Anatol Rosenfeld

Anatol Rosenfeld (* 28. August 1912 in Berlin; † 11. Dezember 1973 in São Paulo) war ein deutscher Literaturkritiker.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Rosenfeld studierte von 1930 bis 1934 in Berlin an der Friedrich-Wilhelms-Universität Philosophie, Literatur und Geschichte. Er verließ Deutschland während der Olympischen Spiele 1936.

“Ein Besucher (der Spiele) hatte ihn um Auskunft auf der Straße gebeten. Da sie auf Englisch gesprochen hatten, meinte ein Gestapo-Spitzel, dass Rosenfeld “Gräuelmärchen über Deutschland” verbreitet hätte. Daraufhin wurde Rosenfeld aufgefordert, bei der Gestapo vorstellig zu werden. Er, der ein Jude und dazu ein Linker war, floh nach Holland.”, schrieb Roberto Schwarz in einem in der brasilianischen Zeitung O Estado de São Paulo veröffentlichten Artikel.

Exil in Brasilien

1937 gelangte Rosenfeld mit einem Touristenvisum nach Brasilien. Am Anfang arbeitete er als Tagelöhner bei Großgrundbesitzern im Inneren des Bundeslandes São Paulo. Später wurde er Türpolier in Londrina (Bundesland Paraná) und schließlich Handelsvertreter für Krawatten und Damenwäsche. Dabei legte dabei er per Zug die Strecke von Marília (São Paulo) bis Cuiabá (MT) zurück. Da sein Touristenvisum abgelaufen war, wagte er es nicht, nach São Paulo zurückzukehren. In einem Dorf im Landesinneren wollte ein Polizeibeamter ihn und seinen Kollegen Walter Lewy, dessen Touristenvisum ebenfalls abgelaufen war, verhaften. Dieser Beamte entschied sich jedoch anders und ließ die beiden nicht nur frei, sondern gab ihnen auch dauerhafte Visa. Als Rosenfeld genug Geld beiseite gelegt hatte, begab er sich nach São Paulo, wo er ein bescheidenes Zimmer in einer Pension mietete. Er hörte auf zu Reisen und widmete sich von nun an ausschließlich seiner weiteren Ausbildung und dem Studium der portugiesischen Sprache. Vor dem Ende des Krieges begann er Artikel auf Portugiesisch für Zeitungen in São Paulo, darunter die von Alfred Hirschberg herausgegebene Crônica Israelita, zu schreiben. Eine Beispiel dafür ist sein langer und fundierter Essay über den Nationalsozialismus mit dem Titel As causas psicológicas do nazismo (Die psychologischen Gründe des Nationalsozialismus), der 1945 im Jornal de São Paulo veröffentlicht wurde.

Berufslaufbahn als Literaturkritiker

Um zu überleben, gab Rosenfeld Privatunterricht in Philosophie, Dramaturgie und Literatur. Außerdem beteiligte er sich an den kleinen literarischen Zirkeln, die vor allem in der Nachkriegszeit unter den hauptsächlich jüdischen Exilierten regelrecht aus dem Boden sprossen. Diese Zirkel, die als eine Art von Rettungsanker gegen den geistigen Schiffbruch in der fremden Welt bezeichnet werden können, dienten den Exilierten auch zur Positionierung. Rosenfeld z.B. weigerte sich bis Ende der 50er Jahre, Artikel auf Deutsch für die neu-entstandene deutsche Presse zu schreiben. Andererseits wurde durch die Zugehörigkeit zu diesen Zirkeln der Zugang zu den brasilianischen Intellektuellen-Kreisen erschwert. Rosenfeld schaffte dennoch den Sprung, als er 1956 vom Herausgeber der Literaturbeilage des O Estado de São Paulo, Antônio Cândido, eingeladen wurde, Beiträge für die Beilage zu verfassen. Rosenfeld schrieb die Kolumne Letras Germânicas. Im Laufe der Jahre etablierte sich Rosenfeld bei dieser Zeitung als Literaturkritiker par excellence und zugleich als hervorragender Kulturvermittler, der eine Brücke zwischen der deutschsprachigen Kunst und Literatur und Brasilien geschlagen hat. Bis zu seinem Tod erhielt Rosenfeld ständig Einladungen an brasilianische Universitäten. Nach Antônio Cândido lehnte er diese Einladungen stets ab, weil er seine intellektuelle Unabhängigkeit nicht aufgeben wollte. Eine Ausnahme war sein Lehrtätigkeit von 1962 bis 1967 an der Escola de Arte Dramática (São Paulo), die eine private und unkonventionelle Einrichtung war. Durch seine Kurse und Vorlesungen an dieser Schule trug er zur Verbreitung der Brecht´schen Theaterpädagogik und auch zur Erneuerung des brasilianischen Theaters bei. Rosenfeld war Autor vieler Werke über Theater und literaturwissenschaftliche Themen, die bis heute Standardwerke sind

Werke

  • Doze Estudos. S. Paulo (Conselho Estadual de Cultura) 1959
  • O Teatro Épico. S. Paulo (DESA) 1965 (Neuauflage 1985 bei Perspectiva)
  • A Personagem de Ficção (mit Antonio Candido, Décio de Almeida Prado und Paulo Emílio Salles Gomes) S. Paulo (Perspectiva) 1968
  • Teatro Alemão. S. Paulo (Brasiliense) 1968
  • Texto/Contexto. S. Paulo (Perspectiva) 1969
  • Estrutura e Problemas das Obras Literárias. S. Paulo (Perspectiva) 1976
  • Os Protocolos dos Sábios de Sião. S. Paulo (Perspectiva) 1976
  • Teatro Moderno. S. Paulo (Perspectiva) 1977
  • O Mito e o Herói no Moderno Teatro Brasileiro. S. Paulo (Perspe3ctiva) 1982
  • O Pensamento Psicológico. S. Paulo (Perspectiva) 1984
  • Texto/Contexto II. S. Paulo (Perspectiva) 1993
  • História da Literatura e do Teatro Alemães. S. Paulo (Perspectiva) 1993
  • Prismas do Teatro. S. Paulo (Perspectiva) 1993
  • Letras Germânicas. S. Paulo (Perspectiva) 1993
  • Negro, Macumba e Futebol. S. Paulo (Perspectiva) 1993
  • Thomas Mann. S. Paulo (Perspectiva) 1994
  • Letras e Leituras. S. Paulo (Perspectiva) 1994
  • Na Cinelândia Paulistana. S. Paulo (Perspectiva) 2002
  • Cinema: Arte & Indústria. S. Paulo (Perspectiva) 2003
  • Anatol of Road. S. Paulo (EDUSP/Perspectiva) 2003
  • Anatol on the road. S. Paulo (Perspectiva) 2006

Literatur

  • Izabela Maria Furtado Kestler: Die Exilliteratur und das Exil der deutschsprachigen Schriftsteller und Publizisten in Brasilien Peter Lang, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1992, ISBN 3-631-45160-1.
  • J. Guinsburg und Plínio Martins Filho: Sobre Anatol Rosenfeld São Paulo (Com-Arte 1995

Siehe auch



Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Anatol — bezeichnet: Anatol (Schauspiel), Schauspiel von Arthur Schnitzler Anatol (Comic), Comicserie von Raymond Macherot Orkan Anatol, Orkan Anatol ist der Künstlername folgender Personen: Anatol, Künstlername von Karl Heinz Herzfeld (* 1931), Bildhauer …   Deutsch Wikipedia

  • Rosenfeld (Begriffsklärung) — Rosenfeld steht für: die Stadt Rosenfeld in Baden Württemberg die Katastralgemeinde Rosenfeld (Gemeinde Melk) in Niederösterreich das Dorf Rosenfeld (Beilrode) in Sachsen bei Torgau der Ort Rosenfeld (Gemeinde Rastorf) in Schleswig Holstein… …   Deutsch Wikipedia

  • Liste der Biografien/Ros — Biografien: A B C D E F G H I J K L M N O P Q …   Deutsch Wikipedia

  • Гинзбург, Жакоб — Жакоб Гинзбург (также Жако Гинзбург; порт. Jacob (Jacó) Guinsburg; род. 1921, Рышканы, Бессарабия) бразильский театровед и театральный критик, редактор, издатель, эссеист, переводчик (с идиша, французского и других языков), почётный профессор… …   Википедия

  • Roberto Schwarz — (* 20. August 1938 in Wien) ist ein brasilianischer Literaturkritiker, Autor und Literaturtheoretiker. Inhaltsverzeichnis 1 Leben 2 Bücher 2.1 Gedichte und Theatherstücke …   Deutsch Wikipedia

  • List of Polish Jews — From the Middle Ages until the Holocaust, Jews comprised a significant part of the Polish population. The Polish Lithuanian Commonwealth, known as a Jewish paradise for its religious tolerance, attracted numerous Jews who fled persecution from… …   Wikipedia

  • List of Canadian Jews — The Jewish population of Canada is approximately 385,000, with a majority living in either Toronto (200,000) or Montreal (100,000). Following the end of World War II, some 40,000 Holocaust survivors, stemming mainly from Eastern Europe, resettled …   Wikipedia

  • 1923 — Portal Geschichte | Portal Biografien | Aktuelle Ereignisse | Jahreskalender ◄ | 19. Jahrhundert | 20. Jahrhundert | 21. Jahrhundert   ◄ | 1890er | 1900er | 1910er | 1920er | 1930er | 1940er | 1950er | ► ◄◄ | ◄ | 1919 | 1920 | 1921 | 1922 |… …   Deutsch Wikipedia

  • Augusto dos Anjos — Traduction à relire Augusto dos Anjos → …   Wikipédia en Français

  • Liste der Söhne und Töchter Sankt Petersburgs — Dies ist eine Liste bekannter Persönlichkeiten, die in Sankt Petersburg (1914–24 Petrograd, 1924–91 Leningrad; einschließlich der vormals eigenständigen Orte Kolpino, Komarowo, Krasnoje Selo, Kronstadt, Lomonossow, Pawlowsk, Peterhof, Puschkin,… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”