Am-Wind-Kurs
Kurse zum Wind (Segeln)

Beim Segeln unterscheidet man die Kurse zum Wind nach dem Einfallswinkel des scheinbaren Windes[1] in Bezug auf die Längsachse eines Segelfahrzeugs. Kurse zum Wind stellen keine Kurse im Sinne der deutschen DIN-Norm 13312 über Navigation dar.

„Scheinbarer Wind“ bezeichnet dabei den an Bord wahrgenommenen Wind, der sich aus dem Zusammenwirken von „wahrem“, atmosphärischem Wind und Fahrtwind ergibt. Der scheinbare Wind wird auch Bordwind genannt, seine Richtung wird vom Verklicker an der Mastspitze des Bootes angezeigt. Je nach Kurs zum Wind unterscheiden sich die Stellung der Segel und ihr Trimm.

Inhaltsverzeichnis

Am Wind

Am Wind (auch beim Wind) bezeichnet beim Segeln einen Kurs, bei dem der Einfallswinkel des scheinbaren Windes weniger als 90° beträgt. Der kleinste noch segelbare Winkel wird hoch am Wind oder hart am Wind genannt. Bei Rahseglern liegt er im Bereich von 80° bis 90°, bei modernen slupgetakelten Yachten etwa bei 30° bis 45°. Voll und bei heißt demgegenüber der schnellste Kurs nach Luv, bei dem der Steuermann - statt Höhe zu kneifen - etwas abfällt und auf einen vollen Stand der Segel achtet.

Auf einem Am-Wind-Kurs wird der Vortrieb ausschließlich durch Strömung am Segel erzeugt, ähnlich wie bei einer Tragfläche am Flugzeug. Dazu werden die Segel dichtgeholt, also zur Mitte des Schiffes bewegt, und flach getrimmt. Rahsegler können kaum am Wind fahren, da sie ihren Vortrieb hauptsächlich aus Winddruck im Segel beziehen.

Im Wind

Wird der höchstmöglich segelbare Winkel zum Wind unterschritten, wird kein Vortrieb mehr erzeugt. Das Boot steht dann im Wind, und die Segel killen. Ein Ziel, das in diesem Wind-Sektor liegt, kann nur durch Kreuzen angelaufen werden. Die als Wendewinkel bezeichnete Größe des nicht segelbaren Wind-Sektors ist ein Maß für die Kreuzeigenschaften eines Segelschiffs.

Das Segelmanöver, bei dem der Bug des Schiffs zum Aufstoppen in den Wind gedreht wird, wird als Aufschießer bezeichnet.

Halber Wind

Halber Wind bezeichnet einen Kurs, bei dem ein Windanzeiger an Bord ungefähr rechtwinklig ausweht, der scheinbare Wind also mit ungefähr 90° einfällt. Die Segel werden im Vergleich zum Am-Wind-Kurs etwas geöffnet („die Schoten gefiert″). Während auf einem Halbwindkurs nach wie vor der größte Teil des Vortriebs durch Strömung am Segel hervorgerufen wird, ist ein weiterer Teil auch auf Winddruck auf das Segel zurückzuführen.

Raumschots

Auf einem Raumschots- oder Raumwindkurs fällt der scheinbare Wind „schräg von hinten kommend“, seemännisch ausgedrückt: achterlicher als querab, ein; man bezeichnet den Wind auf Raumschotskursen auch als Backstagsbrise. Der Vortrieb wird durch eine noch offenere Segelstellung und einen etwas bauchigeren Segeltrimm optimiert.

Nach Auffassung einiger Autoren wird jeder Wind als „raum“ bezeichnet, der zwischen Amwindkurs und Vorwindkurs liegt; dementsprechend betrachten sie halben Wind nur als Spezialfall raumen Winds.

Vor dem Wind

Schmetterlingssegeln auf Vorwindkurs

Vor dem Wind heißt ein Kurs, bei dem der scheinbare Wind von achtern, also genau von hinten, einfällt. Hierbei haben Fahrzeug und wahrer Wind (und somit auch der scheinbare Wind) die gleiche Richtung. Auf diesem Kurs wird der Vortrieb ausschließlich durch Winddruck und nicht mehr durch Strömung am Segel erzeugt.

Slupgetakelte Boote werden bei Fahrt vor dem Wind in ihrem Kursverhalten oft instabil und drohen „aus dem Ruder zu laufen“, so dass es leicht zu einer unbeabsichtigten Halse kommen kann, einer sogenannten Patent- oder Klapphalse. Um diese zu verhindern, kann ein Bullenstander gesetzt werden. Um zu vermeiden, dass das Vorsegel einfällt, weil es im Windschatten des Großsegels steht, kann es ausgebaumt werden, z. B. mit einem Spinnakerbaum. Erfolgt das Ausbaumen auf der dem Großsegel gegenüberliegenden Seite, wird diese Art des Segelns auch als Schmetterlingssegeln bezeichnet.

Unter normaler Besegelung sind vor allem Katamarane, aber auch Yachten und Jollen in der Regel schneller, wenn sie vor dem Wind kreuzen, also auf wechselnden Raumschotskursen fahren. Um achterlichen Winden möglichst viel Angriffsfläche zu bieten, werden auf Raumschots- und Vorwindkursen oft große, bauchige Spezialsegel, wie z. B. Spinnaker oder Gennaker, eingesetzt.

Weitere Abhängigkeiten

Auf welchem Kurs zum Wind Segelfahrzeuge am günstigsten segeln bzw. ihre höchste Geschwindigkeit erreichen, lässt sich nicht verallgemeinern, da dies nicht nur von der Schiffskonstruktion und der spezifischen Rumpfgeschwindigkeit abhängt, sondern z. B. auch von Art und Umfang der Besegelung, der jeweiligen Windgeschwindigkeit und dem aktuell vorherrschenden Wellengang. So sind beispielsweise rahgetakelte Großsegler, wie die früheren Handelssegelschiffe, durch ihre Bauart für Kurse prädestiniert, auf denen mäßiger Wind fast schon achterlich einfällt. Rennyachten können dagegen durchaus bei starken vorlichen Winden ihre höchste Geschwindigkeit erreichen, wenn sie dabei nicht durch hohen Seegang behindert werden. Sie sind dort schneller als selbst auf einem Vorwindkurs, bei dem die Segelfläche durch riesige Spinnaker enorm vergrößert wird.

Viele Fahrtenyachten erreichen mit ihrer Standardbesegelung (Großsegel und Genua) bei mäßigem, rechtwinklig oder leicht achterlich einfallendem Wind ihr Optimum, bei dem die Segel noch voll gesetzt werden können und das Boot nicht übermäßig krängt (sich nach Lee neigt). Auf diesem Kurs ist zudem die Abdrift noch moderat, die das Boot gegenüber dem Steuerkurs in Windrichtung versetzt. Segler auf Jollen nehmen demgegenüber selbst eine höhere Abdrift in Kauf, um das Boot von der Verdrängerfahrt ins Gleiten zu bekommen. Durch den dabei verringerten Wasserwiderstand erreichen sie einen sprunghaft eintretenden Geschwindigkeitszuwachs.

Literatur

  • Seemannschaft. Handbuch für den Yachtsport. Herausgegeben vom Deutschen Hochseesportverband „Hansa“ e. V. Bielefeld: Delius Klasing, 27. Auflage 2005. ISBN 3-7688-0523-9
  • Denk, Roland: Das große Handbuch des Segelns. München, Wien, Zürich 1981 (BLV)

Fußnote

  1. Nach Auffassung einiger Autoren (z. B. Roland Denk) sind die Kursbezeichnungen nicht auf den scheinbaren, sondern auf den wahren Wind zu beziehen. Diese aus der Segeltheorie abgeleitete Forderung hat sich jedoch, wohl aus praktischen Gründen, weder im Alltagsgebrauch noch in der Fachliteratur durchgesetzt. Die übliche Auffassung der Kurse zum Wind hat jedoch zur Folge, dass parallel laufende Segelfahrzeuge nicht in jedem Falle denselben Kurs zum Wind fahren. Auf den wahren Wind werden die Kurse zum Wind beim Eissegeln bezogen.

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