Anakyklosis

Als Kreislauf der Verfassungen wird v.a. das vom Philosophen Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. in Anlehnung an die tatsächliche Entwicklung im antiken Griechenland entworfene System der Verfassungsentwicklung bezeichnet. Ähnliche Konzeptionen gab es zuvor bei Pindar und Platon.[1] Das Konzept wird nach griech. ανακύκλωσις (Kreislauf) auch kurz als Anakyklosis-Theorie bezeichnet.[2]

Inhaltsverzeichnis

Kreislauf der Verfassungen bei Platon

Laut Platon (Politeia 8) kann auf die Aristokratie die Timokratie folgen, die wiederum von der Oligarchie, dann der Demokratie und schließlich der Tyrannis abgelöst werden kann (vgl. auch die entsprechenden alten Vorstellungen von einem Goldenen Zeitalter bzw. von einer progressiven Verschlimmerung der Zustände).

Kreislauf der Verfassungen bei Aristoteles

Aristoteles unterscheidet zwischen sechs Staatsformen: Monarchie (Alleinherrschaft), Aristokratie (Herrschaft der Besten) und Politie als guten Formen sowie deren entarteten Pendants Tyrannis, Oligarchie (Herrschaft weniger) und Demokratie (bei ihm als Herrschaft des Pöbels definiert; zur Differenzierung zum heutigen Demokratiebegriff heute auch als Ochlokratie bezeichnet). Aristoteles glaubt, eine gute Staatsform neige zur Entartung, aus dieser entarteten Form gehe dann die nächste gute Form hervor usw. Um diesem Kreislauf zu entgehen plädiert er für eine Form der Mischverfassung zwischen Demokratie und Oligarchie, die er auch wieder als Politie bezeichnet.

Kreislauf der Verfassungen bei Polybios

Über den Kreislauf der Verfassungen (politeíon anakýklosis) schreibt Polybios im 6. Buch seiner Universalgeschichte. Er beschreibt dabei drei gute Verfassungstypen (Basilie (Königtum), Aristokratie, Demokratie) und ihnen entsprechend drei parekbatische Formen (Tyrannis, Oligarchie, Ochlokratie). Der Grund für den Übergang einer guten Verfassungsform in den jeweils entarteten Typus sieht er im moralischen Verfall der Regierenden (die Sicherheit ihres Lebens als Herrschende verursacht bei ihnen Habsucht, Überheblichkeit, Ungerechtigkeit und Herrschsucht).

Den Kreislauf dieser sechs Verfassungsformen beginnt er bei einer Urmonarchie, daraus entwickelt sich die Basilie, die zur Tyrannis zu entarten droht. Durch den Sturz des Tyrannen folgt die Aristokratie, die in die Oligarchie abgleitet. Durch Aufstand der Armen kommt es schließlich zur Demokratie, der Übermut und die Zügellosigkeit des Volkes wiederum führt zur Ochlokratie. Daraus entwickelt sich wieder die Basilie, der Kreislauf beginnt von neuem.

Aristoteles hatte die Ansicht vertreten, dass Staaten mit Mischverfassungen wie die Handelsrepublik Karthago, Sparta und die Römische Republik vor diesem Verfallskreislauf geschützt seien. Der weniger an Modellen als an konkreten Verfassungen interessierte Polybios hielt diesen Schutz für langanhaltend, aber nicht für dauerhaft; diese Einschätzung bestätigte sich für Karthago und Rom.

Niccolò Machiavelli greift die in der Antike verbreitete Auffassung von der Geschichte als eines Kreislaufs in der Renaissance wieder auf und leitet daraus eine umfassende Handlungsanleitung ab.

Einzelnachweise

  1. Pindar's Siegesgesänge; Übersetzung von C.F. Schnitzer, Stuttgart 1865, S. 14
  2. vgl. bspw. Ottmann, S. 52ff.

Antike Quellen

  • Platon: Politeia 8
  • Aristoteles: Politik 1297 a 5
  • Polybios 6, 10

Literatur

  • Alexander Demandt: Antike Staatsformen. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte der Alten Welt. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002794-0, S. 40. 
  • Henning Ottmann: Geschichte des politischen Denkens, Teilband 2/1, Die Römer. Stuttgart, 2002.

Weblinks


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