Anamnesis

Anamnesis (griechisch ἀνάμνησις anámnēsis „Erinnerung“) ist ein Begriff aus der Erkenntnistheorie und Seelenlehre Platons. Das Anamnesis-Konzept wird in den Dialogen Menon, Phaidon und Phaidros erörtert.

Nach der Auffassung, die Sokrates in den Dialogen Platons vertritt, ist die menschliche Seele unsterblich und existiert sowohl vor der Entstehung des Körpers als auch nach dessen Tod. Bevor die Seele in den Körper eintritt und ihn dadurch belebt, schaut sie an einem überhimmlischen Ort (tópos hyperouránios) die Ideen unmittelbar. Da diese Wahrnehmung sich auf die Ideen selbst richtet und nicht auf die ihnen nur ähnlichen Objekte der Sinnesorgane, ist sie nicht mit der Unsicherheit und den Mängeln der täuschenden Sinneswahrnehmungen behaftet. Mit der Einkörperung verliert die Seele ihren unmittelbaren Zugang zur Ideenwelt und vergisst ihr dortiges Dasein. Sie behält jedoch die latente Fähigkeit, sich an ihr vorgeburtliches Wissen zu erinnern, wenn sie einen äußeren Anstoß erhält, der diesen inneren Vorgang auslöst.[1] Sinneswahrnehmung von Dingen, die den Ideen ähnlich sind, oder Gespräche und die Führung eines geeigneten Lehrers können die Seele dazu anregen, während ihres Daseins im Körper nach und nach ihr vorübergehend dem Bewusstsein entschwundenes Wissen zu aktualisieren. Jede Erkenntnis, jedes Lernen ist für den platonischen Sokrates nichts als Wiedererinnerung, deren Objekte die Ideen als die eigentliche Wirklichkeit sind. Damit soll begreiflich werden, wie man etwas suchen und finden kann, was man (scheinbar) nicht weiß,[2] und wie man von der Welt der Sinne aus zur Erkenntnis von nicht Sinnlichem vorstoßen kann. Die Folgerung, dass die Seele ihr Wissen aus einer vorgeburtlichen Existenz mitgebracht hat, erweitert Platon im Phaidon dahingehend, dass sie nach dem Tod in den Zustand zurückkehre, in dem sie sich vor der Geburt befunden habe, und das sei der Zustand des Gestorbenseins; wenn die Geburt ein Überwechseln vom einen zum anderen Zustand sei, müsse dem der Tod als Übergang in die entgegengesetzte Richtung entsprechen. So gelangt Platon von der Anamnesis zur Unsterblichkeits- und Wiedergeburtslehre.

Zur Demonstration führt Sokrates im Menon einen mathematisch nicht vorgebildeten Sklaven gezielt zur Lösung eines geometrischen Problems, um zu zeigen, dass die Einsicht auf vorgeburtliche Kenntnisse zurückgreift. Zu richtigen Vorstellungen von dem, was er nicht weiß, findet der Nichtwissende Zugang, wenn er entsprechend angeregt wird, denn sie sind latent in ihm vorhanden.[3] Das beharrende Fragen (Sokratische Methode) des platonischen Sokrates verhilft seinen Gesprächspartnern dazu, vorgefasste Meinungen aufzugeben und sich daran zu erinnern, wie es sich in Wahrheit verhält. Dadurch fördert es das in der Seele des Gesprächspartners verborgene Wissen zu Tage. Diese Anamnesis ist nicht ein punktuelles Ereignis, mit dem der Schritt vom Nichtwissen zum Wissen vollzogen wird, sondern ein auf Argumente gestützter diskursiver Erkenntnisprozess im Rahmen des Gesprächs, wobei Platons Dialektik angewendet wird.[4] Dabei verwandelt sich eine bloße richtige Meinung in Verstehen, über welches man Rechenschaft ablegen kann. Allerdings bezeichnet Platon in anderem Zusammenhang den letzten Schritt eines Erkenntnisprozesses, den Einblick in die Ideenwelt, als „plötzlich“.[5]

Die Argumentation Platons konzentriert sich darauf, das Wissen als etwas in der Seele bereits Angelegtes zu erweisen. Wie die Seele im vorgeburtlichen Zustand dazu gelangt ist und wo der Anfang dieses Wissens liegt, wird nicht näher ausgeführt. Dadurch rückt das Anamnesis-Konzept – eine fertig ausgearbeitete Anamnesis-Lehre bieten die Dialoge nicht – in die Nähe der platonischen Mythen. Platon setzt in den Dialogen Mythen als didaktische Mittel ein, ohne ihre Wahrheit im buchstäblichen Sinn als gesichert darzustellen. Damit stellt sich die Frage, inwieweit bzw. in welchem Sinne Platon für die in den Dialogen vorgetragenen Konsequenzen aus der Anamnesis-These einen Wahrheitsanspruch erhoben hat. Darüber gehen die Ansichten in der Forschung auseinander. Eine Reihe von Gelehrten betonen, die Annahme der vorgeburtlichen und nachtodlichen Existenz der Seele sei nur eine Argumentationshilfe, deren Wahrheitsgehalt offen bleibe, oder sei überhaupt nur metaphorisch und nicht metaphysisch zu verstehen.[6] Für diese Auffassung wird geltend gemacht, dass Platon bei der philosophischen Bewertung mythischer Aussagen der Priester und Dichter Zurückhaltung erkennen lässt; auch in anderem Zusammenhang weicht er der Frage nach der Wahrheit des Mythos aus und vermeidet eine Festlegung auf ein wörtliches Verständnis. Auch wird darauf hingewiesen, dass die Annahme eines vorgeburtlichen Wissens der Seele die Frage nach dessen anfänglicher Entstehung nicht beantwortet, sondern das Problem nur zeitlich verlagert, so dass ein infiniter Regress droht.[7] Andererseits führt Platon im Phaidon die Wiedererinnerung unter den Unsterblichkeitsbeweisen an, was bei einem Verständnis der Anamnesis als bloße Metapher oder didaktisches Hilfsmittel keinen Sinn ergibt.[8]

Literatur

  • Sang-In Lee: Anamnesis im Menon. Platons Überlegungen zu Möglichkeit und Methode eines den Ideen gemäßen Wissenserwerbes, Lang, Frankfurt a. M. 2001. ISBN 3-631-37376-7
  • Hans Otto Seitschek: Artikel Wiedererinnerung; in: Christian Schäfer (Hrsg.): Platon-Lexikon, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, S. 330-333. ISBN 978-3-534-17434-8
  • Bernhard Waldenfels: Das sokratische Fragen. Aporie, Elenchos, Anamnesis, Hain, Meisenheim am Glan 1961

Anmerkungen

  1. Platon: Phaidon 72e–77a; zur Schau der Ideen durch die Seele siehe auch Phaidros 246b–257b.
  2. Platon: Menon 80d-e.
  3. Platon: Menon 81d-86c.
  4. Peter Stemmer: Platons Dialektik. Die frühen und mittleren Dialoge, Berlin 1992, S. 244f.
  5. Platon: Siebter Brief 341c-d.
  6. Stemmer S. 233-236; Waldenfels S. 115f.; Sang-In Lee S. 148-152; Theodor Ebert: Meinung und Wissen in der Philosophie Platons, Berlin 1974, S. 103f.
  7. Sang-In Lee S. 139.
  8. Michael Erler: Platon, Basel 2007 (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Bd. 2/2), S. 366. Vgl. Gregory Vlastos: Anamnesis in the Meno, in: Jane M. Day (Hrsg.): Plato’s Meno in focus, London 1994, S. 88-111, hier S. 103-105.

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