An sich

An sich und für uns (für sich) sind Begriffe der philosophischen Fachsprache. Mit „an sich“ bezeichnet man Gegenstände und Tatsachen, insofern sie unabhängig vom Bewusstsein einer Person sind. Den Gegensatz hierzu bilden Gegenstände, insofern sie „für uns“ sind, also uns in einer bestimmten Weise subjektiv erscheinen. Zahlreiche Theoretiker vertreten, dass bei bestimmten Typen von Objekten deren Ansichten „für uns” und ihre Beschaffenheit „an sich” systematisch verschieden sind. Dieser Unterschied wird unterschiedlich erklärt. Von einigen Philosophen wird er auch bestritten.

Auch umgangssprachlich bezeichnet „an sich“ („ansich“) einen Gegenstand als solchen oder eine Tatsache als solche. Die Verwendung ist jedoch meistens einschränkend. So lässt die Aussage: „Das Erlebnis war an sich schön“ eine Erläuterung erwarten, welche Aspekte oder Rahmenbedingungen bei dem Erlebnis weniger schön waren.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsgeschichte

Der Begriff „an sich“ ist eine Übersetzung des griechischen kath’auto bzw. des lateinischen per se und bezeichnet, was einem Seienden von sich aus seinem Wesen nach zukommt. Bereits Demokrit unterschied die Atome, denen allein echte Wahrheit zukommt von den Sinnesqualitäten, die durch Meinung entstehen. Systematisch ausgearbeitet ist der Unterschied zwischen Objekten „an sich” und „für uns” bereits in der Epistemologie, Ontologie und Logik des Aristoteles:

„Dass nun bei demjenigen, was als ein Erstes und ein an sich Seiendes bezeichnet wird, das Wesen des Einzelnen mit dem Einzelnen selbst ein und dasselbe ist, das ist offenbar.“

Aristoteles[1]

Auch viele scholastische Denker knüpfen an Aristoteles an. So wird etwa das dingliche Sein (esse in re) dem Gedachtsein (esse in intellectu) gegenübergestellt. Der Mensch kann das Wesen der Dinge nur mit einer intuitiven Erkenntnis erfassen (Duns Scotus und später auch Spinoza). Demgegenüber sind die im menschlichen Verstand gebildeten Vorstellungen (imaginatio) nur begrenzt.

Bei Leibniz sind die durch die Sinne vermittelten Vorstellungen bloß „verworren“. Erst die Verstandeserkenntnis führt zu klaren Vorstellungen. Die Unterscheidung des „an sich“ von den Erscheinungen findet sich u. a. auch bereits bei Christian Wolff und Lambert, zwei Denkern, die Immanuel Kant beeinflussten.

Ding an sich bei Kant

Hauptartikel: Ding an sich

Bei Kant spielt das „Ding an sich“ eine zentrale Rolle in der Kritik der reinen Vernunft. Bei ihm ist das „an sich“ ein Sein unabhängig von den Anschauungsformen, aber auch von den Formen des Denkens. Das Ding an sich (auch: die Dinge an sich) ist als solches nicht erkennbar und steht den Verstandesgegenständen als Erscheinungen gegenüber. Nur die Erscheinungen sind der menschlichen Erkenntnis zugänglich.

„Der Idealismus besteht in der Behauptung, dass es keine anderen als denkende Wesen gäbe, die übrigen Dinge, die wir in der Anschauung wahrzunehmen glauben, wären nur Vorstellungen in den denkenden Wesen, denen in der Tat kein außerhalb diesen befindlichen Gegenstand korrespondiert. Ich dagegen sage: es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen, d. i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere Sinne affizieren […] Kann man dies wohl Idealismus nennen? Es ist ja gerade das Gegenteil davon.“

Immanuel Kant[2]

An und für sich bei Hegel

In Hegels Philosophie geht es um die spekulative Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung. Gibt es die Vorstellung eines Dinges an sich (Kant), eines Objektes unabhängig von uns, so wird darin ein Mangel erkennbar. Die Einheit aller Dinge ist unterbrochen.[3][4]

Haben andererseits Menschen subjektiv für sich die Wahrheit gepachtet, so wird darin auch ein Mangel erkennbar. Wieder ist die Einheit aller Dinge unterbrochen. Diese Spaltung ist ein berühmtes Kernproblem der Philosophie und kennzeichnet den Gegensatz von Realismus und Idealismus. In Hegels Dialektik hebt der spekulative Geist diese Spaltung auf. Es wird mit der Zusammenstellung der Gegensätze:

an sich und für uns

in einem Ausdruck „an und für sich“ die Einheit der Welt und des Geistes spekulativ als Synthese fusioniert.

Klasse „an sich“ und „für sich“ bei Marx

Siehe Klassenbewusstsein

Die Seinsfrage als Sinnfrage

Weil der Begriff des Seins der Allgemeinste ist, kann er für Martin Heidegger nicht definiert werden. Das Sein geht jeder Philosophie noch voraus und kann nicht sprachlich erfasst werden. Weil die Frage nach dem Sein die „prinzipiellste und konkreteste Frage“[5] zugleich ist, kann man nicht fragen, was das Sein ist, sondern muss versuchen, das Sein zu verstehen. Dies führte Heidegger zu der Frage nach dem Sinn von Sein als der grundlegenden Frage der Ontologie.

„Die konkrete Ausbreitung der Frage nach dem Sinn von ‚Sein’ ist die Absicht der folgenden Abhandlung.“

Martin Heidegger[6]

Nicolai Hartmann kritisierte hieran, dass die Frage nach dem Sinn nicht primär sein kann, weil bereits Sinn eine eigene Seinsweise voraussetzt.

„‚Sinn’ ist unter allen Umständen (in allen seinen Bedeutungen) etwas, was ‚für uns‘ besteht – genauer für uns oder für etwas, was unseresgleichen ist, und sei es auch nur ein postuliertes logisches Subjekt. Ein Sinn an sich wäre ein Widersinn. Es ist also noch zu wenig, wenn man sagt: an sich selbst braucht das Seiende als Seiendes keinen Sinn zu haben. Vielmehr muss man sagen: an sich selbst kann es gar nicht Sinn haben. Es kann nur „für jemand“ Sinn haben. Sein Sinnhaben für jemand aber – wenn es ein solches gibt – ist jedenfalls nicht sein ‚Sein‘. Das Sein des Seienden steht indifferent zu allem, was das Seiende ‚für jemand‘ sein könnte. Hier liegt der Grund, warum Heideggers ‚Welt‘ eine auf den Einzelmenschen relative (‚je meinige‘) ist. Das Abgleiten der Seinsfrage in die Sinnfrage läßt es anders nicht zu.“

Nicolai Hartmann[7]

Verwendung bei Sartre

In Jean-Paul Sartres philosophischem Werk „Das Sein und das Nichts” sind die Begriffe An sich und Für sich zwei wichtige Kategorien. Das Für sich ist das menschliche Bewusstsein, die menschliche Realität oder auch einfach der Mensch. Sartre grenzt diese Begriffe nicht voneinander ab und benutzt sie bedeutungsgleich. Das An sich hingegen ist alles, was dem Bewusstsein transzendent ist, so die Dinge in der Welt. Die zentrale Aufgabe von „Das Sein und das Nichts” ist es nun, nicht einem Dualismus von An sich und Für sich zu verfallen, sondern eine Verbindung zwischen beiden zu finden.

Literatur

  • D. Eickelschulte: Art. An sich/für sich; an und für sich, in: Joachim Ritter (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 1, Basel 1971, 352–355
  • G. Krüger: Ansichsein und Geschichte, in: Ζeitschrift fϋr philosophische Forschung 3/4 (1949).
  • Uwe Töllner: Sartres Ontologie und die Frage einer Ethik, Frankfurt am Main; Lang; ISBN 3-631-49634-6

Einzelnachweise

  1. Metaphysik Z 6, 1032 a 5-6
  2. Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können, A 63/64 = AA IV 288/289
  3. http://www.hegel.net/werkstatt/artikel/logik/an_sich.htm
  4. Hegels Logik, Klaus Hartmann, Olaf L. Müller; Walter de Gruyter, 1999 ISBN 9783110137637
  5. Sein und Zeit, S. 9
  6. Sein und Zeit, S. 1
  7. Zur Grundlegung der Ontologie, 3. Aufl. 1948, 46

Weblinks


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