Amazing Grace

Amazing Grace (Deutsch: „Erstaunliche Gnade“) ist ein englischsprachiges geistliches Lied, das zu den beliebtesten Kirchenliedern der Welt zählt. 1972 kam es in einer Version der Royal Scots Dragoon Guards an die Spitze der britischen Charts.

Amazing Grace, Jazz Version mit Gesang. USAF Band Ensemble
„Amazing Grace“ nach Southern Harmony, 1835

Inhaltsverzeichnis

Melodie

Amazing Grace, Orgel

Die heute weltweit bekannte Melodie, die sog. New Britain, tauchte erstmals in einem Gesangbuch von 1831 namens Virginia Harmony auf. Sie ist pentatonisch und soll ursprünglich auf amerikanische oder englische Wurzeln zurückgehen, wird aber auch James P. Carrell und David S. Clayton zugeschrieben. Der ursprünglich zur Melodie gesungene Originaltext ist heute verloren. Der heute üblicherweise gesungene Text von John Newton wird gelegentlich auch mit einer anderen Melodie gesungen, der 1958 in Kentucky entstandenen Old Regular Baptist.

In ihrer Nachwirkung besonders bedeutsam ist die Harmonisierung, wie sie im Gesangbuch Southern Harmony von 1835 geboten wird. Die für dieses Hymnenbuch charakteristische Setzweise, in der die Hauptmelodie in der Mittelstimme liegt und von jeweils einer darüber bzw. darunter liegenden, leiser gesungenen Stimme begleitet wird, findet sich in US-amerikanischer Musik für Vokaltrios bis auf den heutigen Tag und ist in Europa besonders bekannt durch den Stil der Andrews Sisters.

Text

In dem erstmals 1779 in den Olney-Hymnen veröffentlichten Text erzählt John Newton von seiner Bekehrung zum Christentum. Er lehnt sich lose an mehrere Bibelstellen an, genannt werden u.a. die Beschreibung von Gottes Gnade in Eph 2,8 EU und die Heilung des Blinden nach Joh 9,25 EU.

John Henry Newton, Jr.
Original Übersetzung
Amazing grace, how sweet the sound,
That saved a wretch like me!
I once was lost, but now I am found,
Was blind, but now I see.
Unglaubliche Gnade, wie süß der Klang,
Die einen armen Sünder wie mich errettete!
Ich war einst verloren, aber nun bin ich gefunden,
War blind, aber nun sehe ich.
'Twas grace that taught my heart to fear,
And grace my fears relieved;
How precious did that grace appear,
The hour I first believed!
Es war Gnade, die mein Herz Furcht lehrte,
Und Gnade löste meine Ängste;
Wie kostbar erschien diese Gnade
Zu der Stunde, als ich erstmals glaubte!
Through many dangers, toils and snares,
I have already come;
'Twas grace has brought me safe thus far,
And grace will lead me home.
Durch viele Gefahren, Mühen und Schlingen
Bin ich bereits gekommen;
Es ist Gnade, die mich sicher so weit brachte,
Und Gnade wird mich heim geleiten.
The Lord has promised good to me,
His word my hope secures;
He will my shield and portion be,
As long as life endures.
Der Herr hat mir Gutes versprochen,
Sein Wort macht meine Hoffnung fest;
Er wird mein Schutz und Anteil sein,
So lang das Leben andauert.
Yes, when this flesh and heart shall fail,
And mortal life shall cease;
I shall possess, within the vail,
A life of joy and peace.
Ja, wenn dieses Fleisch und Herz versagen werden,
Und das sterbliche Leben enden wird,
Werd' ich in Demut führen,
Ein Leben voll Freude und Frieden.
The earth shall soon dissolve like snow,
The sun forbear to shine;
But God, who call'd me here below,
Will be forever mine.
Die Erde wird sich bald wie Schnee auflösen,
Die Sonne aufhören zu scheinen;
Doch Gott, der mich hier unten rief,
Wird ewig mein sein.

Einige Versionen des Liedes beinhalten eine zusätzliche Strophe:

Original Übersetzung
When we've been there ten thousand years,
Bright shining as the sun,
We've no less days to sing God's praise
Than when we'd first begun.
Wenn wir zehntausend Jahre dort gewesen sind,
Hell scheinend wie die Sonne,
Haben wir keinen Tag weniger, um Gott Lob zu singen,
Als da wir angefangen haben.

Diese Strophe stammt nicht von Newton, sondern wurde einer Version des „Amazing Grace“ aus dem Roman Uncle Tom's Cabin, auf deutsch Onkel Toms Hütte, von Harriet Beecher Stowe entnommen. Der Protagonist Onkel Tom kombiniert dort die Strophen verschiedener Lieder. Diejenigen, die den Liedtext aus diesem Buch entnommen haben, gingen davon aus, dass die Strophe zum vollständigen Text dazugehört.

Einige Versionen enthalten auch folgende Strophe:

Original Übersetzung
Shall I be wafted through the skies,
on flowery beds of ease,
where others strive to win the prize,
and sail through bloody seas.
Möge ich durch die Lüfte geweht werden
Auf Blumenbetten der Leichtigkeit,
Wo andere kämpfen und durch blutige Meere segeln
Um den Preis zu gewinnen.

Diese wurde durch Pete Seeger und Arlo Guthrie in ihre Version des Liedes eingefügt. Sie gehört eigentlich zu dem Lied „Am I a Soldier of the Cross?“ von Isaac Watts.

Entstehungsgeschichte

Amazing Grace verdankt seine Entstehung angeblich einem Schlüsselerlebnis seines Autors John Newton, der Kapitän eines Sklavenschiffs war. Nachdem er am 10. Mai 1748 in schwere Seenot geraten und nach Anrufung des Erbarmens Gottes hieraus gerettet worden war, behandelte er zunächst die Sklaven menschlicher. Nach einigen Jahren gab er seinen Beruf sogar ganz auf, wurde stattdessen Geistlicher und trat gemeinsam mit William Wilberforce für die Bekämpfung der Sklaverei ein.

Wirkungsgeschichte

Große Popularität genoss Amazing Grace bei beiden Parteien des amerikanischen Bürgerkriegs sowie bei den Indianern. Den Cherokee gilt es gar als inoffizielle Nationalhymne, haben sie doch während des berüchtigten Pfades der Tränen 1838 ihre Toten häufig aus Zeitmangel ohne große Zeremonie, sondern nur unter Absingen von Amazing Grace beerdigt.

Obwohl das Kirchenlied von einem in den Sklavenhandel verstrickten Euroamerikaner stammte, wurde Amazing Grace von der afroamerikanischen Spiritual- und Gospelszene übernommen. Es wurde von den Blind Boys of Alabama genauso interpretiert wie von Mahalia Jackson, Aretha Franklin oder dem Montreal Jubiliation Gospel Choir und dem Harlem Gospel Choir. Heute zählt Amazing Grace zu den beliebtesten Kirchenliedern der Welt und wird von Angehörigen unterschiedlichster christlicher Konfessionen gesungen. Daneben gilt das Stück als Protestsong gegen die Sklaverei sowie als Hymne christlicher wie nicht-christlicher Menschenrechtsaktivisten.

In den 1960er Jahren erreichte das ursprünglich fast ausschließlich in Amerika verbreitete Lied die britischen Inseln – was mit Blick auf die irisch-schottischen Wurzeln der Melodie eine Art Heimkehr darstellt. Dort wurde Amazing Grace insbesondere in Dudelsackfassungen populär, insbesondere nachdem sich Musiker im Zuge des Folk-Revival verstärkt auf die traditionellen Melodien und Lieder besannen. Daher existieren zahllose Instrumentalfassungen insbesondere schottischer Highlanders, von denen die kommerziell wohl erfolgreichste von der Militärkapelle der Royal Scots Dragoon Guards stammt, die 1972 sogar Platz 1 der Verkaufscharts in Großbritannien war.

Bis zum Film Alice's Restaurant 1969 von Arthur Penn war es außerhalb von Kirchen und Folkfestivals eher unbekannt. 1972 gewann es unter dem Titel "Wie das Licht nach der Nacht", gesungen von Siegfried Fietz, in freikirchlichen und evangelikalen Gemeinden große Verbreitung mit einer Textübertragung von Renate Wagner. Lee Hays von der amerikanischen Folkgruppe The Weavers führte die Verehrer des Songs an.

Im Laufe der Zeit wurde es vielfach bearbeitet und von einer kaum mehr übersehbaren Vielzahl von Künstlern interpretiert. Zu nennen sind Meryl Streep (1983 in ihrem Film Silkwood), Connie Francis, Ray Price, Vera Lynn, Janis Joplin, Elvis Presley, Judy Collins, Hayley Westenra, Johnny Cash, Yes, Rod Stewart, Willie Nelson, George Jones, Groundhogs, Lena Valaitis (1976), Helmut Lotti, Die Flippers (1991), Ireen Sheer, David Hasselhoff, André Rieu, The Priests, Céline Dion, Steve Morse, Nana Mouskouri, Leann Rimes sowie Katie Melua und Jessye Norman. 1985 eröffnete Joan Baez, die es 1970 mit dem Song in die britische Top Ten schaffte, ihren Beitrag zum legendären Live Aid-Konzert zugunsten der Hungerhilfe in Afrika mit einer Aufführung von „Amazing Grace“. Mike Oldfield verwandte den Text mit neuer Melodie auf seinem Album "The Millennium Bell" und auf dem Konzert an der Berliner Siegessäule zum Jahreswechsel von 1999 zu 2000. Weiter gibt es Punk- (Dropkick Murphys) sowie Heavy-Metal-Versionen (Stryper).

Der Song hat sich auch zu einem Jazzstandard entwickelt. Doch der Titel, den Louis Armstrong in den Jazz einführte, und vor allem bei den Marching Bands des New Orleans Jazz und im Dixieland häufig zu hören ist, wird im Modern Jazz selten gespielt. Hier sind Interpretationen von Herbie Mann, Archie Shepp, David Murray und Cassandra Wilson hervorzuheben. Auch Diane Schuur und Gabrielle Goodman haben den Song im Jazzkontext gesungen; der Bassist Victor Wooten hat eine Bass-Version des Titels veröffentlicht.

Da Amazing Grace sehr bewegend auf die Zuhörer wirkt, wird es bis heute häufig auf Beerdigungen oder Gedenkveranstaltungen gespielt und gesungen, so etwa 2004 anlässlich der Beisetzung des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan.

Literatur

  • Steve Turner: Amazing Grace. John Newton und die bewegende Geschichte seines weltbekannten Liedes. Brunnen Verlag, Gießen 2007. ISBN 3-7655-1950-2

Hörbeispiele

Medium:Amazing_grace_original_brassquintett.MID

Siehe auch

Literatur

  • Hans-Jürgen Schaal (Hrsg.) Jazz-Standards. Das Lexikon; Bärenreiter, Kassel, 2004 (3. Auflage); ISBN 978-3-7618-1414-7

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