Ammonius Hermiae

Ammonios Hermeiou (auch: Ammonius Hermiae; * ca. 440, † um oder kurz nach 520) war ein bedeutender spätantiker Neuplatoniker und Vorsteher der sogenannten Alexandrinischen Schule.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Ammonios war der zweite Sohn des Hermeias und der Aedesia. Hermeias hatte in Athen unter dem Philosophen Syrianos gelernt und später dessen Tochter geheiratet.[1] Er begab sich anschließend nach Alexandria, wo er sich niederließ und platonische Philosophie unterrichtete. Nach dem Tod des Hermeias zog die Familie nach Athen um, wo Ammonios von dem Philosophen Proklos unterrichtet wurde. Ammonios begab sich nach Vollendung seines Studiums wieder nach Alexandria, wo er die Lehrstellung seines Vaters einnahm. Ein Schwerpunkt scheint auch bei ihm die Philosophie Platons gewesen zu sein.

Ammonios unterrichtete eine ganze Anzahl bedeutender Neuplatoniker. So gehörten zu seinen Schülern unter anderem Johannes Philoponos, Simplikios und Olympiodoros der Jüngere. Die von dem Philosophen Damaskios verfasste Philosophische Geschichte ist dabei eine wichtige Quelle für das Leben und das Werk des Ammonios, wobei ihm Gier unterstellt und sein Verhalten auch teils negativ beschrieben wird, so im Rahmen der anti-heidnischen Unruhen in Alexandria. Alexandria war Ende des 5. Jahrhunderts von einer christlichen Mehrheit bewohnt, auch zu den Mitgliedern der alexandrinische Schule gehörten Christen. Dennoch gab es noch Heiden in der Stadt. In den späten 80er Jahren des 5. Jahrhunderts kochte die anti-heidnische Stimmung in Alexandria noch einmal hoch. Ammonios soll nach Damaskios daraufhin eine Übereinkunft mit dem alexandrinischen Patriarchen Peter Mongos getroffen haben.[2] Über den Inhalt ist wenig bekannt, in der Forschung werden verschiedene Vermutungen angestellt. So soll Ammonios versprochen haben, problematische philosophische Lehrmeinungen in Zukunft auszuklammern und vor allem Aristoteles zu unterrichten, nicht jedoch Platon. Aber auch bezüglich Aristoteles wolle er einige Themen nicht ansprechen, wie etwa die Ewigkeit und Göttlichkeit der Welt. Andere Forscher vermuten sogar, dass er Schüler verraten haben soll, um weiter zu unterrichten, was aber sehr umstritten ist. Es bleibt jedenfalls ungewiss, wie die genauen Modalitäten der Absprache ausgesehen haben. Wahrscheinlich ist, dass diese vor allem heidnische Kultpraktiken betrafen.[3]

Jedenfalls erreichte Ammonios, dass die neuplatonische Schule von Alexandria von den Behörden nicht geschlossen wurde. Die Heiden bildeten freilich bald an der Schule nur noch eine Minderheit, Olympiodoros der Jüngere war der letzte heidnische Leiter der dortigen Akademie. Das Verhältnis zwischen Heiden und Christen scheint in der alexandrinischen Schule deutlich entspannter gewesen zu sein als in Athen, da in Alexandria nun vor allem philosophische Inhalte, nicht jedoch heidnische Kultpraktiken im Mittelpunkt standen.[4] Dabei scheint auch geholfen zu haben, dass, wieder anders als in Athen, Ammonios beispielsweise die Theurgie ablehnte. In der älteren Forschung wurde der Unterschied zwischen der Schule in Athen, wo die Theurgie eine große Rolle spielte, und in Alexandria betont, wobei in Alexandria eine „rationalere Stimmung“ geherrscht habe. Die neuere Forschung ist diesbezüglich allerdings weitaus skeptischer, da es offenbar eine wechselseitige Beeinflussung gab, was gut an der personalen Fluktuation der beiden Schulen abzulesen ist.[5]

Ammonios war bemüht, in Anlehnung an Porphyrios die Lehren Platons und des Aristoteles zu harmonisieren. Er verfasste zahlreiche Kommentare über die Werke des Aristoteles (vor allem zu den logischen Schriften), die meisten wurden später auf der Basis von Aufzeichnungen von seinen Schülern herausgegeben. Die Ausnahme bildet der von Ammonios selbst herausgegebene umfassende Kommentar zu Aristoteles’ De Interpretatione. Ammonios war der Begründer der Tradition aristotelischer Kommentatoren in Alexandria. In der Auslegung des Aristoteles verdankte er nicht wenig seinem Lehrer Proklos, wenngleich er oft abweichender Meinung mit ihm war. Während Ammonios in seinen Vorlesungen auch auf die Unterschiede zwischen Platon und Aristoteles aufmerksam machte und von einem Kommentator kritische Unabhängigkeit erwartete,[6] waren die späteren Kommentatoren in Alexandria mehr darum bemüht, die Übereinstimmungen herauszuarbeiten.[7]

Demgegenüber ist es schwierig, die philosophischen Positionen des Ammonios herauszuarbeiten, insbesondere weil seine Kommentarwerke wenig über seine eigenen Ansichten verraten, manche seiner Schriften nicht erhalten sind (wie ein Kommentar zu Platons Gorgias) und andere Informationen nur durch seine Schüler überliefert wurden. Einige Schlussfolgerungen sind dennoch möglich.[8] Ammonios übernahm aus der aristotelischen Lehre Grundüberlegungen, die er in einem verlorenen Traktat so zusammenfasste, dass Gott als causa efficiens des Kosmos aufzufassen sei, als der erste Anfang und die Ursache allen Ewigens, was von christlichen Philosophen aufgegriffen wurde (so von dem Ammonios-Schüler Johannes Philoponos).

Der Einfluss des Ammonios, der sich auch mit Geometrie und Astronomie beschäftigte, beruht vor allem auf seiner Interpretation des Aristoteles. Die nachfolgenden Aristoteles-Kommentatoren in Alexandria waren ganz überwiegend seine Schüler, während der Kommentar des Asklepios von Tralles zur aristotelischen Metaphysik wie auch die Kommentare des Johannes Philoponos viel den Anregungen des Ammonios verdanken. Der Kommentar zu Aristoteles’ De Interpretatione wurde im 13. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt und ist auch von Thomas von Aquin benutzt worden.

Literatur

Umfangreiche Literaturangaben bietet der Artikel in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (SEP). Die Werkausgaben sind in der Reihe Commentaria in Aristotelem Graeca (CAG) erschienen, inzwischen sind auch mehrere englische Übersetzungen erhältlich (siehe SEP).

  • Richard Sorabji: The Philosophy of the Commentators, 200-600 AD: A Sourcebook. Ithaca/NY 2005.
  • Richard Sorabji (Hrsg.): Aristotle Transformed. The Ancient Commentators and their Influence. London-Ithaca/NY 1990.
  • Christian Wildberg: Ammonius, Son of Hermeas. In: Routledge Encyclopedia of Philosophy (REP), Digitale Ausgabe.

Weblinks

Anmerkungen

  1. Allgemein zu Leben und Werk siehe David Blank, Ammonius, in: SEP; siehe auch Christian Wildberg, Ammonius, in: REP.
  2. Damaskios 118B. Übersetzung: Damascius, The Philosophical History, text with translation and notes by P. Athanassiadi. Athen 1999.
  3. Vgl. die Zusammenfassung bei Sorabji, The Philosophy of the Commentators, S. 21ff. sowie S. 369.
  4. Vgl. Christian Wildberg: Philosophy in the Age of Justinian. In: Michael Maas (Hg.), The Cambridge Companion to the Age of Justinian. Cambridge 2005, S. 316–340, hier S. 333f.
  5. So waren Hermeias als auch Ammonios schließlich sowohl in Athen wie auch in Alexandria. Auch die Lehren athenischer Philosophen sind in Alexandria durchaus nachweisbar, etwa anhand der Kommentare.
  6. Wildberg, Ammonius, in: REP.
  7. Vgl. David Blank, Ammonius, in: SEP (Kapitel 2).
  8. Dazu ausführlich David Blank, Ammonius, in: SEP (Kapitel 3).

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