Analogie (Sprachwissenschaft)

Analogie als sprachwissenschaftlicher Begriff bezeichnet die Angleichung einer (vor allem lautlichen) Form an eine oder mehrere bereits vorhandene Form(en). Sie wurde von den Junggrammatikern als Gegengewicht zum Prinzip der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze angenommen und ist somit als Prozess der zweite Hauptfaktor im Sprachwandel.

Die Analogie basiert auf der Assoziation entweder von einander lautlich entsprechenden Wörtern oder einander grammatisch entsprechenden Wortformen, die dann aneinander angepasst werden. Dabei können die ursprünglich überlieferte Form und die neue konkurrierende Form sogar eine Zeit lang koexistieren. Schließlich kommt es so zu einem Ausgleich innerhalb des sprachlichen Systems und damit zu seiner Vereinfachung (Sprachökonomie).

Inhaltsverzeichnis

Analogie in der Sprachentwicklung

Häufig angeführte Beispiele für die Wirkung der Analogie in der Sprachgeschichte sind dt. backen – Präteritum backte statt buk nach dem Vorbild dt. hacken – Präteritum hackte und dt. des Nachts nach dem dt. Vorbild des Tag(e)s. Weitere Beispiele: Frühneuhochdeutsch ich / er was wurde durch neuhochdeutsch ich / er war ersetzt, wobei der Singular an die Formen des Plurals angepasst wurde; frühneuhochdeutsch du darft / solt / wilt wurde durch neuhochdeutsch du darfst / sollst / willst ersetzt, wodurch die 2. Person Singular einiger Modalverben an die Formen der großen Masse der Verben angeglichen wurde.[1]

Analogie als Sprecherstrategie

In der Spracherwerbsforschung gilt die Analogie als eine Strategie unter mehreren, die Kinder anwenden, um bestimmte Lernvorgänge zu bewältigen. Sie nehmen sich eine bereits gelernte Form zum Vorbild, um noch nicht beherrschte Formen danach zu bilden. So kommt es z.B. zu den häufig beobachteten schwachen Präterita von an sich starken Verben: *(ich) singte u. dgl. Auf die gleiche Weise kommen oft abweichende Pluralformen zustande: statt Hunde etwa *Hünde oder *Hünder (Butzkamm & Butzkamm 1999: 215). Die gleiche Strategie setzen auch Erwachsene ein, wenn sie einen Ausdruck benutzen, dessen Verwendungsbedingungen ihnen nicht völlig vertraut sind. Wenn durch Anwendung der Analogie falsche Sprachformen entstehen, spricht man von Übergeneralisierungen.

Literatur

  • Karl Heinz Best: Probleme der Analogieforschung. (= Commentationes Societatis Linguisticae Europaeae; VI). Hueber, München 1973
  • Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart 2002 (3., aktualisierte und erweiterte Auflage Auflage), ISBN 3-520-45203-0
  • Wolfgang Butzkamm u. Jürgen Butzkamm: Wie Kinder sprechen lernen. Kindliche Entwicklung und die Sprachlichkeit des Menschen. Francke, Tübingen/ Basel 1999. ISBN 3-7720-2731-8
  • Yali Gao: Analogie und Wortbildung. Eine Wortbildungstheoretische Anwendung des Analogiebegriffs Wilhelm von Humboldts. Dissertation, Universität Passau 2000 (Volltext)
  • Hermann Paul: Prinzipien der Sprachgeschichte. Berlin 1880.

Einzelnachweise

  1. Zum Verlauf der Umgestaltung der starken Verben, des Hilfsverbs sein und der Modalverben siehe Karl-Heinz Best, Spracherwerb, Sprachwandel und Wortschatzwachstum in Texten. Zur Reichweite des Piotrowski-Gesetzes, in: Glottometrics 6, 2003, S. 9–34; Karl-Heinz Best, Quantitative Linguistik. Eine Annäherung. 3., stark überarb. u. ergänzte Aufl., Peust & Gutschmidt, Göttingen 2006, ISBN 3-933043-17-4, bes. S. 107–109.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Analogie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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