Amoklauf in Winnenden

Der Amoklauf von Winnenden ereignete sich am Vormittag des 11. März 2009 in Winnenden, rund 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, sowie in Wendlingen am Neckar. Dabei wurden 15 Menschen ermordet. Elf Menschen – einige von ihnen schwer verletzt – wurden in Krankenhäuser eingeliefert. Der 17-jährige Täter Tim K. wurde nach mehrstündiger Flucht von der Polizei gestellt und erschoss sich schließlich selbst.[1]

Inhaltsverzeichnis

Tathergang

Der Täter betrat gegen 9:30 Uhr die Albertville-Realschule in Winnenden. In zwei Klassenzimmern und einem Chemiesaal schoss er mit einer großkalibrigen Pistole des Typs Beretta 92 auf die dort anwesenden Schüler und Lehrerinnen. Ein Schüler, sechs Schülerinnen und eine Referendarin erlagen noch vor Ort ihren Verletzungen, zwei Schülerinnen starben auf dem Weg ins Krankenhaus, neun weitere Schülerinnen und eine Lehrerin wurden verletzt in Krankenhäuser eingeliefert.[1]

Die Polizei hatte um 9:33 Uhr einen Notruf erhalten und sofort zwei Einsatzteams zum Tatort entsandt. Als der Amokläufer die nach drei Minuten eintreffenden Polizeibeamten wahrnahm, eröffnete er das Feuer auf sie und flüchtete zu Fuß aus der Schule, wobei er auf den Gängen zwei weitere Lehrerinnen erschoss. Von den 19 Opfern in der Schule, zwölf Toten und sieben Verletzten, sind 18 weiblich.

Danach erschoss Tim K. auf der Flucht am nahegelegenen Krankenhaus im Freien einen Mitarbeiter. Weiter in Richtung Innenstadt zwang er einen Autofahrer, ihn in dessen Auto über die Bundesautobahn 81 etwa 100 Kilometer weit über Tübingen, Nürtingen und die Bundesstraße 313 in Richtung Wendlingen zu fahren.[2] An einer Kontrollstelle der Polizei bei Wendlingen am Neckar konnte der Fahrer nach einem Bremsmanöver entkommen. Der Täter flüchtete zu Fuß in das Industriegebiet Wert.

Dort betrat er gegen 12:15 Uhr ein Autohaus und erschoss einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, nachdem ihm nicht wie gefordert ein PKW zur Verfügung gestellt worden war. Daraufhin verließ der 17-Jährige das Autohaus, schoss auf ein vorbeifahrendes Auto und eröffnete das Feuer auf eintreffende Polizisten. In einem anschließenden Schusswechsel wurde der Täter mit jeweils einem Schuss in beide Beine verletzt. Im weiteren Verlauf begab er sich wieder in den Verkaufsraum des Autohauses und schoss durch die Scheibe mehrmals auf Polizeibeamte. Anschließend verließ er das Autohaus durch den Hinterausgang und lief auf ein benachbartes Firmengelände. Von dort gab er Schüsse auf ein vorbeifahrendes Zivilfahrzeug der Polizei ab, wodurch zwei Polizeibeamte schwer verletzt wurden. Nach Zeugenaussagen tötete er sich schließlich gegen 13 Uhr durch einen Schuss in den Kopf selbst. Insgesamt gab der 17-Jährige an den beiden Tatorten 112 Schüsse ab.[3]

Hintergrund

Der in einem Nachbarort wohnhafte Täter hatte bis 2008 die Albertville-Realschule besucht und mit der Mittleren Reife abgeschlossen. Sein Vater ist Sportschütze und besaß 15 Waffen.[1] Nach Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft war der 17-Jährige im Zeitraum von April bis September 2008 im psychiatrischen und neurologischen Krankenhaus Weissenhof in Weinsberg vorstellig geworden. Die Eltern ließen über ihren Anwalt im Nachrichtenmagazin Focus jedoch dementieren, dass ihr Sohn in psychotherapeutischer Behandlung gewesen sei.[4]

Knapp zwei Monate nach dem Amoklauf verliess Familie K. ihren bisherigen Wohnort, eine Rückkehr sei laut des Bürgermeisters „auch aus Sicht der Familie ... undenkbar“.[5]

Reaktionen

Der Unterricht für die Schüler der Albertville-Realschule fiel zunächst aus. Zahlreiche Trauernde legten Blumen vor dem Schulgebäude ab und stellten dort Kerzen auf.[6] Am Montag, dem 16. März 2009, begann ein psychologisch begleitetes Betreuungsangebot in verschiedenen Sälen außerhalb des Schulgeländes; die Teilnahme war freiwillig.[7][8] Am 23. März 2009 wurde der Pflichtunterricht wiederaufgenommen, der jedoch vorerst nicht mehr im Realschulgebäude stattfindet.[9]

Mit einem offenen Brief wandte sich die Familie des Täters am 17. März 2009 an die Öffentlichkeit. Darin erklärte sie, sie „hätte Tim so etwas nie zugetraut“, und sprach den Opfern, Angehörigen und Freunden ihr Mitgefühl aus.[10]

Eine Woche nach der Tat, am 18. März 2008, fand um 10 Uhr eine Schweigeminute statt; daran nahmen unter anderem der Landtag von Baden-Württemberg, Behörden und Hörfunksender teil.[11] Nach mehreren Beerdigungen im Laufe der Woche fand am 21. März 2009 in der katholischen Stadtkirche St. Karl Borromäus in Winnenden eine zentrale Trauerfeier statt, die auch in das Herbert-Winter-Stadion und in weitere Kirchen und Hallen übertragen wurde.[6] Die Polizei zählte in Winnenden insgesamt 8 500 Trauergäste.[12] Geleitet wurde der Gottesdienst vom evangelischen Landesbischof von Württemberg, Otfried July, und dem katholischen Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst; die musikalische Leitung hatte Helmuth Rilling.[11] Bundespräsident Horst Köhler und Ministerpräsident Günther Oettinger hielten Trauerreden; auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihr Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier und die gesamte Landesregierung von Baden-Württemberg reisten zu dem Trauergottesdienst und dem anschließenden Staatsakt an.[13]

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitete gegen den Vater des Täters ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung ein,[14] weil er die Tatwaffe im elterlichen Schlafzimmer statt in einem Waffentresor aufbewahrt habe, obwohl er vermutlich gewusst habe, dass sein Sohn an Depressionen leide.[7] Seine Waffen wurden eingezogen; er kündigte an, seine Waffenbesitzkarte zurückzugeben.[15]

Nach dem Amoklauf begann eine politische Diskussion über das Waffenrecht. Insbesondere wurde vorgeschlagen, Sportschützen zu verbieten, ihre Waffen zu Hause aufzubewahren. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) lehnte dies ab, weil die Schützenhäuser so zu „Waffendepots“ würden; stattdessen forderte sie, aufmerksamer mit den Sorgen, Nöten und Problemen junger Leute umzugehen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, er habe keine Anhaltspunkte dafür, dass ein strengeres Waffenrecht die Tat hätte verhindern können; gleichwohl sei es Aufgabe der Politik, zu überlegen, ob ein Mitglied eines Schützenvereins so viele Waffen und so viel Munition zu Hause haben müsse und ob Waffenbesitzer ihre Verantwortung ernst genug nähmen.[8] Bundeskanzlerin Merkel (CDU) forderte unangemeldete Kontrollen der ordnungsgemäßen Aufbewahrung von Waffen in Privathaushalten. Der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sowie Politiker der Grünen und der Linken forderten Beschränkungen des Waffenbesitzes. Der bremische Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) forderte unter anderem, Waffen und Munition für den Schießsport zu trennen und die Munition künftig nur noch in Vereinsgebäuden und Schießstätten aufzubewahren; polizeiliche und militärische Waffen hätten im Schießsport nichts zu suchen.[16] Die Winnender Zeitung veröffentlichte einen offenen Brief der Familien mehrerer Opfer, in dem sie forderten, das Mindestalter für den Zugang zu großkalibrigen Pistolen von 14 auf 21 Jahre hinaufzusetzen, die Magazine auf zwei Schuss zu begrenzen und den Einsatz solcher Pistolen im Schießsport überhaupt zu überdenken. Auch müssten Verstöße gegen die Vorschriften für die Aufbewahrung von Waffen und Munition als Straftaten statt nur als Ordnungswidrigkeiten geahndet werden.[17]

Auch die Rolle sogenannter Killerspiele war Gegenstand der öffentlichen Debatte. Bundespräsident Köhler forderte Politik und Gesellschaft auf, gegen gewaltverherrlichende Computerspiele und Filme vorzugehen.[13] Familien mehrerer Opfer forderten, „Killerspiele“ ganz zu verbieten, im Fernsehen weniger Gewalt zu zeigen und den Jugendschutz im Internet zu verstärken. Außerdem verlangten sie eine Verpflichtung der Medien, den Täter zu anonymisieren, um eine Heroisierung und Nachahmungstaten zu vermeiden.[17]

Einzelnachweise

  1. a b c Amoklauf von Winnenden endet im Industriegebiet in Wendlingen 17-Jähriger tötete sich im Anschluss selbst. Gemeinsame Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Polizeidirektionen Waiblingen und Esslingen., 12. März 2009. Abgerufen am 13. März 2009.
  2. Amoklauf in Winnenden. Polizeidirektion Waiblingen, 11. März 2009. Abgerufen am 12. März 2009.
  3. Amokläufer von Winnenden erschießt in Autohaus in Wendlingen zwei Männer. Polizeidirektion Esslingen, 11. März 2009. Abgerufen am 11. März 2009.
  4. Pressemitteilung zu Amoklauf in Winnenden; Kurzbeschreibung: Stellungnahme zum Dementi der Eltern des Tim K. vom 14. März 2009, abgerufen am 16. März 2009
  5. „Weit weg von Winnenden - Familie des Täters zieht aus“ N-TV.de, 2. Mai 2009. Abgerufen am 2. Mai 2009.
  6. a b „Es liegt Stille über der Stadt“. Spiegel online, 21. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  7. a b Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Vater des Amokläufers. Spiegel online, 16. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  8. a b Petra Bornhöft, Klaus Brinkbäumer, Ulrike Demmer, Wiebke Hollersen, Simone Kaiser, Sebastian Knauer, Ansbert Kneip, Sven Röbel, Samiha Shafy, Holger Stark und Katja Thimm: 113 Kugeln kalte Wut. In: Der Spiegel. Nr. 12/2009, Spiegel-Verlag Rudolf Augstein, Hamburg 16. März 2009, ISSN 0038-7452, S. 30–46 (http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/46/28/dokument.html?id=64628264 ; Stand: 1. April 2009). 
  9. Ermittler überprüfen Computer von Tim Kretschmers Mutter. Spiegel online, 17. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  10. Offener Brief. 17. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009. (PDF)
  11. a b Opfereltern werfen Tims Vater Nachlässigkeit vor. Spiegel online, 18. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  12. Ruhiger und würdiger Abschied für die Opfer des Amoklaufes. Polizeidirektion Waiblingen, 21. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  13. a b „Ganz Deutschland trauert“. Spiegel online, 21. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  14. Sonderpressemitteilung zum Amoklauf. Staatsanwaltschaft Stuttgart und Polizeidirektion Waiblingen, 16. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  15. Tims Vater will seine Waffen abgeben. Spiegel online, 19. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  16. Innenminister erwägen drastische Verschärfung des Waffenrechts. Spiegel online, 28. März 2009. Abgerufen am 1. April 2009.
  17. a b Offener Brief. In: Winnender Zeitung. Zeitungsverlag Waiblingen, Winnenden 21. März 2009, S. 1 (http://www.winnender-zeitung.de/indexWI.php?kat=347&artikel=82 ; Stand: 1. April 2009). 

Weblinks


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