Amanduskirche Freiberg am Neckar
Amanduskirche

Die protestantische Amanduskirche in Freiberg am Neckar ist eine spätgotische ehemalige dörfliche Wehrkirche. Neben der Stiftskirche in Bad Urach ist sie die einzige Kirche dieses Namens in Baden-Württemberg.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Mittelalterlicher Taufstein

Die älteste Erwähnung einer Kirche am selben Platz datiert von 844. 1338 und 1486 wurde Maria als Patronin des Altars erwähnt. Die Grundmauern des wuchtigen Chorturms stammen bereits aus der spätromanischen oder frühgotischen Zeit. Der Chor, der Chorturm mit seinen Schießscharten und der älteste Teil des Kirchenschiffes sind vermutlich nicht vor 1450 entstanden, trotz der frühgotischen Anmutung des Chorbogens. Die Stilepochen auf dem Lande sind oft verspätet gegenüber denen der kulturellen Hauptorte der Region. Laut Grundstein an der Südwand wird auf Veranlassung des von hier stammenden Mainzer Domherren Peter Nothaft im Jahre 1500 eine heute nicht mehr erhaltene Kapelle angebaut. Ebenfalls in der spätgotischen Zeit entstehen die Maßwerkfenster im Chor sowie der ausdrucksvolle Kruzifixus auf dem Altar.

Eingang zur Sakristei mit Renaissance-Bemalung

1590 wird das auch heute noch genutzte Pfarrhaus hinter der Nordseite der Kirche erbaut. 1596 wird der Chor in Gänze mit Wandbildern durch den Künstler Jörg Herzog aus Markgröningen ausgemalt. Auch das Schiff erhält um diese Zeit seine Ausmalung. 1597 und 1607 wird durch Pestepidemien der Kirchhof zu klein, um die Toten aufzunehmen. Deshalb entsteht 1610 der heute noch genutzte Friedhof im Osten der Kirche. 1620 wird der Bau um ein südliches Querschiff mit einer großen Empore erweitert, vermutlich zu Lasten der 1500 erbauten Kapelle. Zur gleichen Zeit entsteht der Rundturm an der Südseite, als Treppenaufgang für die Beihinger Grundherren. In den Kriegen des 17. Jahrhunderts, dem Dreißigjährigen Krieg und dem pfälzischen Erbfolgekrieg, verliert die Kirche ihre Fenster, ihr Gestühl, die Kanzel sowie die 1631 angeschafften Glocken.

In der daran anschließenden Zeit werden diese Verluste wettgemacht und die Kirche weiter ausgebaut. 1699 entsteht der Schalldeckel, anschließend, nach Ludwigsburger Vorbildern aus dieser Zeit, die Kanzel darunter. Im selben Jahr wird erstmals eine Orgel in die Kirche eingebaut. Das Südschiff erhält 1703 seine Stuckdecke. 1706 werden die Glocken ersetzt. 1737 macht die gestiegene Einwohnerzahl der Gemeinde einen weiteren Ausbau erforderlich: Die große hölzerne Nordempore für die Männer der Gemeinde wird errichtet, mit einem eigens dafür geschaffenen Außenaufgang samt steinernem Portal.

Im 18. Jahrhundert erhält die Kirche eine Ausschmückung im Rokoko-Stil: Die gotische Decke, die Fenster- und Türleibungen und der Pfarrstuhl werden mit Bandelwerk bemalt. Derselbe Künstler, Hans Stiegler, malt auch die Ölbilder an den Emporenbrüstungen. 1766 erhält die Kirche die Orgel, deren Prospekt bis heute erhalten geblieben ist.

1958 findet eine grundlegende Restaurierung der Kirche statt. Bei dieser Gelegenheit werden im Mittelalter und um 1600 entstandene und später übertünchte Ausmalungen entdeckt. Zum großen Teil können sie in den darauf folgenden Jahren wiederhergestellt werden. Der zu kleine Altar vor der Orgel wird 1960 durch einen steinernen Altartisch ersetzt; auf ihm findet das gotische Kruzifix seinen Platz. 1981 wird, unter Beibehaltung des Gehäuses von 1766, der Klangkörper der Orgel erneuert.

Bau

Blick vom hinteren Teil der Empore durch Hauptschiff und Chor

Durch die verschiedenen Erweiterungen und Einbauten wirkt die Kirche verwinkelt, lebhaft und kontrastreich. Der massige, strenge gotische Chorturm steht in eigentümlichen Kontrast zum Kirchenhaus, das mit seinem angebauten südlichen Schiff und noch mehr durch den daran sich anschließenden halbrunden Treppenhaus-Anbau eher den heiteren Eindruck eines Renaissance-Palais vermittelt. Dennoch wirkt der Gesamtbau in sich harmonisch. Zierelemente, die sich an den verschiedenen Gebäudeteilen wiederholen, beispielsweise die Gestaltung der Fenster, der Sichtsteine an den Gebäudekanten, sowie rundum laufende Stockwerksabsätze verdeutlichen, dass es sich um ein zusammengehörendes Ganzes handelt. Die hellweiße Außenfarbe sowie seine exponierte Lage tun ein Übriges, um den Bau hervor zu heben und gleichzeitig einen ganzheitlichen Eindruck zu vermitteln.

Im Inneren fallen beim Eintreten als erstes die im Verhältnis zur Raumgröße außergewöhnlich großen Emporen auf. Es entsteht fast der Eindruck eines zweiten Raumgeschosses. Im Gegensatz dazu ist der Chor ein klassischer Turmchor, wie man ihn in vielen Kirchen in Süddeutschland findet. Ein im Vergleich zur Breite des Schiffs deutlich schmalerer gotischer Chorbogen trennt den Chor vom Hauptschiff. Auch das südliche Seitenschiff ist deutlich vom übrigen Raum abgetrennt. Eine runde, mit farbigem Gips verputzte Säule zwischen zwei großen Rundbögen trägt die Deckenlast zwischen Haupt- und Seitenschiff. Die Sicht zum Chor und damit zum Altar ist auf einigen Plätzen im Seitenschiff behindert.

Von fast allen Plätzen aus sehr gut zu sehen ist die reich verzierte barocke Predigtkanzel mit ihrem Schalldeckel.

Ausmalung

An der Westwand der Kirche fällt ein großes, buntes mittelalterliches Fresko auf, das eine Auferstehungsszene zeigt. Es wurde bei der Restaurierung 1958 aufgedeckt.

Die Grundbemalung der Kassettendecke sowie der beiden Querbalken stammt ebenfalls aus dem Mittelalter. Sie ist unter Hans Stieglers Bandelwerk-Übermalung aus dem Rokoko noch erkennbar. Anlässlich dieser Ausmalung wurde auch die Verzierung mit goldenen Halbkugeln in die Felder der Decke eingebracht.

Auffälligstes Ergebnis dieser Verschönerung sind jedoch Stieglers Ölbilder, die die gesamte Länge der Emporenbrüstungen bedecken. Sie zeigen auf der Adelsempore im Süden Christus, die 12 Apostel und die vier Evangelisten. Auf der Männerempore wird fortlaufend von der West- zur Nordseite die biblische Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zum jüngsten Gericht sowie die Dreieinigkeit dargestellt.

Die Renaissance-Ausmalung von Jörg Herzog im Chor zeigt über dem Sakristei-Eingang die Erschaffung des Menschen im Paradies sowie die Geschichte von Kain und Abel. Links des östlichen Chorfensters ist Moses mit den 10 Geboten zu sehen, rechts des Fensters sein Bruder Aaron. Die Darstellung der Erschaffung der Welt chorseitig über dem Chorbogen war wegen früherer Arbeiten nicht mehr restaurierbar.

Orgel

Die Orgel

Die 1766 feierlich eingeweihte Orgel stammt von dem angesehenen Orgelbaumeister Johannes Weinmar aus Bondorf. Sie ist geschmückt mit den Figuren musizierender Engel sowie mit reichlich vergoldetem Rankenwerk. Ursprünglich stand sie auf einer eigens angefertigten Empore. Letztere entfiel aber bei einer Renovierung der Orgel im Jahr 1898. Bei jener Revonierung wurde auch das Klangwerk durch ein dem damaligen Zeitgeschmack entsprechendes ersetzt. Bei der zweiten Renovierung 1981 wurde wiederum ein neues Klangwerk eingesetzt, das dem ursprünglichen barocken Vorbild möglichst nahe kommen soll.

Die Orgel verfügt über insgesamt 21 Register, verteilt auf Hauptwerk, Positiv und Pedal.

Grabmäler und Epitaphien

Die Amanduskirche diente nicht nur als Dorfkirche, sondern auch als Repräsentationsort und Grablege der örtlichen Herrscherhäuser. Davon zeugen an der südlichen Ostwand die beiden Grabmäler von Bernhard († 1467) und Werner († 1492) Nothaft, beide Angehörige der Ritterfamilie Nothaft. Daneben befindet sich, die ganze Höhe der Wand einnehmend, das farbenprächtige und reich verzierte Rokoko-Grabmal von Ludwig von Gemmingen († 1771).

Im Chor finden sich eine ganze Reihe von teils wegen der bildhauerischen Gestaltung, teils wegen der Farbgebung beachtlichen Grabstätten und Epitaphien. Sie erinnern an Mitglieder der Adelsfamilien Hallweil, Freyberg, Stammheim, Sachsenheim und Breitenbach aus der Renaissancezeit. Die zugemauerte Grablege dieser Familien befindet sich unter dem Chor.

Literatur

  • Amanduskirche Freiberg am Neckar, Kirchenführer. erhältlich bei der Kirchengemeinde. 
  • Friedrich Winter: Amanduskirche Beihingen. Die Chronik einer Kirche zwischen Herrschaft und Bürgerschaft. Memminger, Freiberg am Neckar 2001, ISBN 3-9807733-0-2. 

Weblinks

Internetauftritt der Amandus-Kirchengemeinde

48.93759.2057Koordinaten: 48° 56′ 15″ N, 9° 12′ 18″ O


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