, wurde 1824 nach Gützkow versetzt und war ab 1844 Superintendent.

Alwine Wuthenows Mutter Ida Johanna Dorothea Otto (* 30. April 1789; † 23. April 1826) war die Tochter des Pfarrers Daniel Christoph Gerhard Otto († 1807) und der Dorothea Ida von Hagenow (* 10. November 1763; † 7. Juni 1844), der Jugendliebe[1] von Kosegarten.

Zweites von Reuter veröffentlichtes Gedicht von A.W. im "Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern" vom 24. Juni 1855

Eine furchtbare seelische Erregung, die Alwinens Mutter kurz vor deren Geburt durchzumachen hatte, waren wohl die Ursache für die psychischen Probleme[2], mit denen Alwine fast ihr ganzes Leben lang immer wieder zu kämpfen hatte. Schon als Kind zeigten sich bei ihr Zeichen einer Geisteskrankheit, die sie mehrfach zu Aufenthalten in Nervenheilanstalten zwangen.

Um das begabte Mädchen zu fördern, schickten seine Eltern es von 1833 bis 1835 in Pension zu dem Greifswalder Professor Hornschuch.

Sie war seit 1843 verheiratet mit dem Juristen Ferdinand Wuthenow, der zunächst Bürgermeister von Gützkow war, später nach Greifswald versetzt wurde. Das Paar hatte fünf Kinder.

Wegen ihrer schwachen Gesundheit musste Wuthenow von 1853 bis 1874 im St. Katharinenstift in Rostock leben; in dieser Zeit entstanden die meisten ihrer Gedichte. Später lebte sie wieder im Kreis ihrer Familie.

1855 und 1856 veröffentlichte Fritz Reuter erste Gedichte von Alwine Wuthenow in seinem Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern[3]. Später war er der Herausgeber ihrer eigenständigen Gedichtbände. Auch mit Klaus Groth stand Alwine Wuthenow von 1857 bis 1861 in regem Briefverkehr; die erhaltenen zehn Briefe wurden im Jahre 2006 veröffentlicht.

Im April 1862 begab sich die Kranke mit finanzieller Unterstützung von Amalie Gräfin zu Solms in die Heilanstalt Winnental. In Stuttgart traf sie bei einem Hausbesuch auf Eduard Mörike, der sie als "im Gespräch höchst lebendig, doch nicht exaltiert und wahrhaft bescheiden"[4] schildert. Im Juli 1867 kehrte Alwine versuchsweise zu ihrer Familie nach Greifswald zurück.

Werke

  • En por Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren (hdt. Ein paar Blumen aus Annemarie Schultens Garten), 1858. [Neue Ausg., hrsg. von Fritz Reuter: 1860. - Nachdruck: BS-Verlag, Rostock 2005. ISBN 3-89954-083-2]
  • Nige Blomen ut Annemariek Schulten ehren Goren (hdt. Neue Blumen aus Annemariek Schultens Garten), 1861.
  • Hochdeutsche Gedichte, 1862.
  • Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren hrsg. von Marx Möller: 1896. [Nachdruck: BS-Verlag, Rostock 2008. ISBN 978-3-86785-035-3]

Wertung

Schon der ganz ungewöhnliche, fast beispiellose Ursprung würde diese Gedichte als psychologische Probleme im hohen Grade interessant machen. Allein dies Interesse steigert sich, wenn wir statt der unklaren Traumgestalten oder der Ausbrüche wilder Verzweiflung, die wir hier etwa erwarten, vielmehr dem größern Teile nach Dichtungen finden von dem zartesten, bescheidensten und zugleich gesundesten Charakter.

Ich las wirklich zum ersten Male ein plattdeutsches Buch mit Vergnügen, der Geist in dem es geschrieben wie die Form in die er sich gekleidet, sind ansprechend, sind anmuthig. Die Frau schreibt einfach wie ihr um's Herz ist, und schreibt das so treuherzig, wie man es nur im heimlichen Stübchen der Mutter, dem Liebsten, dem Kindchen oder dem Vater dort oben aussprechen kann, es ist immer wie Kosen oder Gebet, oft auch das herzliche Lachen oder Weinen wie es das vertraute Ohr gewohnt ist. Sie künstelt sich nirgends erst einen Geist oder ein Gefühl oder eine Stimmung an, weder eine hohe noch eine rohe, um dann dafür mühsam Worte und Reime zu suchen, aber sie hat Geist und Gefühl und spricht sie aus oft tief erschütternd.

Fritz Reuter hat ihre plattdeutschen Poesien herausgegeben, welche viel Liebliches enthalten.

  • Edmund Lange 1898[8]:

In ihrer heimatlichen Mundart ist Alwine Wuthenow zweifellos eine echte Dichterin; außer Klaus Groth übertrifft sie kein plattdeutscher Dichter an echt lyrischer Begabung.

  • K. Albrecht 1921[9]:

... eine Dichterin, die als eine der ersten gezeigt hat, daß auch das pommersche Platt für tieferen Schmerz und erquickenden Humor die passenden Ausdrücke und Formen besitzt.

Alwine Wuthenow findet für das, was ihren Geist und ihre Seele bewegt, in Lust und Scherz, in ihren Betrachrungen über Natur, Freundschaft und Liebe immer wieder die passenden, zumeist schlichten und tiefen Töne, und vor allem auch eine feine und gewinnende Form. Trotz aller Schalkhaftigkeit und allen feinen Humors überwiegt aber in ihren Werken doch ein tiefer, froher, sieghafter Ernst, der auf einem starken Gottvertrauen gegründet ist. Ihr krankes Herz kann nicht hell aufjubeln. Immer wieder wird es von einer brennenden Sehnsucht nach der Heimat, nach den Angehörigen gepackt ...

  • Otto Altenburg 1934[11]:

... an echt lyrischer Begabung übertrifft sie, Klaus Groth ausgenommen, kein plattdeutscher Dichter; unter den niederdeutschen Dichterinnen vollends steht sie ziemlich einzig da. ... Alwine Wuthenow gehört in die ersten Reihen der pommerschen Dichter.

  • Walter Schmidt-Gruse 1935[12]:

... die größte lyrische Dichterin unserer plattdeutschen Muttersprache.

Alwine Wuthenow's Gedichte gehören zum besten Bestand niederdeutscher Lyrik.

  • Franz Schüppen 1993[14]:

Eine in Gesinnung und Tendenz ganz ungewähnliche Dichterin mit ganz ungewöhnlichem Schicksal, ungewöhnlicher Sensibilität und bemerkenswertem Werk ...

Gedichtvertonungen

Annemariek Schulten

Gedichte in Anthologien

Grabstätte von Alwine und Ferdinand Wuthenow auf dem Neuen Friedhof in Greifswald
  • Auswahl deutscher Gedichte für gelehrte Schulen, von Dr. Theodor Echtermeyer. Hgg. v. August Eckstein, Halle 1863
  • Fritz Wischer: Aus dem plattdeutschen Dichterwald. Kiel: Cordes (1902), S. 227-239.
  • Albrecht Janssen und Johannes Schräpel: Hausbuch niederdeutscher Lyrik. München: Callwey 1926.
  • Conrad Borchling u. Hermann Quistorf: Tausend Jahre Plattdeutsch. Hamburg 1927, S. 290-291.
  • Walter Schröder: Plattdeutsche Lyrik. Stettin: Fischer & Schmidt (1930), S. 196-204.
  • Hans Friedrich Rosenfeld[20]: 500 Jahre Plattdeutsch in Greifswald. Rostock: Hinstorff 1956, S. 23-32.
  • Hans Joachim Gernentz: Niederdeutsch - gestern und heute. Rostock: Hinstorff 1980, S. 295.
  • Jürgen Grambow u. Wolfgang Müns: Ick weit en Land... Rostock: Hinstorff 1984, S. 108-120.

Literatur

  • Karl Theodor Gaedertz: Fritz Reuter und Annmariek Schulten. In: Deutsche Revue über das gesamte nationale Leben der Gegenwart 13 (1888), S. 31-73, Breslau: Trewendt.
  • Otto Altenburg: Alwine Wuthenow. In: Pommersche Lebensbilder I, Stettin 1934, S. 197-207.
  • Fritz Raeck: Pommersche Literatur. Proben und Daten. Pommerscher Zentralverband, Hamburg 1969, S. 364.
  • Franz Schüppen: Lyrik des bürgerlichen Realismus aus Vorpommern. In: Quickborn 82 (1992), S. 248-267 und 83 (1993), S. 13-31, ISSN 0170-7558
  • Reinhard Rösler: "... es waren die besten Sachen, die im Unterhaltungsblatt gestanden haben" – Alwine Wuthenow und ihre Gedichte. In: Beiträge der Fritz Reuter Gesellschaft Band 14, Rostock 2004, S. 33–49. ISBN 3-356-01042-5.
  • Ulf Bichel: Wertung des Niederdeutschen im Briefwechsel zwischen Alwine Wuthenow und Klaus Groth. In: Jahresgabe der Klaus-Groth-Gesellschaft, Band 47, Heide 2005, S. 13–23. ISBN 3-8042-0968-8.
  • Eberhard Schmidt (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Alwine Wuthenow und Klaus Groth. Büro + Service Verlag Angelika Bruhn, Rostock 2006. ISBN 978-3-89954-244-8.

Weblinks

Fußnoten

  1. vgl. H. Franck: Gotthard Ludwig Kosegarten. Halle 1887, S. 95-105
  2. erstmals vermutet von Edmund Lange in: Die Grenzboten 1898, nachgedruckt in: Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren. Rostock 2008, ISBN 978-3-86785-035-3
  3. Reprint Rostock: Hinstorff 1989, S. 48, 52, 56, 60, 108, 112, 143f., 152 und 159 des Jahres 1855; S. 4 und 22f. des Jahres 1856. ISBN 3-356-00248-1
  4. Eduard Mörike: Werke und Briefe. Bd.18, S. 121. Stuttgart: Klett-Cotta 2006. ISBN 3-608-33180-8
  5. Deutsches Museum. Brockhaus, Leipzig 1857, S. 698f.
  6. Briefe über Hochdeutsch und Plattdeutsch. Kiel 1858, S. 145f.
  7. Brief Mörikes vom 14. Januar 1866 an Familie Hartlaub
  8. Die Grenzboten. Leipzig 1898, S. 526-532
  9. Unser Pommerland. Stettin 1921, S. 374f.
  10. Plattdeutsche Lyrik mit besonderer Beziehung auf Pommern. Stettin 1930, S. 11
  11. Pommersche Lebensbilder Band I. Saunier, Stettin 1934, S. 197 u. 207
  12. Unser Pommerland. Stettin 1935, S. 275
  13. Ick weit en Land. Niederdeutsche Gedichte und Reimschwänke aus Mecklenburg/Vorpommern. Hinstorff, Rostock 1984, S. 288
  14. Quickborn. Zeitschrift für plattdeutsche Sprache und Dichtung. Hamburg 1993, S. 28
  15. Pommernsang. Stettin 1926, S. 100
  16. Pommernsang, S.36
  17. Unser Pommerland. Jg. 10 (1925), S. 101
  18. Pommernsang, S.99.
  19. Unser Pommerland. Jg. 9 (1924), S.281.
  20. Hans-Friedrich Rosenfeld war 1956 Direktor des Nordischen Instituts der Universität Greifswald

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