Amblyopia
Klassifikation nach ICD-10
H53.0 Amblyopia ex anopsia
ICD-10 online (WHO-Version 2006)

Als Amblyopie (griech.: „stumpfes Auge“) oder Schwachsichtigkeit wird eine permanente, funktionelle Sehschwäche eines Auges oder seltener beider Augen bezeichnet, die auf einer Fehlentwicklung des Sehsystems während der Kindheit beruht. Bei der augenärztlichen Untersuchung findet sich eine Sehschärfenminderung, die nicht ausreichend durch erkennbare organische Fehler des Auges erklärt ist und trotz optimaler optischer Korrektur fortbesteht.

Inhaltsverzeichnis

Symptome und Beschwerden

Der schwachsichtige Patient sieht seine Umgebung mit dem amblyopen Auge nur undeutlich oder verschwommen.

Ursachen

Eine Amblyopie entsteht in der Regel während frühester Kindheit durch fehlende oder qualitativ minderwertige Stimulanz der Fovea, z. B. bei manifestem, einseitigem Schielen eines Auges (Suppressions-Amblyopie). In diesem Falle werden die Hirnbahnen nicht richtig ausgebildet, das heißt: funktionale Schwachsichtigkeit durch Nichtgebrauch. Ebenso kann eine Amblyopie entstehen bei Behinderung des Sehens durch Brechungsfehler (Refraktionsamblyopie) oder Trübungen im optischen System der Hornhaut oder der Linse (Deprivations-Amblyopie). Eine Amblyopie entwickelt sich umso schneller, je früher die auslösende Störung auftritt, also besonders schnell während des ersten Lebensjahres, insbesondere der ersten zwei bis drei Monate.

Diagnose und Differentialdiagnose

Eine Amblyopie kann unter anderem durch unbehandelte Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit, Stabsichtigkeit und Schielen im frühen Kindesalter verursacht werden. Diese bestehen häufig im Erwachsenenalter fort. Trotz Korrektur dieser Störungen wird bei einer Amblyopie aber keine normale Sehschärfe erreicht.

Die Amblyopie ist abzugrenzen von Sehschwächen anderer Ursache, die gleichfalls ohne erkennbare organische Fehler des Auges auftreten können. Dazu zählen z. B. psychogene Störungen wie die dissoziativen Empfindungsstörungen, die Nachtblindheit und selbst die Neuritis nervi optici.

Folgen und Komplikationen

Die Schwachsichtigkeit nur eines Auges wird teilweise gar nicht wahrgenommen bzw. stört subjektiv nur wenig. Eine Schwachsichtigkeit beider Augen jedoch kann den Alltag, Berufschancen und Sozialkontakte ganz erheblich behindern, ist jedoch im Sinne einer Amblyopie auch eher selten. Auch eine starke Amblyopie schreitet aber im Erwachsenenalter nicht fort.

Eine unbehandelte Amblyopie jedoch, z. B. als Ergebnis eines nicht diagnostizierten Mikrostrabismus, kann eine Sehschärfe von unter zwei Prozent (Visus von 0,02 oder 1/50) auf dem betroffenen Auge zur Folge haben, was mit einer einseitigen Blindheit gleichgesetzt werden muss. Zudem muss man hier ergänzend die Diagnose „oculus ultimus“ erheben. Diese Situation stellt im täglichen Leben ein nicht unerhebliches Risiko dar und hat fatale Auswirkungen, sollte dem gesunden Auge durch Unfall oder Krankheit etwas zustoßen.

Behandlung

Sehschwächen, die während des ersten Lebensjahres entstehen und nicht sofort entdeckt und behandelt werden, sind später meist nicht heilbar (irreversibel). Daher empfiehlt sich eine routinemäßige Vorsorge-Untersuchung bei einem auf diesem Gebiet erfahrenen Augenarzt bereits während der ersten drei Wochen nach der Geburt, um schwere Behinderungen (Trübungen, hohe Brechungsfehler, seltene Tumore, Blutschwämme der Lider) ausschließen zu können.

Die Amblyopien entstehen bei zunächst normalem Nervensystem/Gehirn. Sekundär kommt es jedoch bei anhaltender Sehschwäche zu organischen Veränderungen im seitlichen Kniehöcker (Corpus geniculatum laterale) des Hirns und zu ebenso nachweisbaren Veränderungen der Hirnrinde, wahrscheinlich auch der Netzhaut und des Sehnerven. Bei Babys bilden sich diese Zellveränderungen und krankhaften Erregungsverarbeitungen sehr schnell innerhalb von wenigen Wochen bis Monaten (altersabhängig), daher die nötige Eile.

Zur Behandlung von Amblyopien eignen sich verschiedene Methoden, z. B. Okklusions- oder Pflasterbehandlung, Penalisation (spezielle Behandlung unter Einsatz von bestimmten Augentropfen und Brillengläsern) oder in manchen Fällen pleoptische Übungsbehandlungen. Wann, wie und wie lange diese Behandlungen dauern ist abhängig von vielen verschiedenen Faktoren und genauen Untersuchungen. Eine erfolgversprechende Therapie dauert jedoch nicht selten bis zum 13. oder 14. Lebensjahr und sollte zur Vermeidung von möglichen Rezidiven nicht zu früh beendet werden.

  • Amblyopiebehandlungen dienen grundsätzlich nicht der Beseitigung von Schielerkrankungen!

Hinweise für Eltern

Auf welche Zeichen sollten Eltern bei ihrem Baby achten?

Sind die Lider in der Wachphase beidseits gleichweit offen - oder ist die Lidspalte auf einer Seite enger?

Wenn ja, vom Augenarzt untersuchen lassen. Die Ursache dafür ist meist eine Ptosis des Oberlides oder ein Blutschwamm (Hämangiom) des Ober- oder Unterlides. Besonders gefährdend ist eine engere Lidspalte, wenn dadurch ein Teil der Pupille verdeckt wird. Es kommt dabei zu unterschiedlicher Helligkeit des Netzhautbildes und zu geringerem Kontrast desselben. Diese rechts zu links Unterschiede können bereits für die Entstehung einer Sehschwäche beim Baby ausreichen. Häufig entsteht auch ein unterschiedlicher Druck der Lider auf das Auge, sodass auf der Seite des Hämangioms oder der Ptosis eine ungleichmäßige Hornhautkrümmung (Astigmatismus) entsteht - dieser kann wiederum wegen der Bildunschärfe, die er verursacht, zu einer Sehschwäche führen. Bei Säuglingen ist dabei zu beachten, dass die nasale Augenfalte (Epikanthus) den Eindruck erweckt, das Kind schiele, da das Auge z. T. durch die Nasalfalte bedeckt ist. Ein Lichttest bringt hier Sicherheit.

Ist die Oberfläche des Auges - die Hornhaut (Cornea) - glatt, klar und spiegelnd?

Selten ist sie rau, spiegelt nicht und erscheint leicht trüb - dahinter können sich verschiedene Krankheiten verbergen, z. B. ein angeborener Grüner Star (Glaukom, hier Hydrophthalmus, kommt etwa 1:10.000 vor). In jedem Fall ist eilige fachärztliche Untersuchung nötig. Kein Herumprobieren mit Tropfen, wenn nach zwei bis drei Tagen nach der Geburt kein normaler Zustand erreicht ist.

Bei Neugeborenen dürfen die Pupillen rechts zu links ein wenig unterschiedlich weit sein. Meist ist dies nicht ständig der Fall. Hält eine solche Pupillendifferenz länger als zwei bis drei Wochen an und ist sie markant, sollte besser ein Facharzt befragt werden. Die Pupillen müssen sich beiderseits auf Beleuchtung - z. B. mit nicht zu starker Taschenlampe - verengen, dies von Anfang an.

Was Sie, die Eltern und auch der Kinderarzt nicht entdecken können: Organische Veränderungen wie die meisten Linsentrübungen (angeborene oder frühentstehende Katarakte, kommen häufig vor, nämlich 1 x unter 200-300 Neugeborenen, jedoch müssen nur zwei bis drei unter 10.000 Neugeborenen deshalb operiert werden), organische Veränderungen am Augenhintergrund, z. B. nach Frühgeburt oder auch den seltenen Netzhauttumor (Retinoblastom, kommt etwa 1 x unter 18.000 Neugeborenen vor) des Kindes.

Sehr häufig sind hingegen grobe Brechungsfehler der Augen (Kurzsichtigkeit = Myopie; Übersichtigkeit = Hyperopie; Stabsichtigkeit = Astigmatismus; Anisometropie = unterschiedliche Brechung Rechts zu Links). Hohe Werte sind bei Geburt in rund 10 % der Babys vorhanden (> 5 Dioptrien). Jede dieser Anomalien, die auch kombiniert vorkommen, kann zu einer beidseitigen oder einseitigen Sehschwäche (Amblyopie) führen. Entscheidend ist auch, ob hohe Werte schon während der ersten Monate weg- oder auf geringere Beträge wachsen, falls nicht, besteht erhöhte Gefahr für die Entwicklung von Amblyopie oder auch Schielen. Meist wachsen sie soweit Richtung Emmetropie (Normalbrechung), dass keine Gefahr mehr lauert - wir wissen nur nicht bei wem!

Was sollten Eltern als gründliche Vorsorge tun?

Bei unauffälligem äußeren Befund zahlt die gesetzliche Krankenversicherung die fachärztliche Vorsorgeuntersuchung nicht. Eine frühe Vorsorge ist trotzdem anzuraten. Der Augenarzt prüft bei weiter Pupille mit harmlosen Tropfen (Tropicamid = Mydriaticum) die Brechkraft der Augen. Ermittelt er hohe Werte, wird zunächst vier bis acht Wochen je nach Befund abgewartet, ob eine Verringerung eintritt. Nur bei exzessiven Werten von Übersichtigkeit oder Kurzsichtigkeit oder auch Unterschied rechts/links (Anisometropie) werden sofort eine Brille oder Kontaktlinsen verordnet. Außerdem inspiziert der Facharzt den Augenhintergrund. Bei erkennbaren Anomalien oder Erkrankungen muss die Versicherung die Kosten übernehmen.

Schielt das Kind ständig in die gleiche Richtung, z. B. Einwärtsschielen = Esotropie = Strabismus convergens, sollten Sie nach etwa einer Woche einen Augenfacharzt konsultieren, es können sich andere Erkrankungen dahinter verbergen. Eine wechselnde, schwankende Augenstellung ist jedoch während der ersten zwei bis drei Monate erlaubt und Ausdruck der noch unreifen Regelung. Nach drei Monaten soll die Augenstellung „parallel“ (orthotrop) sein.

Die Fachausdrücke für die augenärztlichen Untersuchungen zur Vorsorge im ersten Jahr lauten:

Die Akkommodationslähmung mit harmlosen Tropfen führt gleichzeitig zur Pupillenerweiterung. Diese Untersuchung ist für eine aussagekräftige Vorsorge unverzichtbar, weil bei natürlicher Pupille Neugeborene bereits akkommodieren und zwar ziemlich chaotisch. Eine genaue Messung der evtl. vorhandenen Brechkraftanomalie (Ametropie) ist so unmöglich.

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